Thelma & Louise, USA 1991 #Filmfest 772

Filmfest 772 Cinema

Das erste und einzige feministische Roadmovie?

Thelma & Louise ist ein US-amerikanisches Roadmovie mit Thrillerelementen aus dem Jahr 1991. Regie führte Ridley Scott, das Drehbuch schrieb Callie Khouri. Die Hauptrollen der beiden Freundinnen Louise und Thelma, deren zunächst harmloser Ausflug in eine dramatische Flucht mündet, spielen Susan Sarandon und Geena Davis.

Mir fällt gerade kein weiteres feministisches Roadmovie ein, aber in den 1990ern, in denen der Film entstand, kam es in Mode, Frauen zu bewaffnen, es gab auch erstmals etwas wie Frauenwestern. Die liberale Clinton-Zeit kündigte sich bereits an, als Thelma & Louise gedreht wurde. Und der Film tat sicher einiges dafür, dass in den nächsten Jahren immer blutigere Roadmovies entstanden („California“, „Natural Born Killers“). Mehr zu Thelma & Louise in der –> Rezension.

Handlung (1)

Thelma Dickinson, eine etwas chaotische Hausfrau, hat ihr Dasein und ihren despotischen Ehemann gründlich satt. Ihre unternehmungslustige Freundin Louise Sawyer kommt sowohl beruflich als Kellnerin als auch in ihrem Privatleben auf keinen grünen Zweig.

Die beiden v erabreden sich, die Zivilisation für ein Wochenende zu verlassen, und ziehen mit Louises Ford-Thunderbird-Cabrio los. In einer heruntergekommenen Bar in Arkansas gerät Thelma an den Grobian Harlan und wird vor einer Vergewaltigung nur dadurch bewahrt, dass Louise ihm einen von Thelma für die Reise mitgeführten Revolver an den Hals hält. Als Harlan unmittelbar danach Louise mit vulgären Bemerkungen provoziert, erschießt sie ihn im Affekt. Weil Thelma zuvor mit dem Mann getanzt und geschäkert hatte und angetrunken war, fürchtet Louise, dass ihnen die Polizei den tatsächlichen Tatverlauf nicht abnehmen werde, weshalb sich die Frauen entschließen, nach Mexiko zu fliehen.

Unterwegs werden sie von J. D. angesprochen, der sie bittet, ihn bis Oklahoma City mitzunehmen. Als Louise eine Geldanweisung, die ihr Freund Jimmy Lennox für sie arrangiert hat, abholen will, steht plötzlich Jimmy selbst vor ihr. Er versteht nicht, was mit Louise los ist und sie gibt ihm keine Antwort auf all seine Fragen. Er überreicht Louise einen Ring, sie will wissen, warum gerade jetzt. Offensichtlich liebt Jimmy sie, sie muss ihn jedoch darauf vertrösten, dass sie sich irgendwann später treffen könnten, nur eben nicht jetzt.

Da Louise bei Jimmy im Zimmer ist, ist Thelma allein, als J. D. an ihre Tür klopft. Es regnet stark, sodass sie ihn hereinlässt. Sie hat eine Schwäche für den gutaussehenden jungen Mann. J. D. erzählt ihr, dass er unter Bewährung stehe, da er wegen verschiedener Überfälle verurteilt worden war. Er erzählt der liebebedürftigen Frau, dass sie dabei sei, sein Herz zu stehlen. Sie schlafen miteinander. Am anderen Morgen lässt Thelma J. D. allein im Zimmer, Louise ahnt Schlimmes, und tatsächlich ist der Umschlag leer, den Thelma in Verwahrung hatte. J. D. ist mit dem Geld verschwunden.

Rezension 

Der Film, der vom hoch veranlagten Ridley Scott inszeniert wurde, war für einige Oscars nominiert, unter anderem sowohl Susan Sarandon als auch Geena Davis für die weibliche Hauptrolle, aber beide verloren gegen Jodie Foster in „Das Schweigen der Lämmer“.  Trotzdem gehört er zu den ikonischen Werken, die Regisseur Ridley Scott im Lauf der Jahre gemacht hat – angefangen mit dem ersten „Alien“-Film (1979), mit „Blade Runner“ und weiteren sehr bekannten Werken. Gerade ist sein aktueller Film „The Martian“ („Der Marsianer“ im Oscar-Wettbewerb 2016 in einigen Kategorien vertreten. Besonders gut ist Scott in Science Fiction-Umgebungen, aber schwierig sind seine Filme eigentlich nicht.

Im Gegenteil, Thelma & Louise wurde unter anderem vorgeworfen, viel zu simpel in seiner feministischen Botschaft zu sein. Andere Kritiker haben hinterfragt, ob die Idee, Frauen in Männerrollen zu zwängen, wirklich feministisch ist. Pazifistisch ist es nicht, entspricht aber der Tendenz, mit Waffen in Filmen immer leichtfertiger umzugehen, die in den 1990ern neue Höhen erreichte.

Aber der Film ist auch in anderer Hinsicht modern: Sehr schön gefilmt (Oscarnominierung für die beste Kamera, nicht gewonnen gegen den in der Tat mit einer fantastischen Optik ausgestatteten „J.F.K.“). Er hat aber auch ein sehr strammes Skript, das keine größeren Mätzchen enthält. Der einzige Oscar, den der Film gewann, ist auch derjenige für das beste Originaldrehbuch. Die typischen Roadmovie-Elemente waren damals natürlich schon bekannt und werden hinlänglich zitiert. Vor allem Filme aus den 1970ern sind deutlich in Bezug genommen worden, so etwa „Duell“ (1971), „Convoy“ und „Sugarland Express“. In allen diesen Werken kommen Trucks vor und viele, viele Polizeiautos. Ein Truck sorgt auch in „Thelma & Louise“ für den – pyrotechnischen – Höhepunkt. Die libertinäre Haltung der letzten beiden Filme spiegelt sich noch einmal in „Thelma & Louise“, nur dass jetzt endlich Frauen die Hauptfiguren und Akteurinnen sind.

Mag die Botschaft auch mit der Wucht eines Dampfhammers auf den Zuschauer niedergehen, so ist sie doch nicht falsch und gewinnt außerdem dadurch an Charme, dass die Frauentypen hier durchaus das Hinterfragen, auch der eigenen Haltung als Zuschauer, zulassen. Die naive und sexy Thelma kommt mit etwas mehr komödiantischem Touch auf dieselbe Zuspitzung hinaus, die Jodie Foster in „Angeklagt“ (1988) vom Betrachter gefordert hat: Dürfen Männer durchdrehen, weil eine Frau ihre Reize zeigt. Wir lernen: Nein. Alles muss einverständlich sein, und das ist heute noch nicht selbstverständlich. Gerade in den verklemmteren Gegenden der USA nicht, von denen gibt es eine Menge, in diesem mittleren Westen, in dem auch der Film und Thelmas und Louises Roadtrip to Hell or Heaven starten. Der einzige Mann, der ein wenig nett rüberkommt, ist der Polizist, der die beiden hartnäckig, aber mit Verständnis für ihre Situation verfolgt.

Thelma ist keineswegs eine Feministin, sondern entdeckt sich selbst erst einmal, ihre Freundin Louise wirkt bis zum Schluss hin- und hergerissen zwischen Freiheitsdrang und der Anhänglichkeit an ihren Freund. Beide haben emotionale und Thelma auch sexuelle Entzugserscheinungen, was Brad Pitt zu einer seiner ersten größeren Rolle als Filou und Kleinganove verhilft. Sicher hat diese Rolle wiederum zu den wesentlich übleren Charakteren geführt, die er dann im ersten der oben erwähnten 90er Jahre-Gewalt-Roadmovies innehat.

Der Charme der Frauenfiguren liegt gerade darin, dass es hier nicht um einen intellektuell strukturierbaren Abnabelungsprozess, sondern um einen ganz instinktiven Ausbruch von Freiheitssehnsucht geht. Vor allem Thelma ist nicht unbedingt so nachdenklich, dass sie ihr beinahe revolutionäres Verhalten hinterfragt. Louise ist um einiges anspruchsvoller, auch älter, und sicher etwas vielschichtiger. Wir erfahren auch, warum sie letztlich auf den Typ schoss, der versuchte, Thelma zu vergewaltigen – und zwar nicht, um die andere zu retten, sondern später erst, als er sie verbal provoziert: Weil ihr in Texas einst genau dies wiederfuhr und sie sich damals nicht wehren konnte. Das Ausgangsmotiv für das Handeln der beiden Frauen ist gut nachvollziehbar und psychologisch stimmig. Im Verlauf muss der Film die eine oder andere konventionelle Wendung nehmen, die man so zusammenfassen kann: Weil alle etwas unbedarft sind, auch die Polizei, können die beiden Frauen einen ganzen Film lang durchs Land fahren und Thelma entpuppt sich als eine Frau mit Bonnie-Genen, wobei jedoch die konservativere Louise nicht unbedingt den Clyde gibt. Den Spaß bringt dann auch eher die unberechenbare Thelma ins Spiel. Ihre Mischung aus Spontaneität und gerade erst entdeckter Chuzpe ist eine Art Wandlung, während Louise eher statisch bleibt und wenigstens im symbolischen Sinn gerne auf der Bremse stehen würde, während Thelma Spaß am Gaspedal des Lebens gefunden hat.

Man mag denken, wie kann eine Frau es überhaupt  mit einem Mann wie dem ihren aushalten – doch das ist die Sicht wählerischer Großstädter, die lieber eine Beziehung canceln oder dafür sorgen, dass die andere Seite sie beendet, als dass es langweilig, hierarchisch oder frustrierend wird. Den ländlichen Raum kenne ich auch, und ich muss aus der Stadt nicht so weit rausfahren, um Gegenden zu finden, die denen, in denen Ehen wie die von Thelma nicht gedeihen, sondern missraten, verdammt ähnlich sehen. Oft ist es tatsächlich so, dass allein die Tatsache, dass man es einfach nicht anders kennt, viele Menschen, Männer wie Frauen, vermutlich davon abhält, durchzudrehen und das Weite zu suchen. Manchmal passiert es trotzdem, die Leute nehmen manchmal auch Kontakt zur Stadt auf und man erhält Einblick in Schicksale, die sich nicht so einfach in ein neues Sein am neuen Ort transformieren lassen.

Das ist es am Ende auch, was Thelma und Louise vielleicht spüren: Der Weg führt nicht in die Freiheit, oder die einzige Freiheit ist der Tod. Ein letzter Befreiungsschlag, ein Schweben über dem Abgrund als ultimatives, nicht mehr zu steigerndes Gefühl. Ein trauriger und schöner Absang zugleich, in dem zwei Frauen zu Ausgestoßenen werden und wie klassische Outlaws von der Bildfläche verschwinden, ohne jemals moralisch verloren zu haben.

„Eine mit viel Enthusiasmus für ihre Figuren durchsetzte schwarze Komödie, die das vertraute Klischee des ansonsten eher ‚männlich‘ akzentuierten Road-Movies mit neuem Sinngehalt erfüllt. Das präzise Drehbuch wurde in einen gleichermaßen unterhaltenden wie systemkritischen Film umgesetzt.“ – Lexikon des internationalen Films[2]

Fazit

Es gab Momente, die waren mir etwas zu plain, wie die Szenen mit dem bescheuerten Trucker, aber wie hätte sonst sein ganzer, blankpolierter Stolz so schön in Flammen aufgehen können? Vieles im US-Kino, und nicht mehr nur dort, dem Effekt geschuldet, davon ist auch „Thelma & Louise“ keineswegs frei. Aber hätte der Film anders trotz seines im Grunde ernsten Themas so viel Spaß gemacht?

80/100

© 2022 DerWahlberliner, Thomas hocke (Entwurf 2016)

Regie Ridley Scott
Drehbuch Callie Khouri
Produktion Mimi Polk Gitlin
Musik Hans Zimmer
Kamera Adrian Biddle
Schnitt Thom Noble
Besetzung

 

 

 

 

 

 hat,

Bei den Oscars des Jahres 1

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