Shaft – Liebesgrüße aus Pistolen (Shaft’s Big Score, USA 1972) #Filmfest 730

Filmfest 730 Cinema

Play it cool again, Shaft

Liebesgrüße aus Pistolen (Alternativtitel: Shaft – Liebesgrüsse aus Pistolen) ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 1972 von Regisseur Gordon Parks. Der Film ist der zweite Teil der Shaft-Filmreihe und hatte am 25. Mai 1973 in Deutschland Premiere. Er basiert auf dem Roman Shaft’s Big Score (dt. Shaft beim Kongress der Totengräber) von Ernest Tidyman, der auch das Drehbuch schrieb.

In der Rezension zum ersten Shaft-Film von 1971 haben wir uns über die Stellung dieses Großstadtkrimis in der Geschichte des Genres und zu seinen Bezügen zu früheren Filmen geäußert – grundsätzlich gelten diese Anmerkungen auch für die zweite Geschichte der Reihe, in der wieder Richard Roundtree den afroamerikanischen Detektiv John Shaft spielt.

Handlung (1)

Bestattungsunternehmer Kal Asby, ein Freund Shafts, wird in seiner Firma durch eine Bombe getötet. Der ermittelnde Capt. Bollin vermutet, dass Asby nebenbei auch im Glücksspielgeschäft zusammen mit Gus Mascola mitgemischt hat. Er verdächtigt Shaft, seinen Freund getötet zu haben, um mit Bumpy Jonas das Vorhaben Asbys zu realisieren. Shafts Ermittlungen führen zu seinem Partner Johnny Kelly, der beabsichtigt, an Stelle von Asby, das Geschäft mit Mascola zu machen. Kelly seinerseits versucht nun Bumpy, Mascola und Shaft durch falsche Fährten gegeneinander aufzuhetzen, um seinen Hals zu retten und seinen Schulden bei Mascola zu entgehen. Shaft, der bereits einen Mordanschlag von Mascolas Leuten abwehren musste, dreht den Spieß um und macht nun Jagd auf seine Gegner. Da Asby vor seinem Tod die Erlöse seiner Geschäfte gut versteckt hat, versuchen alle Seiten dies verzweifelt zu finden. Nur Kelly hat eine Ahnung, dass es im Sarg von Asby selbst versteckt ist. Nun kommt es zum Showdown auf dem Friedhof sowie einer Wagen-gegen-Helikopter Verfolgungsjagd, die auf der stillgelegten New York Naval Shipyard endet. 

Rezension

In der Rezension zum ersten Shaft-Film von 1971 haben wir uns über die Stellung dieses Großstadtkrimis in der Geschichte des Genres und zu seinen Bezügen zu früheren Filmen geäußert – grundsätzlich gelten diese Anmerkungen auch für die zweite Geschichte der Reihe, in der wieder Richard Roundtree den afroamerikanischen Detektiv John Shaft spielt.

Die Entwicklung des Großstadtkrimis, insbesondere in der Variante des Cop-Films vollzog sich in jenen Jahren allerdings rasch, als der zweite Teil der „Shaft“-Reihe kam, gab es bereits „Dirty Harry“ und „French Connection“ und selbstverständlich beeinflussten sich die New Hollywood-Filme gegenseitig und kreierten gemeinsam den Stil des heutigen Polizei- und Krimithrillers, der sich seit den 1980ern nicht mehr wesentlich verändert hat.

Liebesgrüße aus Pistolen“, im Original „Shaft’s Big Score“ spielt schon titelmäßig darauf an, dass mehr geschossen wird. In der Tat, die Schlussszene mit der Hubschrauber-Verfolgungsjagd und dem Einsatz einer Pumpgun sind eine Weiterentwicklung, die ebenfalls wichtig für die künftige Ausgestaltung des Genres wurde. Unseres Wissens ist dies die erste Verfolgungsjagd, in die ein Hubschrauber direkt eingebunden ist und zerstört wird. Dass derlei Novitäten eifrig studiert und nachgemacht wurden, natürlich noch etwas actionreicher, durfte man alsbald u. a. bei James Bond bewundern, inklusive Flug durch einen Hangar oder eine Werfthalle – richtig große Einsätze gab es dann in Vietnamkriegsfilmen ab den späten 1970ern. Auch der Einsatz von Särgen als Behältnisse, in denen morbider Spaß transportiert wird, wurde alsbald nach „Shaft“ Mode.

Wie im Vorgängerfilm ist auch die Notwendigkeit und innere Logik dieser Schlusssequenz nicht ganz schlüssig. Was hier auffällt ist vor allem, wie oft die Gangster, die im Wagen und im Hubschrauber sind, an Shaft vorbei zielen, damit er durch die alten Werftanlagen hetzen und seine Gegner schlussendlich erledigen kann. Aber was wäre der amerikanische Actionfilm, der amerikanische Western oder Kriegsfilm, wenn man die Ergebnisse dieser naiven Art der Auseinandersetzung „Ein Guter gegen eine Bande des Schreckens“ allzu sehr als Maßstab für die Bewertung der Filme hernehmen würde? Da läge man ständig unterhalb des IMDb-Nutzerscores, und das wäre im Fall von „Shaft – Liebesgrüße aus Pistolen“ schade, denn der Score ist mit 6,1/10 nicht besonders hoch (der erste Film kam allerdings auch nur auf 6,6/10).

Einen gewissen Abstand zwischen den beiden Werken sehen wir auch, aber auf etwas höherer Basis. Der erste Film ist im Ganzen noch etwas realistischer und basiert nicht zentral auf einer zweiten Unglaubwürdigkeit: Nämlich, dass ein Freund von Shaft hinter der Fassade eines Versicherungsbüros und eines Bestattungsunternehmens ein Wettbüro betreibt, dessen gesamte Einnahmen für ein Kinderhospital in Harlem verwendet werden sollen. Kein Wunder, dass sich einige Gangster, unter anderem sein Partner, der schmierige Kelly, der ihn im wörtlichen Sinn hat hochgehen lassen, für das Geld interessieren. Um heranzukommen, müssen sie Asby allerdings exhumieren. Am Ende hat Shaft die 250.000 Dollar, (nach heutigem Wert etwa 1,428 Millionen, Stand Juli 2015) und wird sie garantiert im Sinn seines toten Freundes verwenden. Die Summe beweist wieder einmal, dass die lineare Hochrechnung von Inflationszahlen als Basis für den Wertvergleich früherer Summen mit heutigen tückisch ist, denn für 1,5 Millionen könnte man im Jahr 2015 sicher kein Hospital mehr errichten. Vielleicht waren die 250.000 Dollar auch nur der Eigenkapitalanteil für ein größeres Projekt.

Ein weiterer Unterschied zum ersten Film ist, dass Shaft in der Fortsetzung kein Problem damit hat, während der Handlung eine Frau kennenzulernen und mit ihr Sexualkontakt zu haben, obwohl er bereits in einer festen Beziehung lebt – die Schwester des toten Hal Ashby. Bemerkenswert, wie unkommentiert das hier gezeigt wird, sicher ganz im Stil der neuen sexuellen Freiheit der neuen Zeit, aber auch unterschwellig mit einem Rassenkommentar versehen: Weiße Cops, Detektive usw. hatten zu der Zeit genau jene Grenze zur Polygamie nicht zu überschreiten, kamen also in der Regel nicht zu Sex mit mehreren Frauen, wenn sie in einer funktionierenden Bindung etabliert waren.

Auf einer weitaus mehr sichtbaren Ebene gibt es natürlich auch den Rassenkommentar in Worten, der hier schon etwas Ritualisiertes hat und nicht immer treffsicher daherkommt. Shaft hat auch dieses Mal wieder einen Polizisten, den er gut kennt, wie offenbar jeder Privatdetektiv im amerikanischen Kino ihn vorweisen kann. Das Verhältnis wird aber weder tragfähig noch ist wirklich verständlich, warum Shaft den Mann bezichtigt, sozusagen die Seiten gewechselt zu haben, indem er ihm vorwirft, seine Rasse verraten zu haben – es sei denn, man nimmt an, dass ein afroamerikanischer Polizist per se ein Verrat qua Wechsel zur Ebene der Herrschenden darstellt und nicht, was es in diesem Fall ist: Nämlich ein Aufstieg zum Captain, also zum Leiter eines Reviers, der vor dem Wandel, der sich seit den 1960er Jahren vollzogen hatte, nicht möglich gewesen wäre. Der Mann wirkt weder zu hart noch mangelt es ihm an Integrität einerseits oder Verständnis für die Belange von guten Schwarzen wie Shaft andererseits, weshalb der Captain nach dem Showdown, als er vor dem brennenden Hubschrauber eintrifft, Shaft auch einfach ziehen lässt, anstatt ihn zu fragen, was aus den immerhin illegal erwirtschafteten 250.000 Dollar geworden ist.

Finale

Mit leichten Abstrichen bietet der zweite Shaft-Film ähnlich viel wie der erste und führt uns in eine Zeit, in der sich das Kino und die Gesellschaft noch einmal rasant veränderten – und ist schon deswegen spannend. Shaft trägt wieder seine coolen Klamotten, die Frisur ist noch einen Tick fülliger geworden, aber es gibt nicht mehr das stylische Appartement, diese Single-Liebeshöhle, die wir im ersten Teil bewundert haben. Schade, es hätte gut zu seiner aktuellen Aufstellung gepasst, alle Damen dort zu empfangen.

Stellenweise wirkt auch dieser Film noch ein wenig langsamer und reflexiver als heutige Streifen dieser Art, aber das ist seinen Wurzeln im traditionellen Gangsterfilm geschuldet – der Mainstream-Film hat sich in Schritten, evolutionär, entwickelt, nicht anhand von theoretischen Denkschriften, die von einem Tag auf den anderen von einigen Filmverrückten, Anarchisten des Kinos, in bewegte Bilder umgesetzt wurden.

Manches Klischee wird zudem absichtlich bedient und etwas sehr strapaziert, ohne dass dadurch grandiose Charaktere entstehen würden, am besten sichtbar am Klarinette spielenden Italo-Gangster Mascolo, der immer etwas von Stil erzählt, aber im Verlauf genauso handelt wie alle anderen Beteiligten, die gerne das Wettgeschäft in Queens übernehmen würden. Aber er hat mit seinem Hang zu kitschigen Hausmänteln und einem ebensolchen Einrichtungsstil einen leicht schwulen Touch, den man nur im Subtext kommuniziert hat. Auch diesbezüglich ist er aber ein frühes Beispiel für übertriebene Dekors, wie sie später zur Erläuterung von Filmfiguren gerne verwendet wurden („Scarface“ und ähnliche Filme), während im traditionellen Gangsterfilm oder Film noir die Dekors entweder überragend schick-modern und gerne Art Déco waren – oder sehr traditionell waren, um Milieus zu kennzeichnen.

70/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Regie Gordon Parks
Drehbuch Ernest Tidyman
Produktion Roger Lewis
Ernest Tidyman
Musik Gordon Parks
Isaac Hayes
Kamera Urs Furrer
Schnitt Harry Howard
Besetzung

 

 

 













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