Marlon – Tatort 1200 #Crimetime Vorschau #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Stern #SWR #Marlon

Crimetime Vorschau – Titelfoto © SWR, Christian Koch 

Wissen Sie, was es noch gab, als der erste Lena-Odenthal-Tatort mit dem Titel „Die Neue“ ausgestrahlt wurde? Die Berliner Mauer. Und Helmut Kohl war mit einem schwachen Ergebnis 1987 zum zweiten Mal zum Kanzler gewählt worden. Die Einheit halft seiner Popularität dann enorm. Mobiltelefone kamen erst drei Jahre später auf. In dieses Umfeld also startete die damals sehr progressiv wirkende Kommissarin, die mit fast 33 Dienstjahren eine Gigantin unter den Tatort-Ermittler:innen darstellt. Genauer: Sie ist diejenige mit der längsten Dienstzeit.

Ob wir das noch werden verifizieren können, ist eine andere Frage … doch, sollte gehen. Denn nach ihr und den Münchenern, die 1991 anfingen, klafft jetzt schon eine ziemliche Lücke, auf Rang drei nach Dienstzeit stehen die Kölner Ballauf und Schenk, die 1996 starteten. Die Rechnung sieht etwas anders aus, wenn man Ballaufs Lehrzeit bei Flemming in Düsseldorf mitrechnet, aber selbst diese begann nach Odenthals Start in LU.

Unser Tipp: Diesen Rekord wird ihr niemand nehmen und darum kämpft sie in Personalunion mit ihrer Darstellerin so verbissen, wie es ihre Art ist: Solange ich laufen und schießen kann, mache ich das, hatte sie vor einiger Zeit mal gesagt. Ob das Publikum noch mitrennt? Aber klar. Es muss einfach. Zumindest auf den Bildern vom neuesten Odenthal-Film meine ich eine Veränderung bei Ulrike Folkerts entdeckt zu haben: Sie kommt jetzt in die Erfahrungszone, in der man manchmal das Tal durchschritten hat und immer besser wird. Ich bin gespannt, ob sich das in einem entspannten Spiel ihrerseits zeigen wird.

Jedenfalls kann der Zickenkrieg mit Teampartnerin und möglicher Nachfolgerin Stern (den Apfelkrutzenwurf werde ich nicht vergessen, gegen solche Übergriffe bin ich allergisch, vor allem wenn sie von Staatsbeamt:innen kommen, die gegenüber mir als Bürger in einem Über-Unterordnungsverhältnis stehen) weg.

Mir fehlen die letzten neuen Tatorte, um die Genese des aktuellen Gepräges nachvollziehen zu können und es hat sich leider herausgestellt, dass es mit dem Nach-der-Premiere-drüber-scheiben richtig schwer geworden ist. Wir müssen dringend den Polizeiruf „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ endlich rezensieren, an dem hängen wir fest. An die Aufarbeitung der Tatorte 1140 bis 1195 ist derzeit gar nicht zu denken. Dass das mal so schwierig werden könnte, hätte ich nicht gedacht. Elf Jahre Kritiken und Krise? Da ist Lena Odenthal längst drüber hinweg und darf sich gutschreiben, dass sie Unerhörtes für das Feministische im Tatort und für die Entwicklung des Formats, seine Sicherung über die unruhigen Wendezeiten hinweg, geleistet hat. Das hat wohl auch dazu geführt, dass sie immer weitermachen kann, obwohl man für sie eine Zeitlang nicht mehr die richtig guten Drehbücher gefunden bzw. sie wohl überwiegend an die anderen SWR-Tatortschienen vergeben hat. Worum geht es nun im Jubiläumstatort, den Lena vollkommen zu Recht (und zum dritten Mal nach der „700“ und der „900“) erhält? Außerdem, noch bedeutender: „Marlon“ ist Odenthals 75. Fall. Dazu gratulieren wir sehr herzlich. Bisher haben dieses große Jubiläum nur die Münchener und die Kölner geschafft (kürzere Dienstzeit, aber höhere Frequenz als Odenthal, neue Fälle betreffend).

„Wer tötete Marlon – ein Kind, einen neunjährigen Jungen? Ein trauriger Fall erwartet die beiden Ermittlerinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) von der Ludwigshafener Kripo in ihrem neunten gemeinsamen Einsatz, denn Marlon galt als „Systemsprenger“, als jemand, der sein Umfeld, aber auch sich selbst immer wieder an Grenzen des Erträglichen brachte. Doch wie konnte es so weit kommen, dass an Marlons Schule Gleichgültigkeit, ja beinahe Erleichterung über seinen Tod herrscht? Es werden herausfordernde Ermittlungen für die beiden Kommissarinnen, die sie auch persönlich belasten.“ – Redaktion Tatort-Fans

Und damit gleich zu den Meinungen, wir fangen mit derselben Publikation an:

„Dieser Film ist eher eine Sozialstudie als ein spannungsgeladener Krimi, aber deshalb nicht minder sehenswert. Sensibel und feinfühlig werden die unterschiedlich gelagerten, jedoch allesamt problematischen Lebenssituationen, in denen sich Marlons Eltern, Mitschüler, Freunde, Lehrer und andere Eltern befinden, in Szene gesetzt. Positiv hervorzuheben ist auch, dass gerade nicht das Klischee der „Brennpunktschule“ mit Kindern aus „schwierigen sozialen Verhältnissen“ bedient wird. Hier liegt der Fokus auf einer Mittelschicht, wie sie überall existiert. (…) Ein dickes Lob an dieser Stelle für die drei Kinder-Hauptdarsteller, die wirklich großartig aufspielen. Und am Ende werden wir doch noch mit einem wahrhaftig krimireifen, stark inszenierten Finale belohnt.“ – Tatort-Fans

Ob die Mittelschicht wirklich noch überall existiert, darüber müssen wir mal gesondert sprechen, jedenfalls wird sie immer mehr in die Zange genommen (ich meine nicht die besitzende obere Mittelschicht, sondern den überwiegenden Teil der arbeitenden Normalbevölkerung). Ich muss gestehen, als ich „Marlon“ las, dachte ich, es handele sich tatsächlich um die Betrachtung des Prekariats. Weil Namen wie dieser in der Mittelschicht eben nicht so häufig vergeben werden (in der besitzenden oberen Mittelschicht gar nicht). Aber es geht wieder um „Familie“. So sehr ich die große Expertise des Tatorts im Bereich Sozialkrimi schätze, ganz langsam wünsche ich mir mal wieder einen „Milieu-Tatort“, der richtig schräg wirkt, weil jede:r Zuschauer:in glaubt, das gezeichnete Milieu besser zu kennen als dessen Zeichner:innen, die Drehbuchautor:innen in ihrem Schreibkämmerlein. Eine Bewertung enthält die obige Ansicht nicht, machen wir also weiter mit der nächsten Stimme:

Ein Tatort entgegen der Klischees mit guten jungen Schauspielern. Dieser Tatort hätte ganz schnell ins Klischee abdriften können, tut er aber nicht! Marlon ist eben NICHT der schwierige Junge, aus sozial schwachen Verhältnissen an einer Problemschule. Sondern ein Kind der Mittelschicht, an einer ganz „normalen“ Schule. Und da zeigt sich, wie schnell das System und die Gesellschaft mit solchen Kindern überfordert ist. (…) Einige andere Kinder sind oft nicht viel besser, da dröhnt es uns Zuschauern mehr als einmal in den Ohren bei all dem Geschreie. Die jungen Schauspieler machen ihre Sache außerdem auch allesamt gut. Deshalb gibt’s von mir 4 von 5 Elchen. – Simone Sarnow, SWR3-Check

Einen Satz im Fazit musste ich entfernen, weil er einen Spoiler enthält. Immer spannend, wenn die SWR-Checker:innen die Filme des eigenen Senders bewerten. Ist es nicht doch sehr schwierig, dabei die Neutralität zu wahren? Abseits des Spoilers: Es heißt „den Klischees“, man muss NICHT so schreien, um einen Tatbestand herauszuheben, und was ist eine „normale“ Schule bitte? Eine, an der man lernt, dass es, wenn es heißt „System und Gesellschaft“ im Anschluss „überfordert sind“ stehen muss, im besten Fall. Weiter mit einer Stimme, deren Träger vermutlich auf / an / in einer „normalen“ Schule war:

„»Scheiß-Inklusion!« Ein Neunjähriger terrorisierte Eltern, Lehrer und Mitschüler. Nun ist er tot. Odenthal und Stern suchen angesichts der Katastrophe beherzt nach Antworten. »Systemsprenger« in der Süßstoffvariante.“ – Christian Buß, Der Spiegel

Da haben wir’s schon. Wie alle, die auf einer „normalen“ Schule waren, verteidigt Buß die Exklusivität des Normalen wie Lena ihre Rekordhalterinnenstellung. Und wir haben die französischen Anführungszeichen stehen lassen, anstatt sie durch das eigentlich fällige einfache deutsche zu ersetzen, weil wir diese wie diese drei Striche hintereinander einfach furchtbar finden (wie dann mit vieren?). Das beherzte Suchen der Ermittler:innen führt nicht dazu, dass Buß beherzt nach oben tendiert, wenn es um die Bewertung geht: 4/10. Der Systemsprenger-Süßstoff hat wohl geklumpt und das Punkte-Füllhorn verklebt. Wir gehen über zu Tittelbach-TV, die ebenfalls nicht fehlen dürfen, wenn es darum geht, vorab kompetente Meinungen zu einem neuen deutschen Fernsehkrimi einzuholen:

„Der 75. „Tatort“ mit Ulrike Folkerts, ausnahmsweise ohne Ludwigshafen als Schauplatz, seziert den gewaltsamen Tod eines „Systemsprengers“. Offen aggressive Kinder bringen Eltern und Institutionen an ihre Grenzen. Der Fall übersetzt das brutal deutlich. Als der neunjährige Marlon tot am Boden liegt, zeigt die Kamera Trauer und Erleichterung in den Gesichtern.  Schade nur, dass es kein Unfall war. Odenthal & Stern gehen mit einer realistisch anmutenden Mischung aus Nähe und Distanz an den Fall heran. Der Tod des Jungen berührt, aber er wirft sie nicht um. „Marlon“ (SWR) entscheidet sich damit für kriminalistische Professionalität und gegen Ermittlerinnen, die in Not geratene Kinder bei sich aufnehmen und coachen. Kein Spektakel, wenig Tränen, ein guter Fall aus der Mitte der Gesellschaft.“ – Martina Kallweit, Tittelbach-TV

4,5/6 sind für „Odenthal im Aufwind“, wie die Unterschrift unter ein Bild zum Film lautet und auf dem Odenthal auch nicht so optimistisch gereift aussieht wie auf dem Bild, das wir verwendet haben, vielleicht war ich da etwas vorschnell mit meinen Zuschreibungen qua Optik, gar nicht so viel. Solche Sätze soll man nicht, aber man darf. Zuletzt hat diese Publikation häufiger mal die 5, sogar kürzlich die 5,5, gezogen. Auch Tittelbach-TV betont auffällig die „gesellschaftliche Mitte“. Wo hatte ich das Gefühl zuletzt, dass die Kritiker:innen geradezu aufatmen? Genau, mehrfach bei den Stimmen zu diesem Film. Endlich kehrt der Tatort heim in die soziale Schicht, aus der die meisten von uns stammen. Nicht mehr dieses Fremde, dieses Verstörende, das Oben, Unten, Draußen.

Sondern die ganz „normale“ Nervensäge von einem Kind, wie jeder mindestens eines kennt, der Menschen kennt, die Kinder haben. Diese Woche hat übrigens eine junge Mutter (Kleinkind, 1,5 Jahre) zu mir gesagt, hoffentlich geht das in nächster Zeit alles mal gut und es war richtig, in diese Welt noch Kinder zu schicken. Darüber hätte ich gerne mal einen Tatort. Über dieses Zeitgefühl, das mich wirklich betroffen macht. Die Sorge, die ich da rausgehört habe, ist ein anderes Ding als die in Wahrheit egoistische „Wir können doch in diese Welt keine Kinder setzen!“-Ausrede, die ich aus meiner Generation nur zu gut kenne, obwohl die Zeiten, als meine Generation ins gebärfähige Alter zu kommen, wirklich weitaus mehr zu Optimismus Anlass gaben als die aktuellen. Aber ist es besser, es trotzdem zu machen und dann keinen empathisch-natürlichen Zugang zu den Trotzdem-Kindern zu finden und sie zu narzisstischen Nervensägen zu formen? Ach ja. Nie ist mal was leicht. Wir machen es uns jetzt wenigsten ein bisschen leicht und ich schließe mit der Erwartung, dass man sich für die Nummer 1200 keinen Rohrkrepierer von einem Tatort ausgedacht hat.

TH

Handlung, Besetzung und Stab

Der neunjährige Marlon wird in seiner Schule tot aufgefunden. Er wurde die Treppe hinuntergestoßen und zeigt Spuren eines vorangehenden Kampfes. Lena Odenthal und Johanna Stern bemerken bald, dass dieser Todesfall in der Schule ambivalente Reaktionen hervorruft: Marlons auffälliges Verhalten machte ihn zum Außenseiter, der seine Lehrer, die eigenen Eltern und auch die der Mitschüler an ihre Grenzen brachte.

Für die Kommissarinnen ist es bedrückend, dass in Marlons Umgebung fast mehr Erleichterung als Trauer über seinen Tod zu spüren ist. Umso mehr sind Lena und Johanna bei ihren Ermittlungen auf Marlons einzigen Freund Pit und auf seinen einzigen Verbündeten unter den Erwachsenen, den Sozialarbeiter Anton Leu, angewiesen.

Stück für Stück rekonstruieren die Kommissarinnen die letzten Tage eines Jungen, der mit seinen eigenen Affekten nicht zurechtkam und den nicht wenige am liebsten loswerden wollten.

Lena Odenthal Ulrike Folkerts
Johanna Stern Lisa Bitter
Anton Leu Ludwig Trepte
Marlon Janson Lucas Herzog
Madita Ritter Hanna Lazarakopoulos
Pit Stanovic Finn Lehmann
Gesa Janson Julischka Eichel
Steffen Janson Markus Lerch
Oliver Ritter Urs Jucker
Sandra Bianchi Juliane Fisch
Edith Keller Annalena Schmidt
Peter Becker Peter Espeloer
Dr. Hakan Özcan Kailas Mahadevan
Musik: Dürbeck & Dohmen
Kamera: Jürgen Carle
Buch: Karlotta Ehrenberg
Regie: Isabel Braak

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