Treibnetz – Polizeiruf 110 Episode 97 #Crimetime 1069 #DDR #Berlin #Fuchs #Hübner #Zimmermann #Treibnetz

Crimetime 1069 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Treibnetzfischerei ohne Beifang?

Treibnetz ist ein deutscher Kriminalfilm von Helmut Krätzig aus dem Jahr 1985. Der Fernsehfilm erschien als 97. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110.

Offenbar sind auch manche Heringe oder Thunfische oder Polizeirufe durchgeschlüpft – wie etwa die Nr. 97. Als ich im März 2019 begann, mich mit der Reihe Polzeiruf 110 zu befassen, war aus der 1980er-Chronologie der erste Film „Draußen am See“ (Polizeiruf 92), auch an die Titel und Handlungen der folgenden Werke kann ich mich erinnern. Aber die Nr. 97 war nicht dabei. Da bekanntlich am Ende alles gut wird, wurde sie jetzt doch wieder ausgestrahlt. Sollte das zuletzt nicht der Fall gewesen sein, verstehe ich den Grund zumindest nicht recht – denn der Film ist ein typischer Krätzig. Was ein typischer Krätzig ist und anderes klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Seit längerer Zeit hält ein sogenanntes Phantom die Ermittler Hauptmann Peter Fuchs, Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Lutz Zimmermann in Atem: Stets bricht der Täter nach gleichem Muster in Kaufhallen oder Warenlager ein, bohrt den Tresor auf und verschwindet unerkannt. Spuren hinterlässt er keine. Trotz moderner EDV-Technik, die Jürgen Hübner scherzhaft „Ende der Vernunft“ nennt, kann das Täterfeld nicht eingegrenzt werden. Der ominöse Einbrecher ist der junge Justus Klann, der offiziell als Geliebter der Drogistin Marlies Heider im Magazin arbeitet und wegen eines Stotterns bei Aufgeregtheit keine Kunden bedienen darf. Abends begeht er mit dem früheren Einbruchsspezialisten Paul Kaulmann die Einbrüche und erbeutet regelmäßig zwischen 10.000 und 20.000 Mark. Paul jedoch ist inzwischen herzkrank und will eigentlich aussteigen. Indirekte Drohungen, der Polizei bei der Ermittlung von bisher nicht gelösten Verbrechen Pauls zu helfen, verhindern, dass Paul aussteigt.

Bei einem Einbruch tippt Justus aus Langeweile den Namen eines früheren Mithäftlings in die Schreibmaschine. Die Ermittler wenden sich an den ehemaligen Strafgefangenen und versuchen, hinter den immer wieder auftauchenden, unterschiedlichen Namen, ein Muster zu entdecken. Justus’ Name fällt jedoch nicht. Er träumt unterdessen von einem besseren Leben. Von dem gestohlenen Geld will er sich eine Villa kaufen, doch Marlies nimmt ihn nicht ernst – ganz im Gegensatz zu ihrer Tochter Sabine, die in den jungen Justus verliebt ist.

Bei einem Überfall erleidet Paul einen Herzinfarkt und stirbt am Tatort. Justus bringt ihn auf eine Parkbank, wo er am nächsten Morgen gefunden wird. Dass Justus mit ihm gemeinsame Sache gemacht hat, wissen die Ermittler nicht, können jedoch am letzten geschriebenen Namen erkennen, in welcher Stadt der nächste Überfall stattfinden wird. In sämtlichen möglichen Objekten werden Kameras installiert. Tatsächlich kann Justus so bei seinem Einbruch entdeckt werden. Ihm gelingt die Flucht durch die Kanalisation. Frühere Mitgefangene identifizieren ihn anhand der Bilder der Überwachungskamera. Justus erscheint am nächsten Tag nicht zur Arbeit, doch verfolgen die Ermittler heimlich Sabine, die zu Justus fährt. Beide fliehen gemeinsam vor den Ermittlern mit einem gestohlenen Auto. Die Straßen sind jedoch abgesperrt und so verschafft sich Justus einen Pass und fährt das Auto planmäßig gegen einen Baum. Sabine holt unterdessen einen Krankenwagen. Justus hat geplant, mit dem fremden Pass und in einem Krankenwagen die Polizeisperre zu durchbrechen und später fliehen zu können. Die Wucht des Aufpralls unterschätzte er jedoch: Er zieht sich dabei so schwere Verletzungen zu, dass er zukünftig teilweise gelähmt und ein Pflegefall sein wird. In Marlies’ Drogerie findet sich das erbeutete Geld. Marlies selbst hat sich schnell mit einem anderen jüngeren Mann getröstet. Nur Sabine trauert Justus nach.

Rezension

Teenager sind eben noch nicht so superpragmatisch, sondern romantisch. War ja beinahe eine Bonnie-und-Clyde-Handlung, auch wenn Bonnie selbst nicht delinquent geworden ist. Das wäre aber sicher passiert, wenn Clyde nicht solch ein Dilettant gewesen wäre. An der Sache mit dem Unfall merkt man, dass er die technische Arbeit bei den Brüchen und Geldschranköffnungen immer den armen Kumpel Paul hat machen lassen und diesen sogar erpressen wollte, als dieser aus gesundheitlichen Gründen sagte, es geht nicht mehr, der Stress ist zu groß. Der von Justus noch gefördert wurde, indem dieser auf der Schreibmaschine, es steht in den Räumen mit den Geldschränken natürlich immer eine, angefangen hat zu tippen – Namen! Eine Spielernatur, fürwahr. Er wollte die Polizei nasführen. Auch wenn der Kollege Computer zunächst nicht sehr hilfrei wirkt: Der Kollege Fernseher, gekoppelt mit einer Überwachungskamera, bringt dann die Erkenntnis. Woraus sich ergibt: Nur Überwachung in Kombination mit guter IT verhindert, dass das Verbrechen niemals zu besiegen ist.

Der sozialistische Mensch mit solidarischer Einstellung ist also nicht hinzukriegen, demnach geht es nur mit Repression. Das haben schon so viele Diktaturen klug erkannt, rechte wie „linke“, und doch: Wenn man sich diesen Typ, den Justus, anschaut, fragt man sich: Woher kommt es, dass man sich beinahe wünscht, er würde entkommen? Sicher, weil Henry Hübchen auch solche Hallodris auf eine Weise spielen kann, dass man sie nicht ganz wegstoßen mag, es geht dem Betrachter also wie den beiden Damen, Mutter und Tochter, Apothekerin und Schülerin. Sicher wird man auch dadurch manipuliert, dass die Frauen so an ihm hängen. Das ist ja immer ein guter Trick, um für Schauspieler ein Image aufzubauen, sie umschwärmt wirken zu lassen, aber in dem Fall verstehe ich es irgendwie. Andererseits wird Justus diskriminiert und ist eben ein Ex-Knacki, der leider seine Chance nicht nutzt, sich ins System auf dem offiziellen Weg eingliedern zu lassen. In kurzen, knackigen Krätzig-Rückblenden wird gezeigt, wie er die Apothekerin just nach seiner Entlassung kennenlernt.

Dass er einen in der DDR nicht gerade häufigen Namen trägt, kann mehrere Gründe haben. Zum einen wird wieder ganz subtil gegen die Akademiker gefahren, denn alles „Höhere“ war verpönt, zumidnest wirkt es in den Polizeirufen oft so. Zum anderen könnte es darum gehen, dass er in gewisser Weise selbst glaubt, gerecht in seinem  Handeln zu sein. Der Staat hat ihn hinter Gitter gebracht, also beklaut er weiter den Staat, die Frau behandelt ihn als Fußabtreter und Betthupferl, also begehrt er auf und verkauft selbstständig, obwohl er dafür nicht ausgebildet ist und der Laden zu hat. Persönliche Hintergründe von ihm erfährt man wenig (der Vater war früh weg), aber man kann sich alles vorstellen. Manchmal ist es die Imagination, manchmal die Erklärung. Manchmal beides. In den frühen Polizeiruf-Jahren hat man die „asozialen Elemente“ lieber nicht erklärt, denn sie sollten ja nicht rechtfertigt werden – dann aber wurde es immer vielschichtiger.

Helmut Krätzig hält sich in „Treibnetz“ ziemlich zurück, deutet das Wesentlich aber an, lässt Henry Hübchen spielen – und lässt der Polizei viel Raum, weil sie ein Treibnetz auslegen muss. Der letzte Teil des Films ist eine Menschenjagd, und ich habe immer Probleme damit, wenn Menschen in die Enge getrieben werden, das gilt auf einer intuitiven Ebene auch dann, wenn sie ein Verbrechen begangen haben. Trotzdem ist es ab dem Moment, ab dem die Polizei nicht mehr im Dunkeln tappt, ein schneller und logisch aufgebauter Polizeiruf, zuvor habe ich mich stellenweise gefragt, wieso niemand auf diesen speziellen Zellenbewohner kommt, der doch wohl alle gekannt hat, die er so generös auf ein Blatt Papier tippt. Sinnvoll hingegen anfangs wieder, dass man erst einmal die Daten aller Delinquenten in der DDR oder, per Filter, in der relevanten Gegend, sammelt, die infrage kommen. War man da wirklich 1985 schon so weit? 

Finale

Helmut Krätzig ging mit dem Film weitgehend auf Nummer sicher: Ein traditionelles Szenario, wie wir es in Polizeirufen schon häufig zuvor betrachten durften. Eine Serie von Diebstählen bzw. Einbruchsdiebstählen kann nicht aufgeklärt werden, obwohl die Technik mittlerweile auch Alarmanlagen umfasst. Die werden von einem Spezialisten eben einfach ausgeschaltet, damit spart man sich nähere Erklärungen, wie so solcher Verbesserungen immer noch geklaut wird. Leider sieht man nicht so recht, wie der gute Paule, der mir richtig leidtat, das hinkriegt, aber vielleicht gab es in der DDR nur einen Typ dieser Art von Sicherung und damit kannte er sich eben aus.

Ja, das kommt davon, wenn Dinge vereinfacht dargestellt werden, dann glaubt man auch, es war so einfach, weil man weiß, dass die Produktvielfalt nicht so (teilweise auch auf sinnlose und verschwenderische Weise) riesengroß war wie im Westen. Als ich kürzlich Testergebnisse für Toaster studierte, stieß ich auf mindestens 20 Marken mit über 400 Modellen. Kein Wunder, dass in einer solchen Konsumwelt kein Gemeinschaftsgefühl à la „Schau mal, Bärchen, die Müller-Lüdenscheids von nebenan haben auch den …?“ entstehen kann. Demnächst wird es auch für jeden Konsumenten ein garantiert unverwechselbares Automodell geben, so individuell, dass man schon wieder die Lämmer blöken sieht. Womit in etwa geschrieben ist, was zu schreiben war. Sehr innovativ ist „Treibnetz“ nicht, aber auch nicht langweilig und hübsch ausgewogen, den Einsatz der Darsteller*innen betreffend. Und man sieht ein junges Mädchen, das zu allem bereit ist. Tempi passati, wie die Ägypter sagen.

6,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Elke Lepke
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Küppers
Schnitt Renate Müller
Besetzung

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