Das Mädchen aus der Cherry-Bar (Gambit, USA 1966) #Filmfest 630

Filmfest 630 Cinema

Das Mädchen aus der Cherry-Bar (Originaltitel: Gambit) ist eine US-amerikanische Kriminalkomödie mit Shirley MacLaine und Michael Caine aus dem Jahr 1966, die unter der Regie von Ronald Neame entstand. Der Film war 1967 in drei Kategorien für einen Oscar nominiert.

Der Film ist ein typisches Sixties-Movie. Nie wieder waren Settings und Menschen so mondän wie in dieser ökonomisch goldenen Zeit. Die Kostüme, in denen Shirley MacLaine eine Halbasiatin darstellt. Ihr besonderes, im Grunde unverwechselbares Aussehen ermöglichte es ihr schon 1956 in „In 80 Tagen um die Welt“ eine indische Prinzessin und in „My Geisha“ 1962 eine Japanerin darzustellen, 1963 in „Das Mädchen Irma la Douce“ eine französische Prostituierte, sie ist auf jeden Fall vollständig europäischer Herkunft. Sie zentriert auch „Das Mädchen aus der Cherry-Bar“ und wie wir den Film insgesamt fanden, steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Gauner Harry Dean und sein Komplize Emile, ein Kunstfälscher, entwickeln einen Plan, dem Multimillionär Shabandar eine unbezahlbare Büste zu stehlen. In dem Lokal Cherry-Bar treffen sie auf die Tänzerin Nicole, die Shabandars verstorbener Frau verblüffend ähnlich sieht. Mit einem Angebot von 5.000 US-Dollar sowie einem britischen Pass können sie Nicole überreden, für kurze Zeit Deans Frau zu spielen, ohne Details zu ihrem Plan zu verraten.

In Arabien angekommen, erregen sie die Aufmerksamkeit des Millionärs, der daraufhin ein Treffen mit dem Paar auf einer seiner Yachten arrangiert. Durch das wenig geschickte Verhalten Deans schöpft Shabandar schnell Verdacht, geht aber zum Schein auf das Spiel der beiden ein. In Anbetracht eines Volksfestes erfüllt er beiden den Wunsch, sein geschütztes Apartment zu besichtigen. Dort zeigt er ihnen seine wertvolle Kunstsammlung, einschließlich der besagten Büste einer chinesischen Prinzessin, welche starke Ähnlichkeit mit Shabandars verstorbener Frau besitzt. Zudem führt er die umfangreichen elektronischen Sicherheitsmaßnahmen seinen Besuchern vor. Letztendlich lädt er Nicole auf einen abendlichen Besuch der Innenstadt ein, während Dean unter dem Vorwand von unerledigten Geschäften absagt.

Nach Einbruch der Dämmerung dringt Dean in das Anwesen Shabandars ein. Nicole entfernt sich etwa zeitgleich vom gemeinsamen Essen mit Shabandar, ohne jedoch gemäß dem Plan zum Flughafen zu fliehen. Stattdessen erreicht sie Dean, der gerade dabei ist, die Statue zu entwenden, und warnt ihn vor dem Verdacht des Millionärs. Gemeinsam gelingt es ihnen, die letzten Sicherheitsmaßnahmen zu überwinden, jedoch lösen sie dabei den Alarm aus. Während Nicole flieht, versteckt sich Dean im Apartment und beobachtet, wie die Diener Shabandars die echte Büste in einem geheimen Safe überprüfen. (…)

Spotlight

Jetzt wissen wir, dass Details in Michael Caines Gesichtszügen auf einen Mangel an Seriosität hinweisen. Aber auch, dass Seriosität relativ ist. Nach dieser Feststellung des Mädchens aus der Cherry-Bar (Shirley MacLaine) war klar, dass er hervorragend als Bandenchef geeignet ist, der in Caper-Movies sein Unwesen treibt („The Italian Job“, 1969 – Rezension beim Wahlberliner).

Aber auch „Gambit“, wie der Film im Original heißt, ist ein klassisches Heist- oder Caper-Movie, in dem es um das Austüfteln eines komplizierten Einbruchsdiebstahls geht (nicht um Raub, wie diese Art von Verbrechen fälschlicherweise häufig umschrieben wird). Diese Art von Filmen erlaubt die Identifizierung mit den Gangstern auch deshalb, weil sie mit viel Liebe zum Detail Pläne schmieden, die immer auf die eine oder andere Weise schiefgehen (klassische Version, als das Verbrechen sich noch nicht lohnen durfte) oder nicht glattlaufen, aber doch zum Erfolg führen (heute übliche Variante, u. a. „Ocean’s Eleven“ und seine Nachfolgefilme).

Dass der Film im Original Gambit heißt und man den Titel aufgrund vermutet zu geringer Schachkenntnisse der deutschen Kinogänger in eine der üblichen Mehrwort-Kompositionen änderte, liegt daran, dass das Mädchen aus der Cherry-Bar eine Opferfigur in einem Gambit sein soll. Wobei das im Grunde nicht stimmt, denn der Plan ist nicht so gedacht, dass sie dabei gefasst wird und Dean entkommt. 

MacLaine hat eine wirklich bezaubernde Art zu spielen, sie trägt wesentlich dazu bei, dass „Das Appartement“ (1960) von Billy Wilder einer unserer Lieblingsfilme geworden ist. Ihre Natürlichkeit wirkt auch unter der dicken Schminke, die sie für ihre Rolle als Nicole Chan in „Gambit“ trägt, und die Kleidung, die sie trägt, beweist, warum sie in jungen Jahren auch als Model arbeiten konnte.

Der versierte Brite Michael Caine als Möchtegern-Gentlemandieb macht ebenfalls eine gute Figur und die Paarung mit MacLaine ist origineller als viele andere Besetzungen solcher Filme mit Hollywoodstars, die man ebenso gut durch andere hätte austauschen können. Hier aber hat die dezidierte Art der beiden Hauptdarsteller Einfluss auf die Atmosphäre des Films, die immer zwischen Spannung und Witz pendelt.

Ergänzt wird das Tableau durch Herbert Lom als vorgesehenes Diebstahlsopfer Ahmad Shabandar. Ob er besonders orientalisch wirkt, darüber kann man streiten, aber natürlich haben wir seine großen Rollen in Filmen wie „The Ladykillers“ (1955) im Kopf, ebenfalls ein Caper-Movie, in dem er auf der Seite des Verbrechens steht.

Witzig ist die Idee, den Film quasi zweimal zu zeigen – einmal als Vorstellung von Dean, wie sich nach seiner Ansicht alles zutragen werde, dann als realer, davon erheblich abweichender Ablauf, der schließlich doch die gleichen Möglichkeiten bietet. Dass die erste Version des Diebstahls, in der Nicole kein einziges Wort sagt, nur eine Verbildlichung des Plans ihr gegenüber darstellt, erfahren wir allerdings nachträglich, und sofort schließt sich das wirkliche Geschehen an.

Ob dieser Film der erste ist, in dem ein Kunstobjekt mit Lichtschranken gesichert wird, wissen wir nicht, aber das Arrangement ist kunstvoll und ebenso kunstvoll dringt Nicole letztlich zu dem Objekt der Begierde, einer uralten chinesischen Büste vor, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Finale

Regisseur Ronald Neame war tief im Herzen des britischen Kinos verwurzelt, stand bei Hitchcocks erstem Tonfilm „Blackmail“ (1929) hinter der Kamera und arbeitete in den 1940ern mit David Lean in unterschiedlichen Funktionen bei den atmosphärisch hervorragenden Klassikern „Begegnung“, „Oliver Twist“ und „Geheimnisvolle Erbschaft“ zusammen.

Die 1960er waren anders, diese Dichte, die eine enorme Spannung vermittelte, war weg, dafür hatte Neame den Zeitgeist in „Gambit“ gut eingefangen. Der Film bedient sich einiger Ideen, die schon für andere Projekte entwickelt worden waren, aber arrangiert sie hinreichend individuell. Zuletzt haben wir „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) rezensiert, bei diesem prototypischen Katastrophen-Thriller hat Neame ebenfalls Regie geführt (DerArtikel erscheint als Filmfest 631).

Zu solchem Ruhm wie der Regisseur von „Lawrence von Arabien“ brachte Neame es nicht, hat aber einige gute Filme in seiner Werkliste, zu denen darf man auch „Das Mädchen aus der Cherry-Bar“ zählen. Für ein Meisterwerk des Genres hat er zu wenig Substanz und Suspense auf der einen, zu wenig Slapstick auf der anderen Seite, aber er ist vergnüglich anzusehen.

71/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ronald Neame
Drehbuch Jack Davies,
Alvin Sargent,
Sidney Carroll (Story)
Produktion Leo L. Fuchs
Musik Maurice Jarre
Kamera Clifford Stine
Schnitt Alma Macrorie
Besetzung

 

 

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