Die tätowierte Rose (The Rose Tattoo, USA 1955) #Filmfest 759

Filmfest 759 Cinema

Mamma Magnani!

Die tätowierte Rose (Originaltitel: The Rose Tattoo) ist ein US-amerikanisches Filmdrama des Regisseurs Daniel Mann aus dem Jahr 1955. Als Vorlage diente ein Bühnenstück von Tennessee Williams, das in den 1950er Jahren ein Welterfolg war.

Ich bin gar nicht so zufrieden damit, dass ich aus optischen Gründen kein totaler Fan von Anna Magnani bin, aber man kann sich Filmgrößen auch anders erschließen: Zum Beispiel, indem man sich eine Film wie „Die tätowierte Rose“ anschaut. Meine Erwartungen waren nicht so riesig, weil ich immer noch „Der Mann mit der Schlangenhaut“ im Kopf hatte, in dem die italienische Vollblut-Aktrice mit Marlon Brando geteamt wurde, der seitdem von ihr schwärmte. Trotzdem ist der Film nicht unbedingt dazu angetan, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen, dem man bisher etwas distanziert gegenüberstand. Ist das bei „Die tätowierte Rose“ anders? Wir klären es in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die gebürtige Sizilianerin Serafina Delle Rose ist Näherin und lebt mit Mann und Tochter in der Nähe von New Orleans in einer italo-amerikanischen Gemeinde. Ihr Ehemann Rosario, den sie abgöttisch liebt, ist von Beruf Lastwagenfahrer und nutzt seine nächtlichen Fahrten gelegentlich, um auch Illegales zu transportieren. Nachdem er sich dazu entschlossen hat, aus diesem Geschäft auszusteigen, kommt er während seiner letzten illegalen Fahrt bei einem Polizeieinsatz ums Leben. Die verzweifelte Serafina verliert daraufhin ihr ungeborenes Kind. Voller Trauer lässt sie die Leiche Rosarios entgegen jeglicher Konventionen einäschern und bewahrt die Asche in ihrem Haus auf.

Mehrere Jahre später lernt Serafinas mittlerweile 18-jährige Tochter Rosa den jungen Seemann Jack Hunter auf einer Tanzveranstaltung kennen. Sie verliebt sich in Jack und stellt ihn ihrer Mutter vor. Serafina, die hinter die Affäre Rosarios mit der blonden Black-Jack-Dealerin Estelle gekommen ist, bleibt das Glück des jungen Paares aber verborgen. Sie bezichtigt Jack, nur daran interessiert zu sein, Rosa die Unschuld zu rauben. Der schwört jedoch, Rosa zu respektieren.

Wenige Stunden später begegnet Serafina Alvaro. Ebenfalls ein Lastwagenfahrer aus Sizilien, trägt der junge, naive Mann die gleiche Rosen-Tätowierung auf der Brust wie einst Rosario. Er ist jedoch mit Estelle bekannt, woraufhin sie Alvaro zur ehemaligen Nebenbuhlerin begleitet. Dort wird sie mit Estelles Geständnis konfrontiert, Rosario auch geliebt zu haben. Ebenfalls trägt sie eine tätowierte Rose auf der Brust. Schockiert kehrt Serafina nach Hause zurück und zerschlägt die Urne mit der Asche ihres verstorbenen Mannes. Sie verabredet sich heimlich mit Alvaro, und er verbringt betrunken die Nacht bei ihr. Am nächsten Morgen erschreckt er die schlafende Rosa, das Missverständnis kann jedoch aufgeklärt werden. Serafina gibt Rosa und Jack ihren Segen. Gleichzeitig gesteht Alvaro ihr seine Liebe, und sie lädt ihn in ihr Haus ein.

Rezension

Der film-dienst sah in Manns Film vor allem „eine Plattform für Anna Magnani, die ihre leidenschaftliche Ausdruckskraft virtuos“ entfalte „und die amüsante Unverblümtheit ihrer Figur mit der inneren Verworrenheit eines unerhellten Bewußtseins“ verschmelzen lasse. Die tätowierte Rose sei darüber hinaus in Hinblick auf die religiösen Zusammenhänge und Ausdrucksformen „getragen von verständnisvollem Ernst“.[1]

Vielleicht beginnen wir mit Regisseur Daniel Mann, nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Anthony Mann, der unter anderem einige sehr gute Western mit James Stewart inszenierte, bevor er ins Monumentalfach wechselte. Daniel Mann wird in seiner Wiki-Biografie als typischer Theater-Adaptionen-Regisseur bezeichnet: Gespür für Dialoge ja, fürs Visuelle eher nicht. Seinen Debütfilm, der ihn umgehend bekannt machte, „Come Back, Little Sheba“ (1953) kenne ich noch nicht, wohl aber schwülstige Melodramen wie „Butterfield 8“, mit dem Elizabeth Taylor einen Kompensations-Oscar erhielt, weil sie für ihre Leistung in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (ebenso nach einem Stück von Tennessee Williams wie „Die tätowierte Rose“) zwei Jahre zuvor nicht gewürdigt wurde.

Vermutlich hat Mann sich vor allem an die Vorlagen gehalten und wenn diese gut waren, gute Filme darüber gemacht. Dass Theaterverfilmungen etwas „stagy“ wirken, können nur Regisseure aufheben, die sich trauen, ihre eigenen Akzente zu setzen. „Die tätowierte Rose“ hält sich diesbezüglich in der Mitte auf. Es gibt erkennbar mehr Schauplätze, als in einem Theaterstück vorkommen können, aber das emotionale Zentrum des Films befindet sich unausweichlich im Haus von Serafina delle Rose. Tennessee Williams muss gewesen sein, was uns vor diesem Film noch nicht gelang, nämlich ein Bewunderer von Anna Magnani, denn das Stück wurde tatsächlich für sie geschrieben. Am Theater konnte sie aber nicht eingesetzt werden, weil ihr Englisch nicht gut genug war. Im Film stört ihr Akzent zumindest in der Form, wie er ins Deutsche übertragen wird, nicht.

Und der Inhalt? Es ist etwas viel Rosensymbolik festzuhalten. Nicht nur die tätowierten Rosen auf Brüsten von Männern und ihr selbst, auch die Tochter hat sie Rose genannt und im Garten und in der Rhetorik, überall blühen Rosen und beim Preis für ein Tattoo wird jedes Rosenblatt einzeln ausverhandelt. Eines ist nun klar: vorerst keine Rosen in diesem Haus. Trotzdem ist „Die tätowierte Rose“ ein fulminant gespielter und sehr besonderer Film. Ich weiß nicht so recht, was es ist, aber es gibt wohl kein anderes Jahr, in dem so viele meiner Lieblingsfilme produziert wurden. Komödien wie „The Court Jester“, epische Dramen à la „Jenseits von Eden“ oder Kleinstadtmelodramen wie „Was der Himmel erlaubt“, schwarze Meisterwerke wie „Die Nacht des Jägers“, wundervoll ironische Western-Familienfilme wie „Friendly Persuasion“. Ich glaube, damals war Hollywood ziemlich mit sich im Reinen, hatte eine Mischung aus Gefühl, Anspruch und Perfektion gefunden, die es in dieser Form nie wieder gab. Aber ein Schaustück wie „The Rose Tattoo“ hatte noch gefehlt, das habe ich jetzt erst festgestellt.

Heute erhält er von den IMDb-Nutzer:innen nur noch 7/10, weil er vielleicht doch etwas buffo wirkt, aber sowohl die Darstellung von Anna Magnani als auch der männliche Hauptdarsteller Burt Lancaster sind auf ihre Art famos. Lancaster kam es sicher zugute, dass er kein gelernter Theaterdarsteller war, sondern sich als ehemaliger Zirkusartist auch mal clownesk zu wirken und das hat er nie zuvor oder danach so ausgespielt wie in dieser Milieustudie, falls es wirklich eine ist, aus dem Jahr 1955. Welch ein Naturtalent er war, kann man sich vorstellen, wenn man zwei Jahre zurückblickt und die Darstellung an der Seite von Anna Magnani mit der in „Verdammt in alle Ewigkeit“ vergleicht, als mit Deborah Kerr quasi ein Gegenpol von Frauentyp seine Partnerin war. Er zählte zu den Darstellern, die Komödien und ernste Stoffe gleichermaßen spielen konnten. Es gibt schon ein paar Stellen, bei denen ich den Eindruck hatte, Lancaster muss seinen Intellekt ganz schön downsizen, um den LKW-Fahrer Alvaro Mangiacavallo (Nachname: „Ich esse ein Pferd“) geben zu können, aber es wirkt, als habe es ihm Spaß gemacht diesen herzig-unterbelichteten Typen zu spielen. Zwei Jahre später spielte er wiederum eine seiner besten Rollen in „Mein Schicksal in deiner Hand“ zu sehen, der vielleicht seiner Zeit etwas voraus war und schon auf Filme wie „Network“ hinwies, die in den 1970ern gedreht wurde. Den Darsteller-Oscar erhielt er für seine Rolle als bösartiger Wanderprediger in „Elmer Gantry“.

Anna Mangnani hingegen erhielt den Hauptdarstellerinnen-Oscar schon für ihre Leistung in „Die tätowierte Rose“. Fraglos ist sie darin außergewöhnlich und man sollte nicht den Fehler machen, ihre höchst vitale Verkörperung einfacher Frauen nur für landestypisch zu halten, zumal sizilianisch, was noch einmal etwas ganz anderes ist als italienisch. Die Widersprüchlichkeit, die gerade durch Serafinas Einfachheit erzeugt wird, hält den Film auf Kurs und die Zuschauer in Atem.

Schwieriger ist es schon, die Idee zu „Die tätowierte Rose“ zu verstehen. Was wollte Tennessee Williams, der Spezialist für Südstaatendramen, in denen zumeist eine Katharsis stattfindet, um das Publikum nicht so ratlos zurückzulassen, wie beispielswiese Arthur Miller es tat, bevor er auf Marilyn Monroe traf und so pessimistisch wurde, dass daraus keine Kreativität mehr erwuchs, sondern alles in eine Schreibblockade mündete,  was wollte Williams mit dem Stück demonstrieren? Ich glaube fast, man darf es mit der Interpretationstiefe nicht übertreiben, sonst findet man – nichts. Im Grunde geht es um eine Lebenslüge, die durch den wenig ruhmreichen Tod eines Mannes ins Wanken kommt, der es nicht verdient hatte, dass das diese Lüge um ihn herum aufgebaut wird, von einer Frau, die vor Leidenschaft kaum weiß, wo ihr der Kopf steht, und weil das so ist, verliert sie ihn immer wieder. Dass am Ende alles gutgeht und ein guter Kerl daherkommt, der sie versteht und nimmt, wie sie ist, macht den Film zu einer der lockersten und wohl zur komödiantischsten aller Williams-Adaptionen. Allerdings bin ich kein Katholik und das ergibt durchaus einen Unterschied. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Williams auch eine allzu naiv aufgefasste, nicht hinterfragte, dafür aber maximal dramatisierte Religiosität, die so gut mit dem Pomp des Katholizismus gecovert werden kann, in Wort und Bild setzen wollte, ohne seine Figuren oder die Kirche zu diskreditieren.

Alles wird in der kleinen Welt von Serafina überhöht und vergoldet, bringt Glanz hinein, wie der Mann, der als Schmuggler den Unfalltod stirbt und vorher massiv fremdgegangen ist. E wird in den ersten Szenen, die sich Beinahe-Dunkel abspielen, trotzdem sichtbar und erkennbar ebenfalls von Burt Lancaster gespielt. Deshalb dachte ich zunächst, der Film wird gleich in eine Rückblende überwechseln, weil es um diesen Mann geht. Doch relevant ist das danach, der Aufbruch, der mit einer Trauer einhergeht, die nichts von protestantischer Zurückhaltung und stillem Gram hat. Auch im Orient wird bekanntlich sehr viel offensiver getrauert als hierzulande und man ist geneigt, diese Gefühlsausbrüche für einen Mangel an Einkehr und Tiefgang zu halten. Es ist aber durchaus beides möglich, zum Beispiel in zeitlicher Abfolge. Bei Serafina wirkt das alles auf eine einmalig unechte Weise echt oder umgekehrt.

Man bekommt des Pudels Kern nie ganz zu fassen, aber man versteht etwas mehr von der Welt der Serafina und ihrer Mitbewohner:innen in einem Little Italy von New Orleans, das einen recht bescheidenen Eindruck macht und in dem das Klammern an archaische Verhaltensweisen die großen amerikanischen Entwürfe ersetzen muss. Von ihnen ist kein einziges Mal die Rede, der Traum der Immigrantin bleibt es, dass ihre hübsche Tochter sich anständig und gut verheiratet. Sie ist als selbstständige Schneiderin, ohne Lizenz, wie nicht vergessen wird anzumerken, schon eine der Bessergestellten in ihrer Community und die anderen Sizilianerinnen werden als äußerlich und innerlich recht unansehnlich dargestellt. Ob das seinerzeit realistisch war, kann ich schlecht beurteilen, normalerweise war Williams kein Dramatiker, der etwas porträtiert hat, was sich hier beinahe wie eine Parallelgesellschaft zeigt. Die allerdings dann doch durchlässig ist, wenn es darum geht, sich zu verbessern, z. B., wenn ihre Tochter Rose sich einen netten Jungen aus der Mehrheitsgesellschaft angeln kann. Da genügt es auch mal, die hehren moralischen Grundsätze eher formal abzuhandeln und ein Schwur muss die Kontrolle ersetzen, die besser ist als Vertrauen, wenn man grundsätzlich ein misstrauischer Mensch ist. Und wer ist misstrauischer als jemand, der von Sizilien aus in eine Welt sozusagen importiert wird, die so anders ist als die Heimat, ohne das Neue intellektuell erschließen zu können? Man kann das alles im Hintergrund mitlesen, wenn man es so verstehen möchte, aber zwingend ist diese Interpretation nicht.

Finale

Ich habe aber nichts dagegen, dass ich nicht alles mit nach Hause nehmen kann, was ein Film möglicherweise anbietet, zumal manches an ihm schwer zu beschreiben ist oder sich so offen zur Kategorisierung anbietet, dass man – sic! – misstrauisch sein sollte. Tennessee Williams wollte, das erscheint mir doch recht sicher, keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Religiosität, kein Ringen mit dem Glauben in einer gottlosen Welt inszenieren. Dass er dennoch, wie das Filmlexikon schreibt, Verständnis zeigt, habe ich oben angedeutet, als ich schrieb, dass der Film seine einfachen Figuren nicht diskreditiert. Das ganz große Plus ist jedoch, was immer man ausforscht oder nicht, die Darstellung von Anna Magnani, die Glanz in die oft etwas reduziert wirkende Gefühlswelt der amerikanischen WASPS bringt.

Das liegt auch daran, dass um Serafina herum ein Geheimnis bleibt, etwa Unausgesprochenes, das ihre Exaltiertheit und Wechselhaftigkeit gefördert hat, während am Ende die Rose erblüht, die echte Liebe vielleicht auch deshalb siegt, weil erst die falsche die Möglichkeit eröffnet hat, überhaupt aus dem Witwenstadium wieder herauszukommen, in einer Welt, die doch offener ist als die ihrer alten Heimat und in gewisser Weise handelt es sich beim Wechseln von der Lebenslüge ins lebensfrohe Hier und Jetzt auch um eine Form von Emanzipation.

Um seelische Konflikte offen und etwas ungehemmter austragen zu können, hat sich Hollywood deshalb ab etwa jener Zeit gerne bei Einwanderer-Milieus aus dem romansichen Raum umgesehen, etwa bei den Puertoricanern in „West Side Story“ und wieder den Italienern in „Splendor in The Grass“, beide mit Natalie Wood. Das Interesse an Ethnien, auch und gerade solchen, die sich in den USA angesiedelt hatten, wuchs zu jener Zeit, während die biografischen Hintergründe zuvor eher dekorative Elemente waren, um Zuschreibungen auf eine ziemlich basale Art zu ermöglichen oder weil historische Figuren aus dem Milieu eben diese Hintergründe hatten, z. B. im Gangsterfilm. Aber es ist wie mit Serafina, wirklich einordnen lässt sich „Die tätowierte Rose“ nicht. Er hat kein Subgenre herausgebildet, keinen direkten Nachfolger gefunden. Aber er ist sehenswert geblieben und für mich war er eine der positiven Überraschungen der letzten Monate.

83/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

(1), kursiv / zitiert und tabellarisch: Wikipedia

Regie

Daniel Mann

Drehbuch

Hal Kanter,
Tennessee Williams

Produktion

Hal B. Wallis

Musik

Alex North

Kamera

James Wong Howe

Schnitt

Warren Low

Besetzung

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