Wolfsmilch – Polizeiruf 110 Episode 298 #Crimetime 1057 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Wolf #Milch #Wolfsmilch

Crimetime 1057 Titelfoto © MDR / Saxonia Media, Junghans

Die Südmafia, nicht die aus dem Osten

Ein deutscher Schauspieler spielt einen Italiener, der einen deutschen Namen annimmt und typisch italienische Verbrechen begeht. Vielleicht war es politisch korrekt, nicht tatsächlich einen italienischen Schauspieler für diesen Mafioso und Restaurantbesitzer einzusetzen, aber dann hätte man diesen Mafia-Hintergrund ebenfalls weglassen müssen. Der 298. Polizeiruf ist einer der komplexesten Fälle von Schmücke und Schneider, die hier noch auf die Verstärkung durch die jungen Nora Lindner verzichten müssen. Dafür mischen sich vom Chef, dem Polizeirat, über zwei Stufen der Staatsanwaltschaft und bis hin zur Verkehrspolizei sich alle möglichen Staatsbedienstete in die Ermittlungen von schmücke und Schneider ein. Aber warum? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Durch Zufall wird bei Arbeiten in der Saale in einem Auto die verweste Leiche einer Frau geborgen. Sie war die Ehefrau und Geschäftspartnerin von Nicola Wallner, einem italienischen Restaurantbesitzer, und soll sich vor einigen Jahren mit 500.000 Euro nach Argentinien abgesetzt haben, um Ermittlungen wegen organisierter Kriminalität zu entgehen. Die Kommissare Schmücke und Schneider gehen zunächst von einem Unfall aus. Staatsanwältin Meissner sieht dies anders und glaubt fest an einen Mord. Sie musste damals die Ermittlungen gegen Nicola Wallner einstellen.

Als sich der Landtagsabgeordnete Seibt mit Staatsanwältin Meissner treffen will, um zum Verschwinden von Frau Wallner auszusagen, kommt er auf dem Weg dorthin nachts bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Während Schmücke und Schneider zwischen den beiden Toten keinen Zusammenhang sehen, weiterhin von Unfällen ausgehen und auch ihr Vorgesetzter die Akten schließen will, beharrt Iris Meissner vehement auf weiteren Ermittlungen. Schmücke und Schneider observieren zunächst Polizeirat Heim, den die Staatsanwältin für involviert hält. Dabei werden sie Zeuge eines konspirativen Treffens zwischen Heim, Vera Seibt, Oberstaatsanwalt Werner und Bankdirektor Siegbert Maus.

Erwartungsgemäß werden die Ermittlungen der Kommissare zunächst immer wieder behindert und führen zwar nicht zur völligen Aufklärung der Wirtschaftsstraftat von damals, aber bei der Untersuchung der Todesumstände von Frau Wallner können die Ermittler einen Mord nachweisen, denn anhand einer toxikologischen Untersuchung wurde die Frau vergiftet. Als Schmücke Polizeirat Heim seine Beweise vorlegt, erschießt sich dieser vor Schmückes Augen. Er wusste, dass sein Jugendfreund Wallner seine Frau bei einem Essen in seinem Restaurant vergiftet hatte. Nachdem die Ermittler das Gift Wolfsmilch, das Wallner in seinem Bankschließfach verwahrt hatte, finden können und ihm damit den Mord an seiner Frau nachweisen, wird Nicola Wallner festgenommen.

Für den Mord an Seibt überführen die Ermittler Bankdirektor Siegbert Maus, der mit einem gefälschten Auszahlschein die 500.000 Euro seinerzeit unterschlagen hatte und den Verdacht auf Frau Wallner gelenkt hatte.

Rezension 

Nachdem Verflachen der Schmücke-und-Schneider-Polizeirufe Mitte der Zweitausender, dem Erstarren in Routine, hat man durchaus bereits vor der Installierung der neuen Kollegin Nora Lindner versucht, den beiden langgedienten und auch mir mittlerweile so vertrauten Kommissarin Haus Halle an der Saale neuen Schwung mitzugeben. Die Saale spielt in diesem Film eine besondere Rolle, denn sie ist ein Schicksalsfluss: Die Endstation für eine Frau, die Starteinstellung für diesen Film, in welcher der rote Alfa dieser weiblichen Person aus dem Fluss gezogen wird. Von dort aus entspinnt sich ein ungewöhnlich weit gefächertes Panorama, das persönliche Tragik mit einer Art Wirtschaftskrimi verknüpft.

Das Drehbuch hat Hans Werner Honert persönlich verfasst, der wohl erfolgreichste Polizeiruf-Regisseur aus DDR-Zeiten nach der Wende. Er hatte, als „Wolfsmilch“ entstand, längst eine Hauptfunktion als Leiter der Saxonia Media inne, die viele Tatorte und Polizeirufe für den MDR produzierte – so auch „Wolfsmilch“. Auch auf dem Regiestuhl begegnen wir einem Bekannten, es ist Hajo Gies, der mit Wim Wenders zusammen studiert hat (über dessen Werke wir gerade das eine oder andere schreiben).

Aus Gies wurde allerdings nicht in erster Linie ein Autorenfilmer, sondern er hat mehr oder weniger Schimanski gemacht. Nicht konstruiert, aber 15 seiner 29 Fälle inszeniert. Auch später hat er weiter für den Tatort und, wie wir hier sehen, für den Polizeiruf gearbeitet. Eines merkt man auf jeden Fall: Seine große Erfahrung darin, den Überblick über das Ganze inklusive der Wirkung eines solchen Filmes zu behalten. Für die weit überdurchschnittlich guten Anschlüsse der Handlungslemente im 298. Polizeiruf ist natürlich das Drehbuch verantwortlich, aber es kommt auch darauf an, wie es umgesetzt wird. 

Auch wenn der Italiener erkennbar kein Italiener ist, man schafft es, die Wirtschaftskrimi-Seite einigermaßen stimmig und realistisch darzustellen. Die Wäsche von Schwarzgeld durch Immobilien ist ja heute weit mehr ein Thema als im Jahr 2008, als man nicht einfach durch Spekulation innerhalb weniger Jahre riesige Summen verdienen konnte und es nicht so darauf ankam, ob es im Wäscheprozess zu Verlusten kam. Anders als heute gab die damalige Wirtschaftslage solche Gewinne nicht her, da ging es also eher ums „Wandeln“ und Parken von Mitteln im Betongold. In „Wolfsmilch“ geht es überdies um Sanierungstatbestände, und mit Hochsanieren konnte man nie Geld verlieren Dabei wirken Angestellte kommunaler Wohnungsunternehmen, die zum Stadtbauamt gewechselt sind, Banker und eben jene, die Schwarzgeld investieren müssen, auf eine vergleichsweise sinnvoll erscheinende Weise zusammen. Und die Polizei sorgt erst einmal dafür, dass die engagierte Staatsanwältin mit ihren Ermittlungen nicht weiterkommt, sich die Karriereplanung versaut und von Magdeburg nach Halle wechselt. Die junge Frau, die am Anfang aus der Saale gezogen wird, hätte un aber die Kronzeugin in Sachen Wirtschaftskriminalität werden sollen, und plötzlich haben ganz viele Menschen ein ganz unterschiedlich ausgerichtetes Interesse an diesem Fall. Die einen wollen, dass Unfälle unbedingt als Morde identifiziert werden, wie eben die Staatsanwältin, damit ihre besten Leute, Schmücke und Schneider, frei ermitteln können – andere Mitspieler wollen genau das verhindern.

Auch dieses Mal geht es wieder nicht humorlos zu, aber es ist alles einigermaßen im Rahmen, und wirkt gut in den Fall integriert. Die Schauspielleistungen in sind im positiven Sinne routiniert, die Rollen gut besetzt, und wir sehen, dass schon 2010 Teresa Mittelstaedt mehr konnte, als sie in den Köln-Tatorten zeigen durfte, wir kennen sie als Assistentin von Ballauf und Schenk. Vor allem das Spiel von Heio von Stetten als Polizeirat hat mir sehr gut gefallen. Dieses Mal sind gewisse Reibereien und Auseinandersetzungen durch die Interessenlage und durch die Handlung bedingt, und dadurch, dass Menschen einander nicht mehr vertrauen, die schon schlechte Erfahrungen gemacht haben, Streitigkeiten hängen nicht so in der Luft, wie wir das häufig bei bestimmten Tatort-Teams sehen. In diesem Fall trifft der begründete Unmut vor allem auf die Staatsanwältin zu. Das, was anfangs zickig wirkt, erschließt sich im Verlauf aus den Problemen in der Vergangenheit.

Finale

Am Ende wird das du angeboten. Herbert! Herbert! So klingt es von der einen Seite des Tisches, an der die beiden knuffigen Kommissare sitzen, die einen großen Job gemacht haben, in diesem Film. Denn so leicht war es nicht, den Überblick zu behalten und die vielen Handlungselemente führen nicht zur Konfusion, sondern sind recht spannend und bleiben doch nachvollziehbar. Dafür hat man sich die  typische, fröhlich-besinnliche Schlusseinstellung verdient. Wolfsmilch ist auf jeden Fall einer der besten Polizeirufe aus der zweiten Hälfte der Karriere von Schmücke und Schneider. Nicht so wirktlichkeitsgetreu dürfte die Art sein, wie verschiedene Organe der Exekutive hier miteinander offen feindselig miteinander umgehen. Timing wirkt dadurch noch etwas mehr auf den Punkt, während die wirtschaftlichen Hintergründe zwar nicht erläutert werden, aber trotzdem zumindest mir ziemlich gut verständlich waren, ohne dass ich jedes Detail wusste.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Produktions-
unternehmen
Saxonia Media
im Auftrag des MDR
Länge 90 Minuten
Einordnung Episode 298 (Liste)
Erstausstrahlung 2. November 2008 auf Das Erste
Stab
Regie Hajo Gies
Drehbuch Hans-Werner Honert
Produktion Hans-Werner Honert,
Peter Gust
Musik Günter Illi
Kamera Eberhard Geick
Schnitt Gabriele Hagen
Besetzung

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