My Girl – Meine erste Liebe (My Girl, USA 1991) #Filmfest 778

Filmfest 778 Cinema

Erste Liebe inmitten der letzten Ruhestätten

My Girl – Meine erste Liebe (My Girl) ist eine US-amerikanische Tragikomödie von Howard Zieff aus dem Jahr 1991. Als Fortsetzung erschien 1994 die Komödie My Girl 2 – Meine große Liebe.

Das Erwachsenen-Paar im Film heißt Harry und Shelly, nette Reminiszenz an „Harry und Sally“, der drei Jahre vor „My Girl“ entstand.

Kinder und große Menschen teilen sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers in diesem Film redlich. So redlich, dass man nicht genau weiß, ob dies ein Familienfilm oder eher einer für reifende Kinder, sprich Jugendliche, sein soll. In den USA hat er „PG-13“, soll also erst von 13jährigen Kindern in Begleitung Erwachsener angeschaut werden – was bedeutet, dass die gezeigten Kinder jünger sind als die von der Prüfstelle empfohlene Altersklasse. Mehr dazu und im Allgemeinen steht in der –> Rezension. 

Handlung (1)

Die 11jährige Vada Sultenfuss lebt mit ihrem Vater Harry zusammen, nachdem ihre Mutter infolge und kurz nach ihrer Geburt verstarb. Der Vater ist ein vielbeschäftigter Bestattungsunternehmer. Im Haus lebt auch noch Vadas Großmutter, die Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium hat und nur lebendig wird, wenn sie einen Anlass sieht, Songs aus ihrer Jugendzeit zu schmettern. Vada hat eine Stand-by-Freund namens Thomas, gespielt vom damaligen Kinder-Superstar Macaulay Culkin, der gerade mit „Kevin allein zuhause“ die Kinokassen gestürmt hatte.

Vada ist sensibel, angesichts der Einflüsse ihrer Umgebung neigt sie zu hypochondrischem Verhalten und sieht sich immer wieder als tödlich erkrankt. Die Balance dieses schmalen Personentableaus wird aufgelöst, als eine Hippie namens Shelly sich bei Harry meldet, der eine Stelle als Maskenbildnerin für die Toten ausgeschrieben hat. Vada wird eifersüchtig, Harry wird von Shelly aufgetaut, Vada und Thomas haben einen ersten, kindlichen Kuss, Harry will Shelly heiraten, und dann kommt es zu einem einschneidenden Erlebnis, das Vadas Weg zum Erwachsenendasein beschleunigt.

Rezension 

Das hauptsächliche Dilemma des Films wird durch den oben angesprochenen Umstand bereits angerissen. Die häufige und intensive Befassung mit dem Tod und Vadas erste Periode, die ebenfalls erwähnt wird, sind Themen, die selbst unter heutigen Verhältnissen für Elfjährige etwas zu hoch angesiedelt sind. Für Erwachsene hingegen sind diese Sujets, insbesondere das Meta-Thema „Tod“, zu simpel aufbereitet.

Der Titel lässt darauf schließen, dass aus Thomas‘ Sicht gefilmt wird, dem ist aber nicht so – hauptsächlich sehen wir das Geschehen aus Vadas Perspektive.

Oder versteckt sich doch Hintergründiges, das eher auf einen Erwachsenen-Film hindeutet?

Der kathartische Moment ist der Tod von Thomas, der von Bienen gestochen wird und diesen Stichen aufgrund einer Allergie erliegt. Mit Shelly zusammen zog er durch die Umgebung des kleinen Städtchens, da entdeckten sie den wilden Bienenkorb in der Nähe eines Sees, Thomas schlug ihn vom Baum und die beiden entkamen den aufgebrachten Insekten, rannten zum See und sprangen hinein. Doch Vada hatte einen Ring verloren, der ihr wichtig war, und so begibt Thomas sich noch einmal zu jener Stelle und findet auch den Ring, steckt ihn sich an – doch merkt zu spät, dass der am Boden liegende Bienenstock keineswegs verlassen ist.

In den USA sind so viele Coming-of-Age-Geschichten gefilmt worden, dass man sie schon in Subkategorien nach Altersklassen der Hauptdarsteller und nach Plotkonstellationen unterscheiden kann, wie die High School-Comedy, die nostalgische Reise zurück in die Jugend, wie wir sie gerade im recht gelungenen „Stand by Me“ rezensiert haben.

Eine Verbindung beider Subgenres stellt „Zurück in die Zukunft dar“, der außerdem noch Science Fiction ist. Beinahe diese Filme laufen auf ein einziges, wichtiges, das Leben der jungen Menschen veränderndes Ereignis hinaus, das sie herausfordert, das den Wendepunkt ihrer Kindheit darstellt. Meist ist dies ein Todesfall, so wie in „My Girl“, in dem dieser Todesfall aber, wenn man so will, eingebettet ist in eine lange Reihe von Toten, die im Haus der Sultenfuss – ein- und ausgehen, kann man nicht sagen, sondern eingeliefert werden, in Särge gelegt und für die Trauerfeier zurechtgemacht.

Auch für Thomas wird ein kleiner Sarg bereitgestellt und das ist durchaus berührend, die Trauerfeier findet ebenfalls im Haus der Sultenfuss‘ statt und es gibt eine Szene, in der Vadas kleines Herz aufschreit. In den USA ist dieses „Home Funeral“ gar nicht unüblich, wohingegen vor allem kleinere Friedhöfe oftmals keine Einsegnungskapelle haben. Bestattungsunternehmer zu sein, ist also eine unabwendbar auch im Film morbid wirkende Tätigkeit, aber gewiss eine einträgliche, da der Bestattungsunternehmer auch Zeremonienmeister ist und die Ausrichtung eines gelungenen Begräbnisses hat etwa die gleiche Stellung wie die einer Hochzeit.

Zwischen diesen Polen wandelt auch der Film. Einst war die Geburt Vadas der Tod ihrer Mutter, am Ende des Films kommt es zur Hochzeit zwischen Shelly und Harry. Damit schließt sich der Kreis. Vada hat ihren Freund verloren, merkt erst nach dessen Tod, was sie an ihm hatte – sperrt sich aber nicht mehr dagegen, dass ihre Familie wieder komplett ist. Die Allegorien auf den Kreislauf des Lebens, auf Verlust und Gewinn und den Ausgleich von Verlust und Gewinn über viele Jahre hinweg sind deutlich, ohne dass dieser einfache, kleine Film neue Horizonte eröffnen würde. Immer noch besser, als übersinnliche Aspekte beizufügen, die dem Ganzen einen spookigen Charakter verleihen würden.

Ein wenig dunkler Humor ist sowieso drin, in den eingebildeten Krankheiten des jungen Mädchens, im Charakter von Harry und seinem Tun. Harry wird gespielt von Dan Aykroyd, den wir alle aus „Blues Brothers“ als den größeren und etwas weniger exaltierten der beiden in Schwarz gekleideten Männer kennen, die dort im Auftrag des Herrn unterwegs sind, um eine Ex-Band zusammenzuführen. Humor liegt schon darin, dass Aykroyd alias Harry in „My Girl“ ähnlich gewandet ist und natürlich ist dies ebenso eine Anspielung auf „Blues Brothers“ wie „Harry und Shelly“ eine auf „Harry meets Sally“ ist.

Funktioniert der Film im Ganzen?

An den Kinokassen war er recht erfolgreich, spielte das Dreieinhalbfache seiner Produktionskosten ein, aber ob er funktioniert, lässt sich schon deshalb nicht leicht beurteilen, weil wir oben zu keinem Ergebnis darüber gekommen sind, was er überhaupt darstellen soll oder will. Vielleicht sollte man nicht immer kategorisieren. Wenn man das weglässt, findet man zwei Erwachsenendarsteller, die nett zusammenspielen, Jamie Lee Curtis, die zuvor mit „A Fish Called Wanda“ einen großen Erfolg hatte, ist Shelly, und einen Goldfisch gibt es in „My Girl“ auch, sodass in Bezug auf die vorgenannte Komödie eine niedliche Anspielung vermerkt werden kann.

In der Realität würde eine Frau wie Shelly wohl kaum auf einen Typ wie Harry stehen, aber die Wärme und emotionale Sicherheit, die Curtis in ihr Spiel legt, die Unvoreingenommenheit, mit der sie in diese neue Welt eintritt, offenbar fest entschlossen, eine Anbindung nach einem langen Vagabundendasein zu finden, lassen die gefühlte Temperatur dieses Films um einige Grad ansteigen. Mit dem Haus und den Leichen, die darin aufbewahrt werden, tun wir uns deshalb vielleicht nicht so schwer, weil wir nach über 300 Tatort-Rezensionen in einem eigenen Feature („Tatort-Anthologie“) die Begriffe Pathologie und Rechtsmedizin schon beinahe in unser Standard-Vokabular aufgenommen haben. (Anmerkung: Stand 2014, mittlerweile ist die Tatort-Anthologie in „Crimetine“ aufgegangen und es gibt ca. 1.100 Beiträge dazu). Für uns ist das alles nicht neu und weitaus weniger beängstigend als die beinahe nackten, kühl ausgeleuchteten Räume realistisch ausgestatteter rechtsmedizinischer Institute.

Dies trug dazu bei, dass wir uns in „My Girl“ gut auf die Jungdarsteller konzentrieren konnten und gehen demnach der Frage, ob sie funktionieren. Witzigerweise ist die Kritik hier genauso gespalten wie über den gesamten Film, was belegt, dass dieses Werk nicht leicht einzuordnen und zu bewerten ist. Die einen loben Anna Chlumsky, die Vada spielt, und finden Culkin hier zu blass, die anderen schreiben, Chlumsky überagiere wie halt eine typische Kinderdarstellerin, während Culkin richtiggehend schauspielert und seine Rolle eines zurückhaltenden Jungen mit Brille und über-fürsorglichen Eltern gut ausfüllt.

In der Tat sollte man seine Art der Darstellung nicht mit mangelnden Fähigkeiten gleichsetzen. Er ist halt kein exaltierter Typ, das sollte man akzeptieren. Die Führungsfigur des Duos ist eindeutig die etwas exzentrische Vada, und wir finden, auch Chlumsky macht ihre Sache gut, wenngleich sie vielleicht nicht ganz die Begabung von Culkin hat. Er ist eben ein guter Freund, allzeit zur Stelle, bewundert Vada, will ihr nah sein, aber hat keine eigenen Ansprüche. Solche Kinder gibt es, die sich nicht in den Mittelpunkt drängen, aber zum Beispiel trotzdem das Herz, das Band sein können, das eine Clique lebendig werden lässt und zusammenhält. Er wirkt ausgleichend und hat so gar keine echten Macken.

Sein Schicksal hingegen ist wiederum als Gleichnis angelegt, dessen Sinn wir folgen und positiv aufnehmen können. Dadurch, dass er das einzige Kind sehr behütender Eltern ist, entsteht bei ihm eine hervorragende Beobachtungsgabe, eine gewisse innere Erwachsenheit, aber er wirkt in so einer Kleinstadt, in der es vorwiegend wilde Geschwisterkinder geben dürfte, auch etwas linkisch und weltfremd. Während des Anfluges der Bienen ist er ganz auf den Ring konzentriert, den er für Vada wiedergefunden hat und hört diese nicht kommen. Das wäre einem echten Naturkind wohl nicht passiert, es hätte wohl auch die Bienen in Ruhe gelassen und nicht ihren Stock beschädigt, wofür sie jetzt Rache nehmen – nicht im engeren Sinn, sie werden wohl kaum erkennen, dass dies der Mensch ist, der ihre Lebensbasis vom schmalen Ast getrennt hat, an dem sie hing.

Man kann es so lesen, dass ein zu behütetes, abgeschirmtes Kind weniger lebenstüchtig ist als eines, das zwar täglich mit Toten konfrontiert ist, aber eine Art Urvertrauen gerade dadurch erhalten hat, dass der Vater sich etwas in seine eigene Welt zurückgezogen hat und es keine überragende Bezugsperson gab. Dadurch wurde Vada zu einem Mädchen, das auf sich aufmerksam macht und immer präsent ist. Sie ist es auch, die mit Thomas ausprobieren will, wie sich das mit dem Küssen verhält. Thomas jedoch ist im entscheidenden Moment seines Lebens zu versunken, zu abwesend, um die Gefahr für sein Leben zu erkennen und wird von ihr überrascht. Wenn das ein Plädoyer dafür sein soll, dass Eltern mit ihren Kindern nicht zu ängstlich umgehen sollen, dann sind wir jederzeit dabei. Es ist so wichtig, dass Kinder neugierig sein und sich selbst erproben können und nicht ständig die Ängste ihrer Eltern erspüren und erleiden müssen. Gerade im urbanen Umfeld aber nehmen wir bei heutigen Eltern diese Hubschraubermentalität wahr, die aus Kindern nervöse Wracks mit allen möglichen Ticks machen kann, und dabei ist es doch so gut gemeint. (Und in der Tat gibt es immer weniger Unfälle, vor allem im Straßenverkehr, ei denen Kinder getötet werden, Ergänzung anlässlich der Veröffentlichung 2022).

Hinzu kommt noch eine ebenso gut gemeinte Überforderung, die das klaustrophobische Szenario komplett macht, welches Kinder nicht mehr Kinder sein lässt und ihnen auf eine Weise Kräfte raubt, die ganz heimtückisch im Hintergrund wirkt und sich der Idee, Kinder zu hocheffizienten Funktionsmaschinen zu machen, entgegenstellt. Nun wirkt Thomas nicht wie ein überfordetes Kind, aber wohl wie eines, dem eine etwas robustere Art und damit eine bessere Außenwahrnehmung vielleicht das Überleben gesichert hätte.

Finale

„My Girl“ regt sehr wohl zum Nachdenken an, hat seine tieferen Momente und ist kein oberflächliches Dutzendprodukt aus der Hollywoodfabrik. Die Regie ist vielleicht etwas zu glatt, zu sehr an Fernsehkonventionen orientiert, mehr filmische Momente hätten dem Werk gutgetan. Kino sollte fürs Kino sein, nicht hauptsächlich für die anschließende TV- und Videoverwertung. Außerdem hat man stellenweise den Eindruck, der Film spielt zwar 1972, wäre aber am liebsten noch ein paar Jahre rückwärts in die nostalgische Hülle der 1950er geschlüpft, die so legendär sind, dass sehr viele retrospektive Filme noch heute in dieser besonderen Zeit angesiedelt werden. Abgesehen von den Kleidungsstücken, die Shelly und Vada tragen, von den Kinderfahrrädern und dem Leichenwagen-Cadillac, der damals ein brandneues Fahrzeug gewesen sein sollte, sprechen die 1970er nicht sehr zu uns. Shelly ist noch ein recht typischer Charakter, aber ansonsten fühlen wir uns atmosphärisch eher den 1950ern nah, die so ruhig und sicher dahinzuziehen schienen und sich gerade deshalb gut für Abgründiges im Kino eignen.

71/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Howard Zieff
Drehbuch Laurice Elehwany
Produktion Brian Grazer
Musik James Newton Howard
Kamera Paul Elliott
Schnitt Wendy Greene Bricmont
Besetzung

 

 

 

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