Morituri (USA 1965) #Filmfest 613

Filmfest 613 Cinema

Morituri ist ein US-amerikanischer Kriegsfilm des österreichischen Regisseurs Bernhard Wicki. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Werner Jörg Lüddecke. Der Film wurde in Deutschland erstmals am 17. September 1965 in den Kinos gezeigt. Bei seiner Fernsehpremiere am 6. Oktober 1973 im ZDF wurde der Film unter dem Titel Kennwort: Morituri ausgestrahlt.

Den berühmten ersten Film von Bernhard Wicki als Regisseur „Die Brücke“ habe ich schon vor längerer Zeit gesehen, aber der Zufall wollte es, dass ich gerade erst über „Das Wunder des Malachias“ geschrieben habe, den direkten Vorgänger von „Morituri“, wenn man von einigen Sequenzen absieht, die Wicki für „The Longest Day“ inszeniert hatte. Faktisch ist es so, dass ich „Morituri“ schon vor „Das Wunder des Malachias“ gesehen habe. Und wie ist es mit dem dritten? Das klären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Robert Crain ist Pazifist und lebt während des Zweiten Weltkrieges mit Schweizer Papieren in Indien. Colonel Statter vom britischen Geheimdienst sucht Crain auf und bringt ihn dazu, als deutscher SS-Offizier aufzutreten. Crain, ein Sprengstoff-Spezialist, geht unter dem Decknamen Hans Keil an Bord eines deutschen Frachters, der als Blockadebrecher Gummi aus Japan transportiert. Crain soll Sprengladungen entschärfen, die im Falle einer Aufbringung durch Alliierte vom deutschen Kapitän gezündet werden sollen, damit das Schiff nicht in feindliche Hände fällt. Kapitän Müller sieht die Anwesenheit eines Gestapomannes auf seinem Schiff nicht gerne, da er der Nazi-Propaganda ablehnend gegenübersteht, während sein erster Offizier Kruse ein Hitler-Enthusiast ist.

Der Kapitän erlaubt Crain alias Keil nicht, sich auf dem Schiff frei zu bewegen. Crain kann nun nicht überall nach den Sprengladungen suchen, um sie zu entschärfen, bevor die Alliierten das Schiff wie geplant an einem vorher festgelegten Punkt aufbringen. Auch werden die alliierten Boote entdeckt und das Schiff nimmt einen veränderten Kurs. Ein deutsches U-Boot bringt einen Gefangenentransport, unter ihnen einige Amerikaner sowie die Jüdin Esther Levy. Die U-Boot-Offiziere misstrauen Crain, der daraufhin versucht, die auf dem Schiff gefangenen Männer durch Vermittlung der Jüdin zu einer Meuterei zu bringen. Die Meuterei misslingt und Esther Levy wird erschossen. Die Deutschen finden heraus, dass Crain sie tatsächlich betrügt. Es gelingt Crain jedoch, das Schiff zu sprengen und den vom zweiten Kapitän abgesetzten Kapitän Müller auf dem ansonsten inzwischen verlassenen, untergehenden Schiff zu einem Notruf zu bewegen.

Rezension

 Fraglos sind alle drei Filme hoch veranlagt, allerdings wird auch ganz hübsch in die Grütze gehauen. Beim Film über den Mönch, der ein Bordell in Kirchennähe verschwinden lässt, allerdings mehr als in „Morituri“, der vor allem durch seine ausgefeilten, sehr dezidierten Charaktere besticht.

Wer Marlon Brando einsetzte, bekam eben nie eine Durchschnittsperformance und ihm war es wohl lieber, wenn mal etwas daneben ging, weil seine Exzentrik überhandnahm, als wenn niemand darüber geredet hätte – so etwa bei „Meuterei auf der Bounty“, der halbwegs seine Karriere ruinierte, sodass er vielleicht für einen Film wie „Morituri“ überhaupt zur Verfügung stand und seine Gage nicht das Budget gesprengt hat. Das ist natürlich eine Erzählung, eine Überlegung, aber es fällt auf, dass Brando in den 1960ern Filme gemacht hat, für die er eigentlich als Star und Person zu dominant war.

Auch sein Protagonist Crain in „Morituri“ ist sehr prononciert gespielt; für einen Typ, der sich irgendwo in Südostasien einen schlanken Fuß macht und vom Krieg nichts wissen will, handelt er äußert entschlossen – aber auch ambivalent und zweckorientiert. In der wendungsreichen und spannenden Handlung ist er immer auf der Höhe und hat immer eine Antwort, als einziger der Charaktere. Freilich ist er auch ein wenig vom Glück begünstigt, weil er nicht zu früh auffliegt, aber es ist wohl doch das Glück des Tüchtigen, das in der Wirklichkeit eher die logische Konsequenz der besseren Aufstellung des Mächtigen ist als jenes Glück, das gerecht verteilt werden könnte, wenn es Gerechtigkeit gäbe.

Die Vorlage stammt vom Journalisten, Romancier und Drehbuchautor Jörg Werner Lüddecke, der unter anderem das Skript zu „Nachts, wenn der Teufel kam“ verfasste. Für „Morituri“ aber schrieb David Taradash nach seinem Roman das Buch. Taradash hat keine allzu lange Filmografie vorzuweisen, aber das Buch zu „Verdammt in alle Ewigkeit“ nach dem Roman von James Jones, der 1953 acht Oscars gewann, zu denen auch der fürs beste Drehbuch nach eine Romanvorlage gehörte, sicherte ihm jedoch eine bleibende Stellung in seinem Fach.

So packend wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ ist „Morituri“ nicht, das lässt das Setting nicht zu. „Verdammt“ beinhaltet immerhin zwei Liebesgeschichten, von denen eine zu den verbotenen Liaisons zählt und daher an sich spannend ist, während „Morituri“ auf sehr fordernde Weise  eine Frau zeigt, die Opfer des NS-Regimes und dadurch psychisch krank geworden ist, das wechselhafte Schicksal der Männer an Bord des Schiffes, das ebenfalls mehrfach seinen Namen wechselt und sich zuletzt als neutraler schwedischer Frachter tarnt.

Und „Morituri“ stellt Fragen an das Selbstverständnis der Deutschen, die, wie der sympathische Kapitän Müller, keine Nazis waren, aber einen von jung auf indoktrinierten Sohn haben, der als U-Boot-Kommandant ein Lazarettschiff beschießen lässt. Ob es wirklich vorkam, dass deutsche U-Boote mit dem Roten Kreuz gekennzeichnete Einheiten versenkten, ist hier nicht zu recherchieren. Was fanatische Nazis überall angerichtet haben, wissen wir ja und man kann es in einem Film, in dem es vor allem um das geht, was auf den Weltmeeren in jenen Jahren geschah, auf diese Weise symbolisieren.

Finale

Leider hätte dieser Film, obwohl noch nicht uralt, die Ausstrahlung einer restaurierten Fassung oder wenigstens einer besseren Kopie verdient gehabt, die Bildqualität war teilweise eher 1930er oder 1940er als 1960er Jahre, als handele es sich um einen jener Überlebenden des alten deutschen Filmbestandes, von dem sich häufig keine komplette Original-Negative erhalten haben. Aber „Morituri“ ist ein US-Film von 1965 und auf eine seltsame Art geben ihm die flackernden und zerkratzten Bilder Authentizität. Die Bilder wirken, als seien sie tatsächlich um 1943 unter ungünstigen Bedingungen an Bord eines Schiffes entstanden. Kameraführung und Lichtsetzung sowie der Inszenierungsstil sind natürlich moderner, wobei Bernhard Wicki deutlich auf starke Akzente, nicht auf Zwischentöne setzt. Beim Kriegsfilm oder auch beim Antikriegsfilm keine schlechte Wahl. Im Gegensatz zu manchen anderen Werken aus US-Produktion, etwa über den Vietnamkrieg, die gerne als Antikriegsfilm bezeichnet werden und doch ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt offenbaren, ist „Morituri“ eindeutig pazifistisch orientiert, weil er keine positiv deutbare oder an niedere Instinkte appellierende Kriegsaction beinhaltet und Gewalt nicht rechtfertigt.

Der Film ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen deutschen Werk von 1948, das eine Massenflucht aus einem KZ behandelt. Eine Reminiszenz nicht nur an den römischen Ausspruch, „Ave Caesar, morituri te salutant!“, sondern auch an den älteren Film könnte aber schon der Romantitel darstellen, denn in beiden Fällen ist die Haltung vom Buch bis zum Film antifaschistisch. Mit Yul Brynner und Trevor Howard ist er in weitern Rollen prominent besetzt.

77/100

© 20221 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernhard Wicki
Drehbuch Daniel Taradash
Produktion Aaron Rosenberg
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Conrad L. Hall
Schnitt Joseph Silver
Besetzung

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