Pretty Woman (USA 1990) #Filmfest 716

Filmfest 716 Cinema

Wie man aus einer Heuschrecke einen Business-Angel macht

Pretty Woman ist eine US-amerikanische Liebeskomödie von Garry Marshall aus dem Jahr 1990. Sie handelt von einem Geschäftsmann und einer Prostituierten, die sich ineinander verlieben. Das gleichnamige Titellied wurde 1964 von Roy Orbison gesungen und war damals ein Nummer-eins-Hit.

Der Film hatte 14 Millionen Dollar gekostet. Wenige Jahre später mussten Produzenten mehr als diese 14 Millionen zahlen, nur, damit Julia Roberts eine Hauptrolle in einem ihrer Streifen übernahm. So betrachtet, ist das Märchen von dem Mädchen, das ganz nach oben fiel, auch eines über Julia Roberts selbst, die mit „Pretty Woman“ zu einem der wenigen weiblichen Superstars der 1990er und frühen 2000er wurde. Richard Gere erfuhr durch seine Rolle als Edward Lewis ebenfalls wieder einen Karriereaufschwung, aber nicht vergleichbar dem katapultartigen Karrierekick für seine Filmpartnerin. War der Film auch ein Aufschwung für romantische Komödien? Das und mehr klären wir in der –> Rezension.

Handlung

Der Corporate Raider Edward Lewis, dessen Geliebte ihn gerade verlassen hat, fährt mit dem Lotus Esprit seines Freundes und Anwalts Phil durch Hollywood, um in Beverly Hills im hocheleganten Regent Beverly Wilshire abzusteigen. Da er normalerweise chauffiert wird, und sich daher verfährt, hält er auf dem Hollywood Boulevard an und fragt die Prostituierte Vivian Ward nach dem Weg. Diese glaubt, einen zahlungskräftigen Kunden gefunden zu haben, und weist ihm gegen Geld den Weg. Schließlich lässt Lewis, der mit dem Schaltgetriebe des Sportwagens überfordert ist, sich von Vivian sogar zum Hotel fahren. Dort angekommen, nimmt er sie spontan mit auf sein Zimmer.

Am nächsten Morgen beschließt er, sie für eine Woche als Begleiterin zu engagieren. Die lebenslustige, aber gesellschaftlich völlig unerfahrene Vivian, die zunächst ihre Schwierigkeiten in der eleganten Welt von Beverly Hills hat, erhält dabei unerwartete Hilfestellung vom Hotelmanager, der nach erster Ablehnung schnell von Vivian beeindruckt ist. Vivian meistert dank dieser Hilfe und ihres natürlichen Charmes die ersten Herausforderungen.

Die folgende Woche wird zum Abenteuer sowohl für Vivian als auch für Edward. Vivian taucht in eine völlig neue Welt voller Luxus ein, während Edward anfängt, im Spiegel von Vivians Sichtweise seine berufliche Tätigkeit und seine Motivation dafür zu hinterfragen. Gleichzeitig gewinnt das Verhältnis zwischen den beiden zunehmend an Tiefe und Romantik. Bei einem Polo-Spiel bemerkt Edward, dass er eifersüchtig wird, als sich Vivian kurz mit dem Enkel seines aktuellen geschäftlichen „Opfers“, James Morse, unterhält. Gleichzeitig kränkt er sie, indem er gegenüber seinem Anwalt Phil ihre Tätigkeit als Prostituierte preisgibt.

Schließlich entschließt sich Edward, das Familienunternehmen Morse nicht mit dem Ziel zu übernehmen, es zu zerschlagen, sondern um es zu sanieren. Der geld- und machthungrige Phil ist außer sich vor Wut und versucht, sich aus Rache an Vivian zu vergreifen. Diese weist ihn zurück, woraufhin ein Gerangel entsteht, in das Edward in letzter Minute eingreifen und Phil hinauswerfen kann.

Edward bietet Vivian an, sie als seine Geliebte auszuhalten. Vivian, in ihren Gefühlen verletzt, lehnt dieses Angebot ab. Edward kann sich jedoch noch nicht zu einem weiteren Schritt überwinden, und so verlässt sie ihn, nachdem ihr Abkommen erfüllt ist.

Alleingelassen, hinterfragt Edward seine Entscheidung und kommt dank eines dezenten Hinweis des Hotelmanagers zu der Einsicht, dass Vivian ihm zu wertvoll geworden ist, um sie gehen zu lassen. Er findet sie mit Hilfe des Hotelchauffeurs wieder und beide finden zu einem Happy End zusammen.

Rezension

Die damals noch recht unbekannte Julia Roberts war, auch das gehört zu einem Hollywood-Märchen, das die Handlung hinter der Leinwand noch einmal spiegelt, alles andere als erste Wahl für die Rolle, doch Molly Ringwald, die mit Teenie-Komödien in den 1980ern berühmt wurde, lehnte ab, weil sie keine Prostituierte spielen wollte, und das war nach unserer Ansicht wegen ihrer doch ganz anderen Ausstrahlung eine gute Entscheidung – für den Film. Sie selbst hat später, als ihre Karriere stagnierte, bedauert, den Part abgelehnt zu haben. Sandra Bullock, die 1990 noch niemand kannte und die erst mit „Speed“ vier Jahre später ihren Durchbruch hatte, wollte die Rolle ebenfalls nicht, obwohl sie sie nach unserer Ansicht ähnlich gut hätte spielen können und es zu diesem Aschenputtel-Plot auch ein wenig dazugehört, dass der elegante Businessmann ein Name in Hollywood ist, das Mädchen von der Straße aber noch nicht.

Was wir nicht wissen ist, ob die Schauspielerinnen (es gab noch mehr Kandidatinnen) die Rolle nicht angenommen hatten, weil man ihnen die erste Fassung des Drehbuchs vorgelegt hatte. Die sah nämlich kein Happy-End vor und was im Film nur angedeutet und von Vivian entrüstet negiert wird, das war in dieser Version noch Stand der Dinge – nämlich, dass Vivian drogenabhängig ist und dass es zum Deal mit Lewis gehört, für die Zeit der Zusammenarbeit clean zu bleiben. Nach der Erstfassung es Scripts wäre ihre Freundin „Kit“, gespielt vom „Sex, Lügen und Video“-Star Laura San Giacomo, außerdem an einer Überdosis gestorben. Das Ende hätte so ausgesehen, dass sie besser gestellt gewesen wäre als zuvor, aber ohne Erfüllung der Filmromanze.

In vielen bekannten Filmen hat das nicht Erfüllte funktioniert, aber vergleicht man das, was wir oben über das Ur-Drehbuch geschrieben haben mit dem, was am Ende Film wurde, merkt man, wie der Stoff immer mehr in Richtung seicht und unrealistisch getrimmt wurde – möglicherweise ist auch die Wandlung von Edward vom businessmäßigen Saulus zum Paulus den vielen Änderungen zu verdanken, die alles zur maximalen Versöhnlichkeit hinführen.

So unwirklich die Geschichte als solche ist, diese sanfte Kapitalismuskritik, die für die Fans gerade dieses Films eher zweitrangig sein dürfte, wirkt heute aktueller denn je. Das heißt, sie würde es, wenn nicht auf der sichtbarsten Ebene suggeriert würde, mit Geld und tollen Klamotten wird eh alles gut. Kein Wunder, dass Kritiker den Film und seine Gefühlsebene als verlogen bezeichnet haben, denn er ist es sogar auf doppelter Ebene – er hypt den Konsumrausch ohne Bedenken und stellt das US-Business tatsächlich so dar, als ob ein Typ, der seine Karriere auf der Zerschlagung von Firmen aufbaut, sich durch eine kurze Liaison mit einem Down-to-Earth-Girl ganz neue Sichtweisen angewöhnt.

Solche Wandlungen dauern, wenn sie mal vorkommen und wenn die Mitspieler im Laufe ihrer Karriere nicht immer gieriger und unersättlicher werden, viele Jahre oder finden als eine Art Erlösungsakt am Karriereende statt, gerne gepaart mit etwas Charity, wie wir sie hier auch beim Polorennen sehen. Oder, seit einiger Zeit und infolge des Gates-Vorbildes der Hit, einem „Giving Pledge“, das der egalitär angelegten staatlichen Fürsorge mindestens so viel an Steuern entzieht, wie es von den Gebern selbst und exklusiv ausgesuchten Institutionen später einmal einbringen wird. Lewis wäre auch ein Typ für diese schlussendliche Vermögensdisposition und Vivian würde ihn dafür anhimmeln.

Nicht nur optisch ist der Film aber für die frühen 1990er sehr modern, denn gerade diese Versöhnung des Kapitalismus mit den Benachteiligten ist schon typisch für die folgende Clinton-Ära, in der es ja wirklich aussah, als könnten noch einmal alle Amerikaner und die meisten Menshen auf der Welt am weiter wachsenden Wohlstand teilhaben, und sei es nur durch die Anlage kleinerer Summen in Wertpapiere aus der New Economy.

Gleichzeitig schließt der Film die Zeit der konservativen Rückbesinnung unter Ronald Reagan ab. Die Späne, die fallen mussten, als in den 1980ern das System reformiert und der Kapitalismus endgültig von der Leine gelassen wurde, waren gefallen, die Zeit der Ernte des Erfolgs und des Ausgleichs war gekommen. Der Film passte wirklich hervorragend in diese Stimmung, die außerdem vom Zerfall der Blöcke und den ungeheuren wirtschaftlichen Möglichkeiten geprägt war, die sich daraus ergeben hatten. Es gibt einen weiteren wichtigen Subtext: Die Firma, die Lewis sanieren will, ist ein klassischer amerikanischer Industriebetrieb im Schiffbau, damit wird suggeriert, dass auch die breite Produktionsbasis, welche die USA einmal hatten und die in den 1970ern und 1980ern zunehmend durch fernöstliche Konkurrenten unter Druck geraten war, sich problemlos wieder herstellen lässt, wenn man die Sache nur dynamisch angeht. In mancher Hinsicht ist da sogar etwas dran und die Zukunft bleibt spannend, zum Beispiel im Automobilbau, aber in wesentlichen Teilen gab es dieses Wiederaufleben der Investitionsgüterindustrie bis heute nicht.

Die soziale Komponente des Films ist ein echter Mädchentraum, aber wir sind begreiflicherweise nicht so darauf eingestiegen. Die Idee, sich Frauen zu kaufen, ist nicht neu und alles andere als jenseits der Wirklichkeit, aber dass das Käufliche und die echten Gefühle so schön miteinander verschmelzen, ohne dass Fragen und Zweifel zurückbleiben und dass man eine Prostituierte, die nicht einmal der Edelsparte angehört, sondern vom Straßenstrich kommt, innerhalb von einer Woche in eine Society-Lady verwandeln kann – im Grunde sogar innerhalb von nur zwei Tagen – ist eben doch ein Märchen im Märchen. Die Wirkung ist jeodch phänomenal, sonst gäbe es nicht so viele dieser Aschenputtel-Geschichten. Am deutlichsten angelehnt ist der Stoff an „Pygmalion“ von George Bernard Shaw und damit an das nach seinem Stück entstandene Musical „My Fair Lady“, das in der Tat eine bezaubernde Umsetzung darstellt. Ob Julia Roberts so viel Charme mitbringt wie Audrey Hebpurn, welche das Blumenmädchen Eliza in der Verfilmung von „My Fair Lady“ 1964 gespielt hat oder ob Richard Gere so präsent wirkt wie Rex Harrison, ist Ansichtssache, aber Roberts hat „Pretty Woman“ eine Menge zu verdanken.

Mit dem Film ist es wie mit Edward Lewis und seiner Höhenangst: Er schrammt oft an der Kante des Kitsch-Abgrundes entlang, wagt sich immer etwas weiter vor und stürzt doch nicht ab, sondern ist am Ende so bewusst märchenhaft, dass es schon wieder Spaß macht. Da überwindet also der Geschäftsmann seine – auch symbolischen, auf eine Bindung bezogenen Ängste, in dem er an der Fassade des Hauses, in dem Vivian wohnt, die schmale Feuerleiter nimmt, um zu ihr zu gelangen, und der Film macht sich frei von seinen manchmal diskussionswürdigen Botschaften und wird reines Zitat von Hollywood und seinen Träumen selbst.

Finale

Schon seltsam, dass wir den Film jetzt erstmalig gesehen haben, aber vielleicht auch richtig. Man muss ein wenig im System unterwegs gewesen sein, um seine manipulative Problematik nicht aus dem Blick zu verlieren, angesichts vieler wirklich gelungener Szenen. Außerdem haben wir in letzter Zeit so viel Problemkino geguckt, über das zu schreiben nicht immer einfach ist, dass eine solche Abwechslung durchaus willkommen war. Und in die aktuelle Vorweihnachtsstimmung passt „Pretty Woman“ ja auch ganz gut. Wem er Film noch viel zu verdanken hat: Roy Orbison natürlich, sein „Pretty Woman“ zählt zu den aktuell 566 Songs, aus denen ich mir ein persönliches Internet-Radioprogramm zusammengestellt habe. Und, ja, der Film kann als Auftakt zu den vielen romantischen Komödien der 1990er gesehen werden, die meist in schönen Warmfarben gefilmt wurden.

74/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

 

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