Basic Instinct (USA / FR 1992) #Filmfest 750

Filmfest 750 Cinema

Ein Eispickel zu viel

Basic Instinct ist ein Erotikthriller des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven aus dem Jahr 1992. Die amerikanischfranzösische Koproduktion sorgte mit ihren erotischen Szenen für Aufsehen und machte die Hauptdarstellerin Sharon Stone weltweit bekannt.

Achtung, wegen der Bewertung müssen wir von Anfang an über die Auflösung sprechen! Stellenweise mussten wir richtiggehend lachen, zum Beispiel beim exzessiven Einsatz von Eispickeln. Ob diese Szenen ironische Reflektionen auf die Art sind, wie in brutalen US-Filmen Motive wiederkehren, wollen wir lieber nicht entscheiden, weil sich dann unweigerlich die Frage stellt, ob der niederländische Regisseur Paul Verhoeven (nicht mit der deutschen Autorenfilmer-Dynastie Verhoven verwandt) tatsächlich eine Persiflage drehen wollte. Wenn ja, hätte er das mehr durchhalten müssen, denn vor allem das Spiel von Michael Douglas als angefasstem Cop in San Franciscos hügeligen Straßen suggeriert wiederum das Gegenteil und wirkt dadurch in den parodistisch anmutenden Szenen unfreiwillig komisch. Immerhin ist Douglas dorthin zurückgekehrt, wo seine große Schauspielerkarriere begann, nämlich in der Cop-Serie „Die Straßen von San Francisco“. Sicher ist dieser Rückblick auch im Blick der Macher von „Basic Instinkt“ gewesen, aber der Film leidet unter seiner Unentschiedenheit, was er sein will.

Handlung

Ein Ex-Rockstar wird ermordet und der gerade getrocknete Alkoholiker Nick Curran hat den Fall zu lösen. Er trifft bald auf die Freundin des Toten, Catherine Tramell, die Bücher schreibt, die gewisse Mordfälle handlungsgleich nachbilden – oder geschahen die Morde zuerst? Ist der Altrocker von seiner Freundin umgebracht worden oder war’s ein Nachahmungstäter? Bald verstrickt sich Curran in ein Verhältnis mit der eiskühlen Blondine Tramell und verliert erst den Überblick und dann seinen Job bzw. wird suspendiert. Doch dann gerät eine weitere Figur immer mehr ins Zentrum des Spiels und die Perspektive Currans und des Zuschauers beginnt sich zu verschieben.

Rezension

Das gilt auch fürs Kriminalistische. Da wir uns mit dem Genre intensiv und in der gesonderten Tatort-Anthologie befassen, finden wir’s zwar schön, dass Verhoeven eine Mischung aus Thriller und Whodunit hinbekommt, aber er verarscht uns, das ist ärgerlich. Der Eispickel unterm Bett in der letzten Szene ist noch einmal ein kompletter Twist nach dem eigentlich letzten Twist, nämlich dem, dass die Polizeipsychologin die Vielfachmörderin ist. Das hat die Blonde aber nur geschickt eingefädelt, wie wir dann doch feststellen. Hätte man diesen kurzen Blick auf den Pickel weggelassen, wäre es genau anders herum gewesen. Das heißt, man hat den Film so konstruiert, dass er, je nachdem, wie die Previews ausfielen, das eine oder andere Ende bekommen konnte, ohne dass noch irgendein Nachdreh erforderlich gewesen wäre. Auch bei Tatorten wird manchmal so gecheatet, aber es gehört sich trotzdem nicht. Außerdem, wie ist Catherine motiviert, nachdem sie Curran schon den Laufpass gegeben hat? Die Psychologie des Films ist stellenweise mehr als fragwürdig.

Es diskreditiert auch die Anspielungen auf Hitchcock, die der Film vielfach enthält – die Figur Tramell ist erkennbar eine banalisierte und brutalisierte Variante der mysteriösen Madelaine aus Hitchcocks „Vertigo“. Wer den Hitchock-Film kennt, wird einige Szenen beinahe einstellungsgleich finden – vor allem die Straßenszenen, die in Basic Intinct an das Haus der Figur Hazel Dobkins heranführen. Aber wo sich bei Hitchcock viele Strukturen übereinanderlegen und Deutungsmöglichkeiten ergeben, wo Romantik und Traumdeutung eine Verbindung eingehen, ist in „Basic Instinct“ alles an der Oberfläche. Diese ist glatt und, wir wir am Schluss wohl endgültig erfahren sollen, böse. Auch die Inkonsistenz des Handelns haben wir angesprochen, die gerade für eine so berechnende und komplexe Sachverhalte entwerfende Schriftstellerpersönlichkeit wie die Tramell seltsam uneinheitlich wirken. Hat sie sich doch verliebt in den Cop? Ermordet sie ihn am Ende nicht, wo er ja nicht mehr hinschaut, sondern dem Eispickel sozusagen den Rücken zudreht, weil er ihr die Möglichkeit eröffnet hat, keine kleinen Biester aufziehen zu müssen? Ist sie dadurch aus ihrem Trauma erlöst? Dann wäre der Unfall ihrer Familie, der ihr zehn Millionen Dollar zugespielt hat, ja doch ein solcher gewesen?

Der Film steht nicht nur für die heutige Tendenz des US-Kinos, in schönen Bildern Mumpitz zu verkaufen, er steht auch für die offen blutigen Darstellungen, ohne die anständige Action heute nicht mehr auskommt. Lediglich die berühmten Sexzenen sind im Mainstreamkino nicht mehr weiter intensiviert worden, denn der Film kam zum Beginn der vergleichsweise liberalen Clinton-Ära heraus und nicht zuletzt aufgrund dessen eigenem Verständnis von sexueller Freizügigkeit setzte bekanntlich zu Beginn der 2000er Jahre und verstärkt nach 9/11 ein konservativer Rollback ein, der zwar die Gewaltdarstellungen nicht daran gehindert hat, sich weiterzuentwickeln, ebenso wie die übertriebenen Actionszenen, wohl aber einen Einschnitt in das bedeutete, was ohne das hinderliche „R“-Rating auf sexuellem Gebiet gezeigt werden konnte. So behält Szene, in der Catherine Tramell in Person von Sharon Stone im Verhörraum der Polizei die Beine kreuzt und dabei für einen Moment einen Blick auf ihren Intimbereich freigibt – oder freizugeben scheint – ihren Kultcharakter.

Und wenn man ehrlich ist – vor allem diese Szene und die Bettsequenzen machen den Film heute zu einer besonderen Art von Klassiker, nicht eine besonders fein gesponnene Kriminalhandlung oder überragende Schauspielleistungen. Sharon Stone gibt das Biest schon recht gut und wurde – ja, deswegen oder wegen der bewussten Szene? – über Nacht berühmt. Michael Douglas hat sich die Karriere nicht beschädigt, da hat er Glück gehabt.

Greifen wir wieder auf Hitchcock zurück – nicht nur gewisse szenische und stilististische Anleihen beim Meister sind erkennbar, auch die Technik des Suspense wird verwendet. In der Tat wissen wir nie, was wir in der nächsten Minute zu erwarten haben und der Film ist – mit einem Wort – spannend. Ein Reißer eben. Wir wissen ja erst am Ende, dass wir geleimt wurden, bis dahin folgen wir also dem Geschehen. Und da dieses nicht unbedingt von Logik geprägt ist, kann wirklich alles passieren. Es gibt aber auch schöne Szenen, die eine ähnliche, herbe Romantik haben wie die in einigen Hitchcock-Filmen. Am Strand oder am Fenster, so schlecht sind diese Momente nicht.

Es sind seltsamerweise wirklich diese wenigen weichen Sekunden des Films, die uns am meisten überzeugt haben. Sicher können wir bei dieser Bewertung Unterschwelliges hervorholen – den Wunsch, alles möge sich zum Guten wenden, zum Beispiel, mit dem Verhoeven hier verführerisch spielt, und dies dramaturgisch an den richtigen Stellen. Oder die Abneigung gegenüber Frauentypen wie dieser Miss Tramell, sodass wir uns eine Wandlung der Figur und möglichst eine komplette Erklärung ihres Verhaltens wünschen. Kriegen wir beides nicht, und zwar in einer Art, die, aufs Literarische übertragen, des Künstlers „Vertrag mit dem Leser“ verletzt. Diesen Vertrag gibt es in der Hochliteratur oftmals nicht, aber wir sind ja hier nicht beim Künstlerfilm, daher kann man durchaus Parallelen zu Büchern ziehen, die rein unterhaltend sein sollen. Es wäre ein Fehler, in „Basic Instinkt“ tiefere psychologische Deutungen hineinzuinterpretieren. Zu offensichtlich ist das Spekulative, das sich gerade der Psychologie bedient, um sie küchenmäßig aufzubereiten.

Wenn man so will, leistet sich „Basic Instinkt“ gegenüber der Psychologie eine kaum übersehbare Respektlosigkeit, aber auch gegenüber Frauen und speziell gegenüber Lesben, festgemacht anhand der gleichgeschlechtlichen Verhältnisse, die Catherine Tramell an der Uni hatte – mit der späteren Polizeipsychologin – und aktull mit einer Frau namens Roxy, die versucht, Curran offenbar aus Eifersucht umzubringen. Der Film ist eine wilde Hatz durch verschiedenste, mehr oder weniger unglaubwürdige innere Dispositionen. Auch wenn wir Douglas‘ Cop-Figur ein wenig unglücklich und nicht hinreichend gleichwertig im Spiel mit der hochintelligenten Tramell empfinden, sie wirkt noch am einheitlichsten und warum er sich auf das Spiel einlässt, kann man nicht nur als Mann zumindest nachvollziehen. Das Spiel mit der Gefahr gehört ja zu seinem Job und wer jeden Tag mit dem Verbrechen konfrontiert wird, ist noch lange nicht davor gefeit, sich zu exponieren.

Mehr zu  kritisieren ist der Charakter Catherine Tramell. Aus einer ganz grundsätzlichen Überlegung heraus: Es gibt sogenannte Mördertypen, einen Canon, wenn man so will. Den Mörder aus Habgier, aus Eifersucht, aus Mordlust und noch einige andere. Es gibt auch den Triebtäter, der einen Zwang verspürt, immer wieder zu morden und das beängstigenderweise in immer kürzeren Abständen tut, wenn er nicht gestoppt wird. Ganz wenige Menschen entsprechen aber diesem Typus. Die Person, die mordet, nur, weil sie schauen will, wie weit sie gehen kann, ist indessen eine typische Film- und Literaturerfindung. So etwas mag es bei Einbrechern geben, bei Räubern noch, aber dass jemand mordet, ohne einen materiellen Vorteil davon zu haben, und das immer wieder, nur aus einer im Film leider überhaupt nicht erklärten pathologischen Disposition heraus, den kennt die Wirklichkeit nicht. Uns ist jedenfalls kein Fall in Deutschland bekannt, indem jemand, wenn er enttarnt wurde, als ein solcher Typ herausgestellt hat.

All das wird aber noch einmal überdeckt und an Unglaubwürdigkeit getoppt durch einen anderen Umstand. In Deutschland wurde 1988 erstmalig die DNA-Analyse vor Gericht als Beweismittel anerkannt, und die USA sind in diesen Dingen sicher nicht hintenan. Das heißt, bei einem so spektakulären Verbrechen wie dem ersten im Film und der Unmöglichkeit, ein solches auszuführen, ohne persönliche Spuren zu  hinterlassen, wäre die Polizei im Jahr 1992 natürlich verpflichtet gewesen, Catherine Tramell zu testen. Der Hinweis, dass es am Eispickel-Tatwerkzeug keine Fingerabdrücke gab, ist wirklich lächerlich. Auch da gibt es eine quasi verquere Linie im US-Film: Während in Serien wie den CIS-Varianten die Kriminaltechnik übertrieben dargestellt wird, vor allem in Bezug auf die Auswertungsgeschwindigkeit bei Analysen, aber auch stellenweise technisch, ist hier genau das Gegenteil der Fall. Kriminaltechnik findet nicht statt. Es ist keinerlei Spurensicherung erkennbar und niemand verliert im weiteren Verlauf des Films auch nur ein Wort über technische Untersuchungsergebnisse, die einen Verdacht gegen Currans Zielperson hätte verstärken oder widerlegen können.

Die berühmten Verhörszene ist insofern unsinnig, als sie keinerlei neue Erkenntnisse bringt, und das hätte sich auch die versammelte Mannschaft aus Polizei und Justiz denken können, die einen Blick auf Miss Tramells Intimzone werfen darf. Es läuft genau so, wie Curran es sowieso vorhergesagt hat: Sie verwendet quasi ihr Buch, das den Mord beschreibt, als Alibi, weil sie sagt, wer, der so etwas schreibt, verwirklicht schon diese Mordvariante? Aber es war Curran, der sie unbedingt verhören lassen wollte. Okay, da ist schon eine Obsession spürbar, aber planvolle Polizeiarbeit sieht anders aus.

Wenn man sich immer mehr in die Einzelanalyse vertiefen würde, fände man immer mehr Ungenauigkeiten und Fragwürdigkeiten, sodass die Funktionalität des Films sowohl als Thriller wie als Whodunnit ernsthaft gefährdet wäre. Deswegen lassen wir’s auch an dieser Stelle bewenden.

Finale

Wir werden „Basic Instinct“ vermutlich sogar in die gerade gestartete Digitalanthologie aufnehmen, weil der Film zu den meistdiskutierten der 1990er Jahre gehört (1). Und auf die eine oder andere Weise bis heute nicht übertroffen wurde. Nicht aber, weil wir ihn als großartig und in allen Punkten als gelungen empfinden. Die Bilder und sie Musik sind schön bzw. passend, der Score von Jerry Goldsmith wurde auch für einen Oscar nominiert. Die IMDb listet „Basic Instinct“ auf Platz 11 der einflussreichsten Filme des Jahres 1992 – wir meinen, man müsste ihn, gemessen an Bekanntheitsgrad und Einfluss der Filme aus diesem Jahr eher unter die Top 5 einordnen, denn er hatte durch seinen Erfolg Nachwirkungen und Nachahmer. Sicher hat er aber nicht die Entwicklung des Polizeifilms vorangebracht.

In gewisser Weise ähnelt sein Weltbild dem von Filmen der Schwarzen Serie, in der gefährliche Frauen Männer in gefährliche Situationen bringen. In der Tat wird der Film von Paul Duncan und Jürgen Müller in ihrem Buch „Film noir – 100 All-Time Favourites“ zum Kanon gezählt und in vielen Punkten für durchaus meisterlich erklärt. Gerade aber die harten Fakten zum Kriminalistischen und einige weichere psychologischer Art, die hier übergangen werden, lassen uns zu einem anderen Urteil kommen – und nicht die „Verherrlichung von Gewalt und Sex“, die von vielen Kritikern moniert wurde.

66/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

(1) Insgesamt wurde der Text weitgehend aus dem Entwurf aus dem Jahr 2014 übernommen. Die erwähnte Digitalanthologie haben wir bisher nicht umgesetzt.

 
Regie Paul Verhoeven
Drehbuch Joe Eszterhas
Produktion Alan Marshall
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Jan de Bont
Schnitt Frank J. Urioste
Besetzung

 

 

 

 

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