Schuld – Polizeiruf 110 Episode 328 #Crimetime 1079 #München #vonMeuffels #BR #Schuld

Crimetime 1079 – Titelfoto © BR, Jürgen Olczyk

Im Dorf, da gibt’s a Sünd und die Schuld gibt’s auch

Schuld ist ein Fernsehfilm aus der ARD-Krimireihe Polizeiruf 110. Der Film wurde vom BR unter der Regie von Hans Steinbichler produziert und am 29. April 2012 erstmals im Ersten ausgestrahlt. Es ist der dritte Fall des Münchner Polizeiruf-Ermittlers von Meuffels. (1)

Die Exkursionen aufs Land haben schon etwas Existenzielles. Nicht nur, dass die Menschen sehr einfach denken und dadurch die Kategorien sichtbarer werden und die Moralität nachvollziehbarer erscheint, die Polizist*innen aus der Stadt haben da draußen auch ihre Mühe, weil die Menschen eben anders sind als sie. Der Abstand, die Differenz zwischen „dem Herrn Baron“ und den Bauern ist natürlich besonders groß, da er nicht mal bayerisch spricht und die Menschen teilweise erst einmal dazu bringen muss, sich so auszudrücken, dass er’s eben – parallel zum Publikum, das nicht aus Bayern stammt, sehr geschickt gemacht. Ob alles an dem Film so versiert wirkt wie diese Gegenüberstellung der Lebenswelten, klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Hanns von Meuffels erhält den Auftrag, sich um einen ungeklärten Mordfall zu kümmern. Xaver Edlinger war beschuldigt, Anton Filser mit einer Bierflasche erschlagen zu haben, doch aufgrund der Beweislage musste er freigesprochen werden. Weder Fingerabdrücke an der Tatwaffe noch ein Motiv konnten seinerzeit gefunden werden.

Von Meuffels’ Assistentin Burnhauser hat alle Akten zusammengetragen und einen DNA-Test angefordert, der nun nach 12 Jahren tatsächlich an der Tatwaffe Anhaftungen von Xaver Edlingers DNA nachweist. Burnhauser kommt damit in einen persönlichen Konflikt, denn sie kennt den Beschuldigten, weil sich die Geschehnisse in dem Dorf zugetragen hatten, aus dem sie stammt.

Verzwickterweise hat sich ihre Schwester Kati gerade mit Xaver verlobt. Ohne sich mit von Meuffels abzusprechen, überbringt Burnhauser ihrer Schwester diese Hiobsbotschaft, um sie vor Xaver zu warnen und zu schützen. Zugleich nimmt sie Xaver fest und mit nach München.

Mit dieser Eigenmächtigkeit bringt sie sich in größte Schwierigkeiten und erhält eine Abmahnung. Sie hat nicht bedacht, dass niemand für die gleiche Tat zweimal verurteilt werden kann. Es sei denn, der Mörder gesteht seine Tat oder eine andere Person hat einen Meineid geleistet. Unter Protest bringt sie den Beschuldigten zurück in das Dorf, für das Xaver nun dennoch als Mörder gilt. So wollen die Bewohner des Dorfes Gerechtigkeit und drohen mit Selbstjustiz.

Sie versuchen, Xaver Edlinger in ihre Gewalt zu bringen und ein Geständnis zu erzwingen. Von Meuffels kann dies gerade noch verhindern, aber damit geben die Dorfbewohner nicht auf und belagern Edlingers Haus. Während der Kommissar so gut es geht versucht den Mann zu beschützen, sucht seine Assistentin in München nach Auffälligkeiten in den Akten. Sie findet dabei einen Hinweis auf Edlingers Schwester.

Sie hatte den Toten seinerzeit gefunden und ist nicht als Zeugin im Prozess geladen worden. Nach weiteren Recherchen findet Burnhauser heraus, dass Edlingers Schwester zu dem Zeitpunkt in einer Klinik war, um ein Kind abzutreiben. Als sie Meuffels davon unterrichtet, konfrontiert er Edlingers Schwester mit den neuesten Ermittlungsergebnissen und so stellt sich heraus, dass sie von Anton Filser vergewaltigt worden war. Sie hatte sich ihrem Bruder anvertraut und dieser hatte daraufhin seinen Freund zur Rede stellen wollen und im Streit erschlagen. Damit es im Dorf endlich wieder Frieden gibt, gesteht Edlinger die Tat.

Rezension

Beauftragt wurde von Meuffels nicht, er musste zwangsläufig in der Sache tätig werden, weil seine noch in Ausbildung befindliche Assistentin sie angestoßen hat. Im Dorf bedient er sich aber nicht ihrer Kenntnisse, sondern schickt sie zurück nicht München, um weiterzuermitteln, und zwar Dinge, die dort irgendwer hätte feststellen können. Hm. Die Anbindung dieser „Ehemaligen“ an die Gemeinschaft oder auch der Grad ihrer Loslösung – aus diesem Aspekt hätte man wirklich mehr machen können als die Konfrontation, die wir hier sehen und psychologisch schwierig zu durchdringen ist, weil die junge Ermittlerin, die den vielen Staub aufwirbelt, erst einmal genau dadurch und die Art, wie sie dazwischengeht, unsympathisch und auch ein wenig unglaubwürdig wirkt. Sicher, man kann sagen, sie ist diesem Umfeld entflohen und vielleicht gerade wegen der in „Schuld“ als Grundlage des Geschehens dienenden Ereignisse erst Polizistin geworden. Andererseits verstehe ich den Aussetzer ihres sonst so eleganten Chefs nicht so recht.

Natürlich, man darf nicht in derselben Sache zweimal angeklagt werden – nicht wegen neuer Ermittlungserkenntnisse, sondern nur wegen eines Geständnisses, oder weil ein Zeuge seine Aussage nachträglich ändert. Im Rostock-Polizeiruf „Janina“ ist das dann auch sehr ausführlich behandelt worden und weil das Geständnis nicht kam, hat Ermittlerin König eine wirklich unglaubliche Rechtsverletzung begangen, die diesem Polizeiruf erstmals innerhalb der Reihe eine massive Abwertung meinerseits aus rechtspolitischen Gründen eingetragen hat. So ist man in München und so ist auch von Meuffels zum Glück nicht gestrickt, aber was er tut, ist moralisch nicht so viel besser. Er setzt sich im Dorf fest und lässt die Situation in aller Seelenruhe hochkochen, damit der unter Druck geratene damals Freigesprochene doch noch gesteht. So habe ich es während des Anschauens gar nicht wahrgenommen, aber in gewisser Weise hat von Meuffels es sich selbste zuzuschreiben, dass er „Frau Klein“ verliert. Das soll natürlich nicht die Rohheit der Dorfbewohner entschuldigen, aber er hat es auch darauf ankommen lassen und ein Spiel mit dem sichtbar angekratzten Xaver gespielt.

Jenem Mann, der seine Schwester rächte. Nun ist ein Racheakt aber nicht das Gleiche wie Schutz in einer Notwehrsituation, wie eine Vergewaltigung sie darstellt und am Ende stehen alle ziemlich beschissen da und niemand hat gewonnen. Im Grunde nicht einmal von Meuffels, der seinem Vater beichten muss, dass Frau Klein tot ist. Sein Instinkt ist aber richtig: Es wäre besser gewesen, diesen alten Fall ruhen zu lassen, denn moralisch ist das falsche Alibi, das er vom Mann seiner Schwester bekam, ein typischer Fall von „es gibt nichts Schlechtes im Guten“, der das Gleis der Rechtmäßigkeit zwischen Abwehr einer drohenden Gefahr und nachgeschobener Strafe verlassen hat, ohne dass der Volksgeist im Wesentlichen zu einem Bewertungsunterschied kommen würde.

Der neue Heimatfilm lässt hier ein wenig grüßen. Manche dieser Filme sind durchaus im 19. Jahrhundert angesiedelt, aber nicht alle, dafür haben die meisten auch einen Drall in Richtung Krimi. Das war ja eigentlich schon bei den Versionen der 1950er so, in denen oft Wildern und dergleichen der Auslöser für katastrophale Dorftragödien war. Die Kritik spricht z. B.  von einem wuchtigen Bergdrama, in dem es mehr um Schuld und Sühne geht als um den Kriminalfall. Das stimmt schon, aber wieso gab es immer wieder Szenen, bei denen die Spannung nicht aus der Überraschung, sondern aus einer merkwürdigen Art erwuchs, die Dinge zu verzögern – und dabei die Gefahr nicht ganz gebannt werden konnte, dass es einige zu theaterhafte Szenen gibt und auch Stellen, an denen ich lachen oder, sagen wir mal grinsen musste, obwohl man das sicher beim Publikum nicht beabsichtigt hatte. Ich glaube, man hat es mit den Gefühlen etwas zu genau und zu eindeutig haben wollen, dadurch verschwindet, was gerade die Meuffels-Polizeirufe sonst auszeichnet: Das Vage, beinahe Sinnlich-Übersinnliche und, siehe oben, Elegante, das Spielräume lässt und zu diesem Ermittler besser passt, als wenn er sich ständig aufregen oder herummanipulieren muss. Mein Eindruck war, dass er das auch nicht so mochte wie die leiseren Töne, die er sonst pflegt.

Man muss aber schon das Dorfdrama im Mittelpunkt des 328. Polizeirufs sehen, denn der Kriminalfall ist in der Tat sehr einfach. Ein Mörder wird geschützt durch diejenigen, denen seine Handlung sozusagen zugute kommt. Ist Xaver ein Mörder? Vermutlich nicht, weder durch die subjektiven noch die objektive Tatbestandsmerkmale von § 211 StGB, denn ob man von einem geplanten Verbrechen ausgehen und Heimtücke annehmen kann, angesichts der aufgewühlten Lage, nachdem die Schwester damals aufgewühlt zu ihm kam? Letztlich aber wird er wegen eines Tötungsdelikts doch noch verurteilt werden.

Finale

Richtig fies fand ich die Szene, in der es Spitz auf Knopf steht und Xaver sich die Pistole an den Gaumen hält, die er der jungen Polizisten entwenden konnte. Keiner der Dörfler macht Anstalten, ihm zu Hilfe zu kommen. Das sind die Momente, in denen man froh sein kann, wenn man in der Stadt wohnt, denn Mitleid ist keine Ware, die auf dem platten Land hoch im Kurs steht, in der Stadt hingegen merkt eh keiner, wenn jemand sich selbst ein Ende bereitet. Ersteres wollten uns Regie und Drehbuch vermitteln und es ist insgesamt gelungen, denn da, wo es sehr ernst wird, funktioniert die Dramaturgie glücklicherweise dann doch und auch der Ton des Films gewinnt dadurch, dass niemand einen Ton von sich gibt und schön zugewartet wird, bis der Xaver den Unsinn begeht, sich selbst zu richten. Der rührende Moment des Films ist der, in dem der Junge, der ihn mag, obwohl er doch der Sohn des seinerzeit Ermordeten ist, wie sich gerade herausgestellt hat, sich zu ihm setzt und ihn von seinem Vorhaben abbringt. Ganz klar, nur die nächste Generation kann es richten, die verfügt über mehr Empathie. Auch dank eines Ziehvaters, der seinerzeit den Xaver mit seiner Falschaussage gerettet hat.

7,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Steinbichler
Drehbuch Stefan Kolditz
Produktion Peter Hartwig,
Cooky Ziesche
Musik Hans Wiedemann
Kamera Christian Rein
Schnitt Susanne Hartmann
Besetzung

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