Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990) #Filmfest 722 #Top250

Filmfest 722 Cinema – Concept IMDb Top 250 of all Time (85)

Edward mit den Scherenhänden (Originaltitel: Edward Scissorhands) ist eine US-amerikanische FantasyTragikomödie aus dem Jahr 1990 mit Johnny Depp und Winona Ryder in den Hauptrollen. Der Film startete am 18. April 1991 in den deutschen Kinos.

Der erster Film von Tim Burton, den ich gesehen habe, war „Batman“ (1989), unter besonderen Umständen, die mir unvergesslich bleiben werden. Der nächste war „Big Fish“ (2003), zunächst im Kino, später noch einmal zwecks Rezension – seitdem „Sleepy Hollow“ (1999) und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2006). Der einzige davon, der mir nicht sonderlich gefallen hat, war Letzterer, weil Burtons Fähigkeit zur Erschaffung einer fantasievollen Visualität, das großartiges Produktionsdesign und die gesamte Handlung in dem Film zu sehr aus den Fugen gerieten und man zu deutlich merkt, dass alles reingepackt werden sollte, was die CGI zu dem Zeitpunkt hergab. Wie nun mit „Edward Scissorhands“? Das klären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

Eine alte Dame erzählt ihrer Enkelin folgende Geschichte vom Schnee: Edward, ein künstlich erschaffener Mensch, ist noch nicht ganz vollendet, als sein Erfinder stirbt. Statt Händen ist Edward mit einer komplizierten Scheren-Konstruktion ausgestattet. Er lebt alleine im Schloss seines Schöpfers, bis eines Tages die Avon-Beraterin Peg Bogg das Schloss betritt. Peg hat Mitleid mit Edward und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.

Zuhause bei Familie Bogg verliebt sich Edward in Pegs Tochter Kim. Ihr ist Edward zunächst suspekt, doch bald erliegt sie seinem zurückhaltenden Charme. Ihr Freund Jim und dessen Clique sind davon gar nicht begeistert; bei den Nachbarn ist Edward (bis auf eine Nachbarin) jedoch sehr beliebt: Erst gestaltet er mit seinen Scheren Büsche, später frisiert er damit Hunde und schließlich die Damen der Nachbarschaft. Eines Tages wird Edward von der Nachbarin Joyce sexuell belästigt, als sie ihm den Schönheitssalon zeigt, in dem er als Friseur arbeiten soll, woraufhin er die Flucht ergreift.

Weil Kims Freun  Jim von seinen wohlhabenden Eltern nichts bekommt und er einen Camper kaufen will, will er, als diese einmal fort sind, in den Tresorraum deren Hauses einbrechen und Geld stehlen, wobei er sich Edwards Fähigkeiten – er kann mit Leichtigkeit Schlösser öffnen – zu Nutzen machen will. Er erzählt Edward, dass er bestohlen worden sei und er sich sein Geld zurückholen wolle, und er ihm deshalb mit seinen Scheren helfen solle. Obwohl Edward weiß, dass es sich dabei um eine Lüge handelt, lässt er sich dennoch auf das Vorhaben ein, weil ihn Kim darum gebeten hat. Nachdem Edward den Tresorraum öffnet und hineingeht, fällt die Tür hinter ihm ins Schloss und der Alarm geht an. Während Jim und die anderen aus dem Haus laufen und mit dem Auto davonfahren, wird Edward, da er die Tür mit seinen Scheren nicht öffnen und daher nicht fliehen kann, von der Polizei verhaftet. Bereits nach kurzer Zeit wird er allerdings wieder freigelassen, da er für schuldunfähig befunden wird. (Die Jahre in der Isolation hätten ihm keine Möglichkeit gegeben, Recht und Unrecht zu unterscheTim iden, und sein Bewusstsein für die Realität sei radikal unterentwickelt.) (…)

Rezension

Von „Charlie und die Schokoladenfabrik“ abgesehen, war alles, was ich bisher von Burton habe anschauen können, grandios. Vor allem „Big Fish“ zählt zu meinen Lieblingsfilmen und covert zudem sehr gut das, was mir zum Zeitpunkt des ersten Anschauens beim eigenen fiktionalen Schreiben wichtig war: Die immer schon vorhandene Fantasie fliegen zu lehren, das Unmögliche zu denken, einen möglichst „kinematografischen“, plastischen Schreib- und Erzählstil zu entwickeln und wenn’s geht, noch ein wenig Philosophie ins Skurrile einzubetten. Ich glaube sogar, dass „Big Fish“ viele meiner Texte ab 2003 beeinflusst hat und es heute, wo ich versuche, mir ein Stück weit dieses Assoziative und Fabulierende zurückzuerobern, das ich zwischenzeitlich gar nicht mehr drauf hatte, wieder wichtig ist, sich an Tim Burton zu halten.

Da kam mir natürlich „Edward mit den Scherenhänden“ genau recht, auch wenn ich einigermaßen entsetzt war über die Wendung, die er nach etwa der Hälfte nimmt. Ich bin ja nicht übers Gruftige zu Burton gekommen, sondern über seine positiven Märchen wie „Batman“ und eben „Big Fish“. Und „Edward mit den Scherenhänden“ hat mich viel stärker getriggert, als er das vielleicht vor 20 Jahren getan hätte – wegen der Rahmenhandlung, die von einer unerfüllten Liebe spricht. Grundsätzlich ist sie in dieser Form unmöglich, weil die Binnenhandlung offensichtlich in den 1980ern angesiedelt ist, also kann Kim in einem Film aus dem Jahr 1990 nicht eine alte Frau sein – und wer ist die Enkelin? Da hätte ich mir etwas mehr Ausformung gewünscht und dafür hätte der Film auch gerne ein paar Minuten länger sein dürfen, aber er ist natürlich ein Fest fürs Auge und in der ersten Hälfte auch eines für die Seele.

Und wenn man schon einige Filme gesehen hat und auch mal ein bisschen näher am Thema Musik war, denkt man sich gleich zu Beginn, noch bevor die Nennung im Vorspann erfolgt: Oh, ein Score von Danny Elfman. Mit Chor und sehr fantasievoll die einzelnen Instrumente einsetzend, lichter und klarer, nicht so grundsinfonisch wie die sonst üblichen Filmmusiken, seit der Film nach Ausflügen in den Jazz und de Pop wieder zur Klassik zurückgekehrt ist. Nun habe ich ja gelesen, dass Elfman und Burton ein richtiges Dauerteam sind, wie einst Hitchcock und (Bernard) Herrmann von 1955 bis 1964/66, was zu stilprägenden Zusammenarbeiten führte. Ebenso covert Elfmans Musik perfekt die Filme von Burton und tut viel dafür, dass man einen Eindruck künstlerischer Geschlossenheit erhält. Es ist in „Edward“ auffällig, wie stark die Musik eingesetzt wird, mindestens zwei Drittel der Spielzeit sind musikalisch unterlegt, wie es schon in den 1940ern und 1950ern üblich war.

Johnny Depp, der den Edward spielt, mag ich als Schauspieler recht gerne und er kann ja zurückhaltend sein, ohne dadurch an Präsenz zu verlieren – natürlich nicht in den karibischen Piratenfilmen – und als Typ passt er ins Universum von Tim Burton hervorragend. Aber die Art, wie er aus dem einsamen Schlossbewohner ins Leben der Vorstadt integriert wird, ist mir etwa zu glatt. Die Familie Bogg wird vor allem durch Dianne Wiest repräsentiert, die einen großartigen Job macht und für mich die beste Schauspielleistung des Films zeigt – eine sehr große Varianz erfordert ihre Rolle als beherzte Avon-Beraterin zwar nicht, aber diese Naivität und Zuwendung, der Optimismus der Figur sind einfach erfrischend. Einen guten Job macht auch Alan Arkin als Mr. Bogg, der versucht, Edward den amerikanischen Traum näherzubringen, also ihn zu lehren, wie man seine Fähigkeiten zu Geld werden lässt – und beinahe wäre Edward tatsächlich Geschäftsmann geworden. Die Vorstadtfrauen sind so furchtbar, wie sie sein sollen. Dass sie Edward vorurteilsfrei zu begegnen scheinen, ist in Wirklichkeit Sensationsgier und außerdem ist er nützlich. Aber ein Schritt vom legalen Wege aus reiner Freundlichkeit und aus einem Gefühl für Kim heraus ändert alles und er wird zum Verfolgten, zum Opfer einer Hexenjagd, die von typischen suburbanen Tratsch-Hexen ausgeführt wird, deren Lebensfrust plötzlich ein Ziel gefunden hat, an dem er sich austoben kann.

Mit Winona Ryder als Kim hatte ich etwas Probleme – Burton hat sie in Rotblond auftoupieren lassen und das ist erkennbar nicht ihr Stil, auch wenn ich die Ironie dahinter verstehe, diesen eher fragilen und leicht schattigen Typ als plaines All American Girl herauszustellen. So richtig ein Gefühl für die Chemie zwischen Kim und Edward wollte sich nicht einstellen. Dafür spielt Vincent Price, der in jungen Jahren gerne als der böse Gegenspieler in Swashbucklern eingesetzt wurde, in seiner vorletzten Rolle den Erfinder von Edward, den Schlossherrn.

In der Handlungsbeschreibung nicht erwähnt werden die Rückblenden in Edwards Vergangenheit, die immer dann einsetzen, wenn Edward sich im Hier und Jetzt der Binnenhandlung aufgrund einer konkreten Situation daran erinnert, wie er vom Erfinder geschaffen wurde und dieser ihn – zum Beispiel Höflichkeit lehrte, was Edward eher langweilig fand, denn er war wohl schon immer von Natur aus ein höflicher und freundlicher Mensch – aber innerlich, während er bei vielen Tätigkeiten des normalen Lebens linkisch oder gar gehandicapt ist und daher einen Behindertenausweis bekommen könnte. Einen Bankkredit für seinen Schönheitssalon aber erst einmal nicht, weil die formalen Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Kein amerikanisches Kinostück mit ein Startup drin ohne Seitenhiebe aufs Bankwesen, daran merkt man, wie stark die Furcht der Filmschaffenden ausgeprägt ist, von schnöden Geldsäcken abhängig zu sein.

Die Rückblende auf die dritte Zeitebene enthält auch eine Szene, die ich nicht ganz durchblicke – Edwards soll als Weihnachtsgeschenk normale Hände bekommen, durchbohrt sie aber mit seinen Scheren und es wirkt, als sei dies Absicht – und der Erfinder stirbt. Weil Edward ihn gleich mit durchbohrt hat oder wegen des Schocks? Weil er festgestellt hat, dass Edward es mittlerweile ablehnt, „normalisiert“ zu werden, nachdem sein Erfinder ihm dies so lange vorenthalten hat? Im Grunde ist Edward ja nicht unfertig, sondern eben im Ergebnis „abweichend“.

Ganz so abgerundet und füllig wie „Big Fish“ ist „Edward“ nicht, aber dafür ein Trendsetter: Diese Art, Fantasy zu präsentieren, war damals noch sehr neu und faszinierte die Kinozuschauer, wodurch sie über einige Holprigkeiten hinwegsehen konnten. Ob Burton heute tatsächlich zeigen würde, wie durch Edwards kundige Scherenhände Büsche und Eis zu Skulpturen werden, simple Wauwaus zu Stilikonen auf vier Beinen, Frauen mit typischen Mopp-Frisuren der späten 1980er doch etwas flotter, wobei Peg am Ende einen sehr flotten Eindruck macht, dank mehrmaligen Nachschneidens, das zu immer weiterer Verkürzung ihrer Haartracht führt – wer weiß. Die CGI würde es mittlerweile jedenfalls erlaubten, in einem Film von 1990 aber sieht man immer nur Schnipsel fliegen, während Edward so im Bild ist, dass nicht genau erkennbar ist, was die Scheren nun gerade tun. Aber wäre es besser, es zu zeigen oder darf die Vorstellungskraft noch ein wenig arbeiten? Was Burton drauf hat, sieht man auch im Schloss. Die Keks-Fabrikationsstraße ist wundervoll, absolut witzig in ihrer Mischung aus Igenieurskunst, Spieltrieb und Übertreibung von beidem, was zu einer suboptimalen Funktionsweise führt.

Ja, das Unerfüllte hat etwas in mir wachgerufen, aber auch das ausgestochene Gebäck. War bei uns etwas kleiner, wenn ich meiner Mutter beim Weinachtsgebäck half und die Herstellungsweise etwas simpler, aber dieser Rücksturz in die Kindheit ist damit auf doppelte Weise erfolgt. Ich glaube, das ist etwas, das Burtons Filme besonders auszeichnet: Dass jeder in ihnen etwas findet, das ihn an sein Leben erinnert und, wie eine Kritik schreibt, im Fall von „Edward mit den Scherenhänden“ spricht er auch den Sonderling ins uns allen an. Es gibt Menschen, die haben wirklich keine geheimen Ideen und schrägen Hobbys, aber ob man nun ein versierter Sammler von irgendetwas ist, dem andere Menschen keinen Wert beimessen, ob man sich als Erfinder fühlt oder über Filme schreibt und Geschichten, in all dem klingen die Scherenhände an. Ob sie sich dann als so überaus nützliche Werkzeuge herausstellen, ist eine andere Frage, aber sie künden davon, dass wir das Besondere sehen sollten, wenn wir anderen begegnen, nicht das Abweichen von der Norm. Wir sind da angeblich ein Stück weiter als die Vorstadtmenschen im Film, aber wenn man tiefer blickt und sieht, wie beständig mit Abgrenzungen und Ausschlüssen gearbeitet wird, auch unter Menschen, die angeblich solidarisch von Grund auf sein wollen, darf man Zweifel entwickeln. Es ist nur nicht so offensichtlich und versteckt sich hinter vorgeblich notwendigen Kampfstellungen.

Finale

Es war mir klar, während der Sichtung, dass es nicht so weitergehen würde, wie es sich nach 30 Minuten anfühlte, einfach nur witzig und begeisternd, denn in jedem Film, der gängige Muster beachtet, muss es eine Wendung und einen Konflikt geben – beides ist hier eher spät zu sehen und am Ende wird der Konflikt nicht aufgelöst, sondern alles ist wieder wie zu Beginn. Der Ort hat keinen Edward mehr, weil er von einigen garstigen Personen vertrieben wurde und Edward ist wieder ganz allein. Kim hat also nicht die Kraft, sich aus ihrer Welt zu lösen und sich eine neue zu erobern – vielleicht hat ein Teil meiner Zurückhaltung gegenüber dieser Figur auch damit zu tun, obwohl ihr Verhalten viel realistischer ist als die Helden und Heldinnen, die alle Ketten sprengen und eben nicht nach kontinentaler Art dafür bestraft werden, besonders, wenn sie Frauenfiguren sind, und deren Erschaffer ältere Herren, wie in der klassischen Literatur noch üblich – sondern eben durchweg amerikanische Kinofiguren. Ich glaube, wenn der Film ein Happy End hätte, würden ihn sowohl Kritiker als auch das Publikum ihn noch mehr mögen. So, wie er ist, hat er eben nicht nur einige Unwuchten, sondern ein romantisches Gepräge, spricht von Entsagung, was wir heute irgendwie gar nicht mehr so mögen, Oder etwa doch?

Von 2010 bis 2012 war „Edward Scissorhands“ in der IMDb-Top-250-Liste platziert, die Rezension rechnet daher zu unserem Konzept, alle dort je vertretenen Filme im Laufe der Jahre auf dem Filmfest vorzustellen. Gegenwärtig (2022) erreicht er mit 7,9/10 immer noch eine sehr gute Bewertung seitens der Nutzer:innen der IMDb.

84/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2018)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Tim Burton
Drehbuch Caroline Thompson
Tim Burton
Produktion Tim Burton,
Denise Di Novi
Musik Danny Elfman
Kamera Stefan Czapsky
Schnitt Richard Halsey
Besetzung

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