Madame Dubarry (DE 1919) #Filmfest 688 #DGR

 #Filmfest 688 Cinema – Die große Rezension

Es wird alles prächtiger und weniger lustig

Madame Dubarry ist ein deutscher Historienfilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1919.

Wir sind auf dem Lubitsch-Entdeckungstrip immer mehr erstaunt darüber, wie sich der Meister der Gesellschaftskomödie, als welcher er sich in den USA während seiner Tonfilmzeit in erster Linie darstellte, in Deutschland lange zuvor als Macher in verschiedenen Genres erwiesen hatte. Seine Lerngeschwindigkeit war dabei beachtlich und seine Art, auch mit Literatur umzugehen, mindestens kühn, wenn nicht visionär. Um es gleich zu schreiben: Madame Dubarrys Schicksal hat nicht zur französischen Revolution geführt.

Aber es war mit ihr verknüpft und endete mittenin diesem Kesseltreiben – auf dem Schafott, wie der Film es dann wieder richtig zeigt. Bei allem, was historisch falsch oder richtig ist, dieser fast zwei Stunden lange Film war für seine Zeit ein epochales Werk und Lubitsch beweist über sieben Akte hinweg einen langen Atem für Dramaturgie, der zu jener Zeit nicht einmal in Hollywood etabliert war und wendet dabei zwar noch nicht komplett ausgeprägt, aber schon sehr inspiriert und intuitiv die typische Dramaturgie solcher Filme an, die es ermöglicht, so lange im Kinosessel, vor dem Fernseher, oder, in unserem Fall am gestrigen Abend, vor dem Computer zu sitzen. Wie das möglich war, bei einem über 100 Jahre alten Stummfilm, der bezüglich der Bildqualität und der Schnitttechnik sein Alter durchaus nicht durch Überrestaurierung versteckt? Mehr dazu in der –> Rezension.

Handlung (1)

In sieben Akten wird der folgende Inhalt dargestellt: Die arme Jeanne arbeitet im Hutmacherladen der Madame Labille. Sie und der Student Armand de Foix sind ein Paar, dennoch ist Jeanne nicht abgeneigt, als ihr der spanische Gesandte Don Diego den Hof macht. Zwischen Armand und Don Diego kommt es zum Duell, bei dem Don Diego getötet wird. Armand wird verhaftet und Jeanne die Geliebte des Grafen Guillaume Dubarry. Als Guillaume aufgrund ihres gemeinsamen verschwenderischen Lebensstils kurz vor dem Bankrott steht, schickt er seine Geliebte mit einer Bittschrift zu dem Minister des Königs, Herzog von Choiseul, der allerdings die Zahlung des erbetenen Geldes ablehnt. Auf ihrem Rückweg fällt Jeanne jedoch König Louis XV. selbst auf, der sie als Maitresse erwählt.

Als Jeanne einen beleidigenden Brief erhält, der ihr Verhältnis mit dem König verunglimpft, fordert sie Genugtuung und der König beschließt, sie offiziell bei Hofe einzuführen. Vorher braucht sie jedoch einen Adelstitel, weshalb sie sich mit Guillaumes Bruder Jean Dubarry vermählt. Als Gräfin Dubarry und Maitresse des Königs ist sie nun die mächtigste Frau Frankreichs. Armand, der auf ihr Betreiben aus dem Gefängnis freikam und einen Posten als Soldat des Königs erhalten hat, wird auf ihr Geheiß zum Leutnant der Schlosswache ernannt. Als solcher erlebt er, wie eine Gruppe gegen die Maitresse protestierender Menschen mit Waffengewalt auseinander getrieben wird und beginnt, die ihm unbekannte Maitresse zu verabscheuen. Umso entsetzter ist er, als er in ihr seine frühere Geliebte erkennt. Er verlässt das Schloss und wendet sich an seinen Freund Paillet, einen Schuster mit kleinem Kind und kranker Ehefrau. Die Familie hat nichts zu essen, weil das Brot immer teurer und die Steuern immer höher werden. Es formiert sich eine protestierende Menge, deren Anführer Armand wird. Sie stürmen die Bäckerei und Armand wird von den Soldaten des Königs festgenommen.

Herzog von Choiseul gibt Armand zu verstehen, dass nur Madame Dubarry ihn ins Unglück gestürzt habe. Als Armand meint, dass er sich, wenn er frei wäre, an ihr rächen würde, entlässt Choiseul ihn sofort in die Freiheit. Um Schuster Paillet formiert sich eine Rebellengruppe, deren Wortführer zunächst Armand ist. Als dieser von der verkleideten Dubarry Besuch erhält, schwört er jedoch, ihr nichts zu tun. Die Rebellengruppe geht zum König, der jedoch vor ihren Augen mit schwarzen Pocken zusammenbricht. Auf eine gehässige Bemerkung hin veranlasst Madame Dubarry die Verhaftung Paillets. Der König verstirbt an seiner Erkrankung und Madame Dubarry wird vom neuen König Louis XVI. des Palastes verwiesen.

Paillets Frau stirbt und Armand verspricht ihr am Sterbebett, ihren Mann zu befreien. Die Revolution beginnt. Die Aufständischen stürmen die Bastille und befreien Paillet. Kurze Zeit später wird der König aus dem Schloss vertrieben und Madame Dubarry verraten. Sie wird vom Revolutions-Tribunal, dessen Vorsitz Armand hat, zum Tode verurteilt. Armand, der ihr die Flucht ermöglichen will, wird als Verräter erschossen und stirbt in ihren Armen. Kurze Zeit später wird Madame Dubarry auf dem Schafott hingerichtet.

Produktion (1)

Madame Dubarry wurde auf dem Ufa-Freigelände, vor der Kulisse des Neuen Palais in Potsdam und im Ufa-Union Atelier in (Berlin-)Tempelhof gedreht. Die Zensur belegte den Film im Juli 1919 mit einem Jugendverbot. Die Uraufführung des Films fand am 18. September 1919 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin statt; es war die Eröffnung dieses bedeutenden Berliner Filmtheaters.

Rezension

„Ja, der Abend ist am besten gekennzeichnet als Ehrenabend Negri-Lubitsch. Lubitsch, den man als Regisseur von Carmen schon auf der Höhe seines Könnens glaubte, hat sich hier selbst übertroffen und alles bisher Geleistete vergessen gemacht vor dieser genialen Schöpfung. […] Lubitsch ist nicht ein, sondern „das“ Genie der Film-Regie und zweifellos der Erste, den wir heute haben. Ob Freund, ob Feind, wer Gräfin Dubarry sieht, muß das zugeben“ – Lichtbild-Bühne 1919[1]

Kein Zweifel, der Film (und der nachfolgende „Anna Boleyn“) ebneten Lubitsch und Negri gleichermaßen den Weg nach Hollywood. Alles, was Lubitsch bis dahin gezeigt hatte, findet hier zusammen. Sogar sein Humor schimmert immer wieder durch. Aber genau in dem Sinn, wie Hollywood von Meistern wie ihm gelernt hat, Filme zu inszenieren: Anfangs herrscht eine gewisse Leichigkeit und man findet sich als Zuschauer mühelos mit den Charakteren zurecht, man adaptiert sie, identifiziert sich mit ihnen und geht jede Wendung ihres Schicksals mit, auch wenn sie, wie die Dubarry, durchaus nicht nur positiv, sondern ambivalent dargestellt werden: Ihr wird zum Verhängnis, dass sie sehr authentisch ist, easy going, moralisch nicht ganz auf der sicheren Seite, aber nicht so intrigant und verschlagen wie die institutionellen Höflinge von Versailles. Das kann sie als Mädchen aus dem Volke, als Hutverkäuferin, als die wir sie kennenlernen, nicht sein. Ihren Weg bis dahin zeichnet der Film nicht nach und das ist auch richtig, denn sie hat in dieser Funktion von Beginn an Kontakt mit Höhergestellten und von dort aus entwickelt sich alles mit beeindruckender Konsequenz und Logik. Selbst, wenn sie aktiv wird, dann eher durch Zufall, die Umstände führt sie nicht herbei, nutzt sie nicht einmal konsequent aus, sondern ist lediglich eine Frau, die den mächtigen Männern gefällt. Etwas zu gut gefällt. Denn das gefällt nicht allen bei Hofe.

Deswegen muss an dieser Stelle die Schauspielkunst eines weiteren Darstellers gewürdigt werden: Reinhold Schünzel.

Mit Beginn des Tonfilms kam Schünzels komisches Talent als Regisseur besser zur Geltung, so vor allem bei Viktor und Viktoria (1933)Die englische Heirat, Die Töchter ihrer Exzellenz (1934) und Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück (1935), die alle auch in französischer Version für den Export entstanden. Er durfte allerdings nur mit Sondererlaubnis des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels arbeiten, da Schünzel als „Halbjude“ galt.

Nachdem er zunächst eher Schurkenrollen gespielt hatte, wie auch in „Madame Dubarry“, obwohl ihn hier seine gräfliche Schwester an Bosheit übertrifft, indem sie das Volk gegen die Dubarry aufhetzt. Vermutlich gab es in Frankreich selbst damals keinen Filmschauspieler, der einen dieser überzüchteten und abgrundtief im Denken des Absolutismus verhafteten Höflinge so gut darstellen konnte, wie Reinhold Schünzel es hier tut. Bis auf die Tatsache, dass im Tonfilm das Augenspiel weniger betont wurde, ist die Rolle beinahe zeitlos und nicht ohne Komik. Aber da sitzt jede Geste, jede Bewegung perfekt, auch Emil Jannings als Ludwig XV. wirkt dagegen eher plump. Das war sicher so gedacht, die Könige selbst kommen auch in den Musketier-Filmen eher naiv daher, aber es kommt auch zutage, dass die Dubarry ihm wirklich die Tage verschönt hat und die Nächte sehr versüßt haben muss. Die Gefühle der beiden füreinander sind echt, deswegen ist die Frau auch zwischen dem König und ihrem eigentlichen Liebsten, dem späteren Revolutionär Armand, hin- und hergerissen. Lubitsch ist kein Moralist, glücklicherweise, daher dürfen die Figuren, bis auf den Minister, ambivalent sein. Das gilt selbst für den afroamerikanischen Sklaven, den der König seiner Geliebten schenkt. Er setzt sein Talent als Spion für sie ein und später gegen sie. Ihr Geliebter weiß nicht, ob er sie verurteilen oder ihr vergeben soll. Sie sorgt für seine Begnadigung, sie protegiert ihn, nachdem sie aufgestiegen ist, vergisst ihn nicht, und bringt ihn an anderer Stelle in Schwierigkeiten.

Dass ein Lubitsch-Film damit enden könnte, dass ein Henker den Kopf einer Frau ins johlende Publikum schmeißt und man in der letzten Einstellung nur noch dieses leblose, abgeschlagene Haupt mit geschlossenen Augen sieht, wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht. Ich hätte von ihm erwartet, dass er uns das erspart. Aber er geht ganz in der Rolle des Inszenators eine historischen Dramas mit tragödialem Ende auf und selbst seinen zuweilen immer noch humoristischen Stil habe ich nicht als Bruch aufgefasst, weil er zum Setting durchaus passt. Er vermeidet Übertreibungen wie in „Die Austernprinzessin“, die alles hätte zu sehr in Richtung Satire gehen lassen können, aber schafft schon knapp die Inszenierung von Massenszenen, die er zuvor nie gedreht hatte. Knapp deshalb, weil sie zwar füllig wirken, aber noch nicht perfekt choreografiert sind. Diesbezüglich hatte Cecil B. de Mille in Hollywood wohl die Nase vorne, aber auch das kann man lernen.

Die französische Kritik zeigte sich zunächst entsetzt, dass die französische Geschichte so kurz nach dem Ersten Weltkrieg durch Deutsche verfilmt wurde („Die graziöse und leichte Epoche Ludwig XV., wieder erweckt durch die Herren vom Sauerkraut mit ihren kleinen runden Augen und ihren schweren Bäuchen!“), befand jedoch, dass „die Ausführung, abgesehen von einigen Irrtümern, bewundernswert ist.“[2]

Was der Deutschland-Komplex der Franzosen schon alles an Verwerfungen in Europa bewirkt hat, füllt ganze Bibliotheken und stört weiterhin die europäische Einigung, aber der Film verbindet im Grunde Eigenschaften vieler Nationen und ist bereits ein europäisches Projekt. Er bildet die Eleganz Frankreichs und die technischen Fähigkeiten der Deutschen gleichermaßen ab, die Grausamkeit der Revolution und einer sinnlos prassenden Aristokratie, die man ohne Weiteres als eigentlichen Auslöser derselben erkennen kann, die Dubarry ist dabei ein Bauernopfer, das in die Mühlsteine der Geschichte gerät, als ihr Beschützer, der alte König, stirbt. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Stoff in dem Moment in die Kinos kam, als überall in Europa die Revolution in der Luft lag und in Russland sogar durchgeführt wurde:

Das Lexikon des internationalen Films stellte fest, dass „Lubitschs publikumswirksamer, aber reichlich bedenkenloser Umgang mit dem Thema […] in makabrem Kontrast zu den revolutionären Unruhen im Deutschland des Jahres 1919 [stand].“[3] Andere Kritiker betonten, dass sich „Lubitsch in den Massenszenen […] als Meister des kunstvollen und großen Arrangements [erweist].“[4]

In Deutschland scheiterte die eigentliche Revolution, die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. änderte an den Machtverhältnissen nicht allzu viel, wie sich bald erweisen sollte. Wäre Deutschland eine dann konstitutionelle Monarchie geblieben, hätten es wohl die Nazis nicht so leicht gehabt, aber das ist natürlich nicht beweisbar. So bedenkenlos fand ich den Umgang Ernst Lubitschs mit dem Thema gar nicht, auch wenn er sich künstlerische Freiheiten vor allem am Ende des Films erlaubt hat, mit diesem untrüglichen Gespür dafür, komplexe Vorgänge dramaturgisch so zu verdichten, dass dabei auch ein paar Vereinfachungen entstehen und Zusammenhänge mehr oder weniger behauptet werden, die es in Wirklichkeit nicht gab. Damit fischt er aber einiges von der Essenz jener Zeitenwende, extrahiert aus dem komplexen Revolutionsgeschehen in Frankreich ein paar Wesentlichkeiten heraus und so roh er den Zeitgeist auch darstellt, so sehr dabei die Perspektive des Volkes verkürzt wird, so sehr werfen einige Szenen doch ein Schlaglicht auf unhaltbare Zustände, die nach Veränderung drängten.

Billy Wilder hat den Satz hinterlassen „Du darfst nicht langweilen“, das sei sozusagen das Meta-Gebot, an das sich ein Filmregisseur zu halten habe. Ernst Lubitsch war bekanntlich Wilders größtes Vorbild und ich habe mich bei „Madame Dubarry“ nie gelangweilt. Der Film hat kaum Leerstellen, sondern besteht aus einem für die Verhältnisse der Zeit sehr dicht gepackten Drehbuch. Die Visualität ist nicht revolutionär, Lubitsch hat sich bei einem so teuren Film, wie dieser im Vergleich zu anderen Produktionen seiner Zeit gewesen sein muss, keine Experimente erlaubt, aber konzentriert gefilmt und krankt nur an einigen Schnittschwächen, bei denen man nicht ganz sicher sein kann, ob sie auf der noch etwas rudimentären Technik beruhen oder ob wir nicht ganz das Original sehen. Es gibt sie noch, die harten Übergänge, die zu kurzen Einstellungen, sogar einen markanten Continuity-Fehler, aber vermutlich konnte der Film erst im nachkaiserlichen Deutschland auch deshalb entstehen, weil nicht nur die Zeit das Thema forderte, sondern weil Lubitsch sich entschlossen hatte, exakt das gerade technisch Mögliche zu machen, es nicht zu überreizen, aber auch nicht hinter dem einigermaßen beherrschbaren Maximum zurückzubleiben.

„Unter meinen historischen und Kostümfilmenwürde ich Carmen, Madame Dubarry und Anna Boleyn für die wichtigsten halten. Die Bedeutung dieser Filme liegt meiner Meinung nach in dem Umstand, dass sie sich radkal von der italienischen Schule der Monumentalfilme unterschieden, die damals sehr en Vogue war. Diese italienischen Filme hatten alle etwas von großer Oper an sich. Ich dagegen habe versucht, meine Filme zu ent-opern und meine historischen Figuren zu vermenschlichen. Für mich waren die Nuancen der Intimität genauso wichtig wie die Bewegung der Massen. Beides habe ich versucht miteinander zu verschmelzen.“ (Lubitsch an seinen Biograf Theodore Huff im Jahr 1947, zitiert nach Bandmann / Hembus, Klassiker des deutschen Stummfilms).

Aufgrund Lubitschs filmischer Schulung, die eher das deutsche Theater als die italienische Oper zeigt, ist ihm die Verschmelzung war etwas zulasten der Massenszenen ausgefallen, aber damit auch zugunsten der Intimität. Viele Szenen sind schon erstaunlich subtil gestaltet und dem Leben ebenso wie den dramaturgischen Anforderungen des großen Kinos gleichermaßen geschuldet.

„Das Vorbild italienische Historien-Spektakelfilme (…) und sein eigener Erfolg mit den Lubitsch-Filmen „Die Augen der Mumie Mâ“ und „Carmen“ hatten den Produzenten der Projektions-AG Union (PAGU), Paul Davidson, den Ehrgeiz eingegeben, den „größten Film aller Zeiten“ zu drehen. Die Wahl des Dubarry-Sujets, auf das er sich mit seinem 27-jährigen Star-Regisseur einigte, war kühn und frivol, denn erstens war das Revolutionäre, das dieses Sujet enthält, auf den Straßen Deutschlands gerade reichlich und blutig vorhanden, zweitens bemächtige man sich als der soeben erst besiegte Erbfeind der heiligsten Güter der französischen Nation, die aber, drittens, zusammen mit den übrigen, Deutschland noch immer sehr feindlich gesonnenen westlichen Staaten, als Absatzmarkt für einen Film dieser finanziellen Größenordnung dringend gebraucht wurden. Davidson aber mobilisierte unerschrocken seine Ressourcen und Lubitsch engagierte sein Exoten-Paa aus den Augen der Mumie Mâ, Pola Negri und Emil Jannings, für einen neuen Ausflug ins Exotische; mit der „Madame Dubarry“ sollten dann die beiden die ersten richtigen Weltstars des deutschen Kinos werden.“ (Bandmann / Hembus, a. a. O.)

Heute, wo das technisch hochgejazzte Gigantenkino die Maßstäbe vollkommen verschoben hat, kann man kaum ermessen, wie große der Aufwand für den Film im damaligen Maßstab war.

„Neben diesen Stars bat sich Lubitsch die besten Schauspieler Deutschlands aus und 250 Komparsen, aus denen dann im Laufe des Films 2.000 wurden.“ (S. o.)

Schon deswegen reflektieren die 6,7/10, die der Film aktuell in der IMDb erhält, nicht seinen Wert, sondern messen ihn wohl an dem, was heute Standard ist, obwohl Filme wie dieser erst zu den heutigen Standards geführt haben – und eben nicht Dr. Caligari, der immer noch mit 8/10 bewertet wird. Ob die heutigen Standards wiederum der Maßstab für unsere Ansprüche an die Filmkunst sein sollten, ist eine andere Sache. Es gibt nicht mehr so viel Neues zu entdecken wie vor 100 Jahren, aber anstatt feine, kleine Geschichten zu erzählen, wird das Kino immer mehr in technisches Spektakel getrieben. Dafür aber sollte man Lubitsch nicht verantwortlich machen, denn er hat ja viel Wert auf die Intimität des Zwischenmenschlichen gelegt. Oben steht es geschrieben und ich hatte nach dem Film das typische Gefühl, das ich auch nach gelungenen Tonfilmdramen habe: Ich saß für einige Momente still und ließ die emotionale Einwirkung des Gesehenen abklingen. Das lag sicher auch an dem harten Ende, aber die Bewunderung für das Gesehene spielte ebenso eine Rolle. Gerade habe ich gelesen, wie das Publikum bei der Premiere reagiert, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, liebe Leser:innen:

„Als der Film zu Ende war, herrschte atemloses Schweigen. Emil [Jannings] sah ganz zufrieden aus. Lubitsch und ich wechselten nervöse Blicke. Vielleicht mochte das Publikum gar nicht, was wir für unsere beste Arbeit hielten? Dann kam die Decke herunter. Ein donnernder Applaus brach los und nahm kein Ende mehr. Die Leute begannen, unsere Loge zu stürmen. Wir mussten fürchten, von diesem Enthusiasmus einfach zerfetzt zu werden.“ (Pola Negri, Memoirs of a Star, zitiert nach Bandmann / Hembus, a. a. O.)

Finale

Vielleicht fehlt doch das eine oder andere Stückchen, denn die heutige Fassung ist 1 h 53‘ lang, während im nun mehrfach zitierten Buch von 2 Stunden und 15 Minuten inklusive 15 Minuten Pause die Rede ist. Aber vielleicht ist diese Angabe auch nicht so exakt, wer sagt schon „nach zwei Stunden und acht Minuten?“. Die Akte werden, das habe ich in diesem Film erstmals bei Lubitsch gesehen, nicht mit Zwischentiteln getrennt. Auf der linken, der französischen Seite der Zwischentitel sind die Titelkarten aber nummeriert und man weiß immer, in welchem Akt man sich befindet. Dramaturgisch gesehen gibt es keine Siebenakter, gemeint ist die Zahl der Filmrollen, die für dieses Werk benötigt wurden, sie hatten eine Länge von etwa jeweils 15 Minuten. Und der Film wurde mit Pause gezeigt, auch das ist wichtig und war bei Großfilmen auch später noch üblich.

Der Nachfolger im Sinne des historischen Langfilms, „Anna Boleyn“, wird von Bandmann / Hembus nicht so herausgestellt, aber als Ergebnis dessen apostrophiert, was Lubitsch und sein Produzent Paul Davidson bei „Madame Dubarry“ gelernt hatten, der tatsächlich seinen Weg in die Welt fand, wenn auch teilweise unter Umständen, die der damaligen Nachkriegssituation geschuldet waren. Wenn man den ganzen Lubitsch erfassen will, zählt „Madame Dubarry“ zu den Essentials.

79/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia 

Regie Ernst Lubitsch
Drehbuch Fred Orbing,
Hanns Kräly
Produktion Paul Davidson
für Projektions-AG „Union“
Musik Alexander Schirmann (1919),
Carsten-Stephan Graf von Bothmer (2007)
Kamera Theodor Sparkuhl
Besetzung
·         Pola NegriMarie-Jeanne Bécu, comtesse du Barry
·         Emil Jannings: König Ludwig XV.
·         Reinhold SchünzelHerzog von Choiseul
·         Harry Liedtke: Armand de Foix
Eduard von Winterstein: Graf Jean Dubarry
·         Karl Platen: Guillaume Dubarry
·         Paul Biensfeldt: Kammerdiener Lebelle
·         Magnus Stifter:Don Diego
·         Wilhelm Kaiser-Heyl: Kommandant der Schloßgarde
·         Elsa Berna: Herzogin von Gramont
·         Fred Immler: Herzog von Richelieu
·         Gustav Czimeg: Herzog von Aiguillon
·         Alexander Ekert: Schuster Paillet
·         Marga Köhler: Madame Labille
·         Bernhard Goetzke: Revolutionär
·         Robert Sortsch-Pla

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