Schlaflos in Weimar – Tatort 650 #Crimetime 1046 #Tatort #Leipzig #Weimar #Ehrlicher #Kain #MDR #Weimar #Schlaf

Crimetime 1046 - Titelfoto MDR,

Der müde Mann im Rapsfeld

Ja, schön gelb blüht es, ich kenne das aus meiner Heimat und natürlich gibt’s das auch im Brandenburger Umland von Berlin. Mit Hügeln ist es aber noch malerischer. Mittendrin seht ein ehrlicher Kommissar und erholt sich von seinen Herzschmerzen. So will es die Einbildung und im Folgejahr war tatsächlich Schluss mit ebenjenem Bruno Ehrlicher und seinem treuen Adlatus M. Kain. Drei Filme, drei Fälle sollten bis dahin aber noch folgen. In der Ehrlicher-Liste steht der Film auf Platz 18 von 44, was leider, wie so oft bei diesem Team, in der Gesamt-Rangliste des Tatort-Fundus einen unterdurchschnittlichen Rang bedeutet (708 von 1156, Stand 12.11.2020. War ich schlaflos, wenn auch nicht in Weimar, nach dem Film und während des Anschauens? Dies und mehr steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Museum der bildenden Künste in Leipzig kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall. Bei einem Freigang von Michael Köster, der seit fünf Jahren eine Gefängnisstrafe verbüßen muss, wird einer der Beamten, die ihn begleiten, getötet, und Köster gelingt die Flucht. Der Tatablauf scheint eindeutig, denn dem Opfer wurde mit einem abgeschlagenen Flaschenhals die Halsschlagader durchtrennt, den Köster nach Aussagen von Zeugen in der Hand hielt und der selber blutverschmiert war. Der überlebende Beamte, Peter Vosskamp, bestätigt Ehrlicher und Kain gegenüber diese Angaben.

Die Kommissare suchen die Justizvollzugsanstalt auf, in der Köster seine Strafe verbüßt. Dort erfahren sie, dass der Flüchtige an einer Therapie für Häftlinge teilnahm, die von dem Weimarer Kunstprofessor und Maler Robert Henze geleitet wird, was Kösters Ziel, ausgerechnet ein Kunst-Museum zu besuchen, erklärt. Nachdem in Kösters Zelle ein Brief seiner Freundin gefunden wird, worin Judith Wagner ihre Trennung von ihm bekundet, halten Ehrlicher und Kain es für sehr wahrscheinlich, dass dies der Grund seiner Flucht war. Umgehend suchen sie Judith Wagner auf, die in Weimar lebt und die sich nicht vorstellen kann, dass Michael zu einem Mord fähig wäre. Trotzdem hat Ehrlicher Bedenken und möchte, dass Kain ständig zu Wagners Schutz in ihrer Nähe bleibt. Diese Maßnahme bringt auch schnell den Verhaftungserfolg, denn Köster kann bei einer Kontaktaufnahme mit Judith Wagner gestellt werden. Köster leugnet allerdings, den Wachmann getötet zu haben. Dessen Kollege Vosskamp hätte die Flasche in der Tasche gehabt und nachdem jener den Fahrstuhl stoppte, hätte Vosskamp den Hals abgeschlagen und Sobeck damit gezielt getötet. Danach hätte er ihn gezwungen, die Flasche anzufassen.

Zur weiteren Handlung bitte die Wikipedia lesen, die Rezension enthält aber auch Spoiler.

Rezension

Nicht nur die Rapsfeldszenen belegen es: „Schlaflos in Weimar“ ist einer der Versuche, die Ehrlicher-Kain-Filme am Ende noch zu liften. Mir fällt spontan kein anderer Film mit den beiden ein, der so gut gefilmt ist. So modern und einfallsreich bebildert und auch bei der Musik traut man sich ein wenig mehr Drama und Schwung. Wenn man bedenkt, dass zu Beginn der Tätigkeit der beiden Generalossis in Dresden noch schale Synthesizer-Klänge zu hören waren, kann man nur von einem großen Fortschritt sprechen. Immerhin hatte man dazu aber auch 15 Jahre Zeit und in jenen vielen Jahren einige Chancen verpasst. Oder etwa nicht? Schwierig, einen Typ wie Ehrlicher zu „modernisieren“ oder mit der Zeit gehen zu lassen, das Publikum im Osten hat ihn ja wohl gerade deshalb geliebt, weil er unverbogen mehr oder weniger derselbe blieb, während sich die Zeiten rasant wandelten. In der Leipzig-Phase hat er nicht mehr so sehr die triste Melodie des zweitklassigen Landesteils angestimmt wie in Dresden, aber da war es schon zu spät, die Ressentiments vorhanden, die bis heute nicht beseitigt sind und der Keim für falsche politische Entwicklungen war gelegt.

Wenn man die Sozial- und Milieukritik nur zeigt, wie in „Schlaflos in Weimar“, ist das schon erheblich besser. Das Publikum wird nicht mit dem Kopf in den Kampf Ost gegen West, kombiniert mit dem Klassenkampf, getunkt, sondern darf sich selbst ein paar Gedanken machen. Wenn man so will, traute man den Menschen 2006 schon einiges mehr zu als 1992, berechtigt war dieses größere Vertrauen bei einigen nicht, wie wir 2020 wissen. Logisch erscheint an der Handlung des Tatorts Nr. 650 einiges nicht, aber versnobte Künstler, die in Wirklichkeit nicht viel drauf haben und Erben, die sich übernommen haben und tricksen müssen ohne Ende, um ihre verfallenden Prachtbauten zu retten – im Grunde eine Attacke gegen beide Systeme und den Umgang es einen mit den Schätzen des Landes und der Hybris, die durch das andere gefördert wird. Das ist schon recht subtil, wird aber am Schlus zu sehr in den Plot hineingequetscht, der gegenüber dem Visuellen von „Schlaflos in Weimar“ doch abfällt. Der Gefängnisinsasse mit dem Talent, der Künstler mit der kräftigen, aber ungelenken und untalentierten Hand, der Frauen aus dem Fenster stoßen kann, weil die Liebe aus und der finanzielle Salat angerichtet ist, das ist das Ding von Christoph Waltz, in diesem Film.

Ein historisches Tatort-Ereignis, denn schon nach seinem ersten Oscar für die beste Darstellung in einer Nebenrolle in „Inglourious Basterds“ wäre er für das Format, dessen Budget seit vielen Jahren gleich bleibt, obwohl die Gagen notabene und berechtigterweise anziehen, trotz der anziehenden Gagen zu teuer. Höchstens noch ein ganz kurzer Gast- oder gar Cameo-Auftritt wäre denkbar. Er kann sich in diesem Film zwar nicht komplett freispielen, aber man merkt schon, dass er was drauf hat. Klar, rückwärts so etwas zu schreiben, ist leicht, aber ich habe nicht behauptet, ich hätte anhand von „Schlaflos in Weimar“ seine beiden Oscars vorhergesehen. Einer muss auf dem Teppich bleiben, am besten der Rezensent.

„Konnte mich kaum noch auf den Inhalt konzentrieren, als ich Charlotte Janssen (Claudia Hübschmann) erblickte. Schade, dass es mit ihr und Kain nicht ganz geklappt hat. :-x.“

Warum nicht auch mal ein Statement wie dieses, abgegeben auf der Plattform Tatort-Fundus, wenn es um die Nebendarsteller*innen geht? Mir ging es ähnlich, zumindest während der Szenen, in denen die Gefängnispsychologin auftrat. Ach ja, der gute Kain. Wer weiß, was Maria Simon gesagt hätte, wenn es zum Kuss gekommen wäre, und weil meine Freundin manchmal mitliest: Hab jedes Mal an dich gedacht, nicht nur wegen der Profession :-).

Dass man den Film überwiegend in Weimar angesiedelt hat, liegt wohl daran, dass man mal ein paar schöne Bilder von der kleinen, aber wichtigen Kommune in Thüringen hat senden wollen und weil man sich in diesem Bundesland vom MDR vernachlässigt fühlte. Mittlerweile gibt es ja den Weimar-Klamauk-Tatort, nach einem erfolglosen Versuch, eine zweite Tatortschiene in Erfurt zu etablieren. Auch der Stadt kommt die schöne Bebilderung des Films natürlich zugute, es gibt darin aber nichts, was man nicht auch in Leipzig hätte zeigen können, die Sehenswürdigkeiten von Weimar werden in den Film nicht eingebunden – lediglich Goethe und Schiller zitiert, wobei man sieht, dass auch ein Kommunist die Klassiker kennt, zumindest auf der Ebene von Zitaten, die nicht jeder kennt, mit denen man also punkten kann.

Finale

Ansonsten sind Kain und Ehrlicher verlässlich, ohne abzuheben, nur, weil sie in die Kunstszene geradezu eindringen müssen, weil der verdächtige Professor nicht auf sie hört. Dabei droht in der Realität dem mittelmäßigen Blender von allen Menschentypen am wenigsten die Gefahr, dass er solche Situationen erlebt wie hier Professor Henze, der vor versammeltem Vernissage-Publikum als einer enttarnt wird, der sich der Kreativität eines Gefängnisinsassen bedienen muss, um gute Bilder zu malen. 40.000 Euro kostet solch ein Werk, das ist der übliche Preis für einen falschen Henze und echten Köster. Aber wer kennt schon den Köster? Kann er nun auch den Preis erzielen, den Henze aufruft? Vielleicht. Seine Stoy ist genau das, was das Kunstbusiness und der Boulevard mögen. Ich mochte den Film recht gerne und gehe etwas über unseren WB-Durchschnitt in „Crimetime“ hinaus.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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