Mordsmäßig Mallorca – Polizeiruf 110 Episode 201 #Crimetime 1089 #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Volpe #Möller #Küppers #Bauer #WDR #Mallorca #Mord

Crimetime 1089 – Titelfoto © WDR

Keine Trauminsel in Sicht

Mordsmäßig Mallorca ist ein deutscher Kriminalfilm von Ulrich Stark aus dem Jahr 1998. Der Fernsehfilm erschien als 201. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110.

Acht Filme gibt es mit den Dorfpolizisten Stritzel und Küppers aus dem Bergischen Land, ziemlich in der Mitte liegt das Werk, das tatsächlich auf Mallorca gedreht wurde. Schon zuvor gab es Ausflüge deutscher Polizist*innen in andere Länder, aber „Mordsmäßig Mallorca“ zeigt keine einzige Spielsekunde außerhalb der Insel. Warum auch nicht, es gibt ohnehin böse Zungen, die behaupten, Malle sei das 17. Bundesland. Das trifft in Wirklichkeit nur auf einen relativ kleinen, aber berüchtigten Teil der Insel zu, dieser prägt die Sichtweise nicht nur hierzulande. Was haben die Filmer von der Bavaria vor über 20 Jahren mit den beiden Dorfkomödianten in Polizeiuniform und ihrer Gabi Bauer aus diesem Image gemacht? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die Streifenbeamten Sigi Möller und Kalle Küppers aus Volpe im Bergischen Land sind mit Kollegen und Bürgermeister Huffer zum Kulturaustausch nach Mallorca unterwegs. Hier wollen sie als Mitglieder des Männergesangsvereins Bergische Bachstelzen e.V. in Auftritten deutsches Volksliedgut unter die Leute bringen. Notgedrungen ist auch Sigis Freundin Gabi vom Morddezernat mitgekommen. Weil sie Urlaub machen will, Sigi jedoch die ersten drei Tage auf der Insel für die Auftritte mit den Bachstelzen reserviert hat, hängt der Haussegen schief.

Kurz nach der Ankunft auf Mallorca gibt es erste Verzögerungen beim Hoteltransfer, ist im Reisebüro ihrer Fluggesellschaft Dülmen Air doch eine Bombe hochgegangen. Die Fluggesellschaft gehört Konsul Ekki von Dülmen, der daran interessiert ist, dass die Volper Polizei möglichst wenig von dem Fall an die Öffentlichkeit gibt. Im Hotel, in dem die Bachstelzen auftreten, treffen neben Ekki auch dessen Frau Heike und Kriminalkommissar Miguel Fletcher ein. Gabi ist am Abend gelangweilt und frustriert, trinkt zu viel und schläft schließlich mit Miguel. Auch Sigi hat bereits zu viel getrunken und verzockt zur gleichen Zeit sehr viel Geld im Casino von Rolf Radic. Kalle hatte vergeblich versucht, ihn vom Spielen abzuhalten, hatte der ihm vorher unbekannte Johann Meyer ihm doch deutlich gemacht, dass Sigi am Ende alles Geld verlieren werde. Nachts sucht Sigi Radic auf, hat er doch von Kalle erfahren, dass alles ein abgekartetes Spiel war. Er fordert sein Geld zurück. Am nächsten Tag wird Sigi von Miguel verhaftet, weil er Radic ermordet hat. Tatsächlich wurde Radics Leiche in seinem Pool gefunden. Sigis Beteuerung, dass er gar nicht schwimmen kann, Radic also gar nicht in seinem Pool getötet haben kann, wird nicht geglaubt.

Während der Fahrt zum Gefängnis wird Miguel zu einem anderen Fall geholt: In einem anonymen Brief wird mitgeteilt, dass in einem Bus der Firma Dülmen eine Bombe versteckt sei. Miguel kann die Bombe finden und unschädlich machen; Sigi gelingt unterdessen die Flucht. Er sucht nach Meyer, den er für eine Schlüsselfigur im ganzen Spiel hält. Meyer berichtet ihm, dass er eigentlich tot sei – Radic sei am Vortag zu Recht erschrocken, als er ihn im Spielcasino gesehen habe.

Sigi und parallel dazu Kalle und Gabi beginnen mit Nachforschungen. Sie finden heraus, dass Meyer einst zu einer berühmt-berüchtigten, fünfköpfigen Zockergruppe auf der Insel gehörte. Weitere Mitglieder waren Ekki und Radic sowie ein bereits verstorbener Mann. Das fünfte Mitglied ist unbekannt. Meyer verschwand 1980 spurlos und galt als tot. Sie finden zudem heraus, dass Ekki inzwischen durch die verschiedenen Bombenanschläge fast bankrott ist. Auch früher war er einmal nahe an der Pleite, versuchte er sich doch als Fährunternehmer. Ein Schiff ging infolge einer Explosion unter, wobei 32 Menschen ums Leben kamen. Die junge Antonia, Sekretärin von Dülmen, hilft Sigi bei Recherchen in dem Fall. Sie will, dass die Täter des Fährunglücks gefasst werden, war der für das Unglück verantwortliche, da angeblich alkoholkranke Kapitän doch ihr Vater. Sigi findet heraus, dass Miguel damals die Untersuchungen zum Fall leitete. Er schlussfolgert, dass Miguel das fünfte Mitglied der Zockerbande war.

Sigi trifft sich erneut mit Meyer. Es kommt heraus, dass die Zocker auch beim Fährunglück zockten. Das Ganze sollte ein großer Versicherungsbetrug werden. Es wurde darum gespielt, wer die Bombe an Bord bringen und zünden sollte, wobei Meyer verlor und an Bord gehen musste. Er konnte sich rechtzeitig retten; sein Bruder erklärte ihn für tot und kassierte 400.000 Mark Versicherungsgeld. Nun glaubt Meyer, dass die Bande etwas Neues vorhabe. Sigi vermutet, dass ein Flugzeug in die Luft gesprengt werden soll. Nach einem Hinweis von Antonia räumen Sigi und Kalle das Flugzeug, in dem Gabi, Huffner und die anderen Kollegen nach Hause fliegen wollten. Meyer übernimmt das Steuer und manövriert das Flugzeug vom Flughafen weg, bevor es explodiert. Kurz darauf wird Miguel verhaftet, kann fliehen und nimmt sich schließlich das Leben. Sigi geht zu Meyers Haus, wo Meyer selbst erscheint. Er hat sich erneut vor der Explosion gerettet; nun will er mit einer großen Menge Bargeld fliehen. Er wurde von Ekki von Dülmens Konkurrent Barthels mit der Explosion der Maschine beauftragt, um Dülmen endgültig in den Ruin zu treiben. Antriebsfeder für Meyers Verhalten ist das damalige Spiel um die Explosionsanbringung auf der Fähre: Wie Sigi im Casino wurde auch Meyer damals betrogen, weswegen er sein Leben riskieren musste. Nun ist seine Rache an Dülmen und Miguel perfekt. Antonia erscheint plötzlich und erschießt Meyer – aus Rache für ihren Vater. Am Ende bleibt nur die Frage nach dem Mörder von Radic. Es stellt sich heraus, dass Radic wie Sigi Nichtschwimmer war. Sigi hatte ihn im Streit in den Pool gestoßen und war gegangen. Radic ertrank.

Rezension

„Hier wird der Reihenschwachsinn der ‚Undercover-Ermittlungen‘ durch den Kakao gezogen“, schrieb Peter Hoff.[3] Die Süddeutsche Zeitung lobte den Film und befand, dass Martin Lindow und Oliver Stritzel „mal wieder in Bestform“ seien. Selbst die etwas verwirrende Handlung sei unerheblich, da der Film „vor allem aus der geschickten Verquickung von Kalauern und Pointen, Spannung und ein bißchen Melodram [lebte], so daß er durch die flotte Regie von Ulrich Stark zum rasanten Spaßkrimi wurde“.[4]

„Die arg konstruierte Story kommt nicht in Fahrt“, schrieb hingegen die TV Spielfilm.[5] Die Leipziger Volkszeitung bezeichnete den Film als „unsäglich“ mit wirrer Handlung. Der Film „strotzte nur so von Klischees, groben Effekten und einer wahrhaft hanebüchenen Story, die an eine billige südamerikanische Räuberpistole erinnert.“[6]

Wer wird denn hier gegen südamerikanische Räuberpistolen sticheln? Immer dieser Rassismus. Ob es auch Rassismus in „Mordsmäßig Mallorca“ gibt, darüber kann man nachdenken, denn es stimmt alles, was oben steht, deswegen haben wir es abgebildet. Ein guter Teil dies Krimis ist Persiflage, die Story ist arg konstruiert und enthält viele Klischees, von denen ich einige allerdings eher in Italien verortet hätte, wenn der Film nicht auf Mallorca angesiedelt wäre, wie z. B. das mafiöse Fünfergespann, eine der Personen wird sogar von Küppers versehentlich umgebracht, ein aus dem Hut gezauberter Gag am Ende, den man mit einem Augenzwinkern betrachten muss, denn es ist ja ein Gag. Ich bin im Verlauf des Films mehr und mehr davon ausgegangen, dass die Handlung absichtlich das Überkonstruieren auf den Arm nimmt und diejenigen Wendungen, die erkennbar aufgrund von Drehbuchklemmen entstehen und so wunderbar unglaubwürdig sind. Die Schlusspointe mit den blauen, für einen Erwachsenen ziemlich kleinen Schwimmflügeln wäre nicht notwendig gewesen, um irgendeine, sogar eine sinnvollere Auflösung hinzubekommen. Das hätte Küppers nämlich merken müssen, dass sein Kontrahent nicht schwimmen kann, so schnell wird er ja nicht abgehauen sein. Außerdem scheint das Becken nicht so tief zu sein, dass man darin nicht stehen könnte. Krasser Gegensatz: Der Fall und der Sprung von der Klippe. Ob der Sprung in Zeitlupe wirklich von Herrn Stritzel selbst ausgeführt wurde?

Neu ist die Idee vom Versicherungsbetrug mit versenktem Schiff nicht, sie kam zum Beispiel im Abschiedstatort von Edgar Brinkmann vor, der nach Marseille reiste, um den Hintergründen für ein Verbrechen auf die Spur zu kommen, weil es sowas nur in Südeuropa gibt, nicht etwa bei Hanseaten (den Versicherungebetrug). Allerdings kostete dieses Verbrechen im vorliegenden Fall 32 Menschen das Leben, eine Flugzeugspregnung ist  hingegen nicht geplant, alles ein Hoax. Ganz ehrlich, an der Handlung stimmt verschiedenes nicht, aber man darf es bei diesem Film nicht so ernst nehmen. Auch eine Komödie hat zwar mehr Charme, wenn die immanente Logik stimmt, aber schlimmer sind z. B. Tatorte, die mit hohem Anspruch daherkommen und trotzdem vor Fragwürdigkeiten strotzen. Die Figuren in „Mörderisches Mallorca“ verhalten sich nicht stringent, das trifft besonders auf den Polizisten Fletcher und den seltsamen Herrn Meyer zu, dessen Darstellung durch Rolf Zacher einer der Pluspunkte des Films ist. Man nimmt ihm die Mischung aus Sentimentalität und Grausamkeit und das Schwanken seiner Ethik zwischen nicht vorhanden und Wunsch nach Absolution ab und darauf kommt es an.

Regisseur Ulrich Stark war spezialisiert auf die Volpe-Polizisten und hatte ein Händchen dafür, aus den verschiedenen Talenten, die bei dieser Landeier-Polizeischiene zusammenkamen, das Beste zu machen. Dass dabei amüsante Filme, wenn auch keine herausragenden Krimis entstanden, liegt in der Natur der Sache. Wenn die Ermittler selbst nicht dieser Typus Überpolizist sind, den man in den meisten Tatorten sieht, dann kommt das Vorgehen bei der Arbeit vielleicht sogar der Realität näher, trotz aller komischen Einsprengsel. Allerdings sind die beiden viel sympathischer als der Polizisten-Durchschnitt, den man als Bürger wahrnimmt; vor allem dann, wenn man als Bürger zivilgesellschaftlich engagiert ist, denn dies kann die konservative Ordnung stören und die wirklichen Verbrecher – nun ja, vor denen hat man halt auch Schiss, zumindest in Großstädten wie der, in der ich lebe.

Auf Malle ist aber eh alles anders. Aus Rücksicht auf die vielen Mallorca-Liebhaber*innen in Deutschland hat man es mit dem Ballermann-Klischee nicht übertrieben, wohl aber angedeutet, dass der Urlaub dort vor allem aus Herumlungern, Saufen und Zocken bestehen dürfte. Das Paradies der Männer, denn selten werden die Damen auf einen charmanten Kripo-Beamten treffen, mit dem sie sich ablenken können, wenn ihnen so langweilig ist, wie es bei Gabi Bauer gezeigt wird. In der Realität gibt es beim Ballermann-Publikum diese Diskrepanzen wohl eher selten, aber in den Fincas, wer weiß. Wenn ich geschrieben habe, es stimmt alles mehr oder weniger, was in den oben zitierten Kritiken steht, muss der Film auch etwas gemächlich sein.

Trotz der explosiven Taten stimmt das auch. Durch die sehr hohe Zahl von Handlungselementen fällt es nicht so auf, dass trotzdem noch Zeit für Längen und Überdehntes war, wie die Auftritte des e. V. Bergische Bachstelzen; aber man fand es wohl so pittoresk und gut choreografiert, dass man ein wenig zu lange dabei verweilte. Ansonsten wirkt der Film aber nicht sketchig, also zu sehr an Einzelgags orientiert, sondern es fließt eben dahin und es gibt immer wieder kleine Highlights und interessante Figuren wie Antonia, die sich letztlich als Racheengel herausstellt. Für Küppers, einen der Volper Dorfpolizisten, droht der Trip trotz der Bekanntschaft mit ihr zum Alptraum zu werden, weil er sich verzockt und zwischendurch im Verdacht steht, einen der fünf Verschwörer umgebracht zu haben, was ja letztlich auch zutrifft, wobei ich geneigt wäre, ihm Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Vielleicht gibt es die Konstruktion der fahrlässigen Tötung aber im spanischen Recht nicht, wer weiß das schon.

Finale

„Mörderisches Mallorca“ setzt nicht auf eine ausgefeilte Dramaturgie, wohl aber stellenweise auf Melodram, auch dies stimmt und mich  hat’s nicht gestört, weil es eben mit Ironie unterlegt ist. Wäre es nicht so, würde es nicht zum Team Volpe passen. Ob man heute Backpfeifen zwischen Ehepartnern, denen nicht einmal eine Entschuldigung folgt, noch filmen dürfte, ist eine Frage, die ich an dieser Stelle nicht entscheiden will. In manchen Beziehungen geht es immer noch körperlich zu und weil Frauen meist die Leidtragenden sind, ist eine kritische Sicht trotz des horriblen Fremdgeh-Tatbestands unter Alkoholeinfluss erlaubt, der die erste Wangenklatsche auslöst. Hätte ich allerdings nicht für möglich gehalten, dass Andrea Sawatzki bei sowas mitmacht, weil mein Bild von ihr immer noch sehr durch ihre Rolle der hypersensiblen Charlotte Sänger als Frankfurter Tatortkommissarin geprägt ist. Aber man lernt hinzu und die Polizeirufe vom WDR, die im imaginären Volpe spielen, sind eine der letzten Entdeckungsreisen für mich in der Reihe Polizeiruf 110, über die ich nun seit ziemlich genau zwei Jahren schreibe. Von den 390 Filmen, die es gibt, habe ich mittlerweile mindestens 300 gesehen, darunter fast alle Episoden, die in der DDR entstanden sind.

Mit dem Duo Schmücke-Schneider in Halle an der Saale ging 1996 ein Team an den Start, das auch einen Drall ins Humorvolle hatte, aber nicht so ausgesprägt und mit mehr klassischen Kommissarsfiguren als in Volpe, eine direkte Konkurrenz sehe ich zwischen den beiden Schienen eher nicht. Trotzdem haben der HR und der WDR ihre Polizeirufe nicht fortgeführt und der einzige Westsender, der heute noch welche produziert, ist der Bayerische Rundfunk.

7/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

Regie Ulrich Stark
Drehbuch Dirk Salomon
Thomas Wesskamp
Produktion Veith von Fürstenberg
Musik Birger Heymann
Kamera Wolf Siegelmann
Schnitt Felicitas Lainer
Besetzung

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