Mordsfreunde – Polizeiruf 110 Episode 211 #Crimetime 1081 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Mord #Freunde

Crimetime 1081 – Titelfoto © MDR

Wieso gerade jetzt? 

Wieso kommt das Rad der Rache ausgerechnet zehn Jahre nach dem tödlichen Unfall eines kleinen Jungen ins Rollen? In der Tat: Viele Krimis liefern für den Zeitpunkt, zu dem ein lange zurückliegendes Ereignis Wellen auf der bislang glatten Oberfläche des Vergessens verursacht, keine plausible Erklärung. Das ist in „Mordsfreunde“ anders, weil der Angehörige des damaligen Opfers einen der Täter aufgrund eines Zufalls zehn Jahre nach dem Unfall mit Fahrerflucht wiedererkennt. Und wie ist der Film mit den guten alten Recken Schmücke und Schneider sonst? Eine Darstellerin empfiehlt sich darin für eine Dauerrolle beim Polizeiruf Halle und es gibt noch ein paar Anmerkungen mehr in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung (ARD)

Während einer Opernpremiere wird der Tenor Werner Austen auf offener Bühne erschossen. Im Publikum sitzen auch die beiden Kommissare Schmücke und Schneider, denn Schmückes Lebensgefährtin Edith Reger ist die Regisseurin der Inszenierung. Die beiden Männer beginnen sofort mit den Ermittlungen und finden heraus, dass der Tenor mit einem jener Gewehre erschossen wurde, die bei der Erschießungsszene zum Einsatz kamen. Eines der sechs Gewehre war allerdings mit scharfer Munition geladen. Welcher Komparse mit welchem Gewehr geschossen hat, lässt sich aber nicht mehr feststellen.

Außerdem finden die Kommissare bei dem Toten das Foto eines Grabsteines mit der Inschrift UNVERGESSEN – JAN – 1983 – 1988. Die Recherchen ergeben, dass der kleine Jan vor zehn Jahren Opfer eines Autounfalls wurde. Die Täter begingen Fahrerflucht und wurden nie gefasst. Schmücke und Schneider sind wie elektrisiert, als sie herausbekommen, dass der Bruder Jans, der 19-jährige Robert, als Komparse im Theater arbeitet und im „Erschießungskommando“ mitgespielt hat. Doch der Junge ist geflohen.

Eine zweite Spur führt Schmücke und Schneider zum Bürgermeisterkandidaten Löbel. Er kannte Austen, hat jedoch ein Alibi für die Tatzeit. Aber was wäre sein Motiv, und wie sollte er den Mord begangen haben? Robert meldet sich bei Löbel und bestellt ihn und dessen ehemaligen Chauffeur Quast in Löbels abgelegene Jagdhütte. Gleichzeitig informiert er die Polizei und bittet sie, ebenfalls dorthin zu kommen. Robert trifft vor Schmücke und Schneider ein, findet Quasts Leiche und ergreift panisch die Flucht.

Als die Kommissare Quasts Leiche durchsuchen, finden sie auch bei ihm eine Fotografie von Jans Grab. Schmücke und Schneider stellen Löbel erneut zur Rede, aber wieder hat er ein Alibi für die Tatzeit. Stück für Stück setzen Schmücke und Schneider das Puzzle zusammen. Alle Fakten deuten darauf hin, dass Robert die Mörder seines Bruders in Austen, Löbel und Quast ausfindig gemacht zu haben glaubt und den Tod seines Bruders nun rächt. Aber weder Schmücke noch Schneider trauen diesen Fakten. Doch ihr Chef Ackermann setzt sie unter Druck und verlangt schnelle Ergebnisse. In dieser schwierigen Situation trifft sich Robert mit Edith Reger in deren Theater. Die von Edith Reger informierten Kommissare können Robert dazu bringen, sich ihnen anzuvertrauen. Gemeinsam gelingt es den dreien, den wahren Täter zu überführen, der sowohl den tödlichen Unfall Jans als auch die Morde an Austen und Quast zu verantworten hat.

Rezension

Wenn wir die Handlungsbeschreibung der Wikipedia übernehmen, muss unseren Leser*innen klar sein, dass diese bis zum Ende des Films reicht, also spoilert. Die ARD geht hier auch schon ziemlich weit, aber sie verrät nicht die Täterperson. Zumal es nicht ganz stimmt, dass der Täter des Unfalls mit Fahrerflucht auch derjenigen in den beiden aktuellen Mordfällen ist. Im Fall „Unfall“ waren drei Personen an der unterlassenen Hilfeleistung beteiligt, der Fahrer mglw. auch zu schnell unterwegs, im ersten Mord bedient man sich eines Werkzeugs, ohne zu wissen, dass dieses Werkzeug ein eigens Motiv hätte, den Mord zu begehen und im dritten Fall wird dieses Werkzeug des ersten Mordes geframed, indem man es so aussehen lässt, als habe es die Tat verübt, was aber nicht stimmt. Klingt etwas kompliziert, aber so ist „Mordsfreunde“ gar nicht. Im Gegenteil:

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben die bestmögliche Wertung (Daumen nach oben) und befanden: „Stimmig, mit Liebe zum Detail inszeniert“.[1]

Ja, die Schmücke-Schneider-Filme der ersten Jahre waren überwiegend gut und für ihre Zeit sogar modern. Musik, Bildgestaltung, Handlungsführung, alles ist für Ende der 1990er sehr ansprechend, in „Mordsfreunde“. Es gibt kein größeres Plothole und auch die Figuren sind recht gut gezeichnet – die „Mordsfreunde“ in ihrer Unterschiedlichkeit und warum sie doch miteinander verbunden waren und ein gemeinsames Schicksal haben, das hat man aus den späten 1980ern in Form einer DDR-Connection („mit Westwagen“ = Volvo der Reihe 240 / 260) glaubhaft hergeleitet.

Dass man immer die Frau Reger einbinden muss, ist im Grunde eine der Schwächen des Halle-Polizeirufs gewesen, weshalb man sie irgendwann  dramatisch sterben ließ, aber hier ist sie in die Handlung integriert und agiert nicht in ihrem Privatleben mit Schmücke auf den Fortgang des Geschehens bremsende, wenn man diese Filme in zu kurzem Abstand anschaut auch nervende Weise nebenher. Überhaupt hat man die Halle-Manierismen, auch die unterschiedlich stark ausgeprägte Weltläufigkeit von Schmücke und Schneider, dieses Mal auf eine kluge Weise dargestellt und mit dem Fall verknüpft. Dass der Film sehr einheitlich gestaltet wirkt, hat sicher auch damit zu tun, dass Drehbuch und Regie in einer Hand lagen – ganz in der Tradition der DDR-Polizeirufe, bei denen das sogar überwiegend der Fall war. Gleichzeitig war dieser Film das Abschiedswerk des Regisseurs und Drehbuchautors Rainer Bär und man kann sagen, es gab weniger gelungene Ausstände.

Dass der nunmehr junge Mann eine der Personen nach zehn Jahren wiedererkennt, die seinen Bruder auf dem Gewissen haben, wird mit einem einfachen Kniff realistisch gemacht: Der Junge war nach dem Tod des kleinen Bruders von der alleinerziehenden Mutter nicht zu bändigen, sie gab ihn ins Heim und er kam erst kürzlich wieder „raus“ – sie verschafft ihm nun einen Komparsenjob am örtlichen Theater und dort trifft er auf eine der Personen, die damals im Wagen saßen. Trotz dieser Überforderung wurde Marie Gruber, die Darstellerin der Mutter, ins Stamm-Ensemble des Halle-Polizeirufs aufgenommen, als „Röschen“ (Rosamunde Weigand), die Kriminaltechnikerin.

Ein paar Kratzer gibt es selbstverständlich auch im Lack dieses Films mit Autounfall – die Unfallszene selbst hätte man geschickter filmen können. Es wirkt unfreiwillig komisch, wie die Puppe eines Funfjährigen viele Meter hochgeschleudert wird, als man den Moment nach dem Aufprall als Topshot zeigt. Der Aufprall mit dem Blutfleck und dem Zerbersten der Scheibe hätte augereicht, außerdem wirkt die Lage des Jungen in Relation zur Blutlache und deren Form nicht sehr gut gefilmt. Auch die Geschichte mit der entwendeten Pistole, die in der Jagdhütte verwendet wird, ist nicht komplett durchdacht.

Finale

Von den Ermittlern hat besonders Schneider mir gut gefallen, er wirkt kompakt und konzentriert, während Schmücke hier, wie nicht selten, ein wenig zu geschmeidig lächelt, obwohl es dafür im betreffenden Moment keinen Grund gibt. Das ist aber nicht so ausgeprägt wie in den oftmals stereotyp wirkenden Halle-Polizeirufen, die noch kommen sollten. Die Mischung aus Whodunit und Thriller, die sich durch die Flucht des verdächtigen Robert ergibt, funktioniert – auch, weil man dem jungen Robert aufgrund seiner Biografie (knapp) abnimmt, dass er den staatlichen Autoritäten nicht vertraut und die Sache auf eigene Faust lösen und sich vom Mordverdacht befreien will.

Trotz aller Tötungsdelikte hat aber dieser Polizeiruf schon den gewissen Wohlfühleffekt, den man der Halle-Schiene des MDR vermutlich irgendwann vorgeworfen hat, denn anders ist der radikale Wechsel zu Kommissarin Brasch und nach Magdeburg im Jahr 2013 nicht zu erklären. In „Mordsfreunde“ überlebt jedenfalls am Ende das Gute, immerhin wird der alte Fall geklärt, denn die Nachwende-Kommissare kann man nicht mit etwas politischem Einfluss einfach „abschalten“, respektive vom Ermitteln abhalten. Das versucht der Bürgermeisterkandidat erst gar nicht, auch wenn er sich beim Chef der beiden über sie beschwert. Die Dinge gehen ihren demokratisch-rechtstaatlichen Gang und die neue Zeit bringt Licht in einen düsteren, vertuschten Vorgang aus der Endphase der DDR.

8/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Rainer Bär
Drehbuch Rainer Bär
Produktion Emmo Lempert
Musik Axel Donner
Kamera Franz Ritschel
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

 

 

 

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