Schattenkinder – Tatort 1193 #Crimetime Vorschau Das Erste 13.03.2022, 20:15 Uhr #Tatort #Schweiz #Zürich #Grandjean #Ott #SRF #Schatten #Kinder

Crimetime Vorschau – Titelfoto © SRF, Sava Hlavacek

Kunst darf

Zuletzt hatten wir bei den Schweizer Tatorten einen Fehler gemacht, als wir sie aufzeichnen wollten zwecks späterer Rezension wie alle anderen Filme der Reihe. Sie sind der Mediathek nur im Schweizer Original vorhanden und das hat den Spaß schon vorab sehr getrübt. Wann endlich findet man anstatt der Synchronisierung zu einem gemäßigten Schweizerdeutsch, das man, ähnlich wie das Österreichisch der Wien-Tatorte, verstehen kann? Dadurch würde mehr Originalität erhalten bleiben als durch die Übersetzung ins Hochdeutsche, welche die Filme unnötig hölzern wirken lässt. Dieser Verlust an Authentizität war schon beim Vorgängerteam Flückiger / Mayer ein großes Problem. 

„Darf Kunst alles? Auch Menschen bewusst Schmerzen zufügen, ihr Gesicht entstellen und sie als „Objekte“ in einem Werkzyklus ausstellen? Mit dieser Frage werden die beiden Züricher Kommissarinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Carol Schuler) in ihrem neuen Fall „Schattenkinder“ konfrontiert. Im dritten Tatort-Einsatz für die Schweizer Ermittlerinnen gilt es, einen Todesfall im Umfeld einer charismatischen Installationskünstlerin aufzuklären, der sie an die Grenzen der Kunstfreiheit führt.“ – Tatort-Fans, Redaktion.

In der Meinung dazu heißt es, es handele sich um ein  hochaktuelles Thema. Ich kenne es derzeit als „Was darf Satire?“. Und da gibt es richtigerweise Grenzen dessen, was jemand sich im Sinne von Formalbeleidigungen gefallen lassen muss, wie gerade im Fall Böhmermann vs. Erdogan gerichtlich endgültig festgehalten wurde. Anders ausgedrückt: Meinungs- und Kunstfreiheit sind kein Freifahrtschein für schlicht alles und es gibt immer konkurrierende Grundrechte. Bei dem, was zum Tatort 1193 geschrieben wird, geht es wohl vor allem um das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Selbstverständlich ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei Gewalttaten immer verletzt, aber wie sieht es aus, wenn Menschen freiwillig z. B. Verstümmelungen an sich vornehmen (lassen), alles um der Kunst willen? Unser Eindruck ist, das Thema selbst wirkt etwas künstlich, so, wie sich in der Beschreibung zeigt, aber wir wollen nicht präjudizieren, sondern schauen uns die Meinungen der Vorab-Kritiker:innen an:

„Die Umsetzung des Stoffs ist jedoch nicht sehr gelungen: Zu sehr plätschert die Handlung in langatmigen Szenen dahin. Das Finale mutet zwar durchaus originell an, doch so lange muss man als Zuschauer erstmal dem Geschehen folgen, ohne zwischendurch einzuschlafen. Die gegensätzlichen Ermittlercharaktere werden auch eher einfallslos und vorhersehbar gestaltet.“ (…) – Tatort-Fans, Redaktion.

„Tatort-Fans“ waren in der vorigen Woche fast die einzigen, deren Meinung wir gelesen haben, die „Propheteus“, den neuen Münster-Tatort überwiegend gut fanden, vielleicht ist es ja heute umgekehrt und die Kunst, einen Kunsttatort zu machen, wird von weiteren Stellen eher gewürdigt? 

„Alles in allem haben wir hier aber doch einen ordentlichen Tatort mit einer crazy Story rund um die tätowierten Gesichter. Ziehen wir ein paar Schwächen ab, bleiben noch gute drei von fünf Elchen.“ – SWR3-Check, Michael Haas.

Über Kreuz, geschafft. Denn der SWR3-Check vergab für „Propheteus“ nur zwei Elche. Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden, aber die Schweizer haben immer etwas mehr zu kämpfen und sofern man nicht zu sehr auf das Land als solches eingeht, sondern auf den tatsächlichen Gegenstand der Betrachtung, fanden wir das bei Flückiger / Mayer immer mal wieder nicht gerecht. Ein wenig von „büschen langweilig“ raunt es aber auch durch die SWR3-Kritik zu „Schattenkinder“. Aber ist dies auch der erste von 1193 Tatorten ohne echte falsche Fährte? Sicher nicht. Denn nur Whodunits arbeiten mit falschen Fährten. Es gab aber auch schon einige Tatorte, die sich des Thriller-Prinzips bedienen, bei dem der Täter manchmal von Beginn an oder sehr früh bekannt ist und zuweilen seine Perspektive eingenommen wird.

„Der Kunstmarkt frisst seine Kinder. Kreativität und Kapital: Der neue Zürich-»Tatort« erzählt von einer Künstlerin, die traumatisierten jungen Menschen durch Tätowierung ein neues Äußeres verschafft. Doch wer darf an den lebenden Objekten verdienen?“ – Der Spiegel, Christian Buß

„Der [Kunstmarkt] läuft ja bekanntlich schon seit Jahren heiß, und das auch durch Kapital, das in der Schweiz liegt“, schreibt Buß weiterhin und damit kommen wir doch zum Ökonomischen, also zum Kapital, und damit zur Schweiz an sich. Schon in „Schoggiläbbe“ fand Buß das spezielle Schweizer Wohlstandslayout gut ausgereizt, darin ging es um Reproduktionsmedizin. „Schoggiläbbe“ war der letzte Tatort, den wir direkt nach der Erstausstrahlung rezensiert haben, bereits außer der Reihe, weil wir das zuvor bei einigen dieser Krimis bereits nicht mehr getan hatten. Wir bleiben aber an der Wiedereinführung dieses Services dran. Im Moment findet er nicht statt, weil wir generell einen Rückstand bei „Crimetime“ und „Filmfest“ von etwa 7 Wochen haben.

Am Ende findet Buß das Ganze doch zu schlicht und kommt nur auf 5/10. Das bedeutet allerdings eine Steigerung von 400 Prozent gegenüber den 1/10 letzte Woche für „Propheteus“.

Martina Kalweit
Der dritte Einsatz des weiblichen Ermittlerduos aus der Schweiz zeigt Zürich wenig beschaulich. Die Kommissarinnen dringen in eine versponnene Künstlerkommune vor. Dabei tragen die beiden ihren Zickenkrieg nicht mehr in gewohnter Härte aus. „Tatort – Schattenkinder“ (Contrast Film) erscheint eher als letzte Bewährungsprobe auf dem Weg zum schlagkräftigen Team. „Tatort“-Debütantin Christine Repond verleiht dem Fall in der filmischen Umsetzung einen eigenen, aufregenden Look. In einer kalten Welt fliegen Motten zum Licht und verbrennen. Das SRF-Team bleibt besonnen und auf einem guten Weg. – Martina Kallweit, Tittelbach-TV 

Tittelbach-TV vergibt 4,5/6 Sternen. Das ist für die Verhältnisse dieser Publikation, die ihre Wertung grundsätzlich bei 3/6 beginnen lässt, demgemäß mittelprächtig und wohl die bei weitem häufigste Wertung, die wir bisher von dort, bezogen auf Tatorte, gesehen haben. Unseren fünften, zirkulierenden Kritikerplatz haben wir heute an Kino.de vergeben: „Mäßig überzeugend“ ist der Grundtenor dort, ohne Bewertung. 

Liebe Tatortfreund:innen, wir werden auch diesen Abend durchstehen, oder? Es muss ja nicht jeder Film ein Superkracher sein. Es darf nicht einmal, denn wohin würden dann die Maßstäbe tendieren? Die Quoten werden vermutlich, wie bei den Schweiz-Tatorten üblich, in Deutschland keine Spitzenwerte erreichen, aber unser Interesse an der Reihe ist ja ein generelles. Da wir derzeit erst später rezensieren, wirkt sich das aber nicht auf die Premierenabend-Quote aus. Man kann eben nicht alles haben.

TH

Handlung, Besetzung, Stab

In einer verlassenen Fabrikhalle stößt Schönheitschirurg Beat Gessner auf die wie in einen Kokon eingepackte Leiche seines Sohnes Max. Tessa Ott und Isabelle Grandjean stellen fest, dass die Leiche nicht nur das Gesicht, sondern auch die Hornhaut der Augen tätowiert hat. Erschüttert berichtet der Vater, dass er seit langem keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn hatte.

Erste Ermittlungen führen die Kommissarinnen zu einer sektenartigen Künstlerkommune. Diese wird von der charismatischen Kyomi geleitet. Ihre „Jünger“ gleichen dem verstorbenen Max aufs Haar: Kahlgeschoren, Tattoos auf Gesicht und Hornhaut – ein unglaublich schmerzhafter Prozess.

Über Kyomi führt eine zweite Spur zu dem Galeristen Bruno Escher. Der Vermarktet Kyomis Kunst und könnte aus Max‘ Tod Kapital schlagen. Würde Escher so weit gehen?

Während Isabelle den skrupellosen Galeristen in die Mangel nimmt, beschäftigt sich Tessa mit Kyomis Denk- und Arbeitsweise: Wie Kunstobjekte sollen ihre Anhänger den Schmerz ihrer Vergangenheit auf ihrer Haut tragen und in ihren Augen spiegeln. Führte diese Philosophie zum Tod von Max als ultima ratio des Gedankenspiels? Isabelle Grandjean beobachtet Tessa Otts scheinbare Faszination für Kyomi mit großer Sorge: Läuft ihre Kollegin am Ende Gefahr, sich von der Künstlerin instrumentalisieren zu lassen? Versucht die blitzgescheite Kyomi selbst mit der Polizei Katz und Maus spielen? Oder hat Beat Gessner doch nicht die ganze Wahrheit gesagt?

Hauptkommissarin Isabelle Grandjean – Anna Pieri Zuercher
Profilerin Tessa Ott – Carol Schuler
Kriminaltechniker Noah Löwenherz – Aaron Arens
Staatsanwältin Anita Wegenast – Rachel Braunschweig
Charlie Locher – Peter Jecklin
Igor Kovac – Milan Mandic
Kyomi – Sarah Hostettler
Indira – Zoe Valks
Shin – Tim Borys
Cosmo (Max Gessner) – Vincent Furrer
Beat Gessner – Imanuel Humm
Konrad Fassbind – Marcus Mislin
Bruno Escher – Fabian Krüger
Karin Bachmann – Annette Wunsch
Marcel Bucher – Saladin Dellers
u. v. a. 

Regie – Christine Repond
Drehbuch – Stefanie Veith, Nina Vukovic
Kamera – Simon Guy Fässler
Schnitt – Ulrike Tortora
Musik – Marcel Vaid

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