Heimkehr in den Tod – Polizeiruf 110 Episode 265 #Crimetime 1077 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Heimkehr #Tod

Crimetime 1077 – Titelfoto © MDR, Domonkos

Täterpersonen, mit denen man fühlt

Der 265. Polizeiruf fällt in jene Phase, über die wir mehrfach geschrieben haben, dass sie nicht die beste des Halle-Duos Schmücke und Schneider (oder des Halle-Teams) war, weil die Filme so sehr in Routine festhingen und einander zu ähnlich wurden. Vielleicht ist das nicht so schlimm, wenn das Ähnliche immer so gemacht ist, dass es emotional mitreißt. Aber sowohl das Verhalten der Polizisten als auch die Anlage der Episodenrollen und der Handlungen verhinderten das zu jenem Zeitpunkt oftmals. Wie nun mit dem 27. von 50 Fällen, die Herbert & Herbert zusammen gelöst haben? Wir schreiben darüber in der -> Rezension.

Handlung (1)

Christina Wengler flüchtet mit ihrer siebenjährigen Tochter vor ihrem gewalttätigen Ehemann von München nach Halle, wo sie herstammt. Das Kind bringt sie für die erste Nacht bei ihrer Freundin Katrin Sander unter, doch am anderen Morgen wird Christina Wengler tot aufgefunden. Obwohl sie aus dem siebten Stock eines Hauses gestürzt war, entdeckt der Rechtsmediziner einen gezielten Schlag auf den Hinterkopf, sodass es kein Selbstmord gewesen sein kann. Im Auto wird eine Pistole gefunden und die Visitenkarte der Hallenser Spedition Langgut. Dort erfahren die Kommissare, das Lutz Langgut ein alter Schulfreund ist, so wie auch Katrin Sander und ihr Freund Rolf Gehrke, die sich derzeit um Christinas Tochter Charlotte kümmern. Sie alle wollten Christina helfen, in Halle neu Fuß zu fassen und sich aus ihrer Ehe zu befreien.

Da Peter Wengler in München informiert wird, erscheint er umgehend, um seine Tochter abzuholen. Er gibt an seine Frau geliebt zu haben und geht erst einmal nicht auf die vom Rechtsmediziner festgestellten Misshandlungen seiner Ehefrau ein. Allerdings bestätigt ein Fax aus München eine Anzeige wegen Körperverletzung von Christina Wengler gegen ihren Mann. Daher gerät er unter den Verdacht, seine Frau umgebracht zu haben. Nach Schmückes Recherche hatte sie auch noch einiges Geld in Aktien angelegt, um es für sich beiseite zu schaffen.

Schneider findet heraus, dass Rolf Gehrke, der die Wohnung für Christina Wengler angemietet hatte, vorbestraft ist und vor acht Jahren mit Christina zusammen war. Kurz nach einer Unterhaltung mit dem Mann, der zurzeit als Taxifahrer arbeitet, erlebt Schneider, wie Gehrke auf einen Mann losgeht, der ihn offensichtlich beobachtet hatte. Er findet heraus, dass es sich dabei um Hannes Reitberger handelt, der als Privatdetektiv arbeitet und im Auftrag von Peter Wengler dessen Ehefrau und ihr Umfeld überwachte. Bei ihrem Umzug nach Halle hatte Christina 200.000 Euro und wertvolle Möbel mitgenommen, die Wengler wiederhaben wollte. Dies alles belastet Peter Wengler immer mehr, doch kann Schmücke keinen Beweis dafür finden, dass jener in der Wohnung war, von der aus seine Frau in die Tiefe gestürzt war. Dagegen verdichten sich Indizien gegen Rolf Gehrke, der nach seinen Angaben der biologische Vater von Charlotte ist und der Christinas Möbel versteckt hat. Allerdings wusste Gehrke nichts von dem Bargeld und knöpft sich sogleich Lutz Langgut vor und holt sich das Geld mit Gewalt, welches sein Freund heimlich für sich behalten wollte. Er bezichtigt ihn auch des Geldes wegen Christina umgebracht zu haben, doch dafür war nicht er, sondern seine Freundin Katrin Sander verantwortlich. Sie hatte herausgefunden, dass Gehrke sie mit Christina betrogen hatte und nun in Halle auch wieder mit ihm zusammenleben wollte. Vor Wut darüber hatte sie zu einem Hammer gegriffen und zugeschlagen.

Rezension

Das Schlimmste zuerst. Schmücke und seine Edith sind wirklich schlimm. Was man mit diesem Hin und Her immer Zeit füllt, damit nicht auffällt, dass die Handlungen für 90 Minuten oft zu dünn gestrickt sind. Aber wie wärmende Unterwäsche unter den zu weiten Plotmaschen fühlt sich dieses winterliche Gezerre leider auch nicht an, eher, als ob man Zuschauern, die Beziehungsstress haben, damit eine Déjà-vu-Korsage anlegen und ihnen die Atemluft so knapp wie möglich machen will, ohne dass sie gleich blau anlaufen. Wenn man weiß, wie es wenig später mit Herbert 1 und Edith ausgehen wird, kann man sich denken, wie es gelaufen ist: Es war einfach kein Grund in diese Nebenhandlung hineinzubekommen, also hat man sie im Nachfolgefilm „Vollgas“ sterben lassen.

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben eine mittlere Wertung (Daumen zur Seite) und schrieben: „Der Fall verzettelt sich in vielen Geschichten“.[2]

So steht es in der Wikipedia. Wenn man den Sonderfall Edith und Herbert mitrechnet, stimmt das auf jeden Fall. Aber auch beim eigentlichen Plot leistet man sich ein paar Volten, die komplett unnötig sind und lediglich die Spannung rausnehmen, wie den Part „Wer wusste nun von den 200.000 Euro und war an deren Erlangung beteiligt?“ Aber jenseits der wenig inspirierenden Handlung wird es doch interessant. Ich konnte mir nicht verkneifen nachzusehen, woher die Regisseurin Karola Hattrop stammt, dabei liegt es doch am Drehbuchautor, dass der Film das Ost-West-Thema mal von einer ganz anderen Seite her betrachtet. Ob man dabei in Klischees macht, ist eine Frage der grundsätzlichen Herangehensweise. Zum Beispiel, wenn der Ehemann aus München als gewalttätig gezeigt wird, was man sich bei Sylvester Groth nur schwer vorstellen kann, dann wird das immerhin nicht „den Männern im Westen“ zugeschrieben, wohl aber den Frauen aus dem Osten, dass sie „krachert“ sind.

Blöderweise habe ich in vielen Polizeiruf-Rezension, die Filme aus der DDR-Zeit betreffen, darüber referieren müssen, dass die Verprollung und auch eine besondere Form von Niedertracht offenbar im Osten besonders gezüchtet wurden. Dabei spielt das zu kurz gekommen sein eine erhebliche Rolle, ebenso die Bespitzelungsdiktatur, die Paranoia und Denunziantentum gefördert hat. Der wirklich schäbige Materialismus, der sich in „Heimkehr in den Tod“ allüberall zeigt, echot das alles und am Ende wirkt die Bemerkung von Schmücke, dass der Vater aus dem Westen, der seine Tochter mitnimmt, auch nicht der bessere Vater sei, wie nachgeschoben, denn von der gesamten „Bagage“, die wir sehen, ist er mit der Sympathischste. Das liegt natürlich an seinem Darsteller, während die anderen sehr an die Polizeiruf-Figuren aus der Zeit erinnern, als in der DDR Einzelne oder Kollektive nichts anderes im Kopf hatten, als Schmu zu machen, anstatt sich im Sinne des sozialistischen Aufbaus die Köpfe darüber heiß  zu diskutieren, wie man endlich der Mangelwirtschaft abhelfen könnte. Der Rückschluss liegt nahe, dass der Normalbürger daran nichts ändern konnte.

Es sind nicht einzelne Charakterfehler, sondern eine gewisse niedrige Gesamteinstellung, die das Anschauen des Films interessant und gleichzeitig begrenzt gustativ machen. Ich glaube, viele Menschen mit Beziehungserfahrungen aus beiden „Zonen“ können zu diesem Film etwas sagen. Interessanterweise hatten wir das Thema am Heiligen Abend zuletzt und dabei fällt mir ein, dass die gepflegtere Erscheinung vieler männlicher Wessis (Office 365 hat mich gerade auf einen Mangel an neutraler Sprache hingewiesen, ich lasse den Begriff aber hier stehen, denn ich habe als Angehöriger dieser Gruppe ein originäres Recht auf dessen Verwendung, ebenso wie für „Kartoffel“, „Piefke“, „Kraut“ oder „Boche“), die der Unternehmer aus München repräsentiert, dabei auch diskutiert wurde. Der Film entstand 15 Jahre nach der Wende, heute sind wir wieder 15 Jahre weiter und was hat sich geändert? Wie hat sich alles entwickelt? Reden wir lieber nicht darüber, besonders nicht die politischen Einstellungen betreffend. Vor ein paar Jahren hatte ich noch die Hoffnung, es wird sich in der jüngeren Generation politisch auswachsen. Danach sieht es derzeit aber nicht aus und wenn wir bedenken, wie lange die Traumata von Generationen vor uns fortwirken, liegt das nicht so fern. Auch Menschen, die in der Ehe gewalttätig werden, sind auf eine Weise davon betroffen und geben ihre Probleme weiter, die man z. B. in schwarzer Pädagogik oder in Missbrauch und Misshandlung verorten kann.

Dann gibt es noch die Blonden in dieser Welt. Männer wie Frauen, das ist bekannt, waren in der DDR nicht besonders auf Treue ausgerichtet. Natürlich gab es Fremdgehen auch im Westen, aber das war in den Zeiten der stärkeren kirchlichen Prägung und besonders in katholischen Gegenden durchaus ein moralisches Thema von nicht geringem Stellenwert, wodurch nicht ganz diese Beliebigkeit entstand, die ich selbst seit meinem Ankommen in Berlin wahrgenommen habe.

Mittendrin eine Frau, die sich an einen Typ hängt, der so ein typisches Produkt des Wertevakuums ist, irgendwie nett, aber auch ohne Grundsätze und allezeit bereit, etwas mitzunehmen – auch wenn er damit die neben dem Herrn Schmücke einzige Person, die ernsthaft in Beziehungsangelegenheit ist, beinahe tödlich beleidigt. Sie geht auf ihre eigene Freundin los und diese kommt dabei tatsächlich zu Tode. Am Ende hat man das Gefühl, die gesamte Clique der ehemaligen Hallenser Schüler*innen ist toxisch, weil niemand da ist, der für – ja, man muss  es wohl so sagen – für Ordnung oder wenigstens für Orientierung sorgt. Wer will schon auf Lebenszeit nur mit solchen Menschen zu tun haben?

Trotzdem hat mir die Täterin leidgetan. Sie ist das „Seelchen“ unter diesen wenig empathischen Menschen. Diese Person wird von Susanna Simon auf eine Weise gespielt, dass man sie annehmen und ihr Verhalten nachvollziehen kann, inklusive der Tatsache, dass sie die Tochter der nunmehr toten Freundin nicht unbedingt aufziehen möchte. Die Szene im Zoo, in der sie sich an den Arm des Mannes ihrer wenig ambitionierten Träume hängt, wirkt etwas threatralisch, aber nicht unrealistisch.

Finale

Vielleicht hätte ich zu einem anderen Zeitpunkt die Rezension nicht so sehr unter die Prämisse von Beobachtungen gestellt, von denen ich sehr wohl weiß, dass sie spaltend sind und vielen Menschen nicht gerecht werden. Aber dass mir vieles in diesem Film authentisch vorkam und eben nicht so unbedingt auf leblos-neutral gestylt wie in anderen Schmücke-Schneider-Polizeirufen, die Mitte der 2000er auf die Bildschirme kamen, liegt eben auch daran, dass hier nochmal richtig in die Kacke gehauen wird, und zwar, ohne dass ein Bruno Ehrlicher da ist, der alles immer aus seiner Sicht des DDR-Bürgers kommentiert. Schmücke und Winkler verhalten sich diesbezüglich konsequent neutral und das führt dazu, dass man mehr ins Nachdenken kommt und sich weniger manipuliert fühlt.

Der Film ist recht hintergründig, weil er das Regionale und Ost gegen West deutlich ausspielt und Menschen explizit typische Eigenschaften zuordnet oder sie sich so verhalten lässt, dass man plötzlich nicht mehr das Individuelle ihres Verhaltens sieht, sondern – sic! – das Typische. Trotz seiner nicht zu übersehenden Mängel hebt das den Film aus anderen jener Periode des Halle-Tatorts ein wenig heraus.

7/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

(1) Wikipedia

Regie Karola Hattop
Drehbuch Clemens Berger
Produktion Susanne Wolfram
Musik Eike Hosenfeld,
Moritz Denis
Kamera Hans-Jörg Allgeier
Schnitt Christiane Fazlagic
Besetzung

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