Mein Grad an Konservativismus | Frontpage Politik, in eigener Sache | #Konservativismus

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Nur der neue Gesundheitsminister, der Kandidat der Herzen oder doch vieler Herzen, Karl Lauterbach, den die SPD trotz der Aversion vieler in ihr ins Amt gelassen hat, ist heute wichtiger als das Trending des Teilsatzes „Mein Grad an Konservatismus“, dem ein Adjektiv fehlt. Zum Beispiel: „ist groß oder ist gering“. Wir haben mehrfach Umfragen dieser Art beantwortet, unseren politischen Kompass immer wieder überprüft und in diesem Blog dargestellt, auch die Wahl-O-Mate sind Standortbestimmungen. Unsere Leser:innen werden sicher nicht überrascht sein, dass unser Grad an Konservativismus gering ist.

Dieser ethische Fortschritt wurde uns nicht in die Wiege gelegt, den mussten wir uns richtiggehend erarbeiten, gerade deswegen glauben wir aber noch lange nicht, dass in diesem Land auch nur eine Form von Gerechtigkeit halbwegs als gesichert vorhanden gesehen werden darf.

Das gilt auch für die Leistungsgerechtigkeit, die den Konservativen angeblich doch so wichtig ist. Konservativismus ist heute und in diesem Land in weiten Teilen Scharlatanerie, Selbstgerechtigkeit, Arroganz und die Unfähigkeit, Empathie zu zeigen. Ums Bewahren des Guten geht es lange nicht mehr, sondern darum, auf Kosten der anderen voranzukommen, so verhalten sich auch die Konservativen im Bundestag. Keine andere Partei weist annähernd so viele Skandale auf wie die CDU und wer Angela Merkel nachtrauert, sollte mal überlegen, ob ihre Art, die CDU zu führen, nicht genau dazu geführt hat. Konservativismus ist heute nicht mehr wertebasiert, traditionsorientiert in vieler Hinsicht, sondern bedeutet, dass alles so moralisch verlottert weiterläuft in der Politik, wie es sich in den letzten Jahrzehnten eingebürgert hat. Auf diese Art von Konservativismus würden wir gerne verzichten.

Die lediglich 17 Prozent haben uns allerdings doch überrascht, denn bei vielen Fragen haben wir keine Extremposition eingenommen, sondern teilweise sogar neutral abgestimmt: Mithin, des kommt auf den Einzelfall an. Zum Beispiel, wenn es um Verbrechensbekämpfung geht, deren konsequente Handhabung wir sehr wohl als Ausdruck einer Form von Solidarität des Staates seinen Bürger:innen gegenüber ansehen. Allerdings, und da kommt der Einzelfall ins Spiel, würden wir erst einmal mit den Milliardenbetrügern anfangen und bei ihren politischen Helfershelfern, also die wirklich großen Verbrechen, die demokratieschädigend sind, sanktionieren. Und den Fahrraddiebstahl. In Berlin kann man wirklich kein gutes Fahrrad an einem öffentlichen Ort abstellen und wir wissen alle, was dies ökologisch bedeutet und wie gering das Aufklärungsinteresse ist (man ahnt es möglicherweise, das Fahrrad ist ein pars pro toto für die allgemeine Laxheit und leider auch Selektivität der hiesigen Ermittlungspraxis).

Das war nur ein Fragen-Schlaglicht, wir könnten über jede der 18 Fragen viel mehr zu Protokoll geben – wenn wir uns an sie exakt erinnern würden.

Leider haben wir jetzt nicht mehr alle Fragen und unser Abstimmungsverhalten dazu präsent, weil wir uns darauf verlassen haben, dass es am Ende der Auswertung eine Einzeldarstellung gibt, ähnlich wie bei den oben erwähnten Wahl-O-Maten, das ist aber nicht der Fall. Wir machen den Test auch nicht erneut, nicht sozusagen zum Mitschreiben. Dadurch bleibt dieser Beitrag kurz und wir wissen immerhin, dass wir uns gut entwickelt haben und weiter auf Kurs sind, obwohl uns, ganz offen, einiges derzeit ziemlich anfixt, was auf den ersten Blick fortschrittlich erscheinen mag.

Eines ist sicher: Wer in dieser Welt mit ihren dramatischen Veränderungen nicht versucht, progressiv zu denken und zu handeln, macht sich mitschuldig daran, dass die kommenden Generationen keine guten Lebensgrundlagen mehr vorfinden werden. Nicht, was jemand materiell vererbt, zählt, sondern, welche Einstellung zu dieser Welt wir unseren Nachfahren hinterlassen. Hinter Konservativismus verstecken sich allzu oft Klassismus und Sozialdarwinismus, denn was bewahrt werden muss, ist vor allem der eigene Status, unwichtig hingegen sind die berechtigten Ansprüche derer, die von einem konservativ-liberalen System systematisch benachteiligt werden. Dass wir unser eigenes Land kritisch betrachten, unterschreiben wir vollumfänglich, und dabei geht es nicht nur um die Politik, sondern auch um die Mentalität der Bevölkerung oder doch erheblicher Teile von ihr. Dass diese Kritik angebracht ist, zeigt sich in der Corona-Krise besonders deutlich.

Konservativismus ist out, deswegen wird er von der schwindenden Zahl seiner Anhänger:innen so verbissen verteidigt. Wer allerdings bei diesem Test null bis unter fünf Prozent erreicht, den haben wir durchaus im Verdacht, dass er nicht progressiver ist als wir, sondern nicht hinreichend konstruktiv denkt.

TH

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