Taximord – Polizeiruf 110 Episode 296 #Crimetime 1098 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schmücke #Schneider #MDR #Taxi #Mord

Crimetime 1098 – Titelfoto © MDR / Saxonia Media, Frauendorf

Raubmordvortäuschung für Anfänger

Taximord ist ein deutscher Kriminalfilm von Mathias Luther aus dem Jahr 2008. Es ist die 296. Folge innerhalb der Filmreihe Polizeiruf 110 und der 37. Fall für Schmücke und Schneider.

Von diesem 37. Schmücke-Schneider-Fall bis zum ersten Einsatz von Nora Lindner in der 43. Halle-Episode sollten noch mehr als eineinhalb Jahre vergehen. Aber sie fehlt schon hier, denn immerhin hätten die beiden Hauptverdächtigen in diesem Whodunit dann etwas Abwechslung in ihrem tristen Alltag als Jungunternehmer gehabt. Sie haben vom Vater ein Taxiunternehmen geerbt und die goldenen Zeiten sind gerade vorbei, als die junge Generation übernimmt, weil der Vater zu viel investiert hat. Wann wird ein Krimi kommen, in dem ein*e Uber-Fahrer*in umgebracht wird, weil sich die wackeren traditionellen Taxler nicht mehr anders zu helfen wissen gegen die billige Amateurkonkurrenz, die vor allem Neoliberale ja so schick finden? So weit waren wir im Jahr 2008 aber noch nicht, deshalb denken wir in der -> Rezension über andere Dinge nach.  

Handlung (1)

Spät abends entdeckt ein Busfahrer ein abgestelltes Taxi mit offenstehenden Türen, vom Fahrer fehlt zunächst jede Spur. Kurze Zeit später wird die Leiche der Taxifahrerin Julia Richter am Saaleufer gefunden. Die Kommissare Schmücke und Schneider werden mit den Fall betraut. Schon am Fundort des Opfers treffen sie auf Georg Sendler. Er war mit Julia eng befreundet und ist der Mitinhaber des kleinen Taxiunternehmens „Sendler“, zu dem auch sein Bruder Jens, dessen Frau Elke und die Mutter Hanna gehören. Der Verlust von Julia Richter und die verlorengegangenen Einnahmen treffen das Unternehmen hart, das schon länger mit finanziellen Problemen kämpft.

Richters letzter Fahrgast ist aus dem Musikclub „Metronom“ zugestiegen. Da der Wirt sich gut an den Schweizer Gast erinnern kann, lässt sich ein Phantombild anfertigen. Dieses Bild wird unter anderem an andere Taxiunternehmen verteilt. So wird der Schweizer Ulf Neuber bei seiner nächsten Taxifahrt erkannt und von den Taxikollegen fast gelyncht. Die Polizei muss einschreiten und erklären, dass Neuber zunächst nur als Zeuge gesucht wurde.

Julia Richter war bei der Polizei keine Unbekannte, denn beim Drogendezernat wurde bereits gegen sie ermittelt, da sie im Verdacht stand bei ihren Taxifahrten mit Drogen gedealt zu haben. Kollege Müller informiert Schmücke und Schneider darüber, was nun zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Tod der jungen Frau mit dem Drogenhandel zu tun hat und möglicherweise auch der harmlos erscheinende Neuber nicht so unschuldig ist, wie er tat. Da inzwischen auch das Handy und die Taxieinnahmen des Opfers gefunden werden, scheidet ein Raubmord aus. In Julia Richters Taxi finden sich neben kleineren Abpackungen verschiedener Drogen auch ein Versteck, das auf größere Mengen schließen lässt und darauf, dass das Opfer möglicherweise auch als Drogenkurier gearbeitet hat.

Schmücke versucht herauszufinden, ob Julia Richter allein gearbeitet hat, oder ob das ganze Taxiunternehmen Sendler dahinter steckt. Durch eine Telefonüberwachung erhält die Polizei tatsächlich Kenntnis von einer geplanten Kurierfahrt. Der Anrufer kann schnell ermittelt werden und führt zu Erik Schumann. Ein junger Mann aus gutem Haus, der angibt, sein Zweithandy einem Mann überlassen zu haben, dem er Geld für Drogen schuldete. Damit sind die Ermittler wieder ratlos und setzen nun alles auf die Überwachung von Georg Sendler. Er wird bei seiner Kurierfahrt nach Tschechien observiert und die Ermittler vermuten, dass er seine Ware in Halle „dem großen Unbekannten“ übergeben wird und sie ihn so überführen können. Schmücke und Schneider beobachten, wie Georg Sendler, nachdem er nach Halle zurückgekehrt ist, mit dem Teehändler Jacobs die Koffer tauscht. Auch wenn man Jacobs den Drogenhandel nun beweisen kann, leugnet er mit dem Tod von Julia Richter etwas zu tun zu haben. Parallel werden auch Georg und Jens Sendler festgenommen und des Mordes beschuldigt. Im Verhör gibt Jens Sendler zu, sich mit Julia gestritten zu haben, da sie begonnen hatte auf eigene Faust zu dealen und damit ihr geheimes Geschäft in Gefahr brachte. Als er sie zur Rede stellen wollte, habe er sie zu Boden gestoßen, was bedauerlicherweise zu ihrem Tode führte.

Rezension

In Berlin sind in letzter Zeit vermehrt krachneue E-Klasse-Taxis zu beobachten, die ganze Stände besetzen, von denen man bisher sagen konnte, sie sind doch recht divers. Das Geschäft scheint zu florieren. Vielleicht erhält der Begriff Drogentaxi aber auch immer mehr wörtlich jene Bedeutung, die bisher im übertragenen Sinne gemeint war, denn die Drogenkuriere waren üblicherweise nicht in Fahrzeugen unterwegs, die offiziell der Beförderung von Personen gegen Geld dienen. Wie man ein solches Taxi so ausstattet, dass überall Platz für Stoff ist, wird aber in „Taximord“ zumindest anhand eines möglichen Aufbewahrungsortes zwischen  Himmel und Blechdach erklärt. Und wie man anhand von getürkten Kilometerzählern das Geld für den Drogentransport weißwäscht wie Schnee, das wird ebenfalls einleuchtend dargestellt. Nur darf man dann nicht vergessen, auch entsprechend hohe Benzinrechnungen vorzulegen. Oder Rechnungen von der Stromzapfanlage, auf heutige und vor allem auf kommende Verhältnisse bezogen. Wird die Steuerprüfung dann nicht aber auch die Routen nachverfolgen, sondern wirklich nur, ob die Bücher korrekt sind oder ob alle Unterlagen auch plausibel sind? Sind Bücher korrekt, wenn es eine auffällige Diskrepanz zwischen Kilometerständen und Benzinrechnungen gibt, nur, weil die Firmeninhaberin, die Mutter der beiden umtriebigen Brüder, von denen einer zwei Jahre später als Polizist nach Rostock ging, von den Drogentransporten nichts wusste. Über das Verfahren einer Betriebsprüfung sprechen wir mal an anderer Stelle, nicht in dieser Rezension. Und wie war der Film?

Tilmann P. Gangloff von Kino.de schreibt: „Freunde der ‚Polizeiruf‘-Krimis aus dem mitteldeutschen Halle wissen, was sie erwartet. Hier geht es nicht um Nervenkitzel oder Oberflächenreize. […] Gemessen am üblichen Tempo der ARD-Sonntagsfilme geht es hier schon sehr bedächtig zu […]. Aber die Handlung ist sorgfältig durchdacht, selbst wenn man kaum alter Hase sein muss, um auf Anhieb zu ahnen, dass es nie und nimmer Raubmord gewesen sein kann. Um so hübscher sind die wiederholten Begegnungen Schmückes mit dem Teehändler. Der Schluss ist zwar etwas schlicht, könnte aber geradewegs aus einem amerikanischen Krimi stammen.“[1]

Ist mit dem letzten Satz gemeint, dass Schmücke im Sinne des Wortes siedend heiß einfällt, dass er künftig keinen Teelieferanten mehr hat? Das ist eher ein typischer Halle-Schluss, aber insgesamt muss man sagen, de Lifestyle-Klamauk hält sich dieses Mal in Grenzen und Schmücke und Schneider werden nicht als der Ostler, der sich wie ein Wessi-Schnösel verhält und als der echte, brave Nachkomme der DDR-Bürgerschaft dargestellt, diesen Gegensatz kostet man in manchen Krimis mit den beiden doch etwas zu sehr aus und meist hat er in der Tat mit Feinkost zu tun. Gemeint ist oben wohl eher das Aufeinanderhetzen der beiden Brüder im Vernehmungsraum, das aber so durchsichtig ist wie draußen im Gang die Scheibe, die nach drinnen blicken lässt. Aber derjenige, der sich hat von seiner Freundin hereinlegen lassen, dem Mordopfer, ist ja auch nicht so helle. Der andere, der unweigerlich in diese Verrat-Situation getrieben und von seinem Bruder bloßgestellt wird, ging als Polizist … aber das hatten wir schon. Trotzdem war es ein Unfall, sagt er, und zwar der Klassiker: Der Hinterkopf, der Stein, verborgen im Gras. Autsch. Exitus. Deswegen konnte der Mann wohl auch als Polizist … Es war ja nur fahrlässige Tötung, gar kein Taximord, und Ersteres kommt bei der Exekutive immer mal vor. Letzteres kann selten nachgewiesen werden.

Bei obiger Kritik muss man bedenken, dass im Jahr 2008 die Sonntagabendkrimis noch nicht ganz das Tempo hatten wie heute, aber es gab schon einen Trend in Richtung der Tatort-und-Polizeiruf-Moderne, wie wir sie aus den letzten Jahren kennen.

Wesentlich härter urteilt Julian Miller von Quotenmeter und wertet: „Die neue Ausgabe des sächsischen ‚Polizeirufs‘ bietet weder eine interessante Grundidee, noch eine besonders gut gemachte Ausarbeitung. Der Stoff um Drogenschmuggel in Taxis hat etwas recht Bizarres an sich und ist dramaturgisch gesehen äußerst problematisch. In der ersten Stunde entsteht keinerlei Spannung oder Dynamik, sondern die Ermittlungen treten auf der Stelle. Nichts geht vorwärts und immer wieder kreisen die Gedanken der Ermittler über dem Fall, immer wieder wird um den heißen Brei herumgeredet. Zugegeben, das mag ein realistisches Bild von polizeilichen Ermittlungen sein; dennoch ist es weder spannend noch interessant und somit zur Verfilmung ungeeignet. Ewig mit ansehen zu müssen, wie die Figuren zu keinem Ergebnis kommen, kann sehr frustrierend sein. […] Die Schauspieler machen ihre Arbeit weder schlecht noch gut; auffallend ist jedoch Jaecki Schwarzs Inkompetenz, seine stereotype Rolle glaubwürdig rüberzubringen. ‚Polizeiruf 110 – Taximord‘ ist daher ein insgesamt unterdurchschnittlicher Krimi, der getrost verpasst werden darf.“[2]

Soso, Inkompetenz. Das ist es also, was mir immer wieder auffiel, hier auf den Punkt gebracht. Dieses sibyllinische Lächeln des Kommissardarstellers, das oft nicht zur Situation passt und sich im Laufe der Jahre immer mehr festgesetzt hatte? Was wir nun ebenfalls wissen: Warum es keine gemütlichen Krimis mehr gibt, die Kritik hat es einfach nicht mehr durchgehen lassen. Der Fakt ist aber nicht zu übersehen, dass der Fall nicht durch die mühsame Ermittlungsarbeit gelöst wird, sondern durch diese Verhörsituation, die „in keinem Polizeihandbuch abgebildet ist“, so ähnlich hat Schmücke es ausgedrückt und die Staatsanwältin hat letztlich zugestimmt, weil sie auch schon vom Drehbuch genervt war und befürchtete, nie mehr in das hübsche Restaurant mit den beleuchteten Bäumen ohne Blätter zu kommen, in dem man zuweilen zusammen verkehrt.

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm geben den Daumen nach gerade und meinen: „Das Duo aus Halle geht auch komplizierteste Fälle mit größter Gelassenheit an. Irgendwie immer sympathisch, aber ‚spannend‘ geht anders.“ Fazit: „Fließt gemächlich dahin wie die Saale.“[3]

Immerhin haben sie nicht den Daumen nach unten gehalten, das kommt bei Tatorten und Polizeirufen aber auch so gut wie nie vor. Es wäre auch ungerecht, denn die Funktion dieser Filme als Ankerplatz für Millionen von Fernsehzuschauern, der regelmäßig sonntagsabends angesteuert wird, nach einer harten Woche und vor einer harten Woche, muss es erlauben, dass man von dort schnell die vertraute Hafenkneipe der unaufgeregt genießbaren Krimi-Feinkost oder auch Hausmannskost zu erreichen ist. Deswegen wird von großen Teilen des Publikums auch jeder „Experimentaltatort“ verrissen, denn Haute Couisine ist bekanntlich nichts für Gourmands. Trotzdem und trotz des erfrischenden Zugangs der oben erwähnten Nora Lindner hat man diese alte Polizeiruf-Kneipe in Halle dann aber doch ein paar Jahre später und nach 50 herrlichen Premierenabenden und vielen Wiederholungsabenden geschlossen. Danach kam die Eröffnung des neuen Standorts Magdeburg und ich überlege noch immer, ob das überhaupt eine Fernsehkrimikneipe ist oder mindestens die Vorhölle für jede*n Zuschauer*in, der oder die am Tag darauf wieder seinem harten Job nachgehen muss und ob die aktuelle Kommissarin Doreen Brasch als findige Falllöserin oder eher als Dompteurin im Männerzirkus durch das Abendprogramm führt.

Finale

Schmücke und Schneider nachzutrauern, wäre trotzdem nach meiner Ansicht falsch, zumindest nicht der Zweierbesetzung, die von 1996 bis 2010 tätig war, denn auch „Taximord“ zeigt wieder, dass irgendetwas die Drehbuchautor*innen davon abhielt, mit den beiden Neues zu versuchen, nachdem sie in den ersten Jahren das, was man im 37. gemeinsamen Fall immer noch sehen kann, recht überzeugend auf den Bildschirm gebracht hatten. Der typische hallesche Rätselkrimi klappert ein Milieu und eine Branche nach der anderen ab und das Muster ist immer mehr oder weniger gleich und somit nicht vergleichbar mit den Polizeirufen aus der DDR-Zeit. Damals hatte man sich zwar auf wenige Ermittlerinnen fürs gesamte Land der Arbeiter und Bauern beschränkt, aber man war sehr findig dabei, sich immer neue Handlungsabläufe auszudenken. Vor allem hat man, wenn man schon nicht so rasant filmte und diesen eher gemächlichen Modus dem MDR vererbte, etwas getan, was an Herbert & Herbert zu selten weitergegeben wurde: Man hat sich nicht nur auf die Persönlichkeiten der Cops verlassen, sondern auch Täter*innen und Verdächtige im Lauf der Jahre immer besser ausgeleuchtet. Die Episodenfiguren in „Taximord“ hingegen sind leider ebenso wenig spannend wie die Handlung.

5,5/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia bzw. zitiert nach der Wikipedia

Regie Mathias Luther
Drehbuch Arthur Böttger
Produktion Hans-Werner Honert
Musik Günter Illi
Kamera Carl Finkbeiner
Schnitt Monika Schindler
Besetzung

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