Die Höllenfahrt der Poseidon / Poseidon Inferno (The Poseidon Adventure, USA 1972) #Filmfest 631

Filmfest 631 Cinema

Die Höllenfahrt der Poseidon, auch Poseidon Inferno, ist ein Katastrophenfilm aus dem Jahre 1972. Der Film basiert auf dem Roman Schiffbruch / Der Untergang der Poseidon (The Poseidon Adventure) von Paul Gallico aus dem Jahre 1969. Regie führte Ronald Neame. Mitte 2006 kam die Neuverfilmung Poseidon mit Kurt Russell und Josh Lucas in die Kinos.

Ganz neu war das Rezept nicht, nach dem „The Poseidon Adventure“ 1972 gemixt wurde, aber der Erfolg war so durchschlagend, dass in den Jahren darauf weitere Katastrophenfilme herauskamen und einen Boom auslöste. Sogar „Der weiße Hai“ wird gemäß Wikipedia-Angabe als eine Art Sukzessor dieses Films angesehen. Sicher, die Bedrohung geht von der Natur aus, das ist in vielen Filmen des Genres evident, aber es gibt weitere Spuren. Über diese und mehr schreiben wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der vor der Ausmusterung und Verschrottung stehende Passagierdampfer Poseidon ist auf seiner letzten Fahrt von New York nach Athen, als Kapitän Harrison die Meldung erhält, dass es in der Nähe von Kreta ein starkes Seebeben gegeben hat. Das Schiff ist zu diesem Zeitpunkt stark topplastig. Der Vertreter des Schiffseigners an Bord, Mr. Linarcos, hatte dem Kapitän zuvor befohlen, das Schiff, ohne vorher zusätzlichen Ballast aufzunehmen, mit voller Kraft fahren zu lassen. Bei einer Silvesterfeier an Bord des Luxusliners wird das Schiff kurz nach dem Jahreswechsel von einer Monsterwelle erfasst und kentert. Nach heftigen Explosionen treibt das Wrack kieloben im Mittelmeer. Der Film handelt von dem Versuch der Überlebenden, sich aus dem Schiff zu retten, und den dabei zu bewältigenden Abenteuern und sozialen Konflikten.

Zunächst versucht die Hauptperson des Spielfilms, Rev. Dr. Frank C. Scott, die im Ballsaal eingeschlossene Festgesellschaft davon zu überzeugen, den Weg nach oben, also zum Schiffsrumpf anzutreten. Die meisten Überlebenden vertrauen jedoch auf den Zahlmeister, der behauptet, nur hier könnten sie von Suchtrupps gefunden werden. Eine kleine, recht gemischt zusammengesetzte Gruppe (Polizist Mike Rogo und seine Frau Linda, der Geschäftsmann James Martin, Sängerin Nonnie Parry, das alte Ehepaar Manny und Belle Rosen, die beiden Geschwister Susan und Robin Shelby sowie der Bordsteward Acres) folgt Rev. Scott. Kurz nachdem sie den Ballsaal über einen mehrere Meter hohen Weihnachtsbaum verlassen haben, kommt es zu einem Wassereinbruch, durch den alle im Ballsaal zurückgebliebenen Personen sterben.

Die Gruppe berät sich über ihre Strategie. Der junge Passagier Robin Shelby hat sich von einem Besatzungsmitglied vor dem Unglück sagen lassen, dass an der Stelle im Wellentunnel, wo die Antriebswelle der Schiffsschraube den Rumpf verlässt, der Kiel nur 2,5 statt 5 Zentimeter dick sei. („Zweieinhalb Zentimeter! Weißt Du, wie dick zweieinhalb Zentimeter Stahl sind??!!“ Antwort Scott: „Nur halb so dick wie fünf Zentimeter.“). Also versuchen sie, dorthin zu gelangen. Unterwegs treffen sie noch eine zweite Gruppe Überlebender unter der Führung des Bordarztes Dr. Caravello und Schwester Gina Rowe, die ihrerseits zum Bug des Schiffes möchte und sich Scotts Rat nicht anschließt – und später auch nicht gerettet wird. Die kleine Gruppe erreicht, wenn auch dezimiert auf sechs Personen (Mr. Rogo, Mr. Martin, Mr. Rosen, Nonnie, Susan und Robin), den rettenden Schiffsschraubenbereich, wo sie von einer Hubschrauberbesatzung mittels Schneidbrenner gerettet wird. 

Rezension

„Airport“ aus dem Jahr 1969 nach dem wohl bekanntesten Roman des Bestsellerautors Arthur Hailey ist zum Beispiel ein Vorläufer von „Poseidon“, wie wir den Film im Folgenden verkürzt nennen werden. Auch dieser Film war sehr erfolgreich und zeugte viele Nachfahren. Im Grunde ging es schon mit Klassikern wie „In Fesseln von Shangri-La“ oder „The High and the Mighty (1937, 1954) los. Der Zufall hat dazu geführt, dass wir diesen Film direkt nach „Das Mädchen aus der Cherry-Bar“ vorstellen, einem weiteren Werk des britischen Regisseurs Ronald Neame, der offenbar recht vielseitig war, denn es handelt sich bezüglich Tenor und Genre um zwei sehr unterschiedliche Produktionen.

Etwas ganz Wichtiges hatte man bei diesen Werken begriffen: Eine kleine Gefahrengemeinschaft muss sich bilden, möglicherweise aus einem größeren Pool von Menschen, die Mitglieder dieser Gemeinschaft werden als Charaktere mehr beleuchtet, deswegen darf diese Gemeinschaft nicht zu umfangreich sein. Jedes Mitglied bekommt einige Spielminuten und mindestens eine wichtige Situation zugemessen. Wichtig ist, dass unterschiedliche Geschlechter und Altersgruppen in dieser Gemeinschaft anzutreffen sind, damit sich möglichst viele Kinogänger:innen mit den Figuren identifizieren können. Das trifft vor allem dann zu, wenn es nicht auf ein reines Duell hinausläuft, wie in „Der weiße Hai“, wo der Gegner eine Eigenpersönlichkeit gewinnt und auch die Besetzung es erlaubt, auf nicht ganz so bekannte Schauspieler zurückzugreifen.

Bei „Airport“ oder „Poseidon“, bei „Flammendes Inferno“ oder „Earthquake“, die alle zwischen 1969 und 1975 entstanden, kommt es jedoch darauf an, viele Stars in einem Ensemble zu versammeln, sodass man schon aufgrund der bekannten Gesichter als Zuschauer sogleich involviert ist. In „Poseidon“ ist das gar nicht so ausgeprägt wie in den beiden letztgenannten Filmen, in denen man zu einigen ganz großen Namen der vergangenen Jahrzehnte gegriffen hat. „Poseidon“ kommt hingegen mit dem damaligen Newcomer Gene Hackman, dem Charakterdarsteller, dem Gegenspieler oder Freund-Feind Ernest Borgnine und als Altstar mit Shelley Winters aus. Hackmann und Borgnine sind wirklich gut, sie tragen den Film mehr oder weniger durchs salzige Seewasser und machen ihn spannend. Der Priester und der Polizist sind als Typen sehr greifbar und vor allem anhand des Reverends kann man dem Film auch eine etwas tiefgründigere Philosophie unterstellen als manch ähnlich gestaltetem Werk. Außerdem opfert sich der Mann Gottes am Ende für die anderen und damit stirbt die zentrale Figur. Das ist relativ ungewöhnlich und hat mich überrascht, wenn nicht sogar schockiert. 

Was ist von seiner Einstellung als Prediger zu halten? Vom Ergebnis her gesehen hat er vollständig recht, aber trotzdem wirkt seine Ansprache auch sehr aktivistisch und ganz und gar nicht darauf ausgerichtet, dass man auf hoher See in Gottes Hand ist. Diesem Prinzip huldigt aber die Mehrheit er Passagiere im Dining Room und geht relativ schnell dem Tod entgegen. Der umkippende Weihnachtsbaum mit den panischen Menschen darauf, die sich nach dem Wassereinbruch doch anders überlegt haben, ist ein ikonischer Moment des Katastrophenfilms und so symbolisch. Dass die Mehrheit es nicht schafft, sich der Katastrophe angemessen zu stellen, ist sehr pessimistisch, aber für den Plot auch notwendig: So schnell, wie die das Wasser im umgekippten Schiffsrumpf steigt, wären alle nach der kleinen Gruppe, die wir begleiten, auch dann, wenn sie dem Priester, dem guten Hirten also, gefolgt wären, umgekommen, denn kaum sind die paar Menschen durch, von denen etwa die Hälfte am Ende überleben wird, da gurgelt und braust es schon dort, wo sie gerade noch waren. Das ist natürlich super standardisiert, aber eben auch wirksam. 

Man kann sagen, die Mehrzahl der Passagiere, die das Kentern überlebt haben, haben keine Orientierung und eine weitere Gruppe geht in die falsche Richtung. Wer dabei an biblische Vorgänge denkt, der liegt wohl nicht ganz falsch. Die Poseidon ist ein Weltkabinett in einer Zeit, in der die Stimmung insgesamt kritischer wurde, was sich auch im Kino spiegelte, unter anderem im Dystopie-Science-Fiction, der damals ebenfalls eine erste Blüte erlebte. Die Menschen, die zum Bug laufen, folgen einem falschen Götzen und nur wenige sind auserwählt zu überleben, wie seinerzeit bei der Arche Noah. Es passt natürlich nicht eins zu eins, aber auch an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten gemahnt die Handlung, nicht nur wegen des vielen Wassers oder der Tatsache, dass tatsächlich mindestens zwei auch in der deutschen Fassung als Kinder Israels erkennbare Menschen in der kleinen Gruppe sind, die instinktiv das Richtige tut. Eines davon überlebt und ich kann es nicht ändern, ich musste in dem Moment auch an den Holocaust denken und die Zeit davor, in der viele nicht wahrhaben wollten, was sich doch recht deutlich abzeichnete. 

Nach meinen Eindruck sind diese großen Themen in „Poseidon“ deutlicher zutage gefördert worden als in anderen Filmen, in denen sich freilich auch immer einige mutige Menschen hervorheben, die versuchen, die Katastrophe aufzuhalten. Bei den Flugzeugfilmen gelingt das meistens, sonst würden die Fluggesellschaften die Filmgesellschaften auf enorme Schadensersatzsummen verklagen, aber bei Naturkatastrophen als Auslösern konnte es in den 1970ern auch mal dazu kommen, dass die überwiegende Mehrzahl des anfangs vorhandenen Personals am Ende tot ist. Heutige dystopische Filme fangen in der Regel schon nach der Katastrophe an und zeigen, wie sich die Überlebenden verhalten oder wie eine neue Gesellschaft meist als Diktatur funktioniert, aber 1972 befinden wir uns in der Zivilisation, die hier ihre Schwächen offenbart. Nicht ganz klar ist, ob das Schiff auch kentert, weil der Vertreter der neuen Eigner, einer griechischen Reederei, dem Kapitän, ähnlich, wie es vom Kapitän der „Titanic“ in manchen Verfilmungen ihres Schicksals behauptet wird, Vorgaben macht, die das Risiko einer Havarie unnötig steigern. Leslie Nielsen als Kapitän hier einmal in einer alles andere als komischen Rolle und er verschwindet auch ziemlich schnell von der Leinwand, weil die Brückenbesatzung das Unglück nicht überlebt hat. Es wirkt andererseits so, als ob das Beidrehmanöver ein großer Fehler gewesen sei, denn so viel weiß sogar ich, dass man ein Schiff im Sturm quer, und nicht längs zu den großen Wellen bringen sollte. Und damit zur „Titanic“, an die man unweigerlich immer und immer denkt, wenn es um Schiffsunglücke geht:

„Die ‚Poseidon‘ war die ‚Titanic‘ der 70er. Für die damals recht hohe Summe von fünf Millionen Dollar gedreht, erwies sich der Film an den Kinokassen als erfolgreichste Produktion des Jahres 1973 und löste prompt eine Flut von weiteren Katastrophenfilmen aus: In Gestalt von brennenden Hochhäusern, abstürzenden Flugzeugen oder dem bissigsten Haifisch der Welt fand das Verderben den Weg auf die Leinwand. Ronald Neames Opus erhielt neben zahlreichen Nominierungen, etwa für Kamera, Ausstattung und Schnitt, einen Sonder-Oscar für die Spezialeffekte und einen für den Song‚ `’The Morning After‘.“ – TV Spielfilm[1]

„Ein mit großem technischem Aufwand inszeniertes Katastrophen-Spektakel, dessen Wirkungen sich mehr aus einer raffiniert ausgeklügelten Steigerung von Schocks und Effekten als aus der Klischeebeschreibung von menschlichen Verhaltensweisen in tödlicher Grenzsituation ergeben.“ – Lexikon des internationalen Films[2]

Der Film war mit fünf Millionen Dollar Budget für seine Zeit zwar kein Großprojekt mehr, aber doch eine eher teure Produktion. Als Schiff für die Realszenen diente die Queen Mary, die heute ein ruhiges Dasein als Hotelschiff fristet, aber ihr ist auch die Romanvorlage zu verdanken:

Bei einem Einsatz im Juli 1943 wurde die Queen Mary rund 1000 Kilometer vor der Küste von Schottland von einer etwa 28 Meter hohen Monsterwelle getroffen. Das Schiff geriet in eine starke Schlagseite (laut einer späteren Berechnung betrug die Schräglage 52°) und wäre beinahe gekentert. Der Vorfall inspirierte den Autor Paul Gallico zu dessen 1969 veröffentlichten Roman Schiffbruch (Originaltitel: The Poseidon Adventure).

Finale

Die Dramaturgie des Films ist geradezu beispielhaft und erinnert an ein weiteres Genre, die sogenannte Heldenreise. Dass der Mann, der vom etwas ruppigen Kämpfer für die individuelle Stärke als von Gott viel mehr als das Schäfchendasein gewollte Eigenschaft mutiert, führt die kleine Crew durch alle Gefahren, besteht alle Herausforderungen und ist der natürliche Anführer einer jeden Gruppe, die sich so herausbildet. In der Realität dürften die meisten kleinen Menschenansammlungen, die sich auf diese Weise zusammenfinden, kollektiver agieren, sofern nicht Spezialisten dabei sind, die in einer solchen Situation über Fachwissen verfügen, das die anderen nicht haben. Einen kleinen, tapferen Widergänge hat der Priester im jüngsten Mitglied seines Häufleins, einem technikaffinen Jungen, der zusamme mit seiner mutigen Schwester sozsuagen die Zukunft verkörpert, die frei ist von den Traumata und Panikattacken der aktuellen Mehrheitsgesellschaft. Er ist auch ein richtiger Wisecracker, ohne dessen Rundgang mit einem Mannschaftsmitglied, der vor der Katastrophe stattfand, könnte auch der Chef die Gruppe nicht alleine und so überzeugend führen, dass alle zusamnenbleiben. Ihm muss sich auch das zweite Alphamännchen, der amerikanische Polizeioffizier unterordnen, weil er keinen Plan und weniger Autorität hat. Es wird so viel Exemplarisches durchgespielt und wenn man will, kann man unzählige Anspielungen in dem Film entdecken. Heute wird er mit einer IMDb-Durchschnittsbewertung von 7,1/10 nicht mehr als herausragend angesehen, aber trotz vieler Vorläufer ist er auch ein Role Model für weitere, oftmals weniger gelungene Filme dieser Art. Übertroffen in vieler Hinsicht freilich von dem beinahe surrealen Epos „Titanic“ von James Cameron aus dem Jahr 1997, der ein weiteres Prinzip beherzigt, das in „Poseidon“ kaum eine Rolle spielt: Die junge Liebe, die einmal sogar tragisch enden darf. Damit wird noch einmal eine andere Stufe der emotionalen Bindung des Publikums erreicht.

74/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert und tabellarisch: Wikipedia

Regie Ronald Neame
Drehbuch Paul Gallico,
Wendell Mayes,
Stirling Silliphant
Produktion Irwin Allen
Musik John Williams,
Al Kasha,
Joel Hirschhorn
Kamera Harold E. Stine
Schnitt Harold F. Kress
Besetzung

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