Bullerjahn – Polizeiruf 110 Episode 158 #Crimetime 1064 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schwerin #Groth #Hinrichs #NDR #Bullerjahn

Crimetime 1064 – Titelfoto NDR / Polyphon

Der kauzige Blues im Norden

Bullerjahn ist ein deutscher Kriminalfilm von Manfred Stelzer aus dem Jahr 1994. Der Fernsehfilm erschien als 158. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110.

Ich muss es gleich vorwegbeichten. Ein Rätsel wird bleiben, nämlich das des Titels. Er hat schlicht keine Bedeutung. Niemand heißt auch im Film so. Die Lösung könnte sein, dass man einen im Plattdeutschen bekannten Begriff absichtlich falsch geschrieben hat, um klarzustellen, dass eigentlich alles im neuen Osten, der gleichzeitig der traditionelle Norden ist, falsch läuft. Der NDR, der immerhin auch den 158. Polizeiruf zu verantworten hat, führt ein eigenes norddeutsches Wörterbuch, darin ist zu lesen:

2021-05-13 Polizeiruf 110 Episode 158 Bullerjahn Groth Hinrichs NDR Schwerin

Ob der Film eher gewirkt hat wie Baldrian, ob es jemanden darin gibt, der leicht aufbrausend ist und gleich losbrüllt, das können wir immerhin in der -> Rezension klären, wenn Sie uns dorthin begleiten.

Handlung

Dem mecklenburgischen Bauern Nils Lüdeking werden am helllichten Tag von seinem Hof in Kladrum alle Zuchtrinder gestohlen. Die Rinder werden von dem selbständigen Spediteur Uwe Jahn, der im unweit gelegenen Dobberkow wohnt, für eine kriminelle Bande aus Westdeutschland per LKW abtransportiert. Jahn ist allerdings nur der Fahrer und weiß nicht, woher die Rinder stammen. Seine eigene Spedition läuft schlecht. Er erhält nur wenige Aufträge, die er stets in Harald Schollacks Firma in Dobberkow abfragt, ist Schollack doch einer der wenigen Bewohner des Dorfes mit Telefonanschluss.

Da sich die Viehdiebstähle häufen, beauftragt Kriminaloberrat Dr. Stuber von der Kriminalpolizei Schwerin den jungen Kriminalhauptkommissar Hinrichs mit der Untersuchung des Falls. Es ist Hinrichs’ erster Fall in Schwerin. Der Ermittler, der in Dresden mit Auszeichnung sein Kriminalistikstudium absolviert hat, gilt als vertraut mit modernen Ermittlungsmethoden und kann mit Computern umgehen. Als Assistent wird ihm Kriminaloberkommissar Groth zur Seite gestellt. Er war nach der Wende und 30 Berufsjahren beurlaubt worden und hatte früher einmal Hinrichs Posten inne. In Schwerin gilt er als das letzte Urgestein der Behörde. Im Gegensatz zu seinem neuen Partner hält Groth von den modernen Errungenschaften nicht viel, so seien Eierdiebe noch nie mit bloßer Technik gefangen worden.

Das ungleiche Gespann reist zu verschiedenen Höfen, auf denen Rinder gestohlen wurden, und kommt schließlich nach Dobberkow. Harald Schollacks Rinder waren verschwunden, sind jedoch wieder aufgetaucht. Nils Lüdeking erscheint und bittet um dringende Bearbeitung seines Falls, bedeute der Diebstahl doch für ihn das berufliche Ende. Die Ermittler vertrösten ihn auf den nächsten Tag. Während Hinrichs zurück nach Schwerin fährt, quartiert sich Groth bei den Jahns ein. Dies versetzt Spediteur Jahn in erhöhte Alarmbereitschaft. Obwohl er seine Auftraggeber warnt, setzen die einen weiteren Herdendiebstahl durch.

Am nächsten Tag finden die Kommissare Nils Lüdeking erhängt in seinem Stall vor. Jahn will nun endgültig aus dem illegalen Geschäft aussteigen, doch setzt die Bande ihn unter Druck. Auf das Pony seiner Tochter wird ein Anschlag verübt, später wird ein Brandsatz in sein Haus geworfen. Notgedrungen nimmt Jahn an einem letzten Rindertransport teil. Hinrichs und Groth haben unterdessen erkannt, dass sich in der Gegend eine Bürgerwehr gegründet hat; die Ermittler bedingen sich drei Tage Zeit aus, um die Viehdiebe zu stellen. Über die Lage der Dörfer, in denen Rinder gestohlen wurden, können sie Dobberkow als Zentrum ausmachen. Nur Harald Schollack verfügt über die nötige Logistik, um die Diebe stets auf dem Laufenden über die jeweiligen Höfe zu halten. Hinrichs kann die Daten seines Computers ausspionieren und somit Schollacks Rolle bestätigen. Als sie vom Anschlag auf das Pony hören, begeben sich Hinrichs und Groth zu Jahn, der wiederum gerade mit dem LKW davonfahren will. Hinrichs schmuggelt sich an Bord. Er gelangt zum Rinderverladeplatz und kann Groth alarmieren, bevor er vom Kopf der Bande niedergeschlagen wird. Die Bande wird kurz darauf von der Bürgerwehr gestellt. Hinrichs und Groth können schließlich gerade noch verhindern, dass die Bande und Jahn von der Bürgerwehr aufgehängt werden.

Rezension

Bullerjahn wurde von Juli bis August 1993 in der Prignitz[1] und in Tramm und Umgebung im Landkreis Ludwigslust-Parchim gedreht.[2] Als Chor treten im Film die in Tramm beheimateten Lewitzsänger auf. (…) Es war der erste Polizeiruf, der vom Norddeutschen Rundfunk produziert wurde. Der NDR war bis 1991 eine Rundfunkanstalt der alten Bundesländer. Nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks zum Jahresende 1991 wurde der NDR in Mecklenburg-Vorpommern dessen direkter Nachfolger in diesem Bundesland.[4] Es war zudem der erste Fall für die Schweriner Kommissare Kurt Groth und Jens Hinrichs, die von Kurt Böwe und Uwe Steimle gespielt wurden.

Da hat der Westen doch schon wieder den Osten übernommen. Mich wundert nichts mehr. Aber sind die Mecklenburger eher Ossis oder sehen sie sich eher als Waterkantmenschen? Dem Film nach zu urteilen, ist Letzteres doch dominant. Das Kauzige überwiegt auch den Nachwende-Blues, der sehr wohl spürbar ist. Der Kampf um die Existenz wird aber in den Vordergrund gestellt, nicht die Depression. Dass jemand sich ohne Telefon selbstständig macht, so was kann nur einem sturen Norddeutschen einfallen, der einen kleinen Hof bewirtschaften will. Heute wäre der Plot trotzdem undenkbar, aber das Lied von den bösen Wessis könnte man doch immer noch spielen, zumindest klingt es ja auch in diesem Film an, ohne dass die anderen so viel besser wegkämen. Man hat in diesem Film vieles sehr vielschichtig überkreuzt. Da ist der alte Vopo-Kriminalit Groth, gespielt von Klaus Böwe.

(* 28. April 1929 in Reetz, Kreis Westprignitz; † 14. Juni 2000 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler, der in der DDR in Film und Theater sehr erfolgreich war und auch dem gesamtdeutschen Publikum als Kommissar Groth in der Fernsehserie Polizeiruf 110 bekannt wurde.

Westprignitz liegt zwar im Bundesland Brandenburg, aber „Groth“ ist authentisch aus der Gegend. Ihm plötzlich vorgesetzt wird der junge Schnösel Hinrichs, dargestellt von Uwe Steimle.

Uwe Heinz Steimle (* 20. Juni 1963 in Dresden) ist ein deutscher Kabarettist und Schauspieler. Charakteristikum ist sein sächsischer Dialekt. Deutschlandweit bekannt wurde er als Hauptkommissar Jens Hinrichs in der Fernsehserie Polizeiruf 110.

Ich gehe deshalb so ausführlich darauf ein, weil dies, siehe oben, der erste Film der beiden ist. Heute wirkt es ein wenig, als ob Schmücke und Schneider aus Halle diejenigen wären, die den Polizeiruf in die neue Zeit gehoben haben, ohne sich dabei zu verheben, aber Groth und Hinrichs waren zwei Jahre früher dran. Leider verstarb Kurt Böwe während der Zusammenarbeit und Hinrichs bekam jüngere Kollegen, die ganz andere Typen waren als dieses, nennen wir es ruhig DDR-Relikt, sie wurden bis auf „Törner“, den Henry Hübchen verkörperte,  von Westdeutschen dargestellt. Damit konnte nicht diese Spannung zwischen Gestern und Heute aufrechterhalten werden, die einmalig unter allen Polizeiruf- und Tatort-Teams war. Zudem war Hinrichs derjenige, dem die Rolle des Sonderlings zufiel, während wir in „Bullerjahn“ zwei Typen sehen, auf die das zutrifft, auf Groth sogar etwas mehr, weil er so schön vorgestrig wirkt, während Hinrichs der Moderne ist, aber auch ein wenig nerdig dabei rüberkommt. Das passt ausgezeichnet, diese beiden Ungleichen zusammen einen Ermittlungserfolg haben zu lassen, den jeder von ihnen auch einzeln hinbekommen hätte, beinahe jedenfalls. Merke: Die Methode ist nicht so wichtig wie die findige Persönlichkeit. Einige Elemente des Films führen ins Leere, aber so wird es bei der echten Polizeiarbeit auch sein.

Aufgrund der vielen Elemente und Besonderheiten, der Einführung des Teams usw. musste dieser Starter recht langsam gefilmt werden, was wiederum gut mit der Landschaft der stoischen Rinderzüchter und -aufpasser harmoniert. Der Begriff „Bullerjan“ trifft am ehesten auf das erste Opfer in diesem Film zu, Nils Lüdeking, der bestohlen wird und sich schließlich erhängt, weil ihm eh das Wasser bis zum Halse steht. Unerfahrenheit in Sachen  Unternehmertum, eine Neigung zur Panik und das Verlorensein in einer Welt, in der man sogar ein eigenes Telefon haben müsste, um nicht vom einen oder anderen Miesling belauscht und um sein Hab und Gut gebracht zu werden, schaffen eine ausweglos erscheinende Situation. Zudem lässt die Polizei sich Zeit, ohne dafür eine Begründung abzugeben. Warum sind Groth und Hinrichs nicht mit Lüdeking gefahren, als dieser sie darum gebeten hatte, so viel hatten sie doch in diesem räumlich und personell recht engen Umfeld auch nicht zu tun. Jedenfalls hat auch der alte Fuchs nicht erkannt, wie verzweifelt der Kleinbauer ist. Interessanterweise habe ich das dann recht schnell ausgeblendet und es störte meine Identifikation mit den beiden besonderen Polizistentypen wenig.

Der Film war auch nicht so langweilig, dass er wie Baldrian gewirkt hätte, um auch dies noch abzuhaken. Vielmehr hatte ich großes Interesse daran, mitzuverfolgen, wie der „echte“ Nachwende-Polizeiruf etabliert wurde. 1992 und bis Mitte 1993 hatte es eine Pause gegeben, danach starteten der MDR, eher vorsichtig und zunächst mit bekanntem Personal aus der DDR wie den Kommissaren Beck und Grawe, aber der selbstbewusste NDR machte gleich was ganz Neues und traf nach meiner Ansicht damit ins Schwarze. Sicher sind die beiden im damaligen Umfeld nicht „für jedermann“ gewesen, nicht so gängig wie die jungen Tatort-Teams, die es zu der Zeit schon gab (Ludwigshafen, München), aber schauspielerisch mehr als gleichwertig und viel mehr auf Kante genäht, weil es halt doch in erster Linie norddeutsche Kanten sind, aller Wendenachwehen zum Trotz, die man deutlich herausspüren kann. Die Kombination der Gemeinen ist denn auch eine Ost-West-Kooperation, in der die Wessis zwar die Fieseren sind, aber ohne den geldgierigen Aufkäufer der ehemaligen LPG (heißt der Betrieb „Volksgut“, in diesem konkreten Fall?), der aus der Genossenschaft mit begrenzter Hoffnung eine Gesellschaft mit sehr eng begrenzter moralischer Haftung gemacht hat, hätte diese „Bande aus dem Süddeutschen“ nicht erfolgreich klausen können. Sehr sinnig ist die Konstruktion, die Abwesenheit der Landwirte, die dem einzigen „Logistikbesitzer“ mit Telefon, Computer und Fax vor Ort, trotzdem nicht, denn im ersten Fall war z. B. die Bäuerin noch vor Ort und hätte etwas merken können. Inspiration und Intuition bei der Aufstellung der Figuren gehen in diesem Fall klar vor Konstruktion.

Dass ein Viehdiebstahl dann gar keiner ist, dass alle munter fremdgehen, dass die ehemaligen Genossen darauf sch …, was mit dem Vieh des neuen Herrn, des Neujunkers sozusagen, passiert, und das auf ihre eigene wurschtig-norddeutsche Art, das trägt natürlich sehr zum Sehvergnügen und zum Lokalkolorit bei, das hier so stark hervorgehoben wird, wie ich es bei einem Polizeiruf oder Tatort dieser Nachwende-Generation bisher nicht gesehen habe. Kleine Schmankerln sind die Enkelin des alten Vopo, die sich mit der neuen Praktika-Arbeitswelt nicht klarfindet und der Chor der erdgebundenen Frauen auf dem Lande. Das ist alles sehr atmosphärisch und nie einseitig, gleich, woher man kommt und mit welcher Generation von Menschen, die man im Film sieht, man sich identifiziert. Allenfalls hat man die Logik des Geschehens etwas zu sehr hinter den Willen, diese Menschen hochleben zu lassen, zurückgestellt. Ganz besonders gut gemacht ist hingegen, wie einige mit drin hängen, der Kleinspediteur, der seinen nagelneuen Lkw erst mal abbezahlen muss, auch der Aufkäufer, der wohl ein alter Kader ist, der irgendwie schon Geld hatte oder es sich besorgen konnte, außerdem gab es ja damals die Ostwirtschaft, wenn sie nicht ganz abgewickelt wurde, zum Spottpreis, man musste nur ein wenig ruchlos und abenteuerlustig sein.

Die Eskalation aber, dass sich Lüdeking umbringt, die Sache mit der Bürgerwehr, das haben sie natürlich nicht gewollt, die großen und kleineren Trickser vor Ort. Die Wessis kommen übrigens hörbar nicht aus dem Süden, auch wenn deren Anführer mal zu den Kühen: „Gemma, gemma!“, sagt. Sein Mitsubishi Pajero mit Autotelefon hat ein „GG“-Kennzeichen. Damals fand im Osten nicht nur der Systemwechsel statt, sondern tatsächlich der Übergang vom im Wagen installierten Funktelefon, das in der Regel Unternehmer installiert hatten, zum Allgemeingut Handy. Ich erinnere mich aus Gründen sehr präzise an diesen Sommer 1993, in dem der Film gedreht wurde und den damaligen Stand der Technik. Aber ein Polizist mit Laptop, à la Bonheur. Internet für den Allgemeingebrauch war aber noch kein Thema, schon gar kein mobiles, eher ging es darum, ob die norddeutsche Tiefebene nicht doch eine Menge Unebenheit in Form von Funklöchern aufweist.

Finale

Für obbymäßige oder hauptamtliche Historiker*innen der Polizeiruf-Reihe ist selbstverständlich jeder Fall der Reihe interessant, für uns beim Wahlberliner auch der Vergleich mit den Tatorten, aber „Bullerjahn“ stand am Anfang einer Entwicklung, die uns noch manchen Höhepunkt an Skurrilität bringen sollte, etwa die Brandenburg-Polizeirufe, die ähnlich weit draußen im Abgelegenen spielen, an einem Ort namens Wustermark, an dem sich viel bekannte Schauspieler versammelten, um Horst Krause als Dorfpolizist und seiner Vorgesetzten das Leben schwer zu machen. Aber der NDR hat es tatsächlich erst mehr als 20 Jahre nach seinen ersten Tatorten gewagt, die regionale Mentalität in ihrer ländlichen Version in den Vordergrund zurücken, und das sozusagen testweise im neuen Teil des Sendegebiets, weit weg von der erfolgreichen Hamburg-Tatort-Schiene mit Stoever und Brockmöller. Ganz sicher war diese Entwicklung auch inspiriert durch den Aufstieg des norddeutschen Humors vom Ostfriesenwitz und seitlich von Loriot durch Filme von Detlef Buck, die den Trend setzten, der Polizeirufe wie „Bullerjahn“ ermöglichten.

8/10

© 2022 (Entwurf 2021) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Stelzer
Drehbuch Gert Möbius,
Manfred Stelzer
Produktion Werner Uwe Kraft,
Walter Heigl
Musik Uwe Buschkötter,
Mario Lauer
Kamera David Slama
Schnitt Marion Wille
Besetzung

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