Schoggiläbe – Tatort 1158 #Crimetime 943 #Tatort #Zürich #Grandjean #Ott #SRF #Schokolade

Crimetime 943 - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Es ist posh und traurig, oder?

In der Vorschau habe ich darüber referiert, wie durchwachsen bzw. weit auseinanderliegend die Meinungen der vor der Premiere schreibenden Kritiker*innen waren. Heute geht es so weiter, nämlich mit dieser Meldung: Nur 7,85 Millionen sahen am Sonntagabend den neuesten „Tatort“ aus der Schweiz. „Schoggiläbe“, so der Name des Films, lag damit meilenweit unter den Vorwochen-Zahlen der ARD-Reihe, die immer über 9 Millionen, meist sogar über 10 Millionen lagen. (Video Daily: „Schoggiläbe“ weit unter „Tatort“-Normalniveau | MEEDIA)
 
Das Tatort-Normalniveau ist mittlerweile wieder sehr hoch, was sicher auch mit dem Lockdown, mit der Pandemie zu tun hat. Direkt, weil man „draußen“ nicht viel unternehmen kann, indirekt, weil Traditionen, Rituale, Dinge zum dran festhalten derzeit sicher eine wichtige Rolle spielen. Über 10 Millionen Zuschauer sind jetzt bei einer Premiere normal, mindestens aber 9 Millionen sind Pflicht. Trotzdem ist die Herausstellung des Minus gegenüber diesen Zahlen nicht ganz gerecht: Ich erinnere mich noch gut, dass die Quoten bei den Schweiz-Vorgängern Flückiger und Ritschard teilweise noch wesentlicher niedriger lagen, bis hin zu skandalösen unter 5 Millionen – allerdings bei ungünstiger Ausstrahlung im „Sommerloch“. Mit der Qualität der Filme hatte das teilweise wenig zu tun und auch die seinerzeit innovative Hamburg-Schiene mit V-Ermittler Cenk Batu litt unter schwachen Quoten, während die furchtbaren ersten Tschiller-Filme Quotenrekorde aufstellten, der Sensationsgier der Zuchauer*innen wegen. Die meistverkaufte Schokolade ist ganz gewiss nicht die beste, also, wie war’s mit dem Schokoladentatort aus Zürich? Darüber steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

In einer luxuriösen Villa wird Unternehmer Hans-Konrad Chevalier tot aufgefunden – erschlagen und erschossen. Das brutale Vorgehen deutet auf eine Beziehungstat hin. Der Ermordete leitete die renommierte Schokoladenfabrik der Chevaliers – gemeinsam mit seiner Tochter Claire.

Die Ermittlungen führen die Profilerin Tessa Ott zurück zu ihren Wurzeln, der noblen Wohngegend am Zürichberg. In dieser Gegend der Superreichen könnten alle ein glückliches „Schoggiläbe“ (ein Schokoladenleben sprich „Ein Leben auf der Sonnenseite“) führen. Doch der Schein trügt. Offenbar war der Firmenchef Chevalier depressiv und suizidal. Seine Homosexualität wurde von der eigenen Familie nie akzeptiert. Seine Mutter Mathilde hielt offensichtlich nie viel von ihrem schwulen Sohn. Nach dessen Ermordung drängt sie nun zurück an die Unternehmensspitze. Vorbei an Enkelin Claire, die Tag und Nacht in der Firma malocht und die Nachfolge ihres Vaters antreten will.

Die Firma schreibt allerdings schon seit längerer Zeit rote Zahlen. Claires dubioser Verlobter nützt die verfahrene Situation aus. Gleichzeitig lässt Claire ein konfliktträchtiges Testament ihres Vaters verschwinden. Den Kommissarinnen wird klar: Bei „Chocolat Chevalier“ tobt ein Machtkampf. War der ermordete Patron dessen erstes Opfer? Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Es spricht alles dafür, dass die Haushälterin Esmeralda Rivera Zeugin des Verbrechens wurde.

Doch die ist gemeinsam mit ihrer Tochter untergetaucht. Als illegale Einwanderin („Sans Papier“) droht ihr die Abschiebung. Esmeralda will deshalb auf keinen Fall mit der Polizei kooperieren. Da kommt Tessa Ott eine Idee, während Kommissarin Grandjean eine andere Spur verfolgt. Sie jagt einen geheimnisvollen Mann, der mit der Mordwaffe unterwegs ist und ebenfalls am Tatort gewesen sein muss. Später tauchte der Verdächtige in einer Hotelsuite auf und hinterlässt einen hochgradig gestressten Eindruck. Für Isabelle ein deutliches Indiz: Der Verdächtige steht unter hohem Druck und ist entsprechend gefährlich.

Unter Druck steht auch Isabelle Grandjean selbst. Sie will weg aus Zürich. Bei einer Beförderung, die ihr zusteht, wird sie übergangen. Außerdem vermisst sie ihren Sohn und möchte ihm wieder näherkommen. Und sie traut ihrer neuen Partnerin Tessa Ott nicht, hält die Kollegin aus besserem Haus für unprofessionell und überfordert. In einem entscheidenden Moment kriegt Isabelle leider recht. Als sie sich Auge in Auge mit dem Hauptverdächtigen sieht und dringend die Hilfe ihrer Kollegin bräuchte, versagt diese. Isabelle realisiert: Sie kann sich nicht auf die Profilerin verlassen.

Rezension

Das Schweiz-Bashing haben wir in der Vorschau bereits hinter uns gebracht und können uns ganz entspannt dem Fall widmen und den Persönlichkeiten, die in ihm auftreten. In der Vorschau steht ebenfalls, warum Grandjean und Ott für mich „Neuland“ sind und warum es esich deshalb anbietet, erst einmal die beiden in den Blick zu nehmen.

Isabelle Grandjean ist die Hauptermittlerin und ich finde ihr Rollenprofil sehr gelungen. Sie ist sensibel, zurückhaltend, aber guckt sehr verständig und ist es auch, ihre Aussagen sind leise, aber klar und schlagfertig, ihr französischer Akzent wurde zum Glück in die hochdeutsche Version des Films hinübergerettet und verleiht der Figur Pfiff, weil sie auch als Persona einen fanzösischen Einschlag hat. Dass sie mit dem poshen deutschschweizerischen Zürich nicht so viel anfangen kann, wirkt authentisch. Vor allem aber ist sie ein Profi, das merkt man stets. Sie durchbricht die Vierte Wand, indem sie darüber nachdenkt, dass es 20 Franken kosten würde, einem Obdachlosen ein sättigendes Frühstück in jenem ungeliebten Zürich zukommen zu lassen.

Tessa Ott ist eine Jungmilliardärin oder Milliardärsfamilienengehörige, die nicht arbeiten müsste, aber sich freischwimmen will und ab und sich ab und zu in einem Club freitanzt und bis zu einer gewissen Grenze geht. Sie ist spontan, noch nicht einheitlich, ein Genussmensch und lange noch nicht auf dem fachlichen Stand wie Grandjean. Ihre Mutter sieht komplett anders aus als sie und ich finde, wenn schon der ganze Krimi absichtlich mit der Realität spielt, könnte man beim Casting etwas mehr davon zeigen – ihre Mutter hätte besser zur Erbin der Schokofirma Chevalier gepasst. Gerade die Inkohärenz dieser taffen, etwas wilden, noch nicht ausgeformten Figur ist ein reizvoller Kontrast zu Grandjean und bietet Raum für die Entwicklung der beiden und ihr Zusammenspiel. Sie durchbricht die Vierte Wand, indem sie über ihr 1000-Millionen-Stellung referiert.

Als Dritte im Bunde gibt es die Staatsanwältin, die ebenfalls aus gutem Hause kommt und ihre Beziehungen einsetzt, um etwas zu erreichen, dementsprechend locker ist sie im Job und singt schon mal das Strafregister eines Mannes, der im Verhör unter Druck gesetzt werden soll. Dementsprechend die direkte Ansprache den Zuschauer: Wie es sich eben so integriert lebt.

Auch die beiden Hauptpersonen aus dem Schoko-Imperium beehren uns mit Darstellungen, in denen sie aus der Handlung treten. Aufällig ist, dass nur Frauen diese Ehre zuteil wird und – in der Tat ist „Schoggiläbe“ ein Frauenfilm. Gute Frauen, Profis, versagende und bösartige Frauen, alles ist drin, ein ganzes Universum an weiblichen Persönlichkeiten, das auf mich sehr spannend gewirkt hat. Selbstverständlich stammt auch die Inszenierung von einer Frau und geht bezüglich des Stylings noch einmal über den mittlerweile hohen und künstlich bis kunstvoll wirkenden Tatort-Standard hinaus. Keine Frage, hier wird die Schweizer Penibilität und äußerliche Sauberkeit ins postpostmoderne Design der 2020er hinein weiterentwickelt. Auffällig dazu der Kontrast der „Sans Papier“ (ein teures Loch, in dem sie leben, wie Ott anmerkt) und die biedere Mittelständigkeit der legalisierten Osteuropäer, selbst, wenn sie Stricher sind. Aber die Schweiz verfügt über eine Klassengesellschaft, das habe ich verstanden und neu war’s auch nicht, denn ganz genauso ist es bei uns und was der Film ausdrücken will, funktioniert prinzipiell auch hier. Was man sicher im Blick hatte, denn die meisten Zuschauer*innen müssen aus Deutschland kommen, damit man von einer guten Quote sprechen kann.

Der künstlerische Einschlag des Films mit seiner grandiosen Ästhetik war für mich prinzipiell in Ordnung, zumal ich eine gute Visualisierung immer schätze. Die Vierte Wand wird in einem Tatort nicht allzu häufig durchbrochen, dieses Übergangslose der Ansprachen an die Zuschauer*innen war gewöhnungsbedürftig, aber was mich eher gestört hat: Das allzu Dialektische und dass nicht klar wurde, ob Grandjean nun dem Obdachlosen 20 Euro gegeben hat oder nicht, während man ahnt, dass Ott zumindest vorerst auf ihren Status pfeift. Das ist gestalterisch inkonsequent. Wenn man schon eine gewisse Verfremdung erzeugt, kann man sie auch ganz durchziehen. Das Gleiche gilt für die ebenso gestalteten übrigen Statements.

Handlungsseitig ist der Film sehr traditionell. Das merkt man angesichts der modernen Gestaltung und der beiden Ermittlerinnen zunächst gar nicht so, weil alles, was nichts mit dem Fall zu tun hat oder nicht direkt, viel Aufmerksamkeit erzeugt und bindet. Was geschieht, ist aber prinzipiell denkbar: Eher das, was der mittleren, zwischen den Frauen eingekeilten Schokofabrikanten-Generation passiert. Oder passiert wäre, wäre es denn wirklich Mord gewesen und nicht Tötung auf Verlangen. Die Lebensmüdigkeit mitten im Süßwarenladen kann ich persönlich nicht nachvollziehen, denn wer so viel Schokolade umsonst kriegt, der muss einfach ein fröhlicher Mensch sein. Scherz, muss auch sein. Dass hingegen die Matriarchin wirklich umgehend verstirbt, nachdem ihr die Enkelin-Tochter die Pillen aus der Tasche geklaut hat, so viel Glück muss man erst einmal haben und das ohne jede Überwachungskamera, in diesem hochmodernen Firmenzentralgebäude.

Was ich nicht mag: Wenn die Dialektik auf Arm und Reich so ausgedehnt oder angewandt wird, dass am Ende eh alles gleich trist wirkt. Ist es nicht. Ist es einfach nicht. Illegal arbeitende Osteuropäerinnen und Schokomillionäre, alle irgendwie gefangen in ihrem Leben. Arme reiche Jungpolizistinnen, die vom Züriberg runterkullern in den Dienst und dann die Waffe nicht bedienen können, während die Schoki-Nachbarinnen richtiggehend Gefangene ihres Reichtums sind. Quatsch! Auch die Genossenschaftsidee der jungen Frau Chevalier macht es nicht besser, zumal sie der unrealistischste Part des Ganzen ist. Verfremdung und unglaubwürdige Handlungen müssen schon ein wenig auseinandergehalten werden, wenn das Konzept kritisch wirken soll. Aber in der Schweiz herrscht offenbar der Fluch, dass das eben kaum geht, weil eben der Konsens nicht komplett aufgekündigt werden darf. Deswegen wird auch der Schokofabrikant als wirtschaftlich unfähig und depressiv und schwul und was noch dargestellt, ohne, dass er ein einziges Wort zu uns spricht, weil er nämlich schon tot ist, als der Film beginnt. Das gehört sich für einen Tatort auch so, aber wenn man schon die Strukturen etwas auflöst, hätte man ihn auch in ein paar Rückblenden plastischer werden lassen können, immerhin darf z. B. der Verlobte der Chevalier-Erbin auch ein paar unzufriedene Worte zur allgemeinen Tristesse des Reichtums beitragen.

Das Üble daran ist, dass die Aussage ähnlich rüberkommt wie „Corona trifft uns alle gleich“, das die Neoliberalen so gerne und so vollkommen absichtlich an der Wahrheit vorbei verbreiten. Denn die Reichen haben nun einmal viel mehr Möglichkeiten, damit so umzugehen, dass sie persönlich kaum betroffen sind und außerdem sind sie häufig Krisengewinnler*innen, wie wir mittlerweile wissen. Sie haben auch ganz andere Möglichkeiten, mit persönlichen Problemen fertigzuwerden, sich professionell beraten zu lassen, sich glücklich zu kaufen, sich irgendwelche Ablenkung zu verschaffen, den Status Quo der inneren Leere zu überbrücken, wenigstens für kurze Zeit – und was noch alles. Es dürfte Gründe haben, warum die Selbstmordrate unter Superreichen, unter Milliardenerb*innen, gegen Null tendiert und der arbeitende Mittelstand, der die ganze Kohle erwirtschaften muss, viel häufiger existenzielle Probleme mit der psychischen Gesundheit bekommt, und das immer häufiger, weil der Druck im Mittelstand immer mehr zunimmt (ÖD ausgenommen). Demgemäß hat mich auch die feige Selbstmordinszenierung des Monsieur Chevalier nicht gerade überzeugt. Sie kontert im Grunde die sozialen Aussagen, die der Film ja uns vermitteln soll, anstatt sie auszudifferenzieren.

Finale

Die Figuren in „Schoggiläbe“, soweit das Team gemeint ist, wirken interessant und ich freue mich auf den dritten Fall, die armen Reichen habe ich nicht wirklich bedauern können, aber gut inszeniert ist das alles schon und die Optik dominiert zeitweilig über den Inhalt. Eine erste Entwicklungstenz kann ich leider nicht besprechen, weil mir „Züri brännt“ noch fehlt, aber dieses Frauenteam hat etwas und man könnte ihm mal so einen richtig guten Fall schreiben, bei dem die Macher nicht die eigenen Ambitionen konterkarieren und sie damit fast wie Ironie oder augenzwinkernd vorgetragen wirken lassen, denn die meisten Zuseherinnen dürften das nicht goutieren, auch wenn sie den Trick mit der nicht maximalen Ernsthaftigkeit des Sozialen durchschauen oder gerade dann nicht, wenn sie eher solidarische Menschen sind. Einige Flückiger-Tatorte wirkten bezüglich der Botschaft authentischer und leisteren sich weniger Firlefanz mit Brechungen aller Art, die sich beim vorliegenden Thema nur bedingt eignen und außerdem die „Sans Papiers“ genau so marginalisieren, wie sie auch in der Realität marginalisiert sind. Ob man diese Ironie bemerkt hat? Weil ich den ersten Tatort des Teams Grandjean-Ott noch nicht kenne, erhält der zweite aber den Anfängerbonus für neue Teams und kommt so auf

7/10.

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Vorschau: Die Folgen eines typischen Auftakt-Missgeschicks

Beim ersten Schweiz-Tatort des neuen Teams ist mir etwas passiert, was es nicht geben sollte – und was gleichzeitig typisch ist und Tradition hat. Ich hatte den Schweiz-Tatort „Züri brännt“ (Nr. 1140) vom Media-Receiver gelöscht, weil ich gesehen hatte, dass er auch in der Mediathek der ÖR-Anstalten enthalten ist. Aber, wie ich dann feststellte, nicht als hochdeutsche Version, sondern nur vom SRF in Schwyzerdütsch. Ich fing an zu schauen … und brach ab. Anders als bei den Wien-Tatorten und bei allen deutschen Dialekten ist schweizerischer Dialekt einfach unmöglich einen ganzen Film lang durchzuhalten, auch wenn man einzelne Sätze versteht und / oder aus dem Zusammenhang erschließen könnte. Wer Schweizerdeutsch lernen will, wird es auf diese Weise irgendwann packen, aber leider habe ich nicht die Zeit dazu, außerdem beeinflusst es meine Rezeption zu sehr, wenn ich mich derat anstrengen muss, um einen Tatort zu verstehen. Kurioserweise synchronisieren sich die Schauspieler ja auf Hochdeutsch selbst, während ich lange Zeit dachte, sie würden in unsere Normalsprache von anderen übertragen. Denn die hölzerne „Übersetzung“ ist immer wieder ein Grund für Kritik an den Schweizer Tatorten – und offenbar ist dieses Phänomen selbst dann vorhanden, wenn dieselben Darsteller*innen das, was sie auf Schweizerisch filmen, nochmal in Hochdeutsch wiederholen sollen. Manche Gegenden sind eben wirklich nur mit ihrem Dialekt authentisch.

Warum das Tradition hat? Schon den zweiten Flückiger-Tatort „Skalpell“ hatte ich bei der Premiere (aus anderen Gründen als „Züri brännt“) bei der Premiere verpasst. Das kommt sehr selten vor, zumal mittlerweile verschiedene Abrufmöglichkeiten vorhanden sind und ich nicht mehr an Sonntagabenden „live“ schauen muss, daher ist mir dieser Lapsus noch in Erinnerung.

Und die Folgen? Für mich werden Grandjean und Ott in ihrem zweiten Film ganz neu sein, von den paar oben erwähnten Minuten abgesehen. Ich freue mich also auf den ersten Teamstart 2021, nachdem zuletzt etwas mehr Ruhe ins Wechselspiel der Ermittler*innen kam und höchstens noch einzelne Personen aus etablierten Teams ausgetauscht wurden oder verschwanden (Dalay gegen Herzog in Dortmund, Krusenstern verließ Münster). Nur wär’s ganz nett, wenn „Züri brännt“ demnächst wiederholt würde – auf Hochdeutsch. Dann ist es eben so, dass es nicht maximal authentisch wirkt. Immerhin hatte ich den Titel auf Anhieb verstanden, während ich dieses Mal nicht sicher bin – „Schokoladenleben“?! Die Redaktion von Tatort-Fans klärt auf:

„Schoggiläbe“ steht im Schwyzerdütschen sinngemäß für die „Schokoladenseite des Lebens“.

Tatsächlich dreht sich der zweite Einsatz des neuen Züricher Tatort-Damengespanns um Hauptkommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Profilerin Tessa Ott (Carol Schuler) um den Schokoladenfabrikanten Chevalier und dessen unnatürliches Ableben: Der reiche Lebemann liegt tot in seiner Villa und der Streit um das Erbe beginnt.

Nicht so süß ist die Bewertung der beiden Redakteur*innen: 1 Stern bzw. 2 Sterne von fünf möglichen. Das fängt ja wieder gut an, die Schweiz betreffend … ich verlange, wenn das Land schon zu den am lautesten ratternden Geldwaschmaschinen der Welt zählt, wenigstens gut Tatorte von dort …

Schoggiläbe, so nennt man es in der Schweiz, wenn jemand auf der Sonnenseite des Lebens steht. Aber ausgerechnet der Schokoladenfabrikant Chevalier kann das Schoggiläbe nicht mehr genießen, weil er erschossen und erschlagen wurde„, schreibt Birgit Egelhaaf für den SWR3-Tatortcheck, ebenfalls um Aufklärung bemüht. Ja, gründlich ist man in der Schweiz und wir sind’s auch, denn damit haben wir den journalistischen Gegencheck bezüglich „Schoggiläbe“ brav absolviert. Aber am Ende: Ein Elch bloß. Enttäuschung und die Ansprache an das Publikum, das Durchbrechen der Vierten Wand, wird von der SWR3-Rezensentin als kurios empfunden, das wurde auch von der Tatort-Fans-Redaktion kritisiert.

Ein Zitat hat Frau Egelhaaf gebracht und das ärgert mich geradezu: Es wird von einer der Kommissarinnen suggeriert, 1000 Millionen Euro Vermögen seien ein Wahnsinn. Ist auch so, aber nicht dies ist das Problem in der Schweiz oder auch bei uns, sondern, dass die wirklich Reichen noch viel reicher sind und dass eben die Schweiz einer der Orte ist, wo legal oder illegal dafür gesorgt wird, dass sie weltweit möglichst wenig zu Gemeinschaftsaufgaben beitragen müssen. Nicht nur Oben und Unten ist auf ungerechte Weise organisiert, sondern auch das Rosinenpicken einiger Länder. Damit diese Ausführungen nicht einseitig oder gar nationalistisch wirken: Deutschland ist ebenfalls im Fokus, weil hier zum Beispiel der Immobilienhype seit zehn Jahren eine der größten Schwarzgeld-Umwandlungsstellen der Welt geworden ist und die Korruption bei uns nimmt immer mehr abenteuerliche Ausmaße an. In Deutschland wird, nebst Italien, in der EU vermutlich am meisten Schwarzgeld umgesetzt. Aber das Gesamtsystem funktioniert auch durch diese besonders hilfsbereiten kleinen Staaten, die sich als Schleusen, als Safes und staffelweise zum Geld verbuddeln zur Verfügung stellen (mittlerweile klassischer Weg des Immobilienkapitals z. B.: Gebäude steht in Deutschland, Besitzerin ist eine luxemburgische S.A.R.L., in Lichtenstein sitzt eine Stiftung dazu und auf den Cayman Islands wird das Geld tatsächlich geparkt und gesammelt, Ergebnis: keine Steuerpflicht in Deutschland), sonst wären andere Länder, in denen die Konzerne hauptsächlich ihr Geld verdienen, nicht so unter Druck und könnten gegen Steuerdelikte, Steuerdumping und Kapitalflucht besser durchgreifen.

Nun aber ein Knaller. Christian Buß schreibt im Spiegel von einem Tatort mit perfiden Psycho-Twists und vergibt am Ende 8/10. Ein Punkt mehr ist das höchste, was ich von ihm gesehen habe, seit wir seine Vorab-Rezensionen für unsere Vorschau checken. So unterschiedlich die Wahrnehmung, wieder einmal. „Stark, dass die drei Ermittlerinnen – neben Grandjean und Ott erhält die von Rachel Braunschweig gespielte Staatsanwältin Wegenast einen größeren Part – über ihre eigenen familiären Abgründe frontal in die Kamera zum Fernsehpublikum sprechen. Und wie schön, dass bei all der theatralen Frauenpower am Ende doch auch noch männliche Charaktere ein, zwei anrührende Auftritte kriegen.“ Vielleicht war Buß auch froh, dass überhaupt noch Männer in diesem Film vorkommen.

Tilmann P. Gangloff jedoch schreibt in Tittelbach.TV: „Die sehenswerte letztjährige Premiere des neuen weiblichen Ermittlerduos aus der Schweiz [der oben erwähnte „Züri brännt, Anm. TH] hat einen Maßstab gesetzt, an dem der zweite Zürcher „Tatort“, „Schoggiläbe“ (…) scheitert. Der Film lässt alles vermissen, was den Auftakt ausgezeichnet hat. Die Geschichte bedient sich bewährter Versatzstücke, die Besetzung der Episodendarsteller ist nicht weiter bemerkenswert, Spannung kommt auch nicht auf (…)“

Dass Tittelbach.TV einen ähnlichen Bewertungsansatz verfolgt wie wir, habe ich schon anderweitig und vermutungsweise erwähnt, hier bestätigt es sich, wenn man deren Voting in Vergleich zu den ersten beiden erwähnten Stellen setzt. Nur 3/6 Punkten sind für dieses TV-Magazin sehr wenig, würde bei uns 5/10 entsprechen und das ist beinahe die Untergrenze für im Rahmen von „Crimetime“ besprochene Filme, sofern es nicht besondere Probleme, etwa politischer Natur, zu betrachten gibt, die zu weiteren Abzügen führen.

TV Spielfilm wiederum hebt den Daumen für den zweiten Grandjean-Ott-Krimi und damit kommen wir zu einem interessanten, weil sehr durchwachsenen Fazit: Zwischen weitgehender Ablehnung und ziemlich großer Zustimmung ist alles dabei und anhand der hier besprochenen Meinungen lässt sich auch nicht resümieren, dies ist vermutlich ein Kritiker- oder ein Publikumstatort.

Wir werden es morgen Abend sehen bzw. so aufzeichnen, dass mir nicht wieder das Gleiche sie bei „Züri brännt“ passiert.

TH

Besetzung und Stab

Rolle Darsteller
Isabelle Grandjean Anna Pieri Zuercher
Tessa Ott Carol Schuler
Anita Wegenast Rachel Braunschweig
Noah Löwenherz Aaron Arens
Charlie Locher Peter Jecklin
Milan Mandic Igor Kovac
Claire Chevalier Elisa Plüss
Mathilde Chevalier Sibylle Brunner
Markus Oberholzer Urs Jucker
Dorian Lakatos Csémy Balazs
Andras Lakatos Levente Molnar
Esmeralda Isabelle Stoffel
Musik: Fabian Römer
Kamera: Martin Langer
Buch: Stefan Brunner
  Lorenz Langenegger
Regie: Viviane Andereggen

 

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