M (USA 1951) #Filmfest 648

Filmfest 648 Cinema

M ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Film noir von Joseph Losey aus dem Jahr 1951. Es handelt sich um eine Neuverfilmung des deutschen Kriminalfilms M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) von Fritz Lang. Wie in Langs Original schildert der Film die Hetzjagd der organisierten Unterwelt auf einen gesuchten Kindermörder, verlegt aber die Handlung vom Berlin der Weltwirtschaftskrise in das Los Angeles der Nachkriegszeit. Beide Versionen wurden von Seymour Nebenzahl produziert.

Dass es je zu einer Neuverfilmung von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang kommen würde, wirkt aus heutiger Sicht beinahe wie ein Sakrileg, aber Remakes eröffnen auch die Möglichkeit, viel über den Film als Medium und über die sich verändernden Sichtweisen und Zeitumstände zum Zeitpunkt der Entstehung von „Original“ und „Beinahe-Kopie“ zu erfahren. Für Literaturverfilmungen gilt das allerdings weitaus weniger als für einen Film wie „M“, der aufgrund eines Orginaldrehbuchs verfilmt wurde, das Thea von Harbou, Fritz Langs Frau, verfasst hatte. Sie ermöglichte die Neuverfilmung auch dadurch, dass sie die Rechte an dem Skript im Jahr 1946 an Seymour Nebenzal verkaufte, der sowohl das Original als auch die Neuverfilmung produzierte. Aber damit ist die Geschichte von „M“ nicht zu Ende. Dies und mehr stellen wir in der –> Rezension dar.

Handlung (1)

Ein Kindermörder versetzt Los Angeles in Angst und Schrecken. Alle Opfer wurden getötet, ohne sexuell missbraucht zu werden. Eine im Fernsehen ausgestrahlte Aufklärungskampagne der Polizei führt zu wiederholten Übergriffen gegen Unschuldige, aber nicht zur Ergreifung des Täters. Der um seine Popularität besorgte Bürgermeister übt Druck auf Polizeichef Regan und Inspektor Carney aus, so bald wie möglich den Schuldigen zu präsentieren. Die Polizei lädt in einer groß angelegten Aktion einschlägig Vorbestrafte vor und führt Razzien in von der Halb- und Unterwelt frequentierten Lokalitäten durch.

Gangsterboss Marshall sieht durch die polizeilichen Aktivitäten seine Geschäfte gefährdet und befiehlt, den gesuchten Kindermörder in einer von organisierten Kriminellen, Jugendbanden und Informanten gemeinsam durchgeführten Aktion ausfindig zu machen. Das Vorhaben gelingt; bei dem Versuch, ein junges Mädchen zu entführen, wird der Serientäter Martin Harrow erkannt und von einem Jugendlichen mit einem „M“ (für „murderer“, dt. „Mörder“) auf der Kleidung kenntlich gemacht. Harrow flüchtet sich mit dem Kind in das Bradbury Building. In einem rücksichtslos durchgeführten Manöver – so misshandeln die Verfolger unter anderem einen Wachmann des Gebäudes – können die Gangster Harrow aufspüren und vor ein Femegericht stellen.

Marshall lädt einen hochrangigen Pressevertreter ein, da er sich der Öffentlichkeit als treusorgender Bürger präsentieren möchte. Er zwingt den alkoholkranken Anwalt Langley, Harrows „Verteidigung“ in dem „Prozess“ übernehmen. Als Langley während seines Plädoyers stattdessen Marshall und seine Spießgesellen anklagt, erschießt Marshall ihn. Kurz bevor Harrow, der seine Taten mit der Gewalttätigkeit der ihn umgebenden Welt zu erklären versucht, dem lynchwütigen Mob zum Opfer fällt, wird er von der eintreffenden Polizei gerettet, um vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden.

Rezension

2019 wurde auf der 69. Berlinale ein Serien-Remake des Films veröffentlicht. Die Handlung von M – Eine Stadt sucht einen Mörder wurde allerdings in die Gegenwart und nach Wien verlegt. Die verschiedenen Rollen wurden von Verena AltenbergerBela BMoritz BleibtreuChristian DolezalLars EidingerMichael FuithUdo KierChristoph KrutzlerGerhard LiebmannSophie Rois und Julia Stemberger und vielen anderen bekannten deutschen und österreichischen Schauspielern übernommen. 

Alles kann Serie werden und manchmal ist das Ergebnis sogar gelungen. Aber die Atmosphäre von Berlin in der einsetzenden Weltwirtschaftskrise lässt sich im heutigen, poshen Wien ganz sicher nicht reproduzieren und auch nicht die von Los Angeles auf dem Höhepunkt der Kommunistenhetze in den frühen 1950ern. So finden auch Fritz Langs Werk aus dem Jahr 1931, das deutliche Anspielungen auf die aufsteigenden Nazis enthält und Joseph Loseys Remake auf einer gesellschaftspolitischen Ebene zusammen: Staat und Macht, Hetze und Ausgrenzung, kapitalistische Strukturen und deren Diener als Räderwerk und auf der anderen Seite eine Kreatur, die unvergessliche Szenen hat und unvergessliche Sätze spricht. Am Ende in beiden Filmen ein Plädoyer gegen die Todesstrafe, die für psychisch kranke Täter:innen in den USA nicht angewendet wird. In Deutschland, wie fast überall in fortgeschrittenen Rechtssystemen, löst eine entsprechende Diagnose einen abweichenden Justizvollzug aus. 

Die Hysterie der Menschen in Langs Film kann schon das Remake nicht ganz nachbilden und sie würde heute lächerlich wirken. Aber wäre sie das tatsächlich? Immer, wenn ich an „M“ denke, weiß ich ja auch, dass der Film zu den klarsichtigen Werken zählt, die vom bevorstehenden Niedergang der Zivilisation und von den Traumen des Ersten Weltkriegs künden, welche die deutsche Gesellschaft so fundamental verändert haben. All das, was in diesem Film und noch stärker in „Das Testament des Doktor Mabuse“ (1933) angekündigt wird, fand statt und das Ergebnis kennen wir. Aber bis heute zieht sich die Diskussion fort, die durch Frauen- und Kindermörder ausgelöst wird und wenn sich der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft daran bemisst, wie sie mit tatsächlichen Außenseitern umgeht, ist der Höhepunkt längst überschritten und faschistische Strukturen schimmern immer mehr durch. Ob zum Beispiel die österreichische Serie das aufgreift? Angezeigt wäre es unbedingt. Die Corona-Pandemie, die wieder einmal die Dichotomie zwischen Autorität und Anarchie in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt und wie unter einem Brennglas alle bisherigen Tendenzen soziokultureller Verfassung seit Mitte der 1970er so deutlich wie nie zuvor sichtbar macht, ist das Szenario, in dem „M“ eigentlich neu verfilmt werden sollte, denn die Aggressionen und Verwerfungen in dem, was sich alltäglich in der sozialen Kommunikation zeigt, haben wieder einen hohen Stand erreicht. Sicher ist er nicht mit dem von 1931 vergleichbar, auch nicht mit der beängstigenden Situation, der sich viele Kulturschaffende in den USA der frühen 1950ern ausgesetzt sahen, aber dafür gibt es dystopische Elemente, die man nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten so nicht bemerken konnte, denn die Ordnung war auf eine Weise festgefügt und durch die Stellung auf der richtigen Seite im Zweiten Weltkrieg gefestigt, wie man es heute nicht mehr sagen kann. Immer mehr wird heute dem Staat die Legitimation abgesprochen, und zu vertreten und uns Dinge zu erlauben oder zu verbieten, wie schon in der Weimarer Republik, obwohl der Staat nach überwiegender Ansicht wir alle sind, also auch das Staatsvolk oder die Staatsbevölkerung und obwohl es uns immer noch frei steht, politische Kräfte zu wählen, die antiautoritär sind. Das tun wir aber nicht. 

Fritz Langs Meisterwerk von 1931 ist eine der besten Dokumentationen des damaligen Angstklimas, in dem jede der wichtigen Figuren für ein Prinzip steht und in dem die Kinder ohnmächtige Opfer sind, ungeschützt, arglos, vertrauensvoll. Für mich stellen sie bis zu einem gewissen Grad den Zustand einer hoch kulturell und emotional hoch veranlagten, aber politisch naiven Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg dar, die zerrüttet und zerstört wurde und niemals wieder werden kann wie zuvor. Dass dem so ist, sehen wir heute. Es fehlt nach wie vor die Selbstverständlichkeit, sich in neuen Situationen zurechtzufinden. Und sei es nur eine Minderheit, die jenen Prozess verweigert: Auch die Nazis stellten nicht die Mehrheit der Bevölkerung im Jahr 1931 und waren, als sie an die Macht kamen, im Grunde schon über ihren Zenit hinaus, ihren Erfolg bei den Wähler:innen betreffend. Wenn wir uns heute fragen, wie es zu bestimmten Vorgängen kommen kann, die sich mehr oder weniger als eine Reihung von Einzelfällen darstellen, dann sehen wir dieselben Mechanismen, die, wenn auch, in Relation zu damals im Zeitlupentempo, dazu führen, dass die Zivilisation bröckelt. 

Nicht nur die Mächte, Staatsmacht und Gegenmacht und jene, die dazwischen zerquetscht werden, stellen beide Filme dar, was wiederum an die heutige Frontstellung in bestimmten Quartieren bestimmter Großstädte erinnert, sondern auch die Entwicklung der Medien. In Fritz Langs Film spielen Zeitungen eine wichtige Rolle, in Joseph Loseys Remake wird bereits das Fernsehen einbezogen. Ein heutiger „M“ müsste die Hetze in den sozialen Medien als wichtiges Element der Meinungsbildung und -manipulation beinhalten. 

Wie steht aber der zweite „M“ zum ersten? Nach Ansicht sowohl der Filmfans wie der Filmkritiker ist die Sache recht klar. „M“ aus dem Jahr 1931 steht im ersten Drittel der Top-250-Liste und erhält eine Durchschnittsbewertung von 8,3/10, währen Joseph Loseys Neuverfilmung mit 6,8/10 nicht einmal einen besonders guten Film noir darzustellen scheint. Ob er wirklich ein Film noir ist, wie eingangs von der Wikipedia erwähnt, ist Sachfrage, denn es fehlt doch einiges, was sowohl die düstere als auch die hellere Seite des noir, die es durchaus gibt und die von einigen Filmhistorikern als „Film gris“ bezeichnet wird, auszeichnet, wenn man dem Kanon folgt, der 1947 festgelegt wurde, als der Begriff „Film noir“ geboren wurde. Da aber auch Langs „M“ zu den Noir-Vorläufern zählt, kann man die Meinung vertreten, der ähnlich gestrickte jüngere Film sei in diesem Genre anzusiedeln und ich gehe nicht auf jene formalen und inhaltlichen Aspekte ein, die ihn von diesem Genre im Grunde oder doch dessen Kern klar separieren sollten. Wir lassen also die Zuordnung offen und wenden uns dem Regisseur zu.

Joseph Losey (* 14. Januar 1909 in La CrosseWisconsin; † 22. Juni 1984 in London) war ein US-amerikanischer Regisseur und Drehbuchautor. Aufgrund seiner Verfolgung in der McCarthy-Ära lebte er ab den 1950er-Jahren hauptsächlich in Europa und drehte dort seine bekanntesten Filme wie Der Diener (1963), Der Mittler (1971) und Monsieur Klein (1976). Losey, der mit den Schriftstellern Harold Pinter und Bertolt Brecht zusammenarbeitete, setzte sich immer wieder mit gesellschaftlichen und sozialen Machtstrukturen auseinander.

„Der Diener“ habe ich vor einiger Zeit gesehen und finde ihn herausragend, „Monsieur Klein“ zumindest gelungen, „The In-Between“ („Der Mittler“) einmal vor sehr langer Zeit, aber zur Rezension wäre eine Neusichtung erforderlich. Loseys künstlerischer Rang ist also beachtlich und seine Ansichten denen von Fritz Lang nicht so unähnlich. Das merkt man besonders an Fritz Langs erstem amerikanischen Film „Fury“ (1936), der im Rahmen der damaligen Möglichkeiten die amerikanische Gesellschaft als einen hochgradig bigotten und aggressiven Haufen darstellt, zu jedem Lynchmord bereit und der Rechtsstaat kann die Opfer nicht schützen. Gewalt ist überall, in der Sprache, im Film, in der Realität, und das bis heute. Diese Filme veralten nie, weil die Grundzüge menschlicher Mängel unter der dünnen, in manchen Landesteilen im Grunde nicht vorhandenen Zivilisationsschicht allzu deutlich hervortreten. Deshalb wird die Bibel gerne alttestamentarisch gelesen und das Racheprinzip dominiert über moderne Ansätze der Rechtsgestaltung, während sich kaum jemand an „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ hält. 

Besonders gefährdet sind jene, die andere gefährden und auf ihre Weise die Wunden dieser Gesellschaft sind, die Kainsmale, die niemand gerne sehen möchte. Die Biogenetik verweist zwar mittlerweile auf die wichtige Position der Familiengeschichte bei der Weitergabe menschlicher Eigenschaften von Generation zu Generation, aber auch diese ist ja eine soziokulturelle Einheit, wie das, was den Serienmörder ausmacht: Eine Kindheit, die keine gesunde Entwicklung zulässt, gestaltet von Menschen, die nach den oft fehlerhaften Maßstäben unserer Gesellschaft als besonders unauffällig und „normal“ gelten. Wenn ich mir Formate wie „Medical Detectives“ anschaue, das kommt hin und wieder vor, wird mir umso klarer, wie dicht die beiden Seiten in ihrem Verhalten oft zusammenliegen, wie unreflektiert man diese Filme aufnehmen kann, wenn man so simpel gestrickt ist und wie leicht Massenhysterie entstehen kann. Beide Filme zeigen diese, wobei Fritz Langs Film sie insgesamt mehr als integralen Bestandteil des damaligen Mindsets der Gesellschaft sieht, die entwurzelt wirkt und weniger in brutaler Selbstgerechtigkeit vereint. Nicht ohne Grund waren die 1920er die „Blütezeit“ der Serientäter, derjenigen, die den Massenmördern vorausgingen, welche die Welt alsbald in Brand setzen sollten. Wenn man bedenkt, dass zum Beispiel Adolf Hitler nicht als psychisch erkrankt eingestuft wird, zeigt das auch, wie Bilder durch Definitionen entstehen und weist darauf hin, dass unsoziale, gefährliche,  unsolidarische Verhaltensweisen bis heute gesellschaftlich privilegiert werden, während Empfindsamkeit und bewusste Abstinenz von Gewalt gerne als Schwäche ausgelegt werden. 

Die Täter sind in beiden Film nicht mehr „State of the Art“. Während Fritz Lang sich darauf beschränkt, das Zwanghafte und Getriebene des Täters in den Mittelpunkt zu rücken und sich dabei ganz auf Peter Lorres prototypisches Gepräge verlässt, geht Losey einen Schritt weiter, weil er auch die Weiterentwicklung psychologischer Deutungsmuster darstellen will, bleibt aber dennoch stecken: Es wird betont, dass der Täter kein Sexualmörder ist, aber er hat einen Fetisch, die Schuhe der Kinder, die er umbringt und er starrt auf das Bild einer vermutlich sehr gestrengen Mutter. Er wird aber nicht analysiert. Ob sie ihn hat zur Strafe barfuß laufen lassen, wenn er als Kind etwas „ausgefressen“ hatte, erfahren wir nicht. Zehn Jahre später wäre da mehr drin gewesen, aber was bei Lang noch ein Vorteil war, könnte bei Losey schon einschränkend gewirkt haben: Viele Künstler sahen um 1930 zwar die Gefahr über Deutschland, aber sie hielten auch kräftig dagegen, was viele von ihnen dann in die Emigration zwang, auch wenn sie nicht jüdisch waren. Fritz Lang hätte sogar unter den Nazis weiterarbeiten dürfen, aber das tat er nicht, sondern wanderte aus. 

Joseph Losey ging 1953 nach Europa, nahm also den umgekehrten Weg, aber in der Wikipedia steht auch zu lesen, dass er „M“ machte, nicht, weil er unbedingt Fritz Lang übertreffen wollte, sondern weil es eine Möglichkeit war, unter schwierigen persönlichen Bedingungen und jenseits der großen Studios arbeiten zu können, die Angehörige der „Schwarzen Liste“ und weitere in irgendeiner Fom als dem Kommunismus nahestehend verdächtigte Filmschaffende nicht mehr beschäftigten. Es ist aus diesem Kontext heraus leicht zu verstehen, dass der Zusammenhang von organisierter, kapitalistischer Macht und ihrer Verschränkung mit dem organisierten Verbrechen in Loseys Film noch etwas stärker präsent sind als in Langs Vorbild. Waren Sie schon einmal mit Berufsverbot belegt, nur, weil sie eine abweichende politische Ansicht vertreten? Ich auch nicht, aber ich kann mir aufgrund anderer Einblicke und Erfahrungen vorstellen, wie derlei sich auswirkt. Dadurch wirkt der Film vielleicht auch in der zweiten Hälfte etwas verkrampft, besonders die Schlussszene in der Tiefgarage konnte mich nicht vollends überzeugen. Es wird zu sehr moralisiert, hingegen wirkt Langs Version des Tribunals über „M“ zwar noch grober, aber auch dann noch stimmig, wenn die Verbrecher sich plötzlich zu Menschen aufschwingen, die ethisch argumentieren möchten, wo sie doch den Mörder im Grunde nur fangen wollten, weil der polizeiliche Auftrieb, der um seine Taten herum entsteht, sie bei den Geschäften stört.

Finale

Spannend gemacht ist „M“ aus dem Jahr 1951 auf jeden Fall, aber man muss die Bilder des Originals, die so einprägsam sind, aus dem Kopf bekommen, denn filmisch ist Fritz Langs Vorbild ein Meilenstein, während das „Remake“ als guter Durschnitt angesehen werden kann, versehen mit einigen Hinweisen auf die politische Situation, die sich nicht in Worten ausdrücken, doch gleichermaßen nicht über die inzwischen weiterentwickelte Filmsprache hinausreichen. Gäbe es aber das Vorbild nicht, hätte der hier besprochene „M“ sicherlich eine höhere Reputation, denn dann wäre er, nicht weniger als zwanzig Jahre nach dem Ausnahmefilm von Fritz Lang, der erste seiner Art gewesen. Dazwischen gab es keine ähnlich prägnante Darstellung eines Kindermörders. 

Darin liegt auch die Chance für heutige Produktionen: Ernsthaft mit 70 Jahren wissenschaftlichem Fortschritt und den mittlerweile gefallenen Tabus bei der Dartstellung von Sexualstraftätern und Menschen, die Kinder töten, umzugehen und alles, was man heute weiß, auf eine möglichst humanistische Weise und als Plädoyer für eine zivilisierte Rechtspraxis zusammenzufassen und dabei Opfern und Täter-Opfern gleichermaßen gerecht zu werden. Das ist wohl in einer Serie besser möglich als in einem Spielfilm, weil man viel detaillierter und differenzierter arbeiten kann. 

M erhielt bei seinem Kinostart vor allem Lob für die effektvolle Verwendung von Originalschauplätzen in Los Angeles, darunter vom Motion Picture Daily und dem Hollywood Reporter,[7] erntete aber auch Kritik. So bezeichnete Variety den Film als „grausam“,[19] die New York Times sprach von einem „entsetzlichen“ und „nur für Erwachsene geeigneten Produkt“.[20] In Frankreich honorierten Raymond Borde und Etienne Chaumeton M in ihrem 1955 erschienenen Standardwerk Panorama du film noir américain 1941–1953 als „würdiges Freudianisches Remake“.[21]

Wenn man „freudianisch“ nicht nur auf den Täter bezieht, sondern auf alles, was im Film an menschlichen Verhaltensweisen gezeigt wird, ist er für seine Zeit beachtlich, aber in der Täteranalyse eben doch unvollständig. Erst Alfred Hitchcocks zuweilen küchenpsychologischer „Psycho“ hat wieder einen Schritt nach vorne gebracht, weil in ihm ganz ungeniert ein Psychiater an der Täterfigur Norman Bates herumanalysieren darf, und zwar in Form eines langen Schlussmonologs, der zehn Jahre zuvor kaum denkbar gewesen wäre, der aber gut in das psychologisierende Kino der späten 1950er und frühen 1960er heinpasst, das sehr viele Dialoge über Dinge enthält, deren Inhalte zuvor nur gezeigt und damit in höherem Maße der Interpretation der Zuschauenden überlassen wurden. Hitchcock fertigte jedoch allerhöchstens Remakes seiner eigenen Filme. Um sich an Fritz Lang zu wagen, musste ein junger, begabter Regisseur erst vom System so gebasht werden, dass er keine andere Arbeitsmöglichkeit mehr sah. 

74/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Joseph Losey
Drehbuch Norman Reilly Raine
Leo Katcher
Waldo Salt (Dialoge)
Produktion Seymour Nebenzahl
(als Seymour Nebenzal)
Harold Nebenzahl
(Associate Producer)
Musik Michel Michelet
Kamera Ernest Laszlo
Schnitt Edward Mann
Besetzung

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