Nachttresor – Polizeiruf 110 Episode 19 #Crimetime 1075 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Köpenick #Hübner #Arndt #Nacht #Tresor

Crimetime 1075 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Maskenball und Segelsport

Der 19. Polizeiruf rechnet zu jenen, die der MDR bei seiner Tour durch die Vorwende-Epoche im Jahr 2019 nicht gezeigt hat und der auch nicht in der ARD-Mediathek zu finden ist – aber unser braver Haussender zeigt sie ja nun bei seiner chronologischen Aufarbeitung wirklich alle, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Gab es einen Grund, „Nachttresor“ auszusparen? Bei anderen Filmen, wie etwa „Minuten zu spät“, konnte ich die Entscheidung des einzigen ausschließlichen Ostsenders, sie wegzulassen, einigermaßen nachvollziehen, weil sie auch heute noch kontrovers diskutiert werden können, bei anderen fand ich keine Anhaltspunkte. Wie nun mit „Nachttresor“ und was hat es mit dem Maskenball in einem Film auf sich, der überwiegend im Segler- und Schiffermilieu spielt? Das klären wir alles in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der junge Michael Wormser ist mit seinem 16-jährigen Freund Hans Wökke aus einem Jugendwerkhof entflohen. Michael wird nach einer Woche gefasst und von Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Vera Arndt befragt. Er berichtet, dass Hans in der Mitropa einen ungefähr 30-jährigen Mann kennengelernt habe und mit ihm fortgegangen sei.

Der fremde Mann hat sich Hans als „Freddy“ vorgestellt, er wiederum nennt Hans „Moses“. Er zeigt ihm einen todsicheren Coup: Täglich wird der Nachttresor einer Bank geleert. Die Fahrer des Geldwagens gehen dabei äußerst lax mit den Sicherheitsvorkehrungen um. Rund 12 Sekunden blieben einem Dieb, um die verladenen Geldsäcke zu stehlen. Hans ist schnell genug, um einen Sack an sich zu nehmen und dann über ein ausgeklügeltes System zu fliehen, das Freddy vorbereitet. In der Tatnacht geht jedoch einiges schief. Zwar gelingt es Hans, einen Geldsack zu stehlen, doch ist der Fluchtweg versperrt, weil eine angestellte Leiter von einem Anwohner des Häuserblocks entfernt worden ist. Hans wird schließlich gestellt. Während die Fahrer des Geldwagens jedoch Hans nachgelaufen sind, wurde der Wagen fortgefahren. Jürgen Hübner und Leutnant Vera Arndt gehen davon aus, dass der Freund von Hans diesen hereingelegt und den Wagen mit zwei Geldsäcken weggefahren hat. Hans sollte ein Bauernopfer in dem Coup werden.

Hans schweigt. Michael kann den Ermittlern vage Angaben zu Freddy machen, die jedoch für eine weitere Fahndung nicht ausreichen. Wenig später wird der Geldtransporter gefunden. Er hat leichte Unfallspuren. Die Geldsäcke wiederum wurden nicht vollständig geleert und mit einem Schifferknoten verschlossen zurückgelassen. Die Ermittler glauben, dass der Täter aus dem Schifffahrtsbereich kommt. Mit einem Trick lassen sie Hans laufen, der in die Abbruchwohnung geht, in der er mit Freddy den Diebstahl geplant hat. Freddy jedoch ist nicht da. Am nächsten Morgen holt Vera Arndt Hans in der Wohnung ab. Auch die Befragung der Anwohner bringt nichts Neues, doch kann wenigstens Fräulein Schimke bestätigen, dass sie am Morgen auf dem Weg zur Arbeit Hans in einem Hauseingang warten sah.

Am Ende entscheiden sich die Ermittler, Hans als Kronzeugen des Falls einzusetzen. Er gibt ihnen nicht nur eine Täterbeschreibung, sondern zeichnet Freddys Gesicht auch aus dem Gedächtnis nach. Wenig später kommt es auf einem Seglerfest zu einem Zwischenfall: Ein Berufsfotograf lichtet auch Freddy mit seiner Begleitung ab. Freddy wiederum wird aggressiv und zerstört den Film des Fotografen. Als dieser die Polizei rufen will, drückt ihm Freddy ein Bündel Geldscheine in die Hand. Diese Geldscheine erweisen sich als Teil der Überfallsbeute.

Über den Mechanismus der Kamera kann das letzte Bild des Fotografen sichtbar gemacht werden. Freddy ist nicht zu erkennen, jedoch seine Begleitung: Fräulein Schimke. Bei einer erneuten Befragung sagt sie aus, Freddy seit einigen Monaten zu kennen. Sie übergibt den Ermittlern verschiedene Postkarten, die Freddy ihr geschickt hat. Über die Karten können Jürgen Hübner und Vera Arndt eine Verkehrsroute des Seemannes Freddy rekonstruieren. Sie fahren verschiedene Schiffe ab und werden schließlich fündig. Während Hans im Wagen wartet, befragen die Ermittler als vorgebliche Statistiker zunächst den Kapitän. Als sie anhand von Fotos sehen, dass sie auf der richtigen Spur sind, wollen sie anschließend auch den in Wirklichkeit Hans-Ulrich Pepping heißenden Freddy befragen, doch ist der bereits geflohen. Hans hat sich jedoch an seine Fersen geheftet. Freddy flieht zu einem Bus, in den auch Hans einsteigt. Er gibt vor, dass der Raub des Geldsacks geklappt habe, und ist verwundert, dass Freddy nicht zum vereinbarten Treffpunkt kam. Unbemerkt kann Hans immer wieder fremde Leute alarmieren, sodass die Ermittler auf seiner Spur bleiben und Freddy schließlich verhaften können.

In Freddys Seesack findet sich jedoch kein Geld. Bei der Vernehmung sagt Freddy aus, den Wagen nicht fortgefahren zu haben. Auch den Ermittlern kommen Zweifel. Erst ein erneuter Blick in das Protokoll des Fotografen hilft ihnen weiter: Freddy hatte in die Handtasche seiner Begleitung gegriffen, um den Fotografen auszuzahlen. Tatsächlich findet sich in Fräulein Schimkes Wohnung das gestohlene Geld. Sie sagt aus, dass sie sich an Freddy habe rächen wollen. Dieser habe sie und ihre Wohnung nur für den Raubplan benutzt. Als er seinen Plan fertig hatte, habe er sie fallen lassen.

Rezension

„Nachttresor“ ist der dritte Farbfilm der Reihe Polizeiruf 110 und der erste in Farbe, den Helmut Krätzig inszeniert hat. Von ihm stammt auch das Drehbuch. Der Film ist auf 35-Millimeter-Kinomaterial gedreht und weist besonders bei den Außenaufnahmen teilweise eine moderne bzw. lebensecht aussehende Farbgebung auf, weniger bei den Innenszenen und vor allem hatte ich den Eindruck, ich befinde mich streckenweise im Wachsfigurenkabinett, so extrem sind die Darsteller*innen geschminkt. Das Phänomen gibt es auch in anderen Polizeirufen jener Zeit, aber hier empfand ich es als besonders deutlich ausgeprägt. Stellenweise war ich nicht sicher, ob es dramaturgisch intendiert war oder, weil man befürchtete, die Rotanteile seien zu stark, wenn man nicht die Gesichter und hier wieder vor allem die Lippen sehr stark aufhellt. Hans „Moses“ Wöbke (Mario Müller) wirkt auf dem Revier, wo man ihn erstmals „drinnen“ sieht, als sei er im wörtlichen Sinne leichenblass – weil ihm alles Blut aus dem Gesicht gewichen ist, aufgrund des Schocks darüber, dass man ihn gefasst hat? Auch die beliebten Ermittler Arndt und Hübner wirken durch diese „Einfärbung“ nicht gerade jugendfrisch.

Das sollte aber nicht der Grund dafür gewesen sein, warum man den Film nicht so gerne vorführt, also sollte er inhaltlicher Natur sein. Leider muss ich aufgrund der jetzt vom RBB „nachgelieferten“ Filme und derer, die ich seit November 2019 in der ARD-Mediathek abrufen kann, immer wieder kleinere oder auch umfangreiche Revisionen am bisherigen Bild der DDR-Polizeirufe vornehmen. Zum Beispiel zugunsten von Vera Arndt, die auch in „Nachttresor“ wieder sehr aktiv teilnimmt, auch wenn OL Hübner, von einer sich einschmeichelnden Zeugin als Hauptmann bezeichnet, insgesamt dominiert. Aber wir sehen hier auch einen der ersten jugendlichen Täter, dem ein richtiges Porträt zuteil wird. Er stammt aus einer dysfunktionalen Familie – Vater Alkoholiker, Mutter überfordert -, ist verschlossen und wütend auf die Welt und will ans schnelle Geld, um seinem tristen Dasein, das vorerst auf einem Jugendwerkhof, also mehr oder weniger in Sklaverei gemündet ist, entkommen.  Er gerägt an einen Gewohnheitsverbrecher und lässt sich von ihm als Lockvogel missbrauchen – oder doch nicht?

So eindeutig ist das gar nicht und das Drehbuch sorgt dafür, dass man als Zuschauer immer im Ungewissen über die Motive mehrerer Personen und deren Handlungen bleibt. Das ist relativ ungewöhnlich für einen Polizeiruf jener Epoche, die meisten davon sind als reine Howcatchems aufgebaut: Man bekommt die Entwicklung zum Verbrechen hin gezeigt und weiß als Zuschauer natürlich auch, wer hat was getan. Das ist hier nicht so, obwohl man Planung und Ausführung dieses relativ einfachen Raubvorgangs sieht. Aber waren die Fahrer involviert oder nicht? Kann eine Figur, die von Herbert Köfer dargestellt wird, ein solches Spiel treiben? Bei seinem Fahrerkollegen, welcher von Horst Weinheimer verkörpert wird, genau das Gegenteil: Wenn man viele Polizeirufe gesehen hat, rechnet man seiner Rollenfigur immer zu, dass sie „drinhängen“ könnte. Das ist ganz klug gemacht, obwohl man es in jener früheren Phase der Polizeirufe natürlich noch nicht so anhand älterer Filme noch nicht so klar assoziieren konnte, man also wohl nicht von einer bewusst die Verunsicherung des Zuschauers befördernden Besetzung sprechen kann. Letztlich handeln die beiden zwar fahrlässig, worüber gemäß OL Hübners Aussage noch zu sprechen sein wird, aber sie haben keine Tipps gegeben und kassieren nicht selbst ab, obwohl der eine dem anderen sein Binnenwasserfahrzeug abkaufen will – auch ein recht geschickter Schachzug, denn woher hat so ein Geldfahrer das Geld für solch ein stolzes Kajütboot?

Die tatsächliche Lösung zählt für mich bereits zu den Problemen des Falles, weil sie ziemlich an den  Haaren herbeigeogen wirkt. Klar, Frau Schimke ist eine flirrende Person, man weiß nicht, ob man ihr trauen kann oder nicht, sie wird von Monika Woytowicz so verkörpert, dass wir nicht wissen, welchen Charakter wir vor uns haben – den liederlichen, den die Vermieterin bzw. Zimmerwirtin unterstellt oder ist es so, wie sie selbst sagt? Im Verlauf ist man eher geneigt, der alten Hexe Recht zu geben, obwohl sie durch ihr bösartiges Wesen als Sympathietransporteurin zugunsten von Frau Schimke dient. Auch das ist eine Idee, an der man merkt, wie versiert Helmut Krätzig filmen kann.

Ich meine aber, er hat sich beim Drehbuch stellenweise ziemlich verhaspelt. Zum Beispiel beim Ansegeln: Schauen Sie mal darauf, wer wen erkennt und darauf wie reagiert – das ist nicht stimmig, ebenso, wenn die Polizei auftritt. Und dass die Frau Schimke mal schnell den Geldtransporter klaut, das meiste Geld einfach in einem Hof ablegt und das, was sie mitgenommen hat, im nicht verwendeten Ofen (trauen Sie niemandem, der statt mit dem Ofen oder zentral, obwohl dies möglich ist, elektrisch heizt!) ablegt – okay, überraschend ist es, aber auch nicht sehr glaubwürdig.

Auch die Emil-und-die-Detektive-Szene mit den vielen Fahrrad fahrenden Jugendlichen im Wald ist recht schräg. Nachdem sich unser Werkhofmitarbeiter Hans zu einem wahren Spürhund und Beschatter entwickelt hat, hetzt er dem Kumpel alleine nach, der ihn zum Glück im Wald nicht einfach kaltmacht, trifft auf jene Jugendlichen und zusammen fahren sie dem Mann mit dem Seesack nach, der darin, wie sich herausstellt hat, von der Beute nichts ergattert hat (ein Sack ging bei Hans verloren, als die Fahrer ihn gestellt haben, der Rest, siehe oben, Frau Schimke), ganz und gar der Gelackmeierte ist. Die Jugendlichen und Hans kommen erst gar nicht miteinander klar, sie sind richtig frech ihm gegenüber – und machen urplötzlich doch mit. Wollte uns Helmut Krätzig damit zeigen, dass bei Jugendlichen der frühen 1970er eine Bild-Textschere aufgegangen war, ihr Verhalten also anders gezeigt wird als das, was sie äußern und damit sehr hintergründig um Verständnis für einen neuartigen, rotzigen Slang werben?  Leider dürfen die Fahrraddetektive den Pepping nicht alleine stellen, es muss noch der weiße Wartburg Kombi von Hübner und Arndt auf dem Waldweg anrollen, um dem Mann den Weg zu versperren, der trotz seiner Last über der Schulter so schnell rennen kann, wie die Jungs Rad fahren.

Interessant auch, dass die Polizei die Mittäterschaft der beiden Geldtransportfahrer in Betracht zieht, obwohl diese Hans nachgeeilt sind, ihn gestellt und dabei zumindest einen Geldsack gerettet haben. Das hätte doch ihre eigene Beute verkleinert, wären sie beteiligt gewesen – oder soll man so weit gehen, zu sagen, das könnten Hübner und Arndt als genial angesehen haben, weil die beiden damit den Verdacht von sich lenken und gemeinsam mit Pepping das übrige Geld zu dritt teilen? Nun ja, zumindest wird das nicht diskutiert, wobei die Polizei relativ schnell weiß, es gibt eben jenen zweiten oder vierten Mann, nur will Hans den nicht „verpetzen“.

Wie ein Jugendlicher von versierten Polizist*innen wie Arndt und Hübner innerhalb von 71 Minuten zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft bekehrt wird, ist doch geradezu vorbildlich, was könnte also dagegen im Jahr 2019 einzuwenden gewesen sein? Und dass die Art, wie in der DDR Werte und Wertgegenstände gesichert wurden, zumindest nach Polizeiruf-Lesart sehr lax war, das hat man in anderen Filmen auch schon bewundern oder mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen dürfen, je nach Einstellung zu materiellen Dingen. Nicht nur die Vorschriften sind eher zurückhaltend, sie werden auch in dieser Form nicht eingehalten. Hint: Es gab ja auch das Verbrechen fast gar nicht, im Sozialismus. Wirklich?

Finale

Wie auch immer, die Geldsäcke durchs Kellerfenster wuchten und auf diese Weise den draußen stehenden Fahrern übergeben – nein, man kann nicht sagen, dass die DDR stylisch war. Ich habe in dem Film kein einzelnes Merkmal gefunden, das seine Nichtausstrahlung und Nichteinstellung in die ARD-Mediathek rechtfertigen könnte, aber in der Summe ist er etwas dissonant, nicht nur wegen der zu stark eingesetzten Schminke, die das unangenehme Gefühl vermittelt, der Arbeiter-, Bauern- und Polizeistaat sei schon in den frühen 1970ern eine Art Wachsfigurenkabinett gewesen. Helmut Krätzig hat zwar als Regisseur weitgehend routinierte Arbeit geleistet, aber es gibt Schwachstellen auch bei der Inszenierung – und beim Drehbuch war er möglicherweise von dier Idee geleitet, das bis dahin überraschendste und komplexeste Werk der Reihe inszenieren, von der Ambition, mit seinem ersten Farbfilm innerhalb des Formats Maßstäbe setzen wollen. Das ist ihm hinsichtlich der Zahl der Wendungen wohl gelungen, aber diese wirken nicht allesamt überzeugend und die Figuren sind noch nicht so stimmig wie in späteren Filmen der Reihe, die im Verlauf ihrer Entwicklung auch deshalb so wertvoll wurde, weil sie tiefe Einblicke in das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen in der DDR vermittelt.

6/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Heinz Wennemers
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Küppers
Bernd Sperberg
Schnitt Gerti Gruner
Besetzung

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