Experiment – Tatort 257 #Crimetime 1068 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Experiment

Crimetime 1068 – Titelfoto © NDR

Meyer zwo! Stoooeeever!! Dolly!!!

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Eine Krankenschwester fällt aus dem 7. Stock eines Hochhauses, es stellt sich heraus, dass ein Typ hinter ihr her war, den sie nicht mehr wollte und dass sie seltsamen Vorgängen auf ihrer Station auf der Spur war, die dazu geführt haben könnten, dass man sie beseitigen wollte; Stoever und Brockmöller ermitteln so zielstrebig, dass sie auf unterschiedliche Weise zu Grenzerfahrungen kommen und überhaupt passiert ihnen in diesem Tatort einiges.

Beinahe wäre das Ende nicht in unserer Aufzeichnung gewesen. Dabei lassen wir normalerweise eine Viertelstunde Luft nach vorne und nach hinten. Bei manchen besonders unpünktlichen Sendern auch mehr, aber beim WDR reicht normalerweise der 15 Minuten-Rahmen. Wir hatten übersehen, dass „Experiment“ ein überlanger Tatort ist (1).

Wir haben es beim Anschauen nicht bemerkt, dass eine Viertelstunde mehr an Spielzeit geboten wurde. Will heißen, es kam keine Langeweile auf. Was Peter & Paul in diesem 17. Stoever-Tatort bieten, ist eine Show. Das Thema ist interessant. Würde man den Tatort allerdings auf die Logik und einige Verfahren der Ermittlung reduzieren, wäre er unterdurchschnittlich. Letzteres tun wir aber auch bei heutigen Fällen nicht, die wir anlässlich ihrer Erstausstrahlung rezensieren, sonst würden manche von ihnen bei weniger als 5/10 landen. Wir haben gelernt, dass ein Tatort viele Aspekte hat, die je nach Film in unterschiedlicher Rangfolge zueinander stehen.

Ganz vorne ist hier der Kontrast zwischen einer großen Portion Humor und einem sehr ernsten Thema. Der Humor der Polizisten überlagert die ernste Situation der Menschen-Experimente. Wenn man das unangemessen findet, muss man den Tatort mit dem sehr hinweisenden Titel zwangsläufig zu den misslungenen zählen. Wir tun das nicht und beschreiben in der -> Rezension, warum wir zu einem positiven Ergebnis des Experiments gelangen.

Handlung

In einem Hamburger Krankenhaus stirbt ein Patient: eines natürlichen Todes oder an den Folgen eines an ihm erprobten neuen Rheumamedikaments? (Dieser Absatz eingefügt aus „Tatort-Fundus“.)

Schwester Hertha – stürmisch verliebt in den leitenden Professor der Rheumatologie – stellt Nachforschungen über die experimentelle Therapie an. Am nächsten Tag wird sie in ihrer Wohnung ermordet.

Besteht ein Zusammenhang zwischen beiden Todesfällen? Für die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller wird es schwierig, gegen Standesbewußtsein und medizinische Geheimhaltungspflicht zu ermitteln.

 Rezension

Was kommt heraus, wenn Peter und Paul eine Männer-Zwangs-WG bilden? Umständliche Wege durch die Wohnung, Platznot, Streit um die Schlafstätten und die Erkenntnis, dass Brocki eine Studentenblase hat, was als running Gag durch den gesamten Tatort hindurch verwendet wird.

Auch sonst sind die Witze zahlreich. Und sie sind überwiegend treffend. Wir haben selten bei einem Tatort so gelacht, der ein so ernstes Grundthema hat wie dieser, nämlich die Versuche mit Menschen, die dagegen machtlos sind, nämlich schwer krank und in stationärer Behandlung. Wir haben überhaupt in letzter Zeit selten bei einem Tatort so viel Vergnügen gehabt, die Feststellung schließt die neueren Münster-Tatorte ein. Ein Tatort ist klassischerweise auch nicht vorrangig zum Vergnügen da, sondern zur Spannung und zur sozialpolitischen Edukation. Deswegen hat man in der Anfangszeit der Reihe darauf geachtet, dass das Komödiantische nicht überbordet. Wenn es dann kam, wirkt es heute verblüffend, nicht selten rudimentär und gerade dadurch wieder reizend.

Anders bei Stoever und Brockmöller. Die beiden fuhren in jenen frühen 90ern, die schon mehr als zwanzig Jahre her sind, die humorvollste Schiene überhaupt. Die immer noch aktiven Granden heutiger Tage, Lena Odenthal, die drei Jahre zuvor gestartet war, ist eine eher ernste Person und die noch ganz frischen Münchener suchten noch ihren Stil. Demgegenüber wirkten Peter und Paul schon beinahe wie Altmeister, in Stoevers 17. Fall.

Sie konnten es sich schon leisten, eine Fiktionsstörung zu organisieren, aus der Rolle zu treten, selbstreflexiv zu sein  – wie immer man es nennen will. Am Ende spricht Stoever ins Publikum, angesichts der Tatsache, dass er in 20 Tatorten erstmals eine Frau abschleppt, der Generalsingle, der nicht einsam wirkt, wie die heutigen  Zwangs-Solisten Ballauf, Lannert, Steier, Keppler usw. Selbstbewusst, manchmal derb, immer konsistent, auch politisch, wenn er sich politisch äußert (besonders gerne zur Blöd-Presse, dazu gibt es auch dieses Mal wieder einen als Drohung gegen einen Arzt gemeinten Satz) und als Polizist denkbar, das ist der Mann, der von Manfred Krug in einer heute kaum noch denkbaren Weise verkörpert wird. Alles in allem ist er noch ohne sozialpädagogische Instruktion groß geworden und spricht, wie ihm der schlagfertige Schnabel gewachsen ist.

Wenn man so will, ist Brockmöller, der Sensible, der speziell in diesem Fall Unterlegene, die modernere Figur und darf deshalb auch durchdrehen, nachdem er sich als verdeckter Ermittler so tollpatschig angestellt hat, dass er in der geschlossenen Psychiatrie landet, wo er nach Stoever schreit – was ihn nicht unbedingt so normal wirken lässt, dass man geneigt wäre, ihn als fehldiagnostizieren Patienten sofort zu entlassen. Wie er sich in seiner Rolle als VE verhält (auch Kollege Stoever hat schon als solcher gearbeitet, allerdings überzeugender), das gehört zu den Fragwürdigkeiten des Plots. Nicht nur, dass er immer genau dann irgendwo auftaucht, wenn gerade etwas passiert, wie z. B., als Professor Wimmer am Kopierer steht, um Untersuchunergebnisse zu vervielfältigen, er passt auch nicht auf und wird so ein Opfer der intriganten Ärztin Dr. Schneider (2).

Auch die hohe Aussagebereitschaft anderer Patienten gegenüber dem „Neuen“ wirkt verwunderlich, aber generell ist in Tatorten, besonders jener  Zeit, zu bemerken, dass man sich die Ermittlungen oft sehr einfach gemacht und auf Basis von Zufällen und diesem manchmal unglaubwürdig stark ausgeprägten Aussagewille von Personen hat stattfinden lassen. Als den Drehbuchschreibern die DANN-Analyse geläufig wurde, hat diese sie von dem Info-Overhead weitgehend erlöst.

Besonders am Ende wird nur noch erzählt, nämlich die Geschichte des Dr. Wimmer und seiner Krankenschwester Hertha. Klar, man hätte bei Nachforschung seine Fingerabdrücke in Herthas Wohnung gefunden und Blut gab’s auch und er hat die richtige, allerdings sehr häufige Blutgruppe A. War es ein Unfall oder nicht? Stoever gibt es für gut, anstatt zu Ende zu ermitteln, weil der statusbewusste Arzt mit Liebschaft ihm irgendwie sympathisch ist und weil er nichts von den Machenschaften seiner Mitarbeiter gewusst hat (er ist der Professor, nicht Dr. Zauner, wie in der Handlungsbeschreibung der ARD angegeben). Diesen Arzt spielt Ludwig  Haas mit dieser Authentizität, die er auch in der Lindenstraße als Dr. Dressler zeigt, was ihm die Rolle in „Experiment“ eingebracht hat. Das ist schon beinahe ein Cameo-Auftritt, so sehr werden in diesem Fall Schauspieler und vieljährige Serienrolle identifiziert (3). Kann man sich vorstellen, dass er etwa zu der Zeit, in der „Experiment“ entstand, als Hitler-Darsteller Erfolg hatte?

Diskutabel, aber nachvollziehbar ist, dass Dr. Schreiner und Dr. Zauner den Pfleger Sasse verschwinden lassen, den Dr. Zauner tatsächlich in Notwehr erschlagen hat. Die Frage ist nämlich, ob die Notwehr in diesem Fall hätte belegt werden können und ob man sie indiziert hätte, als die Verstrickung der Ärzte ins Illegale qua unerlaubter Textreihe von nicht zugelassenen Wirkstoffen an Patienten offenkundig wurde und auch, dass Sasse davon gewusst haben könnte, ist fraglich.

Überzogen ist, wie die beiden Experimentierer sich ihre Welt basteln und ihre Motivation. Diese Gegenüberstellung, dass der Tod weniger in Kauf zu nehmen sei für ein höheres Ziel, wo also eine bewusst dem Grundgesetz zuwiderlaufende Einstellung gezeigt werden soll, ist schon wegen des extrem hohen Risikos schwierig zu vermitteln. Es wird konstruiert, warum Frau Dr. Schneider sich in die Sache mit der neuen Rheumatherapie verrennt und Margarita Broich, die demnächst in Frankfurt als Tatort-Kommissarin antreten wird, bringt das gutrüber (wir verkneifen uns das jetzt nicht: Schade, dass sie nicht mehr so jung ist wie in „Experiment“, wo sie die erotische Faszination der gefährlichen und taffen Frau rüberbringt, die alle für ihre Zwecke ausnutzt). Doch dass die Pharmafirma, bei der sie seinerzeit das neue Medikament zu einem anderen Zweck als dem, bei dem es nun Wirkung zeigt, sie erpresst, weil sie seinerzeit offiziell Patentschwindel betrieben hat, der wiederum nach ihrer Meinung gerechtfertigt war, sie erpresst, die klinische Studie ohne Genehmigung durchzuführen, ist überkonstruiert, gleich, ob es stimmt oder nicht.

Finale

Die beiden Hamburger Kommissare Stoever und Brockmöller sind klasse drauf, man kann bei „Experiment“ von einem Höhepunkt ihrer Karriere und vor allem ihrer Interaktion sprechen. Sympathisch sind sie auf ihre kauzige Art immer, aber selten so vergnüglich wie ausgerechnet in einem Film, in dem ältere Patienten inneren Blutungen erliegen, weil rücksichtslose Ärzte an ihnen forschen. Klingt nach einer ähnlichen Mentalität wie bei den berüchtigten KZ-Ärzten, die gewiss auch eine humanistisch klingende Rechtfertigung für ihre Grausamkeiten hatten.

Die Götter in Weiß zu entzaubern, ist seit langer Zeit ein Anliegen des Tatorts, und ein berechtigtes, denn Ärzte neigen aufgrund ihres in der Tat anspruchsvollen Berufs häufig zur übersteigerten Selbstwahrnehmung und in Sachen Humor selten kompatibel mit flockigen Polizisten wie Peter und Paul. Unsere Wahrnehmung in der Realität ist, dass besonders Ärztinnen sehr ernste Menschen sind, die eine hohe Auffassung von ihrer Tätigkeit und ihrer Ethik haben, die eine distanzierte und ironisierende Weltsicht und ein humorvolles Wesen zumeist ausschließt. Dass besondere, oft als schwierig wahrnehmbare Persönlichkeiten sich zu Heilberufen berufen fühlen, ist generell sinnvoll im Zusammenhang mit der Opferbereitschaft, dem Willen zur Hilfe gegenüber anderen, die man nie zuvor gesehen hat, und dem Willen zur höchstmöglichen Präzision im Job, denn davon können Leben abhängen.

Wenn die besondere Verantwortung der Ärzte, die sie für andere, aber auch für sich selbst fühlen, ins Vertuschen von Fehlern mündet oder gar in unerlaubte Handlungen an Patienten, ist der Moment gekommen, in dem man Ärzten klarmachen muss, dass sie Menschen sind wie wir alle. Typen wie Frau Dr. Schneider dürften aber in der Wirklichkeit sehr selten sein. Hingegen erscheinen uns Dr. Zauner und Dr. Wimmer, der eine im negativen, der andere im positiven Sinn, durchaus als wahrscheinliche Charaktere im großen, medizinischen Komplex.

Auch wenn wir die Rezension überwiegend in ernstem Ton gehalten haben, der Humor ist es, der uns bei der Bewertung höher greifen lässt als meist bei älteren Tatorten, die erkennbar hinter den heutigen Inszenierungen zurückstehen: 

8/10

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Mit „Berlin, beste Lage“ haben wir einen wenig später entstandenen 105 Minuten-Tatort bereits für den Wahlberliner besprochen. Die Bemerkung bezieht sich auf die Zeit der ursprünglichen Fassung der Rezension, als wir Filme noch „manuell“ auf dem DVD-Player aufgezeichnet haben. 

(2) Eine Anspielung auf den in der Baubranche angesiedelten Fall Dr. Schneider ist der Name nicht, denn der kam erst zwei Jahre nach der Erstausstrahlung dieses Tatorts ins Rollen.

(3) International hat er sich einen Namen als Filmdarsteller von Adolf Hitler gemacht, den er in Gesprengte Ketten – Die Rache der Gefangenen (1988), Wie ein Licht in dunkler Nacht (1992) und im französischen Film Pétain (1993) spielte.

Regie Werner Masten
Drehbuch Peter Sichrowsky,
Dieter Hirschberg
Produktion Matthias Esche,
Claus Schmitt-Holldack
Musik Klaus Doldinger
Kamera Klaus Eichhammer
Schnitt Irene Brunhöfer
Besetzung

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