Mörderkind – Polizeiruf 110 Episode 209 #Crimetime 1083 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Rosenbaum #Krause #ORB #RBB #Mörder #Kind

Crimetime 1083 - Titelfoto © ORB / RBB, Conny Klein

Es steht im Titel und ist kompliziert

Mörderkind ist ein deutscher Kriminalfilm von Matti Geschonneck aus dem Jahr 1999. Es ist die 209. Folge innerhalb der Filmreihe Polizeiruf 110 und der erste Fall für Hauptmeister Horst Krause und seine Partnerin Wanda Rosenbaum.

Zum ersten Mal taucht Horst Krause in seiner Funktion als Dorfpolizist allerdings schon 1995 im Polizeiruf „Arme Schweine“ auf, der heute als Kultfilm der Reihe gilt und von Bernd Böhlich inzseniert wurde, der auch für sämtliche Krause-Specials oder Spinoffs zuständig ist, die seit 2007 gedreht werden. Außerdem ist Wanda Rosenbaum nicht Krauses Ermittlungspartnerin, sondern seine Vorgesetzte, wie später Johanna Herz und Olga Lenski. Aber wie ist der erste Krimi einer neuen Brandenburg-Generation, einer Ära, die, wenn man sie aus Krauses Sicht betrachtet, 16 Jahre andauern sollte? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissarin Wanda Rosenbaum wurde in die brandenburgische Provinz versetzt und wird dort mit ihrem ersten Fall konfrontiert:

Die 14-jährige Jennifer wird tot an einem Teich gefunden. Sie wurde mit einem Stein erschlagen. Schnell macht sich der 13-jährige Außenseiter Mark, an dessen T-Shirt Blut des Opfers gefunden wird, verdächtig. Bei der Polizei gesteht er, Jennifer erschlagen zu haben. Jedoch werden an Jennifer auch Spermaspuren gefunden, die nicht von Mark stammen. Ein freiwilliger Massengentest unter den Dorfbewohnern ergibt, dass die gefundene DNA dem Tierarzt Dr. Augustin zuzuordnen ist. Dieser gesteht im Verhör zwar eine Affäre mit dem Mädchen zu , er war auch nachweislich am Tatort – die Indizien reichen aber nicht für einen Haftbefehl. Wieder auf freiem Fuß begeht Augustin Suizid und gesteht in einem Abschiedsbrief, für Jennifers Tod verantwortlich zu sein.

Auf einen Hinweis des begutachtenden Psychiaters Dr. Jobst hin erkennt Rosenbaum, dass doch Mark der Täter ist. Sie setzt sich dafür ein, dass der noch strafunmündige Mark in psychiatrische Behandlung genommen wird.

Rezension

Auf den ersten Blick wirkt „Mörderkind“ beinahe sensationell, weil vergleichsweise akribisch die Psyche eines Jungen untersucht wird, der ein Mädchen mit einem Stein erschlagen hat, das ein Jahr älter ist als er selbst. Er hat die 14 noch nicht erreicht und ist somit nicht strafmündig. Der Titel verrät im Grunde die Täterperson, obwohl der Fall halbherzig wie ein Whodunit aufgebaut wird und es gibt ein Plothole, das kaum zu übersehen ist. Als es zunächst hieß, auf eine Vergewaltigung deute nichts hin, wird schließlich doch Sperma am Tatort gefunden. Es stammt aber nicht von Mark, dem Möderkind, sondern vom Tierarzt Dr. Augustin, der eine Affäre mit der 14-Jährigen Jennifer hat, wofür er sich wegen Unzucht mit Minderjährigen hätte verantworten müssen. Aber wenn er wirklich erst zum Tatort kam, als Jennifer bereits tot war, wie kam es dann zu diesem Spermafund. Das wirkt ein wenig makaber, über das ungesetzliche Liebesverhältnis hinaus. Der Tierarzt fühlt sich durch den Vorgang so belastet, dass er Selbstmord begeht und will bei der Gelegenheit auch den Mord auf sich nehmen, der am Ende doch nur ein Totschlag im Affekt war.

Doch ausnahmsweise werden Psychologen nicht als urteilunfähige Deppen dargestellt, die sich meist in ihre Klienten verlieben und denen dadurch die professionelle Distanz verloren geht (oder sie irren sich eben einfach so und hochgefährliche Menschen werden auf freien Fuß gesetzt), sondern die Kommissarin und der Therapeut erkennen gemeinsam, dass mit Mark etwas nicht stimmt. Sie intuitiv, er kann es fachlich untermauern. Es geht aber letztlich nicht darum, das Kind zu verurteilen, sondern ihm zu helfen, und dafür muss Mark gestehen, nachdem es keinen eindeutigen Beweis gibt. Den gibt es übrigens nicht, weil Krause unabsichtlich Spuren verwischt hat. Was für ein Einstand, auch sonst ist Grußlosigkeit und kein Bock darauf, sich vorzustellen, in Brandenburg offenbar State of the Art, wenn sich Menschen erstmals begegnen, die ein Dienstverhältnis miteinander eingehen sollen. Um es nebenbei abzuhandeln: Die Szene der ersten Begegnung ist missglückt, das hat man z. B. bei Lenskis Amtsantritt im Jahr 2011 viel besser und realistischer gemacht. Leider ist diese Art von Nicht-Einführung trotzdem kein Sonderfall und man könnte gut darüber nachdenken, warum in Deutschland nicht einfach jemand seinen Ausweis vorzeigt, wenn er den bereits anwesenden Menschen nicht bekannt ist, um einen Tatort betreten zu dürfen, anstatt dass ein unsachgemäßes Bohei mit Diskriminierungsansätzen um solche Non-Events gemacht wird.

Aber das ist nichts gegen das, was Mark wohl zu Hause erdulden musste. Der Vater ist gewalttätig, die Mutter schaut, davon darf man ausgehen, still zu, ohne sich entgegenzustellen. Leider wird dieser Part nicht genug herausgestellt: Wie Misshandlungen die Psyche von Kindern beeinträchtigen und sie zu verstockten Außenseitern machen. Dieser Part wiederum wird eindeutiger behandelt, Mark ist nicht integriert in die kleine Jungs-Bande in dem kleinen Dorf, sondern klaut anderen ihre Sachen „weil von ihm dieses Verhalten erwartet wird“, wie Wanda Rosenbaum uns erläutert. Self-fullfilling Prophecy oder Enttäuschung Dritter, weil er im eigenen Elternhaus als permanente Enttäuschung behandelt wird und es seinem Vater nie recht machen kann. Viele Kinder verlieren dadurch ihre Fähigkeit, Angriffe auf sich abzuwehren, werden sogenannte „Opfer“, anfällig für Mobbing und Übergriffe Driter, aber einige leben ihren Schmerz nicht, er dominiert sie nicht und macht sie passiv, sondern sie spalten Teile ihrer Persönlichkeit ab und merken nicht mehr, wie sie abstumpfen. Wie wenig muss dann passieren, dass es zu einer irreversiblen Tat wie dem Erschlagen von Jennifer mit einem Stein kommt.

Wenn ein solcher tatbestandlicher Kind-Straftäter dann intensiv behandelt wird, so heißt es weiter, ist das Rückfallrisiko gering. Damit hält der Film auch ein Plädoyer für die Einflüsse der Umwelt und gegen das sogenannte Mörder-Gen. Spätere Polizeirufe sind da nicht mehr so eindeutig, weil viel mehr auf den Putz gehauen und auf Effekt gesetzt wird – und auf die Polizeirufe kommt es an.

Denn so sensationell ist die hier gezeigt Darstellung nicht, wenn man bedenkt, dass die Ost-Krimireihe schon vor der Wende immer mehr Eigenständigkeit dadurch gewann, dass sie psychologisch fundiert an Täter heranging, die seelische Probleme oder Störungen haben. Auch, dass ein kleiner Junge seine eigene Schwester erwürgt hat, kam in einem Film der 1980er bereits vor. Insofern hat man das aufgegriffen, was zwischenzeitlich verloren zu gehen schien: Die Konzentration der Polizeirufe auf das innere Drama der Figuren. Die aufmerksame, ruhige Wanda Rosenbaum ist wie geschaffen, um in einem solchen Fall zu ermitteln und wird von Jutta Müller als ungewöhnlich sensibler, empathischer Polizistinnentyp verkörpert, dem man zutraut, dass er durch Beobachtung tatsächlich vieles erschließen kann, wozu am Ende, wenn es schlecht läuft, der entscheidende Beweis fehlt, was sie jedoch richtig gesehen hat. Auch im Fall der erschlagenen Jennifer braucht es ein Geständnis.

Um dies zu erlangen, setzt die sanfte Kommissarin aber die Dorfgemeinschaft unter Druck und wer sich nicht freiwillig testen lässt, der hat evtl. mit Ärger seitens seiner Frau zu rechnen. Dabei kommt u. a. heraus, dass der Sohn des Bürgermeisters in Wirklichkeit der Sohn des Dorfpfarrers ist. Leiser, gelächelter Humor, der ganz unaufdringlich klarlegt, wie die Moral solcher Dörfer wirklich funktioniert, in denen sich alle Sorgen um das Image der Gemeinschaft machen, wenn es heißt, ein Mensch, dann sogar ein Kind, aus ihren Reihen könne gemordet haben. Aber wetten, dass die Nachbarn niemals eingegriffen haben, wenn Mark Sommers Vater den Jungen schlug? Leider kommt noch etwas zu kurz, was in der Szene, in welcher die Kommissarin dazwischengehen muss, offenbar wird: Es handelt sich nicht nur um Schwarze Pädagogik, sondern auch um unberechenbaren Jähzorn. Wenn Kinder aber Eltern haben, die komplett unberechenbar sind, verlieren sie das Grundvertrauen, das notwendig ist, um ihnen später einen sicheren Auftritt in der Welt zu verschaffen. Selbstverständlich können sie unter neoliberalen Bedingungen trotzdem erfolgreich sein, aber als Persönlichkeiten bleiben sie reduziert, sofern sie nicht fachliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Etwas seltsam wirkt, dass auch die Vorgesetzten von Wanda Rosenbaum in Potsdam keinen jugendlichen bzw. Kinderdelinquenten wollen, etwas aufgesetzt, um sie zur Widerständlerin zu machen. Ich fand das Szenario im Dorf bedrückend genug, man hätte nicht auch noch Druck von oben einbauen zu müssen, der darauf hinausgelaufen wäre, die Wahrheit unter den Tisch zu kehren. Aber grundsätzlich ist ihre Haltung die Richtige, daran lässt der Film keinen Zweifel und daran besteht auch kein Zweifel.

Finale

Ein weiterer Aspekt von „Mörderkind“ ist die Darstellung, dass verängstigte oder misstrauische Kinder wie Mark sich in eine virtuelle Welt zurückziehen, „gut am Computer“ sind und dadurch noch mehr den Zugang zu dem, was in der Realität wehtut, verlieren. So baut Mark mit einem Bildbearbeitungs- / Grafikprogramm sein Verhältnis zu Jennifer nach und sogar, wie er sie erschlug, wird nicht verschwiegen. Eines der ersten Geständnisse nicht mit handgemalten Bildern, sondern mit Photoshop. Die anderen Jungs im Dorf sind ebenfalls ziemlich brutal und bringen „Lion“ um, Marks süßen Hund. So, als ob sie wüssten, dass er der Mörder ist. Konsequenzen scheinen für sie daraus nicht zu folgen. Und wie Wanda Rosenbaum ihm sein totes Tier zeigt, beginnt schon die Konfrontationstherapie: Sein Liebling wird nie mehr lebendig werden, ebenso wenig wie die von ihm erschlagene Jennifer. Damit kann die Kommissarin ihn „aufbrechen“ und er wird sich stellen und sich helfen lassen.

Vieles an diesem intensiven, leisen Krimi ist wirklich gut gemacht, aber ich würde mir wünschen, es gäbe so etwas wie eine Neuauflage, in der darauf geachtet wird, Auslassungen, Unsicherheiten und Unnötiges zu vermeiden und noch mehr Konzentration auf die Ausleuchtung der Psyche zu legen. Nicht nur derjenigen des Jungen, sondern auch seiner Umwelt. Jenes kleinen Dorfes, in dem er keine Hilfe erwarten kann und ganz allein mit seinen Qualen ist. Auch ich war ein wenig unsicher – hinsichtlich der Bewertung dieses zweifelsohne ambitionierten und für die Verhältnisse der Zeit modernen Polizeirufs, habe mich aber letztlich für die höhere Variante entschieden.

8/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Matti Geschonneck
Drehbuch Stefan Kolditz, nach einer Idee von Thomas Wilkening und Stefan Kolditz
Musik Stephan Zacharias,
Jörn Heilbut
Kamera Sebastian Richter
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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