Schattenlos – Tatort 531 #Crimetime 1042 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Schattenlos #Schatten

Crimetime 1042 Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Ich bin nicht der James-Bond-Typ

Die Handlung in einem Satz ohne Auflösung: Ein Banküberfall soll per lebender Bombe ausgeführt werden, diese stellt Herr Kühn dar, ein etwas mysteriöser Geschäftsmann, der den Filialleiter der Bank gut kennt, ein SEK-Einsatz geht schief, ein Kiosk mit Besitzerin fliegt in die Luft, ein Mädchen wird schwer verletzt, auch Freddy befand sich zum Zeitpunkt des Überfalls in der Bank und Max Ballauf schwört der Mutter des möglicherweise Mädchenmörders das, was er sowieso zu tun hat, nämlich Aufklärung; weiterhin sind involviert der BND, ein Typ bei der Polizei, der illegal den BND ausspioniert, weil er in Assistentin Franziska verknallt ist, eine Kendo-Schule und alte Seilschaften, verknüpft mit neuer Identität zwecks Verbergung der Vergangenheit.

Die Handlung lässt sich zwar nicht sinnvoll in einem Satz zusammenfassen, zumal sie Brüche und Schwächen hat, bei denen die Sorge um den Geisteszustand des Drehbuchautors zu Schwindelanfällen führen kann. Vielleicht hat er was geraucht, wie der Bank-Zweigstellenleiter Frank Treut.

Was dabei herausgekommen ist, kann man aber nicht einfach als schlimme Räuberpistole bezeichnen, obwohl es  eine gewaltige Räuberpistole ist. Es ist nämlich auch ein für Kölner Verhältnisse extravaganter Film mit schön überzeichneten Figuren geworden, vor allem Herr Kühn und Herr Treut sind super inszeniert und gespielt. Apropos Spiel: Zwischen Weltklasse und Kreisklasse ist alles dabei, wobei wir zuweilen den Eindruck hatten, dass Letzteres von der Regie durchaus gesehen und bewusst eingesetzt wurde, um die Charaktere griffiger und besser unterscheidbar zu machen. Dass in dem Szenario beide Kölner Cops etwas bieder wirken, gehört wohl zu diesen Kniffen, die uns den Unterschied zwischen der gewöhnlichen Welt, in der wir uns befinden und der auch normale Kriminalpolizisten angehören und jener der geheimen Dienste deutlich machen soll.

Ist gelungen, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass die Nachrichtendienste entweder auch nur mit Wasser kochen oder sich billiger Abhörtricks bei jedem und wegen allem bedienen, anstatt echte, actionreiche Agenteneinsätze mit Typen zu betreiben, Menschen wie James Bond, das steht in der –> Rezension.

Handlung

Hauptkommissar Freddy Schenk braucht Geld. Während er sich in seiner Bank um einen Kredit bemüht, betritt ein Kunde auffällig nervös die Filiale: Stefan Kühn verlangt dringend den Filialleiter Treut zu sprechen.

Der wohlhabende Geschäftsmann Kühn wurde als lebende Bombe von seinen Entführern in die Bank geschickt. Außer Freddy bemerkt kaum jemand der anderen Kunden, dass etwas nicht stimmt. Über Ohrstöpsel erhält Kühn seine Anweisungen: Er soll drei Millionen Euro erbeuten. Freddy Schenk gelingt es, seinen Kollegen Max Ballauf anzurufen, der ein Sondereinsatzkommando alarmiert. Kurz nachdem Max Ballauf am Tatort erscheint, bemerken die Gangster den geplanten Polizeieinsatz und machen tatsächlich Ernst: Erst fliegt ein Kiosk in die Luft, dann erschießt einer der Gangster den Filialleiter Treut.

Ballauf, Schenk und das SEK können die Täter samt Geld und Geisel nicht aufhalten. Möglichst unauffällig nehmen sie die Verfolgung auf. Als das Fluchtauto bei einer Verkehrskontrolle angehalten wird, glauben Freddy und Max, die Täter gefasst zu haben. Sie nähern sich dem Auto – doch der Wagen ist leer. Die Täter konnten entkommen, und die Hauptkommissare stehen vor einem Rätsel: keine Spuren und keine Verdächtigen. Die Ermittlungen führen ins Nichts. Die Gangster scheinen keine Spuren zu hinterlassen. Doch dann bemerkt Max Ballauf ein kleines, aber wichtiges Indiz, das die Ermittlungen in eine völlig neue Richtung lenkt.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

„Wenn der aus Eifersucht schon so ein Ding dreht, was hat der früher für den BND wohl gemacht?“

Dies ist ein zentraler Satz am Ende der Handlung, nachdem klar ist, wer hinter dem besonders brutal erscheinenden Banküberfall steckt. Denn mit diesem Satz steht und fällt die Glaubwürdigkeit des Motivs. Dass ein so cooler Hund wie der Kühn eine Frau so liebt, dass er nicht merkt, dass sie ihn nicht mehr liebt.

Das sagt sie jedenfalls. Wir haben zurückgespult und uns diese leise gesprochenen, aber wichtigen Worte von Anna Kühn noch einmal sagen lassen, weil wir dachten, wir hätten uns verhört, denn trotz ihres Fremdgehens mit dem mediokren Banker Treut („Er war einfach da“) hätte die Beziehung der Kühns zueinander stimmiger gewirkt. Was soll’s. Stimmige Details sind nicht die Stärke von „Schattenlos“, eher schon die Inszenierung, die überwiegende Zahl der Dialoge und die Schauspielerführung, die – auch und gerade wieder für Kölner Verhältnisse – zu sehr pointierten Ergebnissen führt. Der Stil nimmt sogar einiges von der Hamburger Batu-Zeit vorweg, ohne dass es eine ihm adäquate Figur in „Schattenlos“ gäbe (Kühne ist viel hermetischer und vergangenheitslastiger als der verdeckte BKA-Ermittler in der Hansestadt und Batu hatte vermutlich keine Potenzprobleme).

Dass Drehbuch und Regie aus einer Hand stammen, hat uns zunächst verblüfft, wegen der qualitativen Diskrepanzen zwischen dem einen und dem anderen Part, aber dann fanden wir’s doch nachvollziehbar. Wer seine eigene Schreibe inszeniert, dem fällt weniger auf, wenn es stellenweise erheblich klemmt, da fehlt zumindest produktionstechnisch das Vieraugenprinzip. Manchmal geht das gut, weil auf diese Weise auch eine künstlerische Einheit entstehen kann – wie seine Sätze gesprochen werden sollen, weiß der Regisseur am besten, wenn er sie auch verfasst hat.

Aber die Zahl der Plot-Macken in diesem Film, die wir gefunden haben, addiert zu denen, die zum Beispiel den Nutzern des Tatort-Fundus aufgefallen sind, geht ins Zweistellige und das wird sich trotz der schönen Inszenierung auf unsere Bewertung auswirken. Wir zählen schnell einiges auf, zunächst unsere eigenen Zweifelsmomente: Wir haben nicht mitbekommen, dass Frau Kühne den Ermittlern gesagt hat, wo sich ihr Mann mit dem Banker zum Showdown trifft. Ob das geschah oder nicht, kann man aber bei aller übersetzten Inszenierung nicht einfach weglassen, auch weil es für das Verhältnis der Kühns und die Entschlüsselung des bis zum Ende recht krytpisch bleibenden Charakters von Frau Kühn wichtig gewesen wäre.

Ein Schuss, der mitten ins Herz treffen sollte, aber in den Bauch des Bankers Treut ging,kann nicht als Profiarbeit herausgestellt werden, denn das würde implizieren, dass die Cops zu dem Zeitpunkt schon wissen, dass Treut absichtlich nur angeschossen, nicht erschossen wurde. Tun sie aber nicht. Sie tappen lange Zeit vollkommen im Dunkeln.

Fast bis zum Schluss, wenn man es genau nimmt, und dann kommt ihnen wieder Kommissar Zufall zu Hilfe: Just in dem Moment fahren sie vor dem Kühnschen Japan-Haus vor, als im Vorgarten Frau Kühn und Herr Treut ein angelegentliches Gespräch führen und sie ihm abschließend eine klebt, wie Ballauf es unnachahmlich treffend ausdrückt. Sie wissen zwar schon, dass Kühn in den Bankraub, in dem er zunächst wie ein x-beliebiges Opfer erscheint, selbst involviert sein muss, aber noch nicht, was ihn angetrieben hat.

Und nun denken wir noch einmal über den Anfang des Films nach. Es war wohl jedem klar, dass es eine Verbindung zwischen Kühn und den Räubern geben musste, denn wer treibt einen solchen Aufwand, um eine Geisel zu nehmen, die als lebende Bombe herhalten soll? Der Druck auf die Bank wäre gleich groß gewesen, wenn man irgendeine alte Frau von der Straße geschnappt hätte, das Mitleid und die emotionale Einbindung der Polizei sogar größer.

Man kann den Ermittlern aber keinen Generalvorwurf daraus machen, dass sie nicht deutlicher über dies überinszenierte Aktion stolpern und die Person, der sie galt. Sie haben ja nichts in der Hand und der Mann hat überdies eine beeindruckende Art (sehr gut, wie Michael Mendel den Kühn spielt, echt ironisch sein Satz „Ich bin kein James Bond-Typ“, als er mit den Ermittlern ein Spiel treibt – nein, ist er nicht, er ist viel verschwiegener und man kann sich vorstellen, dass er die Lizenz zum Töten hatte, als er für den Nachrichtendienst in Brasilien tätig war).

Das In-die-Luft-Jagen des Kiosks gegenüber der Bank ist pyrotechnisch nett anzuschauender Blödsinn. Dazu musste Kühn extra eine Aushilfe wegbestechen, damit sie nicht bei der Explosion, die den Bankern im wörtlichen Sinn Feuer machen soll, umkommen kann – dafür aber kam die Besitzerin und sperrte ihr Kiosk auf und außerdem kann man nie wissen, ob Dritte anwesend sind. Wer ansonsten so professionell ist, baut in seinen Plan nicht solche Unsicherheitsfaktoren ein. Das Anschießen oder angedrohte Erschießen von Geiseln im Halbstundentakt hätte es auch getan. Jede normale Bank und zahlt dann das Geld aus und jedes normale SEK hält sich zurück und beide riskieren nicht weitere Menschenleben.

Der Banker Treut mit seiner kiffenden und übersteigenden Art ist schon beinahe wieder knuffig. Spielt auf dem Tisch mit einem Ferrari, fährt ein Opel Tigra II Cabrio. Alles klar. Da ist der plappernde Möchtegern und auf der anderen Seite der verschwieene Top-Geheimdienstler, zwei Geschäftspartner, die auf unterschiedlichen Frequenzen senden. Dass Kühn schäumt, weil seine Frau gerade mit dieser typischen Flachpfeife von einem Banker mit seiner offenen Triebhaftigkeit schnackselt, kann man verstehen – aber: Eine Frau, die sich auf diese Niveau begibt, hätten wir gekickt, anstatt dem Banker-Liebhaber einen so umständlichen Streich wie diesen aufwendigen Bankraub zu spielen. Nein, war Spaß. Wir wissen sehr wohl, dass auch Menschen, die im Job äußerst kühl und präzise sein können, privat manchmal unverständliche emotionale Verstrickungen eingehen.

Schade, dass nicht alle so getrieben eifersüchtig sind wie es der Herr Kühn offensichtlich ist, denn sich die Eifersucht mit drei Millionen Euro bezahlen zu lassen, indem man als Gehörnter die Bank des Lovers ausnimmt, ist keine schlechte Art, sich Schmerzensgeld zu verschaffen. Weit hergeholt, überkonstruiert, aber irgendwie hat’s auch Klasse.

Zwischenzeitlich sieht es so aus, als sei der Hintergrund für Kühns Vorgehen geschäftlicher Natur, Treut betreffend. Das ist ganz gut recherchiert, mit dem Neuen Markt, mit dem rechtzeitigen Aussteigen. Wir dachten damals auch, verflixt, aus 5000 Mark hätte man bei bestimmten Aktion wie EM-TV eine Millionen machen können – ja, wäre man denn genau zum optimalen Zeitpunkt ein- und wieder ausgestiegen. Sollte nicht sein. Schwamm drüber. Wir sind ja nicht Kühn, der seine Vergangenheit inklusive alte BND-Kameraden dazu verwendet, ein schräges Ding abzuziehen. Es ist keineswegs so, wie er zwischenzeitlich behauptet, dass ihn immer wieder die Vergangenheit einholt. Die hätte ihn vollkommen in Ruhe gelassen, wenn er sie nicht heraufbeschworen hätte.

Letztlich aber geht es ums Aktuelle, ums Hier und Jetzt und da bleibt nichts von der japanisch-gelassenen, eklektizistischen Lebensart. Das ist hintergründig und richtig witzig, wie manche Menschen sich eine artifizielle, durchgestylte Welt aufbauen und doch immer noch dieselben alten Affen sind, wenn’s um so simple Dinge wie sexuelles Können oder Nichtkönnen und die daraus entstehenden Folgen geht.

Diese Idee so zu zeigen, wie es hier geschehen ist, das ist nicht nur Köln-untypisch, wo die gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Botschaften normalerweise mit dem dicken Breilöffel ans Publikum verabreicht werden, das ist so gut, dass es die Plotklemmen beinahe wieder ausgleicht. Es ist aber auch so übersetzt, dass man erst einmal darauf kommen muss, besonders in Köln, wo man derlei bissige Ironie nicht erwartet.

Finale

Wir müssen die vielen Unstimmigkeiten im Drehbuch tadeln, applaudieren aber der Regie. Sie beweist, dass ein Whodunnit weder altmodisch noch langweilig sein muss.

Es hat viel Spaß gemacht, die Kölner Cops in diesem ungewöhnlichen Krimi zu sehen, in dem sie alles andere als dominierend wirken und in dem besonders Max Ballaufs immer leicht angefasster oder gar beleidigter Gesichtsausdruck oder Ton gegenüber unwilligen Befragten etwas schräger wirkt als in den mehr an  Sozialthemen orientierten Köln-Tatorten. Offenbar war es nicht gewünscht, dass Ballauf und Schenk sich adaptiv verhalten, um ihren Gegnern besser gewachsen zu sein, sondern genau die bleiben, die wir kennen. Über sie mussten wir deshalb nicht auch noch nachdenken, und das fanden wir ganz okay, angesichts eines Tatorts, über den man ohne ausführliche Freddy und Max-Betrachtung eine Menge schreiben kann.

Es sei aber erwähnt, dass dieses Mal ihrer beider Privatleben (abgesehen von Schenks Geburtstag) keine Rolle spielt und es nur persönlich wird, als Ballauf allein den BND hacken lässt, ohne Schenk zu informieren. Mal ist der eine, mal der andere ein wenig mimosenhaft, aber das zeichnet die beiden ja aus und separiert sie augenscheinlich von der Welt der mächtigen Dienste. Stimmt aber alles gar nicht. Siehe weiter oben zu Herrn Kühn. Am Ende sind wir alle Menschen mit Gefühlen.

Und weil das so ist und wir uns deswegen nicht vorrangig an Fehlern festklammern wollen, wo wir das Ganze doch spannend fanden und 86 Minuten Spaß hatten an einem gar nicht so humorvollen Krimi, geben wir

8/10.

© 2021, 2016, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Stefan Kühn – Michael Mendl
Anna Kühn – Sabine Vitua
Gessner – Lutz Teschner
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Frank Treut – Niki von Tempelhoff
Henkel – Birol Uenel
Sachbearbeiterin – Mareike Fell
Förster – Thomas Stiller
Pathologe Dr. Roth Joe Bausch

Drehbuch – Thomas Stiller
Regie – Thomas Stiller
Kamera – Peter Steuger
Musik – Peter Scherer
Szenenbild: Claus Kottmann

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