Honeymoon Killers (The Honeymoon Killers, USA 1970) #Filmfest 680

Filmfest 680 Cinema

Dem Bösen so nah

Honeymoon Killers (Originaltitel The Honeymoon Killers) ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Film-Thriller von Leonard Kastle aus dem Jahr 1970. Zum Zeitpunkt seines Erscheinens ein Misserfolg, galt er in späteren Jahren als Kultfilm.[2][3]

„Honeymoon Killers“, der keinen deutschen Titel hat, war vor allem in den USA ein Flop. Und dies, obwohl die Zeitstimmung von Bereitschaft zur Kritik geprät war und die Kritik am Materialismus, der die Gesellschaft des Landes prägte und prägt, so radikal von der Leinwand mitten in den Zuschauerraum springt, dass man auf jeden Fall involviert wird – „Honeymoon Killers“ ist viel gruseliger als die meisten Gruselfilme. Er belegt vor allem, dass in Menschen so viel Potenzial zum Schaudern liegt, dass sofort klar wird, alle Monster, die je für die Leinwand und in der Literatur erschaffen wurden, sind nur Projektionsflächen für etwas, das in uns selbst liegt. Etwas mehr zum Film liegt noch in der –> Rezension bereit.

Handlung (1)

Die übergewichtige, nicht mehr ganz junge Krankenschwester Martha Beck verliebt sich in den Heiratsschwindler Ray Fernandez. Als er sie nach erfolgter Geldübergabe abservieren will, täuscht Martha mit Hilfe einer Freundin einen Selbstmordversuch vor. Ray beichtet ihr daraufhin die Wahrheit. Beide werden ein Liebespaar und Martha bringt ihre Mutter in ein Heim um sich stattdessen um Ray kümmern zu können.

Danach erschleicht sich das Paar, mit Ray als scheinbar heiratswilligem Bewerber, das Vertrauen älterer, alleinstehender Frauen, um diese auszurauben und zu ermorden. Als eine dieser Frauen, wie es scheint, von Ray schwanger wird, informiert Martha in ihrer Eifersucht die Polizei. Beide werden festgenommen und, wie der Schlusstitel mitteilt, hingerichtet.

Rezension

Wir können gut nachvollziehen, dass der Film 1969 die Zensur auf den Plan rief, denn selbst für heutige Verhältnisse ist besonders der Mord an Janet Fay, mit Tabletten, mit einem Hammer, als Strangulation ausgeführt, außergewöhnlich direkt, in einer langen Einstellung und mit erheblicher Brutalität dargestellt. Allerdings hängt das Gefühl, das man bei der Szene hat, auch davon ab, ob man die rekonstruierte, also ergänzte Version anschauen durfte, denn genau dieser Gewalthöhepunkt war aus der ursprünglichen deutschen Fassung weitgehend herausgeschnitten worden – immerhin als einzige Szene oder Teilszene in einem Werk, das auch sonst genug Diskussionsstoff bietet.

Das offizielle Ende des Production Code im Jahr 1967 machte den Weg frei für Darstellungen, die zuvor nicht möglich waren. Obwohl schon vorher schrittweise aufgeweicht, hielt er die Filmemacher immer noch davon ab, zum Beispiel die Gewalteinwirkung und das Ergebnis derselben beim Opfer in einer einzigen Einstellung zu filmen. Man sah also nie gleichzeitig den Schuss und wie das Opfer getroffen wird. Im Grunde ist diese formale Trennung von Ursache und Wirkung geradezu ein Symbol dafür, wie scheinheilig in den USA mit Gewalt umgegangen wird nämlich. Durch diesen Zwang zum Teilen einer Schussszene wird sie eher banalisiert als gedämpft und steht sinnbildlich für die Abspaltung des nationalen Spaßes an Waffen von dem, was sie anrichten können. Eine Einschränkung gehört zu diesem Absatz: Bei Schlägereien etc. gab es dieses Verfahren nicht in der beschriebenen Konsequenz.

Sehr interessant, dass der Production Code als Zensurinstrument dieselben Initialen trägt wie das heutige Zensurmittel Political Correctness – vielleicht gut, dass „Honeymoon Killers“ in einer Zeit entstand, in der es den PC nicht mehr gab, die PC noch nicht. Allerdings wird sie häufig auch mit „PoC“ abgekürzt, um eine bessere Zuordnung zu ermöglichen.

In „Honeymoon Killers“ ist alles ganz natürlich gefilmt, wie überhaupt der Film Naturalismus mit einem boshaftem Zynismus verbindet, der auch heute noch radikal wirkt. Für Ästheten und Menschen, die an das Gute im Menschen glauben, ist dieses einzige Werk des Regisseurs Leonard Kastle nicht geeignet. Ketzerisch könnte man fragen, warum der Regisseur keinen weiteren Film gemacht hat. Vielleicht, weil er ein Verlustgeschäft war und damit ist auch dieses Schicksal eines Kunstprodukts nur noch Teil der amerikanischen Fragestellung, ironischerweise: Bringt’s Profit oder nicht? Ursprünglich war Martin Scorsese als Regisseur vorgesehen, doch es gab Streit mit dem Produzenten wegen der Ausführung und so ist er ein Einzelstück geworden, kein Teil eines großen Opus, nichts, was man wenigstens in das Schaffen eines herausragenden Filmkünstlers einordnen könnte.

Um „Honeymoon Killers“ gerecht zu werden, sollte man sich ein wenig abspalten, indem man die Satire oder die harsche Kritik am System von der emotionalen Seite ebenso trennt wie Schuss und tot umfallende Person gemäß Production Code.

Der Film ist nicht nur kein Fest für Kino-Ästheten, sondern auch schwierig für Menschen, die ins Kino gehen, um irgendeine Form von Identifikationsmöglichkeit zu finden, denn niemand in diesem Werk bietet uns diese an. Wenn man hingegen eine Abstufung der charakterlichen oder seelischen Verwerfung vornehmen soll, kommt man an Martha in der Spitzenposition nicht vorbei, gefolgt natürlich von Ray, ihrem Komplizen, der aber nicht die treibende Kraft für die Eskalation vom Heiratsschwindler zum Mehrfachmörder ist.

Was den Film im Verlauf so furchtbar macht, ist, dass auch die Gegenseite, die Opfer, so wenig zum Mitleiden anregen. Das ist der sehr kritischen Sicht auf die Gesellschaft zu verdanken. Wir erleben nacheinander eine naiv-groteske Lehrerin, eine Frau, die sich einen Mann für ein uneheliches Kind kaufen will, eine durch und durch ökonomisierte ältliche Parade-Katholikin, eine immerhin attraktive Gesundheitsapostelin, die in vieler Hinsicht einigen Frauen ähnelt, die wir kennen, am Schluss eine Patriotin der unreflektierten Art, ebenfalls attraktiv – und vor allem mit einem Kind, einem etwa sechsjährigen Mädchen. Jede dieser Personen steht für ein amerikanisches Prinzip. Kapitalismus, Religiosität, Esoterik, Mystizismus, Nationalismus.

Jedes dieser Prinzipien hat etwas Ausschließendes, wenn man so fanatisch dahintersteht, wie viele Amerikaner es heute noch, vielleicht sogar mehr tun als 1969, im Entstehungsjahr des Films. Schon deswegen hat er nichts von seiner Aktualität verloren. Man kann viele der genannten Elemente auch so anwenden, dass sie das Leben bereichern, aber wie destruktiv sie auch sein können, das verrät uns unter anderem dieser Film. Wir gehen aber nicht so weit, dass wir deswegen die Morde an den Frauen für in irgendeiner Form gerechtfertigt halten. Dafür sind wir dann auch wieder zu legalistisch und eben zu wenig fanatisch.

Keine der Damen zwingt uns zur Gegenwehr, auch wenn sie in sehr subjektiven Kameraeinstellungen schonungslos so gezeigt werden, dass sie hässlicher wirken, als wenn man ihnen im Alltag begegnen würde. Es wird schon Absicht sein, dass die Opfer in dieser unvorteilhaften Art abgelichtet werden, die Täter hingegen stellenweise sogar gefühlvoll, ja zärtlich von der Kamera eingefangen werden. Vor allem das lange Verweilen auf Martha Becks Gesicht zeigt uns variantenreiche Signale, wohingegen die Opfer in Nahaufnahmen verzerrt und überscharf abgebildet werden.

Die Frage ist ohnehin, ob man einen Film über Menschen machen kann, für die man keinerlei Sympathie empfindet, vor allem als Independent-Regisseur, sofern man Kastle so zuordnen kann. Produktionsseitig trifft independent jedenfalls zu. Die These Kastles ist wohl, dass Menschen wie Beck und Fernandez nur denkbar sind, weil es die entsprechenden Opfer gibt. Wären alle hellsichtig und nicht verblendet von engen Vorstellungen, dann hätten sie ein Gespür dafür, dass mit diesem seltsamen Paar etwas nicht stimmt. Heiratsschwindler gibt es wirklich, und einem frühen Tatort wurde ein solcher auch als Mörder hingebungsvoll charakterisiert. Auch dieser Krimi sprühte übrigens vor Gesellschaftskritik. Aber wären die Opfer anders, wären sie erwachsene Menschen im positiven Sinn, dann gingen sie nicht Typen auf den Leim, die ihnen irgendetwas zu bieten scheinen, das törichte Sehnsüchte oder Eitelkeiten bedient. Die Gesellschaftsform bedingt also das Entstehen von Mordserien wie derjenigen, die in „Honeymoon Killers“ nur endet, weil Martha merkt, wie sehr sie und Ray sich verfahren haben und durch eine anonyme Selbstanzeige bei der Polizei diesem aussichtslosen Leben ein Ende macht.

Dies Leben ist aber nicht aussichtslos, weil den beiden von gewieften Ermittlern die Schlinge um den Hals gezogen wird, Polizisten kommen im Film gar nicht vor – bis auf den Schluss in der Justizvollzugsanstalt. Vielmehr ist es Marthas von Eifersucht gequälte Seele, die dem Druck nicht mehr standhält, dass Ray neben dem Ansichbringen von Geld auch noch den Sex mit den Opfern im Blick hat. Martha kann damit nicht umgehen, zumal er sie diesbezüglich belügt und sie ohnehin ein extrem misstrauischer Mensch ist, der alles sehr persönlich nimmt. Sie ist unsicher, verbirgt dies hinter einem patzigen Auftreten und welche Liebe zum Detail in dem Film steckt, sieht man, als sie eine Pralinenschachtel öffnet und anfangs eine ganz bestimmte Sorte auswählt, die ihr besonders gut schmeckt – und als die Kamera an ihrem massigen Körper nach unten gleitet, man ahnt es, bevor man es sieht, ist die Pralinenschachtel nicht nur leer, sondern regelrecht geplündert. Kontrollierter Genuss geht nicht, wenn man so viel inneren Druck hat wie diese Frau, die den jüdischen Verwaltungschef ihrer Klinik ins Gesicht sagt, sie überlege, ob Hitler nicht doch Recht hatte. Selbst im US-Kino eine ungewöhnlich direkte Art, den Holocaust in einem Gegenwartsfilm geradezu überfallartig ins Spiel zu bringen, zudem lässt Marthas Nachname Beck auf eine deutsche Herkunft schließen. Für sich genommen nichts Besonderes, denn die Deutschen sind nun einmal die größte Einwanderergruppe in den USA. Aber der gezeigte Zusammenhang rechnet zur kritischen Haltung.

Er nimmt nämlich eine bestimmte Gruppe quasi aus der Kritik heraus, weil sie sakrosankt durch die historischen Vorkommnisse scheint, und es wirkt, als sei sie nicht Teil der hier so grell beleuchteten Gesellschaft der USA, sondern auch dort eher Opfer von kruden Menschen wie Martha Beck. Diese Volte kann man den Filmern vorwerfen, weil sie so plump inszeniert ist, grundsätzlich ist Faschismus auch in den USA ein Thema, das sich in der Ausgrenzung durch Abgrenzung äußert, sei es Ethnien, anderen Religionen, anderen Anschauungen gegenüber. An der intellektuellen Spitze ist wohl kein Land so multikulturell, tolerant und intellektuell versiert wie die USA, aber da reden wir von New York und bestimmten Schichten in anderen Metropolen, nicht jedoch von der Bevölkerung auf dem Land und in spießigen, eintönigen Kleinstädten, von der man lieber nicht wissen möchte, was sie wirklich denkt – wobei sie daraus ja kein Hehl macht.

Wieder einmal müssen wir einen Absatz beifügen – anlässlich der Veröffentlichung des Entwurfs für das Filmfest im Jahr 2021. Der Entwurf wurde während der zweiten Amtszeit von Präsident Barack Obama geschrieben, aber wir sind mittlerweile eine ernüchternde Erfahrung mit den USA weiter und die Warnzeichen sind auch nach dem (vorläufigen?) Ende der Trump-Ära unübersehbar, dass die gewaltsame, brutale Seite des Landes den Glanz seiner Höchstleistungen auf fast allen Gebieten immer mehr überdeckt.

Finale

Faszinierend sind die Personen Martha und Ray gewiss, und man muss sie in einen Kontext stellen, der sie weniger monströs wirken lässt, sie also zu Erscheinungen machen, die schwerlich denkbar wären, wenn es mehr Mitleid, soziale Verantwortung, weniger Egoismus und Einsamkeit gäbe. Bei Martha erkennen wir etwas wie einen Schlüssel im Verhältnis zu ihrer Mutter, einer äußerst stark klammernden Person, die Martha emotional ausnutzt und sie wahrscheinlich auch aktiv oder durch ihr Verhalten angefüttert hat, denn die Mutter ist ja eher zierlich. Das reicht nicht aus, um das Abgleiten der Persönlichkeit Marthas nachzuvollziehen, es ist nur ein Aspekt von mehreren, die einen Menschen formen. Immerhin, es gibt ein Umfeld, zu dem aber auch eine treue Freundin gehört, die den Stein erst ins Rollen bringt, weil sie für Martha einen Brief an eine Vermittlungsagentur sendet.

Bei Ray hingegen gibt es keinerlei Hintergrund, außer dem des Immigranten, der schnell merkt, dass er als Latin Lover wie geschaffen ist, um amerikanische Hausfrauen zu verführen. Da er keine ehrliche Haut besitzt, liegt es nahe, dass er sich dies zunutze macht, um materiellen Vorteil daraus zu ziehen. Bis zu diesem Punkt gönnt man ihm das sogar, angesichts der Persönlichkeiten seiner Opfer. Durch die explosive, mörderische Mischung entsteht erst, als er auf Martha trifft, die ihn liebt, ihn besitzen will und mit ihm ein Geschäftsmodell installieren will, das daran scheitern muss, dass Martha nicht cool genug ist, um mordend durch die Gegend zu reisen und sich vielleicht zu sagen, sollen Ray und die Damen doch ihren Spaß haben, für Letztere ist es sowieso bald vorbei. Martha ist ein kranker Mensch. Für uns in Deutschland ist eine spannende Frage, ob sie nach hiesigen Maßstäben schuldfähig wäre oder nicht, also Einsicht in die Qualität ihres Tuns zu haben. Wir meinen, ja. Eine Persönlichkeitsstörung schließt die Zurechnungsfähigkeit nicht per se aus.

„Honeymoon Killers“ gehört zu den Filmen, die nicht alle Tage gezeigt werden, für uns zu den   Überraschungen dieses Jahres und zu den Werken, die eine Art Alleinstellung haben, auch innerhalb der neuen Kategorie der Independent-Filme, die in den USA zwischen dem Ende der 1950er und dem Ende der 1960er Jahre die Szene belebten und dem Hollywood-Großkino unverbrauchte Sichtweisen und Herangehensweisen gegenüberstellte und immer Filme zum Nachdenken hervorgebracht hat.

77/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

Regie Leonard Kastle
Drehbuch Leonard Kastle
Produktion Warren Steibel
Musik Gustav Mahler
Kamera Oliver Wood
Schnitt Richard Brophy
Stanley Warnow
Besetzung

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