Die barfüßige Gräfin (The Barefoot Contessa, USA 1954) #Filmfest 645

Filmfest 645 Cinema

Die barfüßige Gräfin (Originaltitel: The Barefoot Contessa) ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Joseph L. Mankiewicz aus dem Jahr 1954. Die Hauptrolle übernahm Ava GardnerHumphrey Bogart und Edmond O’Brien sind in wichtigen Nebenrollen zu sehen.

Die Sterne standen gut für mich und Joseph L. Mankiewicz, denn 1950 hatte er mit „Alles über Eva“ einen fulminanten Film übers Theater gemacht, den ich für mindestens so gut halte wie den im selben Jahr entstandenen Film über die Filmstadt Hollywood von Billy Wilder namens „Sunset Boulevard“. In jenen Jahren kam die Selbstreflexion in Mode, dadurch entstand zwei Jahre später der ebenfalls beachtliche, wenn auch nicht ganz so tiefgründige „Stadt der Illusionen“ – und dann kam „Die barfüßige Gräfin“, der die Karriere einer spanischen Flamencotänzerin in Hollywood und ihr Ende als italienische Gräfin nachzeichnet. Ich habe den Film nun nicht zum ersten Mal gesehen, aber offenbar zum ersten Mal mit der Absicht, ihn zu rezensieren, denn es gab bisher keinen Text zu ihm. Deshalb mehr über den Film, der zum einzigen Mal Humphrey Bogart und Ava Gardner zusammenführte, in der –> Rezension.

Handlung (1)

Filmregisseur Harry Dawes hat schon einmal bessere Tage gesehen. Als er zu Probeaufnahmen mit der unbekannten Maria Vargas nach Madrid kommt, macht ihm sein arroganter Geldgeber fast einen Strich durch die Rechnung. Nur mit Mühe kann Dawes die attraktive Tänzerin zu einem Vertrag überreden, und bereits der erste gemeinsame Film wird zu einem großen Erfolg. Aus Maria Vargas wird der von Männern umworbene Star Maria d’Amata. Doch auch gegenüber dem reichen Südamerikaner Bravano bleibt sie zunächst unnahbar.

Als Bravano in einem Spielcasino zu aufdringlich wird, kommt ihr der italienische Graf Vincenzo Torlato-Favrini zur Hilfe – der Beginn einer großen Liebe. Doch Harry, der bei der bald anstehenden Hochzeit Brautführer ist, zweifelt daran, dass Maria mit Vincenzo wirklich glücklich werden kann. Schon bald bestätigen sich seine Zweifel auf tragische Weise: Vincenzo ist durch eine Kriegsverletzung impotent, wovon Maria erst nach der Hochzeit erfährt. Frustriert nimmt sie sich einen Liebhaber und wird schwanger. Vincenzo erschießt sie und wohnt zusammen mit Dawes und anderen von Marias Weggefährten ihrer Beerdigung bei, bevor er von Polizisten abgeführt wird.

Rezension 

Die Rolle der Maria Vargas wurde zunächst Rita Hayworth angeboten. Diese lehnte jedoch ab, weil die Filmhandlung offenbar zu starke Parallelen zu ihrer eigenen Biographie aufwies.

Schwer zu sagen, ob Hayworth für die Hauptrolle besser oder gleichwertig gewesen wäre, immerhin hat sie, anders als Gardner, hispanische Wurzeln, wurde aber vom Typ so verändert, dass man das kaum noch wahrnehmen konnte, während Ava Gardner tatsächlich im Jahr 1953 Hollywood den Rücken kehrte und nach Spanien auswanderte. In der Dokumentation „Die Flamencotänzerin Hollywoods“ wurde dieser überraschende Move nachgezeichnet und zumindest der Beginn des Films wirkt daher trotz der unvergleichlich eigenwilligen Art der Amerikaner, fremdländische Settings an ihren Geschmack anzugleichen, recht authentisch. Aber gilt das auch für den Film an sich?

„Mit seinen Ansätzen zur Gesellschaftskritik, seiner zynischen Philosophie, den intelligenten Dialogen und einer bis in die Nebenrollen präzisen Besetzung hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck“, urteilte das Lexikon des internationalen Films.

Das Filmdrama sei „[a]ls typisches Hollywood-Produkt seiner Zeit dennoch interessant“.[1] Die Fernsehzeitschrift Prisma schrieb, dass Die barfüßige Gräfin „oft sehr zynisch und überaus gesellschaftskritisch“ sei. Teile des Films seien „recht pseudophilosophisch und dadurch zu lang geraten“. Dank einer „perfekten Besetzung“ biete er dennoch „gute Unterhaltung“.[2]

Cinema bezeichnete den Film als „Anti-Märchen“, das „toll gespielt“, aber dessen „Kritik am System […] eher zahm“ sei. Das Fazit lautete: „Edelherbe Abrechnung mit dem Star-Mythos.“[3]

In den 1950ern veredelte sich Hollywood auf eine Weise, die es zuvor und danach nie wieder gab und der Höhepunkt dieser Veredelung waren glanzvolle Musicals, Breitwandepen und wuchtige Melodramen, gerne auch als Western. Und die Tendenz zur Erklärungslastigkeit nahm erheblich zu, mit Vorläufern in den Films noirs, die oft mit Narratoren arbeiteten. Aber dass es gleich drei davon gibt, ist auch ein Treiben dieser Kunst des Kommentierens auf die Spitze, zumal einmal ein Wechsel zwischen zweien davon stattfindet, den man aufgrund der recht ähnlichen deutschen Synchronstimmen der beiden Figuren erst einmal mitbekommen muss, während der dritte Narrator als Täter und Akteur im Untergangsteil der Tragödie im Grunde ungeeignet ist, denn eines tut er nicht: Seine eigenen Motive für den Mord darstellen, und gerade das wäre wichtig gewesen, auch wenn es eine der anderen Erzählerfiguren getan hätte.

Nachvollziehbar ist dieser atemberaubende und plötzlich sehr schnell wirkende Schlussakt sehr wohl und man versteht die Fehleinschätzung, die Maria, das Mädchen mit dem Märchen, begeht, indem sie glaubt, ein Kuckuckskind könne das dem Untergang geweihte Geschlecht retten, dem sie sich anvermählt hat. Da gewinnt der Film plötzlich die Tiefe und das Berührende, das er für mich während der vorherigen ca. zwei Stunden nicht hatte. Der Schluss ist so künstlerisch wie alles Vorherige und auch auf dieselbe Weise künstlich, aber plötzlich geht es nicht mehr um die Findung einer Rolle, sondern um das Scheitern, eine solche zu finden und dadurch einen fatalen Irrtum zu begehen. Maria, die in einem lächerlichen Familiendrama und in einfachen Verhältnissen aufwuchs und für sich die Rolle der Tänzerin wählte und zum Filmstar wurde, die nur Affären hatte und nie liebte, konnte nicht die Gefahr erkennen, in die sie sich begab, als sie den physisch und psychisch zerrütteten Grafen heiratete. Harry mit seinem sechsten Sinn, von Humphrey Bogart sehr dezent und angenehm gespielt, der hat es geahnt, ohne zu wissen, wo die Gefahr herkam. Wie auch, es war eine Ahnung, die Hintergründe dieses alten Geschlechts kannte er nicht. 

Man hätte diesen europäischen Hintergrund, wie die Amerikaner ihn liebten und immer noch lieben, in einen harschen Kontrast zur vitalen und brutalen Geschäftstüchtigkeit der Menschen in der neuen Welt setzen können, aber das funktioniert schon deshalb nicht, weil dazwischen noch der Südamerikaner als Scharnier zwischen diesen Welten eingebaut wird, aber doch eher wie ein durch den Kolonialismus emporgekommener Playboy ohne Stil wirkt. So schön dieser Film gestaltet ist, ich neige in der Tat zu der Meinung, die ihm ein pseudophilosophisches Gepräge anlastet. Die Idee, es mit dem, was „Alles über Eva“ groß gemacht hat, weiterzutreiben, ist erkennbar, aber die Zynik dieses erstklassigen Films über Rollen und Rollenmenschen bricht sich in dem Ende, das „Die barfüßige Gräfin“ trotz allem nicht so hohl wirken lässt, wie es der Fall wäre, gäbe es ebenjenes Ende nicht, das leider sehr zeittypisch war, wenn auch meist in Form eines Twists, der kurz vor der Tragödie einen Schwenk in Richtung Happyend bewirkt. Dadurch hat „Die barfüßige Gräfin“ einen zwitterhaften Anstrich und wäre da nicht Humphrey Bogart als der dem Leben gegenüber kritisch-distanzierte Typ, an den wir uns über weite Strecken auch als Beobachter halten können und als den wir ihn kennen, wäre dieses Prunkstück des Genres dem Kitsch noch ein Stück näher. 

Allerdings muss auch Bogart Dialoge sprechen, die ich eben nicht für glanzvoll, sondern für übersteigert halte. Die Kunst, dass sie am Rande der Lächerlichkeit angesiedelt sind, aber meist nicht drüber hinausgehen, beherrscht der Film, aber immer wenn der bochene Produzent etwas von sich gibt, hat man das Gefühl, alle Sprachkunst schweigt. Das soll auch so sein, aber er wirkt dadurch wie ein missglückter Steretoyp, nicht wie ein Charakter, die sich auf der Bühne bewegen kann, die er sich dank seines Geldes angeeignet hat; und genau das beherrschen diese Geburtsreichen in der Regel sehr gut. Sein Pressechef ist in die andere Richtung überzeichnet und Edmund O’Brien hat sich den Oscar für diese Nebenrollen-Darstellung wohl buchstäblich erschwitzt, indem er ständig mit einem Taschentuch im feuchten Gesicht herumfuchtelt. Das hat man also 1954 für große Schauspielkunst gehalten, während Marius Goring, der männliche Hauptdarsteller in „Die roten Schuhe“, als südamerikanisches Großmaul halb verschenkt ist. 

Und Ava Gardner? Ihr musste dieser Stoff liegen, obwohl sie von Hause aus kein melodramatischer Typ war, sondern ein Tomboy mit auf eine sehr individuelle Weise hübschem Gesicht, den man bei MGM auf die dort übliche Weise zu einer Überfrau umformte. Weniger durch optische Retuschen als dadurch, dass man ihr beibrachte, elegant und geheimnisvoll zu wirken, was sie nach Jahren in Nebenrollen und als Pin-up-Girl erstmals in „The Killers“ zeigen konnte (1946). Danach folgte eine kometenhafte Karriere, die aber 1954 schon fast beendet war. Zwei Jahre zuvor hatte sie bereits eine Frau gespielt, die ein Kind abtreibt, in „Schnee am Kilimandscharo“, der als Melodram schon erahnen ließ, was kommen sollte; sie tat dies auch in der Realität und in „Die barfüßige Gräfin“ versucht sie sogar, mit einer Schwangerschaft das Unmögliche zu retten. Man könnte eine Weile darüber philosophieren, wie sich bei den Stars jener Zeit Realleben und Film vermischten, aber selten zu einer Synthese fanden. Dass das Publikum das eine und das andere nicht mehr recht auseinanderhalten konnten, wurde von den Studios und durch Presseagenten, wie wir hier einen sehen, nach Kräften gefördert. 

Edmond O’Brien gewann 1955 den Oscar und den Golden Globe als Bester Nebendarsteller. Er war zudem für den New York Film Critics Circle Award nominiert. Joseph L. Mankiewicz war bei den Oscars für das Beste Originaldrehbuch nominiert. Sein Drehbuch erhielt des Weiteren eine Nominierung für den Writers Guild of America Award.

Das Studiosystem als eine Fassade zu enttarnen, so weit geht der Film aber nicht, und auch das wirft ihn hinter „Alles über Eva“ bezüglich des Theaters und „Stadt der Illusionen“ oder „Sunset Boulevard“ zurück. Im Grunde ist er affirmativ, wenn auch auf eine indirekte Art, die das gesamte Werk kennzeichnet. Die Dialoge dominieren derart, dass man sich ansonsten auf ein paar schöne Settings konzentrieren kann, aber die Handlung zurückstehen muss. Sie wird in der Tat mehr beschrieben als gezeigt. Man muss nicht das abgedroschene „Show, don’t tell“ bemühen, um festzustellen, dass man es mit der Verliebtheit ins Gerede übertrieben hat und es schadet sogar, weil es verhindern kann, dass der Verdacht sich manifestiert, genau das sei gewollt gewesen. Der Film wirkt, als wollte man ausloten, wie weit man es mit der Künstlichkeit treiben und das Publikum dabei mitnehmen kann. Dabei kommt es eben leicht zu Edelkitsch, wenn die Dialoge zwar eine hohe LIterarizität aufweisen, aber dennoch oberflächlich wirken, dies auf eine ambitionierte Art, die manchmal schwer zu ertragen ist.

Finale

Man sucht also in diesem Film etwas Besonderes, etwas sehr Wertvolles und findet es nicht, auch wegen seiner angesprochenen Zwitterhaftigkeit. Schwer zu erklären, wie dies zustande kam. Eine Möglichkeit haben wir angesprochen, nämlich, eher nüchtern gefilmten Werken, die es aber psychologisch in sich hatten, die glanzvolle Optik zu verleihen, die der Besetzung und dem Setting angemessen erscheinen konnte, etwas von der Schicksalhaftigkeit beizumengen, die dem Film noir so viel Präsenz verlieh und den Trend zum übergroßen Melodram ebenfalls nicht zu verpassen. Die Symbolik des einfachen Mädchens mit den nackten Füßen, das Sicherheit sucht und den Bürgerkrieg überlebt hat, kann man durchaus so deuten, dass es nicht in die Schuhe einer Gräfin passt, welche sozusagen die Abwicklung einer Dynastie vollziehen soll, während sie nach ebenjener Geborgenheit sucht. Sie trägt nur schwer durch die Hollywoodphase, die an der Figur Maria Vargas sozusagen abprallt, ebenso wie der Film als Hollywood-Satire an seiner Zwiespältigkeit, alternativ: an seiner Unentschlossenheit, scheitert. 

Der Dreck, aus dem Maria nach eigener Beschreibung kommt oder aus dem wir alle sind, wir behauptet und nicht gezeigt, dezente Liebhaber in Pavillons oder am Ruder von Jachten, aber kein nachvollziehbarer Hintergrund, der sich aus Marias Biografie ergeben könnte. Bisher fehlt mir von Joseph L. Mankiewicz in seiner Funktion als Autor und Regisseur der offenbar gelungene „Julius Caesar“ aus dem Jahr 1953, der direkte Vorgänger von „Die barfüßige Gräfin“, der vielleicht weiteren Aufschluss darüber bietet, wie von „Alles über Eva“ sich der Weg zu diesem doch stilistisch und inhaltich recht abweichenden Film vollzog. Vielleicht gibt er diesen Aufschluss aber auch nicht, denn nicht jeder Künstler vollzieht eine lineare Entwicklung. 

Die heutige Rezeption des Films findet sich bei 7,0/10 ein, der Durchschnittswertung der IMDb-Nutzer:innen auf eine Weise, die das Ambivalente ebenso spiegeln könnte wie das gehoben Banale: Auf jeden Fall ist der Film ziemlich einzigartig, auch im Universum der US-Melodramen jener Zeit.

67/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Joseph L. Mankiewicz
Drehbuch Joseph L. Mankiewicz
Produktion Joseph L. Mankiewicz
Musik Mario Nascimbene
Kamera Jack Cardiff
Schnitt William Hornbeck
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s