Das vergessene Labor – Polizeiruf 110 Episode 89 #Crimetime 1053 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Fuchs #Zimmermann #DDR #Labor #vergessen

Crimetime 1053 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD

Das Gift des letzten Krieges

Zu Beginn wirkt der 88 Polizeiruf wie ein Routinefall. Nur mit ein bisschen mehr Knalleffekt. Hauptmann Fuchs sagt: „es gibt bei uns keine Profis mehr“. Der Einbruch bei den beiden netten alten Damen, die sehr hübsch gespielt werden, wirkt aber so. Und es ist schon ganz schön frech, dass eine Vierpersonen-Bande am helllichten Tag eine ganze Wohnung leer räumt und ein Umzugsunternehmen darstellen will. Wie es weitergeht, steht in der Handlungsbeschreibung und ob dies vielleicht doch ein besonderer Fall ist, in der -> Rezension.

Handlung

Marlies und Axel, Inhaber einer Altstoffhandlung, und Siegfried und Regina, die einen Trödelladen führen, gehen regelmäßig gemeinsam auf Diebestour. Mit dem Lastwagen der Altstoffhandlung brechen sie nachts in zeitweise unbewohnte Häuser ein und stehlen als vorgebliche Möbelpacker Teile der Hauseinrichtung. Auch bei Selma Sikorski und ihrer Schwägerin Ida gehen sie so vor, nur verlagern sie ihren Raubzug auf den helllichten Tag. Die Nachbarn wundern sich nur, dass die Sikorskis anscheinend ausziehen wollen. Beide Frauen kommen kurze Zeit später vorzeitig aus ihrem Urlaub zurück und alarmieren die Polizei. Nicht nur Möbel und Nippes sind gestohlen worden, sondern auch zwei große Kisten voller Chemikalien. Idas Mann war während der Zeit des Nationalsozialismus in der Spandauer Zitadelle im Gasschutzlaboratorium tätig und hatte zahlreiche Giftstoffe nach Ende des Krieges zu Hause eingelagert. Eine besondere Ampulle hatte er in eine Metallkapsel einschließen lassen. Es handelt sich um das konzentrierte Nervengift Soman, das in kleinster Menge eingeatmet innerhalb kurzer Zeit zum Tod führt. Mit einer Ampulle könnte eine Kleinstadt ausgelöscht werden. Die Ermittler beruhigt nur, dass Soman erst ab 20 °C verdampft und die Wirkung im kühlen Herbst nur lokal wäre.

Die Polizei warnt die Bevölkerung per Lautsprecherdurchsage vor dem Gift und bittet um Mithilfe. Axel hat beide Kisten unterdessen auf eine Müllkippe gefahren, weil sie Marlies im Keller im Weg standen. Er weiß nicht, dass Sohn Olaf heimlich in die Kisten geschaut und die Kapsel mit der Soman-Ampulle entwendet hat. Er glaubt, er habe eine Kapsel mit Nitroglycerin vor sich. Die Kapsel versteckt der tierliebe Junge in seinem Taubenschlag, wo er sich häufig aufhält. Zu seinen Eltern hat er ein gespaltenes Verhältnis, da er ihre Trinkabende mit Siegfried und Regina abstoßend findet.

Marlies und Axel haben sich entschlossen, dass der Raubzug bei den Sikorskis ihr letzter war, doch wollen Siegfried und Regina sie nicht aussteigen lassen. Axel ruft anonym die Polizei und will Straffreiheit für den Fall aushandeln, dass er den Ermittlern die Lage der beiden Chemikalienkisten verrät. Er hängt ein, bevor die Ermittler verhandeln können. Auch später meldet er sich nicht noch einmal bei der Polizei. Zufällig werden die beiden Kisten auf der Müllhalde gefunden. Es werden gerade Reifenabdrücke gesichert, als Axel zur Müllkippe fahren will. Er weiß nun, dass er keinen Trumpf mehr in der Hand hat und ist verzweifelt.

Die Nachbarn hatten einen der Täter widersprüchlich als Mann bzw. Frau beschrieben. Tatsächlich hat Regina männliche Züge, sodass sie auch Hauptmann Reichenbach bei einer Überprüfung des Trödelladens auffällt. Eine Vernehmung von Regina und Siegfried bringt jedoch keine Verdachtsmomente und so werden beide freigelassen, jedoch beschattet. Beide suchen Axel und Marlies auf und stellen sie zur Rede, habe sich Axel doch auf einen Handel mit der Polizei einlassen wollen. Kurze Zeit später werden alle vier verhaftet, war doch vorher schon bei Axel und Marlies ein dem Tatwagen gleicher Lastwagen ermittelt worden. Olaf bleibt mit Hauptmann Wolfgang Reichenbach zurück, der bald die leere Kapsel im Taubenschlag findet. Olaf hatte die Ampulle selbst im Futternapf seiner Lieblingstaube versteckt und behauptet vor Wolfgang Reichenbach, die Kapsel im Wald gefunden zu haben. Er hofft, seine Eltern decken zu können, und verschanzt sich wenig später im Taubenschlag. Er droht, sich etwas anzutun. Peter Fuchs bringt Olafs Eltern zum Wohnhaus, und Olaf kommt aus seinem Versteck zu ihnen. Beim Gehen war die Soman-Ampulle von Olafs Lieblingstaube zu Boden gestoßen worden und zerbrochen. Die Taube stirbt und fällt aus dem Schlag. Olaf will zu ihr, doch zieht Peter Fuchs ihn zurück. Alle Anwesenden bringen sich in Sicherheit, während eine Spezialtruppe zur Chemikalienbeseitigung anrückt.

Rezension

Wenn man darüber etwas genauer nachdenkt, merkt man spätestens beim Auftritt der Nachbarn, dass  etwas nicht stimmen kann. Vielleicht ist es aber auch eine Art Ironie, das kein Mensch in der Umgebung merkt, dass diese Geschichte mit dem Umzug ein Fake sein muss. Vor allem, wenn es sich um das eigene Haus der beiden Schwestern handelt. Aber dann weitet sich der Fall, gewinnt eine neue Dimension und es kommt zu einen in DDR-Polizeirufen sehr seltenen, direkten Rückgriff auf die Nazizeit: Bei den gestohlenen Gegenständenen müssen auch zwei Kisten mit Chemikalien sein, die der verstorbene ehemann einer der beiden Hausbesitzerinnen im Keller aufbewahrt hat.

Er war Mitarbeiter der Zitadelle Spandau, die chemische Kampfstoffe entwickelte. Das allergefährlichste Stück in diesen Kisten wiederum findet der Junge von einem der beiden Diebespaare, während überall öffentlich vor den Chemikalien in den beiden Kisten gewarnt wird.

Die Kisten sind inzwischen auf einer Müllkippe gelandet, außer eben jenem Stahlbehälter, indem eine Ampulle mit Nitroglycerin eingelassen gewesen zu sein scheint, in Wirklichkeit ist es das noch viel gefährlichere Soman.

Für den Jahrgang 1984 ist das ein sehr robuster Tatort, aber gleichwohl auch einer mit interessanter Psychologie. Leider ist das Bild nicht besonders, und vor allem der Ton miserabel. Was man sich dabei gedacht hat, so wenig Wert auf die Tontechnik zu legen, erschließt sich mir nicht. Stellenweise hatte ich richtiggehende akustische Verständnisprobleme. Allerdings ist der Film so aufgebaut, dass mir dadurch nicht der Anschluss an die Handlung verloren ging. Besonders seltsam wirkt die bescheidene Technik des Films angesichts der Tatsache, dass es sich bezüglich des Personalaufwands um einen „großen Polizeiruf „handelt.

Mit Fuchs, Zimmermann und Reichmann, wird das Meiste von dem aufgefahren, was Rang und Namen hatte unter den Polizeiruf-Ermittlern, wenn man von Oberleutnant Thomas Kramer absieht. Nur Hübner und Grawe sind nicht dabei. Und die drei haben auch allerhand zu tun, um die Fäden zusammenzuführen. Warum man einen versteckten Jungen mit Blaulicht vor einer Dummheit bewahren will, warum man nicht sogleich auf die Ehefrau des einen Paares zurückgreift, die Befragungen betreffend, weil sie doch ganz eindeutig das schwächste Glied der Kette ist, das addiert sich zu dem etwas übertriebenen Einbruch bei helllichten Tag an leicht fragwürdigen Elementen hinzu.

Außerdem wird nicht geklärt, auf welchem Weg die vielen gestohlenen Gegenstände verhehlt werden sollen, die so im Laufe der Zeit bei den Diebestouren zusammen kommen, denn dieser Film hat zumindest auf den ersten Blick auch einen deutlichen ideologischen Spin: Letztlich entgeht uns nichts, und mit uns ist die Staatsmacht gemeint. Siehe oben, es gibt keine Profis mehr, also auch keine Hehler, die größere Mengen an gestohlenem Gut absetzen könnten.

Ich musste bei „Das vergessene Labor“ aufpassen, dass ich die unterschwellige Kritik, die in vielen Polizei rufen steckt, nicht automatisch auf alles anwende, was dort gesagt wird wie eben diese Aussage und sie nicht automatisch als ironisch gemeint lesen. Denn dass man sich stets darauf verlassen kann, dass die Staatsmacht, wenn Sie schon einmal solche trifft, sich gewiss an Absprachen hält, das wird  auffällig betont. Falls es doch ironisch gemeint sein soll, dann ist es jedenfall sehr geschickt versteckt.

Toll gemacht sind die vielen Befragungen, die letztlich zum Ziel führen, ist die Kombinatorik, zu der alle Polizisten etwas beitragen. Die drei beliebten Männer von der K bilden ein echtes Team, das beinahe gleichberechtigt wirkt und frei von gegenseitigen Animositäten scheint, auch wenn Hauptmann Fuchs, wie immer, wenn er dabei ist, die Einsatzgruppe leitet. Eine so massive Aufstellung gab es zu der Zeit im Tatort nicht. Die Befragungstechnik geht sogar dahin, dass ein bisschen Good Cop und Bad Cop gespielt wird.

Man geht aber auch ein wenig weiter, wegen der großen Gefahr für die Bevölkerung Zimmermann regt sich während der Befragungen einmal so auf, dass Fuchs übernehmen muss, das das wiederum ist ja eher ein typisches Tatort-Merkmal. Er droht sogar dem Verdächtigen, den er verhört, persönlich. Das wirkt alles gar nicht so plump, weil die Schauspieler hier viel zeigen dürfen. Alle Polizisten agieren variantenreicher als in vielen anderen Polizeirufen, für die Episoden Darstellerinnen kann man das natürlich so nicht vergleichen, weil ihre Rollen in anderen Filmen oft anders ausgelegt sind.

Jedenfalls wirkt das lebendige Spiel der Polizeiruf-Ermittler erfrischend und trägt zur Spannung eines Films bei, der auch handlungsseitig einen guten Spannungsaufbau hat. Innerhalb des Gaunerquartetts wird auch sehr stark differenziert, denn das etwas nettere Ehepaar, das auch den Sohn hat, möchte auf diesen gemeinsamen Aktionen aussteigen und fühlt sich sowieso übervorteilt, während die beiden anderen ziemlich proletenhaft dargestellt werden. Allerdings sind sie auch ziemlich gerissen, dadurch kommt eine zusätzliche innere Spannung zur Wirkung. Einige plotechnische und filmtechnisch weniger ansprechende Momente werden durch die wieder einmal interessant gezeichneten Figuren ausgeglichen, unter ihnen wird dem Sohn recht viel Aufmerksamkeit gewidmet.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Hans Werner
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Fritz Delp
Musik Conrad Aust
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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