Wenn die Abendglocken läuten (DE 1951) #Filmfest 746

Filmfest 746 Cinema

Wenn die Abendglocken läuten kam bei den Kritikern noch etwas schlechter weg als die meisten Filme dieser Art. Kurt Heuser schrieb unter dem Titel Die Abendglocken des deutschen Films in der Zeitschrift Die Literatur, 1/1952, der Film sei ein „Gebräu aus Spekulation, Lüge und gestohlenen Wirkungen.“ Ihm sei übel, körperlich übel gewesen als habe er Fusel getrunken. Dabei, so Heuser weiter, würden nicht nur „Kapazität und Begabung dieses Personals ausreichen“, sondern mehr noch würden alle darauf brennen, gute Filme zu machen. „Trotzdem die Abendglocken? Was ist los?“[2]

Der Spiegel schrieb 1952, dass „Georg Krause […] überbelichtete Gesichter [fotografierte], die wie Kalkwände aussehen. Ein Fest der Tränen, zu dem der Verleih in Berlin die Presse vorsichtshalber nicht einlud.“[3]

Für den film-dienst war es „sentimentaler Edelkitsch im Gartenlaube-Stil inszeniert. Auch die verlogene Moral und die angestaubten sozialen Ansichten zeugen von einem hoffnungslos veralteten Film.“[4] „Bei so viel Kitsch läuten die Alarmglocken“, schrieb auch Cinema.[5]

So gesehen, hätte ich noch weniger als 5 Punkte vergeben müssen, aber sagen Sie, was Sie wollen: Ich konnte zu der Zeit ja noch keine Kritikensammlungen im Internet lesen oder im Spiegel-Archiv nachschauen, aber so eine gewisse Ahnung davon, wann es mit dem Schnulzigen übertrieben wurde, hatte ich wohl schon. Dabei war Willi Birgel schon vor dem Krieg einer der Lieblinge des deutschen Kinos gewesen. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, warum, aber so war es. Der letzte Film, den ich mit ihm gesehen haben, war „Der Blaufuchs“, in er an der Seite von Zarah Leander spielt, glaube ich (dieses Lustspiel entstand 1938). Aber die Zeiten ändern sich immer, in „Abendglocken“ ist Birgel nicht mehr der Leading Man, sondern muss erst sterben, damit junge Leute ihr Glück finden können. Und Otto Gebühr wurde vom großen Fritz zum Küster in einer Nebenrolle degradiert. Auch das Typecasting bestimmter Nebenrollen sieht man schon. Mittlerweile frage ich mich, in wie vielen Film wohl Paul Hörbiger irgendeinen alten Onkel, Lehrer oder dergleichen gespielt hat. Es müssen Hunderte sein, angefangen hatte er mit diesen Rollen schon vor dem Krieg. Rudolf Platte war ein ähnliches Schicksal als häufig anzutreffender Sidekick von eher deutschem Gepräge beschieden.

Über das „Warum, warum?“ kann man immerhin Vermutungen anstellen, was diese Heimatfilme angeht: Nach dem Riesenerfolg von „Schwarzwaldmädel“ (1950), dem ersten Nachkriegs-Farbfilm deutscher Herkunft, und dem Nachfolger „Grün ist die Heide“ (1951) hatten die Filmproduzenten den Eindruck, genau das ist es, was die Leute möchten. Und da nicht mehr genug vom oben erwähnten Talent vorhanden war, um alle Genres auf hohem Niveau zu bedienen und man von filmischen, politischen und geschäftlichen Wagnissen die Schnauze voll hatte, weil auch die ernster gemeinten Filme der ersten Nachkriegsjahre nicht so richtig zogen, weil sie zu dicht an der Realität waren, machte man genau das, wovon man annahm, dass es ankommen würde. Selbstverständlich gab es auch innerhalb des Heimatgenres qualitative Unterschiede, sogar ziemlich große. Aber diese Filme sind ein Spiegel jener Zeit, daran führt nichts vorbei, sie sind nicht etwa am Geschmack des Publikums vorbei produziert worden, sonst hätte sich diese Masche nicht bis in die 1960er hinein gehalten.

Kürzlich wurde ein Vorläufer dieses Rückstücks entdeckt, er stammt aus dem Jahr 1930 und es handelt sich um einen der letzten deutschen Stummfilme. Vielleicht ist der Kitsch darin schon deshalb nicht so prominent, weil die Abendglocken nicht wirklich läuten können.

© 2022, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Zitiert, kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Alfred Braun
Drehbuch Hans Scheffel
Werner P. Zibaso
Produktion Willie Hoffmann-Andersen
für Apollo-Film, Berlin
Musik Willy Schmidt-Gentner
Kamera Georg Krause
Schnitt Erwin Marno
Besetzung

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