Wehrlos – Tatort 1020 #Crimetime 1095 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #wehrlos

Crimetime 1095 – Titelfoto © ORF, Hubert Mican

Wehrlos in & gegen Wien

Wehrlos ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort, der erstmals am 23. April 2017 im ORF, im Ersten und im SRF 1 ausgestrahlt wurde. Es ist die 1020. Folge der Reihe, der 40. Fall des österreichischen Ermittlers Moritz Eisner und der 16. gemeinsame Fall des Ermittlerteams Eisner/Fellner.

Moritz Eisner und Bibi Fellner feiern eine Art Jubiläum. Der 40. Fall ist es aber nur für Eisner, Fellner ist erst zum 17. Mal dabei – und verhält sich wie eine eifersüchtige Liebhaberin. Was zunächst wie ein Ehedrama ausschaut, entwickelt sich zu einer verzwickten Geschichte, die junge Menschen wehrlos in ihrer Ausbildung macht.

Wenn in Wien ermittelt wird, dann geht es oft ans Eingemachte. Die OK wird nicht geschönt, der eigene Staat nicht geschont, und all das bekommen wir präsentiert mit einer im deutschsprachigen Raum einzigartigen Mischung aus Schmäh und Jesuslatschen-Dramatik. Wie sich das dieses Mal als Spaß am Whodunit ausgegangen ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein erschreckendes Bild finden Major Moritz Eisner und Kollegin Bibi Fellner bei einem nächtlichen Einsatz vor: Der Leiter der Wiener Polizeischule liegt erschossen im Wohnzimmer seines Hauses, ein Stockwerk höher seine Frau – tot, mit gebrochenem Genick. Was zuerst wie ein Beziehungsdrama mit Totschlag und Selbsttötung aussieht, wirft schon bald Fragen auf: Es muss nämlich noch jemand am Tatort gewesen sein. Diese Person und eine Dienstwaffe, aus der die tödliche Kugel abgefeuert wurde, gilt es nun zu finden.

Eine Spur führt zur Polizeischule, in der Ausbilder Thomas Nowak ein eisernes Regiment führt und ein besonderes Verhältnis zu einer Polizeianwärterin hat. Diese beiden nimmt Bibi, die als kommissarische Leiterin in die Schule eingeschleust wird, ins Visier. Unterdessen verfolgt Eisner, diesmal unterstützt von dem schusseligen Kriminalassistenten Fredo Schimpf, Spuren ins Rotlichtmilieu. Ein Gangsterpaar hat versucht, den Getöteten mit Skandalfotos aus der Polizeischule zu erpressen.

 Von Inkasso-Heinzi, Bibis alten Kontakt aus ihrer Zeit bei der Sitte, kommt der Insidertipp, sich die „depperte Bonny“ und den „süßen Clyde“ vorzuknöpfen. Die beiden haben etwas in der Hand, was die Ermittler zutiefst schockiert. Je tiefer Eisner und Fellner in den Fall eindringen, umso mehr tun sich menschliche Abgründe auf – und zwar bei hochrangigen Beamten des Polizeiapparats.

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In seinem 40. „Tatort“-Einsatz muss Harald Krassnitzer alias Major Moritz Eisner ausnahmsweise alleine ermitteln, denn das Tandem mit Adele Neuhauser als Bibi Fellner wird aus ermittlungstaktischen Gründen aufgelöst – natürlich nur für diesen einen heiklen Fall, bei dem es um Mobbing und Machtmissbrauch an der Wiener Polizeischule geht. Regisseur Christopher Schier verbindet in „Wehrlos“ eine ungewöhnliche Kriminalgeschichte mit dem gewohnten Humor der Reihe. Zu dem eingespielten Polizei-Ensemble mit Martin Zauner, Hubert Kramar und Simon Schwarz stößt diesmal Alexander Strobele in der Gastrolle des vorbildlichen Polizeibeamten Pohl, der in seinem letzten Fall der Gerechtigkeit dient.“
 

Rezension: Anni und Tom über „Wehrlos“ 

Anni: 
Den Teil der Handlungsangabe in Kursiv hätten wir weglassen müssen. Verrät zu viel, ist falsch. Sicher ermitteln die beiden doch weiter zusammen, nur an getrennten Orten!

Tom: Und was für Orte. Ich war jedes Mal heilfroh, wenn die Szene von der Polizeischule wieder in Moritz‘ Büro gewechselt ist, zu die beiden Chopperln, von denen einer dann ja auch durch sein Einpennen dafür sorgt, dass ein zweiter Mord passiert. Der einschlafende Observierer, ein echter Klassiker, ebenso wie der Mörder, der ungehindert durch den Polizeischutz hindurch in Krankenhäuser eindringen kann, um Zeugen umzubringen.

Anni: Das war aber auch krass dargestellt, das Mobbing. Fandest du das realistisch? Ich bin mir nicht sicher. Aber es war super gemacht, ich hatte echte Magenschmerzen, als Bibi sich gegen den Novak nicht wehren konnte. Und dann, wenn jemand unter Druck ist, macht er Fehler, weil ihm alte Verfehlungen gespiegelt werden, die genau in die Richtung gehen und man ist angreifbarer, du siehst, wie du jemanden sozusagen immer weiter aufbohren kannst, wenn du irgendwas entdeckt hast, womit du ihm ans Leder kannst und er dann nicht eiserne Nerven hat. Klar ist das übertrieben, besonders der Scheiß mit dem Bild aus der Partnerbörse, und sie ist doch Novaks Vorgesetzte, aber so kannst du es prinzipiell spielen, oder?

Tom: Vor allem, wenn jemand, wie die Bibi, keine trockene Vergangenheit hat. Und sag mir, was du willst, Polizisten sind nun mal konservativ und empfänglich dafür, Leute wegen sowas zu bashen. Und sie kommen an Dating-Profile ran. Leitet mich zu der Ansicht, dass nur Partnerbörsen mit verdeckten Profilen bis individuelle Freigabe gute Börsen sind. Vor allem für Leute, die heikle Jobs haben.

Anni: Apropos Job. Gerade bei der Polizei sollte doch Verständnis dafür herrschen, dass Leute wegen des Drucks und des Frusts zum Saufen anfangen oder es sonst mal Verfehlungen gibt. Wenn das so ist,  und wenn Beamte gewisse Anforderungen erfüllen müssen, entsteht dieser Corpsgeist, der zur Vertuschung führt. Eine eigene Form von Solidarität, die natürlich auch Abhängigkeiten schafft und die Ehrlichkeit von Staatsdienern selbst dann angreift, wenn sie gar nicht bestechlich sind, sondern sich nur gegenseitig in eben solchen Sachen decken, das gilt ja in der Realität vor allem für Übergriffe durch Polizeigewalt. Deswegen führt der Polizeischüler ja auch aus, heißt der Mechanismus zur Klärung solcher Fälle ja interne Ermittlung und es wird nicht extern ermittelt – damit eben alles unter der Decke bleibt. So gut hat mir das bisher noch niemand erklärt, wie jetzt in „Wehrlos“. Und dieses Ding mit den Sexualpraktiken – mich hat das an Vorkommnisse bei der Bundeswehr erinnert, und dort sollen die Azubis, keine Ahnung, wie sie dort heißen, ja auch schon missbraucht worden sein.

Tom: Wo hast du das denn her? Vorsicht mit solchen Vergleichen. Mobbing ja, dafür sind hierarchische Strukturen generell gut geeignet, aber es geht auch nicht darum, ob genau das passiert ist, sondern ums Prinzip, und ich finde auch, das haben sie klasse rübergebracht. Obwohl – Mobbing ist nicht unbedingt von bestimmten Strukturen abhängig. Du kannst auch unter Gleichen mobben und so Ungleichheit schaffen. Das kommt davon, wenn man zur Konkurrenz anstatt zur Solidarität erzogen wird.

Anni: Goldene Worte, lass uns mal ja daran denken, wenn es um Kinder und Leistung, Leistung, Leistung als Synonym für Durchsetzung gegenüber anderen um jeden Preis geht. Aber, mei, wie gut die spün! Sag, was du willst, die Österreicher sind superior im Spün. Hochleister, Outperformer. Krassnitzer und Neuhauser, aber auch alle anderen, die dieses Mal mitgemacht haben.

Tom: Mit einem Sonderlob für Simon Schwarz als Inkasso-Heinzi. Köstlich. Das Coole daran ist aber: Es ist gar nicht gespielt. Die Wiener sind wirklich so. Wir meinen nur immer, das ist höchste Schauspielkunst, weil wir das nicht können, uns so aufführen.

Anni: Es ist jetzt oba auch a Schmäh, oder? Klar sind die nicht so wie …

Tom: Wie ihr Berliner. Ich sag es mal so: Wenn man zwischen seinem inneren Selbst und der Rolle, die man spielt, einen Abstand von Null bis Hundert anlegen kann, dann sind die Berliner …

Anni: Bei Null, schon klar. Einfaltspinsel auf ner Einheitsinsel.

Tom: Das hast du gesagt. Also, die Südwestdeutschen beispielsweise bei 30 bis 40 Prozent. Die Wiener aber mindestens bei 70, das heißt, das Schauspielern gehört zum Leben und zum persönlichen Ausdruck, wie die Südländer ja auch mehr mit Gesten reden und viel mehr mit der Intonation anstellen als wir das im Alltag tun – und die Show macht einfach jeden Tag Spaß. Nicht umsonst gibt es im deutschsprachigen Raum überproportional viele Österreicher unter den bekannten Schauspielern …

Anni: Und Schauspielerinnen.

Tom: … überhaupt unter den Film- und Theaterschaffenden. Menschen sind halt nicht alle gleich. Dafür dafür haben sie dort nicht so gute Lenksprech-Expert_innen wie wir. Die brauchen dort sowas nicht.

Anni: Aber gerne, deswegen wählen ja auch fast 50 % einen FPÖ-Kandidaten. Es fehlt dort etwas an gutem Lenksprech. Und außerdem, auch die Berliner Schnauze ist teilweise gespielt. So prollig kann man innerlich gar nicht innerlich sein, wie wir rüberkommen, dazu sind wir im Herzen viel zu gut. Wir gehen auch in Jesuslatschen, aber wir geben’s nicht gerne zu.Dit bei uns ist auch nicht Burgtheater, sondern Volksbühne. Trotzdem ist dieses Duo Moritz und Bibi was Besonderes. Ich hab die richtig lieb, und wenn die mal aufhören, wird mir was fehlen, ähnlich wie sonst nur bei den Kölnern. Und mich hat diese Eifersucht von der Bibi auch nicht genervt, weil das einfach so eine Frau ist, die überhaupt keine Distanz zu irgendwas hat. Spricht übrigens gegen deine These von den 70 bis 80 Prozent, bei den Wiener_innen.

Tom: Individuelle Unterschiede und Ausnahmen von der Regel eingeschlossen, außerdem ist ja ihre Art auch theatralisch. Stell dir so jemanden an der Waterkant vor, in einer Jever-Werbung.

Anni: Als Kontrast, warum nicht? Aber das „Ein Mann, ein Wort, ein Tagespensum an Kommunikation“ ist doch auch eine Attitüde. Du verstehst, was ich meine. Ich glaube, die einzigen, die überhaupt keine Rolle spielen, sondern so schlecht gelaunt und jeder Selbststilisierung abhold vor sich hin nuscheln und immer irgendwie basic wirken, sind die Leute in der Gegend, aus der du kommst. Nein, das war jetzt unfair.

Tom: Los, schrei vor Glück oder nimm’s zurück! Ich meine, vor Glück über deine perfekt übergriffige Rhetorik.

Anni:  Du weißt doch, wie wir sind, aber ich nehm’s zurück. Ehrlich. Mich hat dieser Tatort am Ende schon ziemlich aufgewühlt, und das mit dem Mobbing zieht. Ich muss mich jetzt auch wieder meiner selbst und unseres Dings, das wir miteinander haben, versichern, du verstehst schon. Aber so ist das Leben, auch wenn es nicht immer tödlich endet. Es gibt Typen, Männer, wie diesen Novak und seinen Chef, der gleich zu Beginn umgebracht wird. Jede Frau hatte schon mal ein Gefühl von Wehrlosigkeit, wie Bibi, und das ist doch der Kern des Films, diese Blackboxen von Orten, an denen die immer gleichen alten Triebe ausgelebt werden, wobei natürlich die Opfer beiderlei Geschlechts sind, das ist schon klar.

Tom: Auch Frauen können übrigens mobben, es fühlt sich anders, aber nicht besser an. Es ist mehr so ein defensives Hintenrum-Ding. Häufiger.

Anni: Ich weiß, was und wen du meinst, und eines machen wir jetzt nicht, nämlich wieder eine Landkarte zeichnen mit Gegenden mit Leuten mit und ohne Prozente. Es wäre ja unrealistisch, wenn es keine regionalen oder nationalen Eigenschaften gäbe, aber letztlich sind es Individuen, die es so auf die Spitze treiben, wie es hier diese Ausbilder tun. Und es gibt tausend Spielarten von Unterdrückung. Dass so ein Film dann trotzdem noch eine Menge Humor hat, ist einfach stark, und es ist sehr wohl eine Wiener Spezialität, diese Balance nicht nur hinzubekommen, sondern sie im Verlauf des Films auch noch gekonnt zu verschieben. Am Ende wurde es richtig dramatisch, ob mit oder ohne Jesuslatschen. Und sie haben es vorher nicht so ins Klamaukmäßige gezgoen, dass der Schwenk dann nicht mehr klappt. Für mich einer der stärksten Tatorte der letzten Zeit und auch unter den Wienern der letzten Jahre einer der besten. Nicht mehr so schrill und splatterhaft wie in Bibis Anfangszeit, aber auch nicht so betulich wie einige der Solo-Eisners, in denen er auf dem Land ermittelt. Die Stadt-Tatorte gefallen mir besser, also die, wo sie in Wien bleiben.

Tom: Ich mag die Landpartien gerne, schon wegen der Landschaft. Und weil man auf dem Dorf so schrullige Charaktere zeichnen kann. Aber wenn es in der Hauptstadt auch geht, wie beim Inkasso-Heinzi und Bonny und Clyde, warum nicht? Sowas vermisse ich übrigens bei den Berliner Tatorten total. Die Leute dazu gibt es, aber die hiesigen Tatorte mit ihrer Überdrüber-Attitüde ignorieren sie konsequent. Der letzte Kommissar, mit dem und mit dessen Milieueintritten Berlin noch etwas Kultiges hatte, war Markowitz, kurz nach der Wende. Vielleicht ist die Stadt aber auch heute so belanglos wie die Figuren in den hiesigen Tatorten geworden sind.

Anni: Ich finde Alt-Berlin-Nostalgie von Leuten, die damals gar nicht hier gelebt haben, genauso schräg wie Woodstock-Nostalgie bei Menschen der Generation Y. Und selbst Wien wird sich verändern. Wenn auch nicht so schnell. Die Mischung stimmt eben bei denen. Und an der Handlung hab ich auch wenig auszusetzen. Und wie sie im Büro des Chefs immer aus dem Fenster steigen, um auf dem Kies-Flachdach eine rauchen zu gehen, einfach herrlich. Das ist Schmäh vom Feinsten. Ich geb 9/10.

Tom: Ich gehe jetzt auch mal in den Selbstversicherungsmodus, nach so viel Mobbing, und schließe mich an. War ein richtig guter.

9/10

© 2022, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Oberstleutnant Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Oberst Ernst Rauter – Hubert Kramar
Gruppeninspektor – Thomas Nowak – Simon Hatzl
Ermittler Stefan Pohl – Alexander Strobele
Rechtsmedizinerin Susi Freund – Michou Friesz
Inkasso-Heinzi – Simon Schwarz
Daniela Maurer – Simone Fuith
Florian Maurer – Sebastian Wendelin
Katja Humbold – Julia Richter
Manfred Schimpf – Thomas Stipsits
Rudolf Haag – Martin Zauner
Pia Haag – Birgit Linauer
Samy Graf – Ruth Brauer-Kvam 

Drehbuch – Uli Brée
Regie – Christopher Schier

 

 

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