Sumpf – Polizeiruf 110 Episode 207 #Crimetime 1085 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Sumpf

Crimetime 1085 – Titelfoto MDR,

Als der Sumpf jung war

Sumpf ist ein deutscher Kriminalfilm von Marijan D. Vajda aus dem Jahr 1999. Es ist die 207. Folge innerhalb der Filmreihe Polizeiruf 110 und der 9. Fall für Schmücke und Schneider. Die Kommissare ermitteln in einem Mordfall an einem Journalisten.

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben eine mittlere Wertung (Daumen zur Seite) und merkten an: „Ein Fall für Freunde der Gelassenheit“.[1]

Die ersten Jahre von Schmücke und Schneider, den Polizeiruf-Kommissaren von Halle, waren vielversprechend. Immerhin haben sie vermutlich am meisten von allen damaligen Teams dafür getan, dass das DDR-Format zumindest dem Namen nach in den schwierigen und wechselhaften 1990ern überleben konnte. Und dann der neunte Fall: Gelassenheit? Mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung (1)

Nachdem der Journalist Jürgen Loock durch eine Autobombe getötet worden ist, versuchen die Kommissare Schmücke und Schneider den Täter und die Hintergründe herauszufinden. Die Tochter des Toten, Meike, verhält sich aus Sicht der Kommissare merkwürdig, und aufgrund der Erbmasse von 2,4 Millionen Mark wäre auch ihre Täterschaft nicht auszuschließen. Sie übergibt der Polizei eine Diskette mit den Arbeiten ihres Vaters, die allerdings derart verschlüsselt ist, dass die Dateien zunächst nicht lesbar sind. Obwohl der Code zur Entschlüsselung in einem Buch zu finden war, welches Meike Loock von der Freundin ihres Vaters erhalten hatte, nützt dies nichts mehr, weil es einem Unbekannten gelingt, die Diskette zu zerstören.

Die Analyse der Zahlungseingänge des Opfers bringt horrende Summen für eine angebliche PR-Beratung verschiedener Firmen zu Tage. Darunter sind auch die „Rink Bau GmbH“, die gerade ein neues Stadtklinikum baut, und die „Saturn-Consulting“. Schmücke vermutet dahinter eine Art Schweigegeld, damit der Journalist gewisse Sachen über diese Firmen nicht veröffentlicht.

Der Mitinhaber der „Rink Bau GmbH“, Thomas Bartkowiak, wird eines Tages erschossen aufgefunden. Auch wenn das Ganze nach Selbstmord aussieht, und er in einem Abschiedsbrief den Mord an Jürgen Loock gesteht, ist den Ermittlern klar, dass Bartkowiak nur ein Bauernopfer ist. Sie sind bereits hinter eine groß angelegte Grundstücksspekulation gekommen, bei der Bartkowiak Peter Rink („Rink Bau GmbH“) zu Grundstücken verholfen hatte, die demnächst lukratives Bauland werden sollten. So stellen die Kommissare mit Hilfe von Meike Loock Peter Rink eine Falle und können ihn am Ende wegen zweifachen Mordes festnehmen.

Rezension

Der Fall ist nicht nur für Freunde der Gelassenheit, sondern auch für jene des gelassenen Umgangs mit der Logik. Wenn die Autobombe keinen Zeitzünder hatte, dann müsste derjenige, der sie eingesetzt hat, dem Journalisten Loock immer auf den Fersen gewesen sein und darauf vertraut haben, dass seine Tochter aus dem Auto steigt, er aber nicht, und genau diesen Moment hat er genutzt, obwohl er nicht darauf spekuliert haben kann, dass sie an einer unerwarteten Stelle aussteigt, um Zigaretten zu holen. Immerhin festigt sich später über das gemeinsame Rauchen die Freundschaft zweier Frauen, die beide in sehr enger Beziehung zu diesem Mann standen. Seiner Tochter und ein Callgirl liebten ihn beide, Letztere verkörperte für den Investigativjournalisten mehr als Liebe auf Bestellung. Und die Tochter hat das Recherche-Gen geerbt, ermittelt auf eigene Faust und gerät dadurch natürlich in Gefahr, Schmücke und Schneider, die Recken, die den ostdeutschen Polizeiruf vor dem Exitus bewahren konnten, müssen es richten. Das tun sie natürlich auch, wir sind im Jahr 1999 und es ist wichtig, dass alles wieder in die Ordnung kommt.

Der Sumpf, in dem Wirtschaft und Politik gemeinsam stecken, war sowohl ein Thema der Polizeirufe nach der Wende und insofern eine Fortsetzung des Schmus, den Kollektive in der DDR gemacht und damit das sozialistische Eigentum geschädigt hatten, nur ging es in den 1990ern um andere Dimensionen und damit auch um das Thema Gerechtigkeit. Verlierer und Gewinner der Wende, so ungerecht verteilt. Heute: Gewinner und Verlierer verschiedener Krisen, so ungerecht verteilt. Journalisten zählen zu den wenigen Heldenfiguren, die dagegen ankämpfen, weil sie es als ihre moralische Verpflichtung ansehen, ihr Können in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Diese Variante gab es begreiflicherweise vor der Wiedervereinigung nicht, denn in einem System, in dem alle brave Arbeiter und Bauern sind, müssen keine krummen Touren zwischen Staat und Wirtschaft aufgedeckt werden. Tja. Hätte es in der DDR eine freie Presse gegeben, hätte man sich politischerseits Systemfehlern vielleicht doch mehr stellen müssen. Deswegen ist die Presse als Vierte Macht eine demokratieerhaltende und ihre beständige Reformfähigkeit fördernde Institution eine sehr gute Idee. Die Demokratie retten, das kann am Ende jedoch nur eine widerständige Zivilgesellschaft, wie sie gerade wieder immer mehr zeigt, die Presse hat dabei die Funktion, diesen Widerstand gegen Korruption, Einschränkung von Bürgerrechten und die Entwicklung der Demokratie zur Lobbykratie zu unterstützen. Ich sehe unendlich viel Stoff für gute Tatorte und Polizeirufe voraus – wenn man denn Wirtschaftskrimis gut hinkriegt. Das ist in „Schmu“ nicht ganz unrealistisch, gut verständlich, aber auch recht mühsam dargestellt.

Was mir gut gefallen hat, war die erwähnte, sich nachvollziehbar und vorsichtig entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden Frauen um den Journalisten Loock. Alexandra Maria Lara, welche die Tochter spielt, zählt mittlerweile zu den profiliertesten Darstellerinnen in Deutschland und wirkt, ohne dass es herausragende Momente gäbe, auch in diesem Polizeiruf schon sehr präsent. Dass sie ein grüngelbes Designeroutfit mit dem riesigen Logo einer real existierenden Modefirma auf dem Rücken trägt, hat mich amüsiert, nicht nur wegen des Markenfetischismus, sondern auch, weil mittlerweile so peinlich darauf geachtet wird, dass Schleichwerbung nicht zu beklagen ist. Sogar die Logos von Automarken werden bei manchen Sendern abgeklebt, obwohl jeder halbwegs kundige Mensch sofort sieht, um welche Marke es sich bei dem verwendeten Modell handelt und sich denkt: Durch das kunstvolle Abkleben bin ich erst richtig auf die Sache aufmerksam geworden. Häufig sind es Autos aus dem VW-Konzern, wie auch Schmücke und Schneider sie immer gefahren haben.

Die im 207. Polizeiruf gezeigte Grundstücksspekulation ist ein wenig um die Ecke dargestellt worden, aber so läuft es ja oftmals auch: Unter Zuhilfenahme von Strohmännern. Auf diese Weise kaufen z. B. auch Immobilienmakler Häuser, die das eigentlich nicht dürften, weil es ihre Aufgabe ist, zwischen Verkäufer und evtl. Käufer neutral zu bleiben. Aber mach was gegen Gier und den unbedingten Willen, Gesetze zu umgehen; beides ist in dieser Branche besonders ausgeprägt, weshalb sich dort auch überdurchschnittlich häufig brutale und gewissenlose Typen verorten, die auch mal über eine Leiche im Betonfundament gehen und wohl nirgends sonst wird so viel Schwarzgeld gewaschen. Es ist die verführerische Größenordnung solcher Geschäfte im Zusammenhang mit der Priorität der Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Fachwissen, die Spekulanten, Glücksritter und Verbrecher aller Art anlockt. Deswegen unterstützen wir beim Wahlberliner auch eine Umstrukturierung der Wohnungsbewirtschaftung.

In Tatorten und Polizieirufen ein Klassiker ist hingegen, dass jemand Zugang zu  Entscheidungsträgern in der Politik hat, die früh darüber Bescheid wissen, welche Grundstücke wann durch Erschließung und Umwidmung im Wert steigen werden. Was dabei herauskommt, nennt man Insidergeschäft und an der Börse ist es verboten. Freilich hält sich kaum jemand daran, denn das Problem ist häufig der Nachweis, zumal, wenn, wie hier, mit Strohmannfiguren gearbeitet wird oder wenn Geschäfte so abgewickelt werden, dass die tatsächlichen wirtschaftlich Begünstigten in Steuervermeidungsländern ihren Sitz haben, wo das Geld letztlich auch landet, nachdem es durch einige trickreiche rechtliche Konstruktionen geschleust wurde. Es wird Zeit, darüber einen Film zu drehen, in dem die Realität so abgebildet wird, wie sie ist: Die Reichen sind nur reich, weil die Armen arm sind und von den Reichen ausgebeutet werden.

Finale

Ein wenig klimpert der Film natürlich auch auf der Klaviatur der Nachwendeschwierigkeiten, aber er stellt nicht den Gegensatz Ost-West und die tristen Aspekte der Wiedervereinigung im abgewickelten Osten in den Vordergrund, wie man es häufig bei den Ehrlicher-Tatorten gemacht hat, vor allem in der Dresdner Zeit, die kurz nach diesem 207. Schmücke-Schneider-Polizeiruf endete. Schmücke und Schneider sind andere Typen, ihre Umtriebigkeit und Schmückes Bewillkommnung des nunmehr möglichen westlichen Lebensstils mit teuren Klamotten, mit Wein, Weib und Kunst, schließt eine allzu einseitige Darstellung aus, denn er ist ja trotz seines nicht zu übersehenden Snobismus ein sympathischer Mensch. Auch der Kontrast zwischen ihm und dem biederen Kollegen Schneider wird aber in anderen Polizeirufen deutlicher herausgearbeitet. Hier bleibt Schmücke nur zweimal mit den Schuhen im Baustellenmatsch stecken. Einmal hätte auch gereicht, weil er bei der Wiederholung doch etwas arg deppert wirkt. Außerdem wird in diesem Film erstmals versucht, den beiden Kommissaren eine fesche, junge Kollegin zur Seite zu stellen. Es sollte dann aber noch ca. 10 Jahre dauern, bis man tatächlich versuchte, mit Nora Winkler die beiden Altgedienten vor dem Zustauben zu retten.

6,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert, tabellarisch: Wikipedia

Regie Marijan D. Vajda
Drehbuch Holger Karsten Schmidt
Produktion Klaus André
Musik Robby Baier,
Arnold Fritzsch
Kamera Hartmut E. Lange
Schnitt Andreas Ehrig
Besetzung

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