Unheimliche Geschichten (DE 1919) #Filmfest 731 #DGR

Filmfest 731 Cinema – Die große Rezension

Unheimliche Geschichten ist ein deutscher Gruselfilm aus dem Jahr 1919. Unter der Regie von Richard Oswald, der mit dieser Inszenierung kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs das Zeitalter des Phantastischen Films in Deutschland einläutete, spielen Reinhold SchünzelConrad Veidt und Anita Berber die Hauptrollen in allen fünf Episoden. Der Film entstand nach den Erzählungen „Die Erscheinung“ von Anselma Heine, „Die Hand“ von Robert Liebmann, „Die schwarze Katze“ von Edgar Allan Poe, „Der Selbstmörderklub“ von Robert Louis Stevenson und „Der Spuk“ von Richard Oswald.

Nach der Filmografie von Richard Oswald zu urteilen, ist „Unheimliche Geschichten“ nicht sein erster Versuch im Genre Phantastik. Allerdings ist dieser erstaunliche Film der erste von ihm, den ich angeschaut habe, daher kann ich nur aus den Titeln und Handlungsbeschreibungen zu noch älteren Streifen schließen, dass er schon damals das Genre ausprobierte oder mitentwickelte. Wir könnten uns so einigen, dass dieser Episodenfilm der bis dahin bekannteste seiner Art war und außerdem wohl einer der ersten Filme überhaupt, in dem mehrere Geschichten zu einem Langspielfilm zusammengefasst werden. Besonders in den 1940ern und 1950ern wurde diese Darstellungsweise noch einmal sehr beliebt. Mit einem kleinen Unterschied: In der Regel waren spätere Episodenfilme Werkschauen verschiedener Regisseure mit unterschiedlichen Besetzungen für die einzelnen Episoden. Beides ist hier nicht der Fall. In „Unheimliche Geschichten“ wird vor allem das Wirken verschiedener Autoren und ihrer Kurzgeschichten mit derselben Besetzung und einem recht einheitlichen Stil betrachtet. Mehr zu diesem Verfahren in der –> Rezension.

Handlung (1)

Die Geschichte beginnt Punkt Mitternacht in einem alten Bücherantiquariat. Dort entsteigen eines Nachts aus drei großen Gemälden der Teufel, der Tod und eine Dirne. Sie beginnen ein Eigenleben zu führen, stöbern in den verstaubten Bänden und erzählen nunmehr ihre fünf unheimlichen Geschichten, in denen sie selbst, stets in Verkleidungen, zentrale Rollen spielen. Erst als die Uhr 1 schlägt, kehren die Geister in ihre Rahmen zurück, und es scheint, als sei nichts geschehen.

Erste unheimliche Geschichte: Die Erscheinung

Dr. Riedhammer lernt eines Tages eine junge holländische Dame kennen. Man freundet sich an und beginnt sich zu schätzen, doch eines Tages ist jene Madame Stevens aus ihrem Hotelzimmer spurlos verschwunden. Niemand vom Hotelpersonal habe diese Frau jemals bemerkt, so wird beteuert. Riedhammer beginnt an seinem Verstand zu zweifeln.

Zweite unheimliche Geschichte: Die Hand

Zwei Männer aus so genannten besseren Kreisen buhlen um die Gunst einer Frau, die mit ihren Reizen die Männer um den Verstand bringt. Als der eine Mann gegenüber dem anderen verliert, erwürgt dieser den Gewinner. In dieser Episode bekam Anita Berber die Möglichkeit, auch ihr tänzerisches Können unter Beweis zu stellen.

Dritte unheimliche Geschichte: Die schwarze Katze

Rasend vor Wut und Eifersucht ermordet ein Mann seine untreue Frau. Um sie unauffällig loszuwerden, entscheidet er sich dazu, die Tote hinter einer Wand einzumauern. Doch er macht einen Fehler. Er mauert sie versehentlich zusammen mit der geliebten schwarzen Katze ein, die ihn eines Tages mit ihrem Miauen verrät, als die Polizei das Haus durchsucht.

Vierte unheimliche Geschichte: Der Selbstmörderclub

Der Polizeidetektiv Artur Silas kommt einem mysteriösen Geheimbund auf die Spur. Die Mitglieder dieses Bundes planen, sich das Leben zu nehmen. Als der Polizist mehr und mehr die Machenschaften der Suizidwilligen aufdeckt, schwebt er bald selbst in höchster Gefahr.

Fünfte unheimliche Geschichte: Der Spuk

Zur Zeit des Rokoko: Ein Baron vereitelt den Seitensprung seiner Frau. Er will sowohl der untreuen Gattin in spe als auch dem Konkurrenten im Wartestand eine heilsame Lektion erteilen. Dies erreicht der Baron, indem er so tut, als würde es spuken und falsche „Geister“ auftreten lässt.

Als um Punkt eins die drei unheimlichen Wesen wieder in ihren Bildern verschwunden sind, verfällt der Antiquar dem Wahnsinn.

Rezension

Leider enthält die Handlungsbeschreibung zur ersten Geschichte nichts zu deren Ende. Das könnte daran liegen, dass die Wikipedia ausnahmsweise Spoiler vermeiden will oder dass es den Erstellern der Inhaltsangaben erging wie mir: Am Ende standen Fragezeichen, und wer will schon eine Inhaltsangabe mit einem Fragezeichen abschließen? Empfehlung: Lesen Sie die Kurzgeschichte „Die Erscheinung“ von Anselma Heine, auf der die Episode beruht. Sie wurde nicht für den Film geschrieben, sondern erschien bereits 1912. Auch die Storys von Stevenson und Poe sind selbstverständlich nicht „zeitgenössisch“, wohl aber die letzte, die von Richard Oswald selbst stammt und gereimte Zwischentitel enthält. Es gibt in diesem Film eine recht klare Maßgabe: Von sehr unheimlich über unheimlicih und ziemlich unheimlich wird am Ende alles zum Schein und eine beachtliche Stufe der Ironisierung erreicht. Der Film wird also immer „leichter“ in seinem Verlauf. Das zerstörte Hotelzimmer in der ersten Geschichte ist wirklich furchtbar, weil man keinen Hinweis darauf erhält, was geschah. Das heißt, den Hinweis gibt es zwar, aber er wirkt genau so fragwürdig und vage wie alles, was der Protagonist, gespielt von Conrad Veidt, erlebt. 

„Die Hand“ ist wohl die Urmutter aller „Das Händchen“-Filme. Vielleicht. Die Handlungsbeschreibung geht bereits darauf ein, dass Anita Berber in diesem Film tanzen durfte. Lesen Sie bitte die Wikibio über Berber. Ich finde, man kann sich gut vorstellen, dass sie so war, wie sie dort beschrieben wird. Ein Knaller, schon gar für die Verhältnisse ihrer Zeit, nicht nur aufgrund ihrer für die Zeit ungewöhnlich schlanken Figur und ihrer erotischen Ausstrahlung, sondern auch wegen einer Leinwandpräsenz, die sich mit der einer Institution wie Conrad Veidt messen kann und die von Reinhold Schünzel um einiges übertrifft. Sie war, als sie zu filmen bekannt, schon sehr bekantn auf den Bühnen von Berlin und wurde in den 1920ern zur Stilikone für die „neue Frau“, verglichen in ihrer Wiki-Biografie nur mit Josephine Baker. Wahrhaft eine Erscheinung, vor allem, wenn man zum ersten Mal einen Film mit ihr sieht. Ich war wohl bisher zu sehr davon ausgegangen, dass die Frauen im frühen deutschen Film eher auf Henny Porten kamen, die ja auch der größte Filmstar der 1910er geworden war. Dies alles aufgrund eines 8-Minuten-Films namens „Das Liebesglück einer Blinde“ aus dem Jahr 1910, den ich leider nicht auftreiben konnte, sonst hätte ich auch ihn hier gewiss besprochen. Auch, weil er als der erste oder einer der ersten deutschen Filme mit einer richtigen Spielhandlung gilt (der allererste war nach allgemeiner Ansicht Edwin S. Porters „The Train Robbery“ aus dem Jahr 1903, die Urmutter aller Western). 

Aber mittlerweile kenne ich auch Leinwandgöttinnen wie Pola Negri, Erna Morena und nun Anita Berber. Noch nicht gesehen: Asta Nielsen, die als einzige in den 1910ern dem Vernehmen nach mit Porten konkurrieren konnte. Aber wir sind ja hier schon am Ende des Jahrzehnts und plötzlich fühlt sich der deutsche Film richtig alt an. Als habe er um 1920 bereits eine bewegte, stürmische Vergangenheit hinter sich gehabt, die zu Werken wie denen von Lang, Lubitsch, Murnau, Reinert oder eben, wie hier, Richard Oswald, führte. Immerhin hat das Original 101 Minuten Spieldauer (nach IMDb-Angaben sogar 111 Minuten) und diese Länge wies auch die Kopie auf, die ich angeschaut habe und alles, was wir sehen, wirkt zwar nicht immer mit leichter, aber sicherer Hand inszeniert. 

Wenden wir uns also ab von „Die Hand“, der vor allem durch die Inszenierung der Berber glänzt und kommen wir  zu Edgar Allan Poe. Ein Poe ohne Keller ist wie ein Abend in einer versunkenen Taverne ohne ein Fass Amontillado. Wenn bei Poe niemand eingemauert wird, dann hat man das Recht, enttäuscht zu sein. Dieses Mal bringt ein wüster Trinker seine Frau um und mauert sie ein. Allerdings zusammen mit einer lebenden schwarzen Katze, einem ziemlich mächtigen Vieh, dem seine Frau zuvor nach seiner Ansicht ebenso zu sehr ihre Aufmerksamkeit widmet wie dem einen oder anderen Hausfreund. Die Berber in diesen Rollen doppelt gut, wenn man ihre Biografie kennt. Ob das Publikum diese 1919 schon in ihre Zelluloid-Darstellungen hineinassoziieren konnte, weiß ich nicht, aber ich stelle es mir so vor und es wirkt stimmig. Ohne, dass sie es provoziert, verlieren die Männer den Kopf, werden umgebracht oder abgeführt. Bis auf die letzten beiden Geschichten. In der vorletzten ist sie nicht zugegen und die letzte ist eben eine Parodie. 

Der Poe-Verfilmung fehlt vor allem eines: der gute Ton. Man hätte die Katze miauen hören müssen, dann wäre der Grusel perfekt gewesen. So wirkt es, als ob der Ehemann, ein Trunkenbold, wie wir schon wissen, nicht ordentlich gemauert hätte und Blut dringt nach draußen in den für die hausdurchsuchenden Polizisten zugänglichen Teil des Kellers. Trotzdem ist die Geschichte geradezu ein prototypisches, gut erfühltes Stück des englischen Grusel-Romantikers Poe. 

„Der Selbstmörderclub“ hingegen leidet etwas an seiner nicht ganz logischen Handlung, bei der man nicht ermitteln kann, ob die Todesknöpfe nun funktionieren, die mich etwas an Buster Keatons technische Zaubertricks der 1920er erinnerten, obwohl Keaton sie niemals so bösartig eingesetzt hätte. Ich interpretiere die Geschichte als den Tanz auf dem Vulkan der besseren Gesellschaft in Deutschland am Ende des Weltkriegs: Selbstmord ist allemal im Bereich des Möglichen, wenn man die falsche Karte zieht, in diesem Fall das Pik-As. Dass ein Kommissar dem Spuk ein Ende macht, der sich undercover als Aspirant auf Clubmitgliedschaft einschleicht. Aus dem eigentlichen Szenario wird das nicht ersichtlich, denn Selbstmord ist nicht strafbar. Vielleicht geht es aber um den Impressario dieser Inszenierungen, der die anderen manipuliert ohne Ende. Ein früher Vertreter der dämonischen Leinwand, die den deutschen Film bald zu Ruhm führen sollte? Immerhin wird der Typ von Conrad Veidt gegeben, und der spielte ein Jahr später eine der legendärsten Figuren des deutschen Stummfilms: den Cesare in Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“, jenen Somnambulen also, der traumwandlerisch mordet, verschleppt und tagsüber im Sarg davon träumt, was er nächste Nacht wieder alles anstellen könnte. Nein, das tut er natürlich nicht, denn es ist ja Caligari, der aus dem Willenlosen ein Werkzeug seiner Machtfantasien kreiert. Eine tragische Figur im Grunde, anders als unser Kandidat in „Der Selbstmörderclub“, der abgeführt wird. Zeit, uns von den Teufeln, Toten und Dirnen der erstaunlichen Filmwelt jener Tage abführen zu lassen in die Schreibpause und andere zu Wort kommen zu lassen:

Das Berliner Tageblatt lobt vor allem die drei Hauptdarsteller: „Das Zusammenarbeiten dieser drei Künstler ist meisterhaft und ist der Grund des Erfolges. Die Arbeit Robert Liebmanns, des Dramaturgen, verrät einen sicheren Blick für das Wirksame. Anzuerkennen ist die Sparsamkeit der Titel. Es ist das Verdienst Richard Oswalds als Regisseur, sich diese Kräfte herangeholt zu haben und sie sich entfalten zu lassen. Vielleicht hätte das Tempo manchmal etwas rascher sein können, besonders wo man nur Exposition gab. Die Photographie ist, besonders technisch bei den Erscheinungen, erstklassig, die dekorative Einrichtung recht geschmackvoll.“[1]

Achtung, das Händchen greift nach dem Vorhang und die Figur materialisiert sich wieder, die des Schreibers im Jahr 2022. Kleine 103 Jahre ist das alles her, was wir hier sehen, auch wenn es zum Teil im 19. und im 18. Jahrhundert angesiedelt ist. Das Bild stelle ich mir wirklich gut vor, erstaunlich vor allem, wie sehr Oswald auf die Effekte von an- und ausgeschaltetem Licht geachtet hat, es mit den Dekorationen kombinierte (der von innen angeleuchtete Kamin in – sic! – „Die Hand“ bei ansonsten dunklem Zimmer) und auch nicht verlegen darum war, eine Kerze wie einen Scheinwerfer erstrahlen zu lassen, wenn es nötig war, um die Szenerie angemessen zu beleuchten. Gerade aber die Low-Key-Einstellungen sind für ihre Zeit herausragend, weil das Filmmaterial solche extremen Beleuchtungsunterschiede eigentlich kaum zuließ. Die Kopie, über die ich schreibe, ist zwar Ergebnis einer Restauration (das Original-Negativ, wie so oft bei deutschen Filmen jener Jahre, ist futsch), aber noch nicht in der Form, dass man alle Kratzer und alles Flimmern herausdigitalisiert hätte, wie vor allem die Franzosen das so gerne bei den Aufarbeitungen ihrer alten Schätze tun, sodass man meint, man habe ein gerade erst in edlem, konstrastreichem Schwarz-Weiß gedrehtes, vorgeblich stummes Period Picture à la „The Artist“ vor sich.

So geht die F.-W.-Murnau-Stiftung bei ihren Aufträgen bis heute nicht vor und dafür bin ich recht dankbar, denn dass die Filme alt sind, darf man auch sehen und so bekamen sie seinerzeit auch die Menschen vorgeführt, die das begeisterte oder entsetzte Publikum der dämonischen Leinwand bildeten: Faszinierend, magisch, aufregend, manchmal verstörend und abstoßend, aber nicht perfekt im Sinne heutiger Sehgewohnheiten. Die Aufträge an die herausragenden Restaurierungsspezialisten seitens der Stiftung enden übrigens nie, denn immer mal wieder taucht hier und da ein Fitzelchen eines Films auf, das als verloren galt oder die Digitalisierungsqualität erreicht die nächste K-Stufe oder es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Musik zu alten laufenden Bildern zu komponieren und in prachtvoller Orchestrierung einzuspielen. Diejenige zu „Unheimliche Geschichten“ in der gesehenen Version ist auf jeden Fall nicht „original“, sondern später auf eine Weise erstellt worden, dass sie die Szenena auf eine sehr sinnige und mit der Zeit auch witzig anmutende Weise so untermalt, dass die jeweilige Wirkung des Moments verstärkt wird. Demgemäß gibt es karge, zuweilen schräge und ein wenig Schauer hervorrufende Töne, aber auch leichte Passagen zur Entspannung. Um den Film mit dieser Musik aufführen zu können, muss man kein Sinfonieorchester zur Verfügung haben, ein Kammerensemble reicht sinnigerweise bei diesem recht kammerspielartigen Film aus, um ihn hübsch zu untermalen.

Auch Der Kinematograph fand überwiegend lobende Worte und begrüßte eine neue Filmgattung: „Diese fünf Einakter zeigen mit verblüffender Deutlichkeit, auf welchem Gebiet der Erfolg des Kinos zu suchen ist. Seit dem „Student von Prag“ ist meines Wissens ein derartig wirksamer Stoff noch nicht wieder verfilmt worden. Hier ist ureigenstes Filmland, und Richard Oswald war der berufene Führer, der mit geschickter Hand hier Wege zu ebnen und Ausblicke zu eröffnen verstand, die unbedingt Bewunderung auslösen müssen. […] Mit steigendem Interesse folgt man den zum Teil recht gruseligen Begebenheiten, die in der ”Schwarzen Katze“ und im ”Klub der Selbstmörder“ ihren Höhepunkt finden. Wenn hier Reinhold Schünzel mit dem Blick auf die große Wanduhr die wenigen Minuten zählt, die ihn noch von seinem Tod trennen, wenn der Zeiger immer weiter vorrückt und die Uhr schließlich zum zwölften Schlage aushebt, ohne daß sich Rettung zeigt, da hält man tatsächlich den Atem an.

Nutzen Sie den Film also ruhig für ein paar Atemübungen, es gibt schlechtere Anleitungen im Internet. An „Der Student von Prag“ hat mich der Film gar nicht so sehr erinnert, aber nun, wo ich’s gelesen habe: Ja, die Effekte sind teilweise ähnlich, es war eben damals noch sensationell, wenn Menschen sich langsam immer mehr auf der Leinwand zeigen, bis hin zur vollen Plastitzität oder auch nicht ganz, wie hier in „Die Hand“. Aber vom philosophischen Hintergrund her ist „Der Student“ für mich eine andere Kategorie, viel mehr in typisch deutschen Themen wie dem Doppelgänger, dem gespaltenen Selbst verhaftet, während das Gepräge von Oswalds unheimlichen Geschichten eher angloamerikanisch wirkt, nicht umsonst natürlich, denn zwei der Autoren, deren Texte hier verarbeitet werden, sind Briten und der fünfte Akt ist von einem Österreicher, der seinen Schmäh mit Berliner Witz kombiniert und eine lockere Etüde vorführt, die vom Wunder des Eheglücks spricht: Nichts ist unheimlicher als eine schöne Frau mit Temperament, die sich bescheidet mit einem Langweiler ohne Esprit.

Zum Glück ist es ein Rokoko-Langweiler, daher ist er wenigstens prachtvoll gekleidet, gepudert und gepflastert. Welch eine Zeit. Im selben Jahr erstand sie auch in „Madame Dubarry“ von Ernst Lubitsch für unsere cinephilen Urgroßeltern wieder auf, daher kann man gut Vergleiche bezüglich der Interpretation der Mode um 1780 aus der Sicht des Jahres 1919 und zwischen Pola Negri und Anita Berber anstellen. Weniger zwischen Emil Jannings und Conrad Veidt, dafür sind ihre Silhouetten und ihre Spielweise zu unterschiedlich gestaltet. Reinhold Schünzel hingegen wirkt in beiden Filmen mit und liefert in „Dubarry“ die grandios modern wirkende Vorstellung eines verschlagenen Höflings, eines Minister von Louis XV., die trotz der Beschränkung auf eine Nebenrolle für mich mindestens so gut ist wie seine Leistung als Hauptakteur in „Unheimliche Geschichten“, weil sie auf etwas beruht, das man, zumal für damalige Verhältnisse, als elegantes Unterspielen, als ebenso sparsame wie zielgenaue Charakterzeichnung bezeichnen kann. Davon ist in „Unheimliche Geschichten“ weniger zu sehen, es wird also mehr gemimt und man zeigt sich stärker im Sinne des frühen Stummfilms blickwirkungsstark geschminkt. Conrad Veidt wirkt phasenweise, als sei zwischen riesigen Augäpfeln, die fast aus den Höhlen treten, kaum Platz für die Nasenwurzel. Ein erstaunlicher Effekt, ganz ohne CGI erreicht.

Ludwig Kapeller schrieb in der Lichtbild-Bühne: „Richard Oswald, dem die deutsche Filmindustrie schon manche Neubelebung verdankt, hat nun den Film des Unheimlichen geschaffen. Seine ”Fünf unheimlichen Geschichten“ stellen zweifellos einen bedeutsamen Fortschritt in der Eroberung filmischen Neulands dar, und allein der Versuch, dem Lichtbildtheater neue Stoffe zu erschließen, muß anerkennend begrüßt werden. […] Schünzel, Veidt und Anita Berber können ihm Grundlagen sein zu diesem neuen Film, der auch einen neuen Stil verlangt. Vorläufig sind nur Ansätze zu sehen; gelingt es ihm, das Groteske und Bizarre jedes unheimlichen Films zu erfassen, ihm seinen besonderen einheitlichen Stil zu geben, der bisher im Film nie bewußt genutzt wurde, so mag hier eine neue originelle Gattung werden, die, über den Einzelerfolg hinaus, einen neuen, eigenartigen Zweig unserer Filmindustrie zur Blüte bringen kann.“[3]

Kritiker waren damals noch Visionäre und machten sich über das, was kommen könnte, Gedanken. Das Medium war eben doch jung, auch wenn wir vorhin die unheimliche Tiefe der Zeit betont haben, aus der heraus entstanden war und die sehr viel weiter als ins Jahr 1895 zurückreicht, als die Gebrüder Lumière knapp vor der deutschen Konkurrenz die Bilder endgültig ins Laufen bekamen. Theatertraditionen und Stoffe aus der vorindustriellen Zeit sieht man in vielen dieser Filme wirken oder nachwirken und doch sollte wenige Jahre später schon die „neue Sachlichkeit“ dominieren. Der Spuk war damit freilich nicht vorbei, sondern fing in der Realität erst richtig an. Aber die oben zitierte Kritik sieht tatsächlich voraus, was durch Filme wie „Nosferatu“ bals möglich sein sollte, die ein Gruselthema so konsequent bespielen, wie es zuvor wohl kaum möglich schien, und auch damals war es gewagt, denn in einigen Momenten schrammt die Darstellung dicht an der unfreiwilligen Komik vorbei. Sofern man nicht etwas in ihr sieht, was mein Bild von „Nosferatu“ mitgeprägt hat: Eine plötzliche Trauer, ja Mitleid mit der einsamen Vampirfigur, weit entfernt von der Kamera hinter einem weißen Fensterkreuz stehend, verzehrt von der Liebe zu einer Frau, die sein Untergang sein wird. Der Tod eines Untoten ist wirklich etwas Schauriges. So differenziert oder gar tiefgründig geht es in den nicht gleichlangen, aber nie mehr als eine halbe Stunde währenden Geschichten von Richard Oswald noch nicht zu, sie sind vor allem zur Unterhaltung und eben zum Gruseln erschaffen worden.

Finale

Und diesen Zweck haben sie bei mir erreicht. Vor allem die erste Geschichte war aufgrund ihrer ruckartigen Filmweise beinahe etwas wie ein verbildlichter Fiebertraum, dann wurde es ruhiger, konventioneller, wenn man so will, ich kannte mich im Szenario aufgrund früher gesehener, neuerer Filme oder auch Geschichten aus, bis am Ende dieser flockige Ton den Film bestimmte, den man sich doch eigentlich wünscht, bevor man aus dem Kinosessel aufsteht, sofern man nicht gerade Amtsperson und den ganzen Tag damit zubringen kann, andere Menschen mit Gruselbürokratie das Fürchten zu lehren. Dann braucht man kein kathartisches Schlusserlebnis. Für uns aber, welche die Welt auf die eine oder andere Weise am Laufen halten und immer optimistisch bleiben möchten, ist das Ende von „Unheimliche Geschichten“ nahezu perfekt. 

Oskar Kalbus’ Vom Werden deutscher Filmkunst befand: „Hier feiern photographische Trickaufnahmen wahre Orgien: Fußspuren, die über den Sand sichtbar sich nähern, bis in Großaufnahme der Abdruck eines Menschenfußes den Zuschauer fast ins Auge tritt … Hier liegt der Ausgangspunkt des Spukfilms: Unmögliches, Unvorstellbares, Unwirkliches, Unheimliches filmisch darzustellen.“[4]

Kalbus hat dieses Buch Mitte der 1930er geschrieben, erwarten Sie also nicht, dass heutige Hollywoodfilme bezüglich der Effekthascherei getoppt werden, aber lassen Sie sich ein auf etwas, das die meisten von uns heutigen Cineasten nicht einmal vom Hörensagen kennen. Zumal, wenn Sie einer Sache nachspüren wollen, die mich immer mehr beschäftigt: In diesen Filmen liegt ein Stück Heimat, etwas von dem, woraus das Hier und Jetzt entstanden ist, besonders in diesem Land. Dass es so spannend und erstaunlich und oft auch lustig ist, wundert mich immer wieder. Vielleicht sollten wir dem, was sich diesen alten Filmen ausdrückt, mehr glauben, als Narrativen über uns, an denen wir selbst zu wenig mitwirken durften. Um der Zukunft mit Fantasie und Mut zum Neuen zu begegnen, wäre es jedenfalls nicht das Schlechteste, sich auf ein Moment in der Geschichte zu besinnen, als alles nach schweren Jahren möglich erschien. Sogar ein gutes Ende. 

Das Titelbild zeigt einen Szenenausschnitt aus der Rahmenhandlung im Antiquariat, nicht aus einer Aufführung von „Faust“. Lieben Sie Bücher? Verzeihen Sie bitte dem Teufel das Herumschmeißen mit staubigen Schwarten und den drei Archetypen, dass der Besitzer des Ladens aufgrund des mächtigen Schreckens, hervorgerufen durch deren Heraustreten aus den Rahmen ihrer Bilder, den Weg vieler Liebhaber von Schauergeschichten geht: direkt in den nachmitternächtlichen Wahnsinn. Es ist alles nur Kientopp.

73/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1), kursiv, zitiert, tabellarisch: Wikipedia

Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1919
Länge 101 Minuten
Stab
Regie Richard Oswald
Drehbuch Richard Oswald, Robert Liebmann
Produktion Richard Oswald für Richard Oswald-Film AG, Berlin
Kamera Carl Hoffmann

 

 

 

 

 

 

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