Das Licht, das die Toten sehen – Polizeiruf 110 Episode 398 #Crimetime Vorschau #Polizeiruf110 #Polizeiruf #München #Eyckhoff #BR #Licht #Tote

Crimetime Vorschau – Titelfoto © BR / Bavaria Fiction GmbH, Hendrik Heiden

Der fünfte für Bess

Sicherlich ist unser gewählter Titel etwas banal, aber wir sind noch nicht ganz orientiert über das Gepräge von Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) als Nachfolgerin des Kommissars von Meuffels (Matthias Brandt), über dessen Einsätze wir viel und überwiegend sehr positiv geschrieben haben. Gleiches gilt für dessen Vorgänger Tauber (Edgar Selge). Uns fehlen die beiden letzten Eyckhoff-Filme, weil wir Tatorte und Polizeirufe zwischenzeitlich recht premierenfern rezensiert haben.

Ich bemühe mich gerade, das wieder zu ändern, aber die Kapazitäten sind begrenzt und der größte Tatort ist das Leben, wie man leider immer wieder feststellt. Es herrscht Krieg in Europa und gestern hat in einem US-Supermarkt ein vermutlicher Rassist eine zweistellige Zahl an Menschen einfach ausradiert. Da klingt es beinahe eklektisch, wenn Eyckhoff Polizisten geworden ist, um unterschiedliche Konfliktlagen kennenzulernen und die Motive hinter sich draus ergebenden Verbrechen zu verstehen. Manchmal ist alles dermaßen simpel, dass sich ein handfester Thriller anstatt mühsamer Suche nach Täter:innen und deren Mindset anbietet:

„Warum tut sie sich das an? All die Toten, die traumatisierten Angehörigen, die Jagd nach den Tätern? Die ständige Auseinandersetzung mit dem Bösen? Kriminaloberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff ist zu Gast in einer Schulklasse und erzählt von ihrer täglichen Arbeit. Die Fragen der Schülerinnen und Schüler zwingen sie dazu, ihre eigene Motivation, ihre Haltung zu ihrem Beruf zu reflektieren. „Beziehung“ ist für sie ein Schlüsselwort. Die ganz unterschiedlichen Beziehungen zwischen Opfern und Tätern, zwischen Tätern und Angehörigen, die in jedem Fall anders gelagert sind, nachzuvollziehen und daraus Tatmotive abzuleiten, um am Ende das Unbegreifliche doch irgendwie zu verstehen – das ist für Eyckhoff ein entscheidender Antrieb für ihre Arbeit.“ – Redaktion Tatort-Fans

Momentan ist es allerdings auch besonders leicht, zynisch zu sein und eine einfühlsame Polizistin ist ja auch eine Erholung, wie realitätsnah oder -fern eine solche Person wie Elisabeth Eykchoff auch sein mag. Wir werden ihren Spuren weiter folgen und uns immer bemühen, sie nicht zu sehr mit den beiden Vorgängern zu vergleichen, die den Polizeiruf auf das bisher höchste Niveau gehoben und Fälle gelöst haben, die oft noch besser waren als die Tatorte aus München. Uns hat es, nachdem wir im März 2019 begannen, auch die Polizeirufe zu rezensieren und 2020 in die Nachwendezeit vorstießen, richtiggehend verblüfft, dass es im Westen eine Schiene gibt, die einzige mittlerweile, an der sich qualitativ alle anderen orientieren dürfen, auch die Tatort-Städte. Das, was von / mit Tauber und von Meuffels gezeigt wurde, kann man kaum toppen, sondern nur variieren und neue Akzente setzen. Das tut man mit der jungen und trotz ihrer Einfühlsamkeit weniger kompliziert wirkenden Ermittlerin, die nun auch einen Partner bekommt. Wir werden sehen, wie sich das auswirkt. Auch Tauber hatte mit Jo Obermaier eine Co-Ermittlerin, doch von Meuffels durfte seine Fälle, bis auf das Auftauchen einer Polizistin in Gastrolle, alleine lösen. Er war der alleinigste Ermittler überhaupt, nachdem fast alle Tatort- und Polizeiruf-Städte auf größere Teams setzen, in denen der Chef / die Chefin primus / prima inter pares ist, sofern nicht ohnehin Gleichstellung herrscht an der Teamspitze herrscht. In Magdeburg gibt es nun auch einen Ermittlerinnen-Alleingang, der ist für uns allerdings in jeder Hinsicht ein anderer Fall.

Was schreiben nun die Profis über den neuen Eyckhoff-Polizeiruf?

„Um es klar zu sagen: Ich mag die Schauspielerin, ich mag das Setting mit dem Kollegen – und ich mag auch prinzipiell die Idee der einfühlsamen Kommissarin. Aber ich hab auch Wochenende und sitze auf der Couch und will nicht einschlafen.  Deshalb sind leider (leider!) diesmal ist nicht mehr drin als zwei von fünf Elchen.“ – Michael Haas, SWR3

Der SWR3-Check ist schon in der vergangenen Woche mit einer ziemlich schlechten Bewertung des Tatorts „Warum“ aus Franken aufgefallen. Aber wenn man bei einem Krimi einschläft, was soll man da auch anders schreiben als das, was wir hier lesen? Klingt wie „sie hat sich sehr bemüht“, aber letztlich spielt das Drehbuch die entscheidende Rolle. Die Idee mit dem Teampartner wird hier übrigens als gut bewertet. Stimmt, Eyckhoff war ja in ihren ersten drei Fällen ein „Streifenhörnchen“ und ist erst kürzlich zur Kripo gewechselt. Jetzt darf sie also die Erfahrene sein. So schnell geht das, in anderen Städten dauert es Jahrzehnte, bis jemand von der Anwärterin zur Kommissarin aussteigt. Wenn es dann passiert ist, geht sie. Welche Stadt und welches der beiden Sonntagskrimi-Formate meinen wir?

„Ein 16-jähriges Mädchen wird getötet, ein anderes ist seit zwei Jahren verschwunden: Die Münchener „Polizeiruf“-Kommissarin Elisabeth Eyckhoff wird in „Das Licht, das die Toten sehen“ (BR / Bavaria Fiction) mit Verbrechen ohne erkennbarem Motiv konfrontiert. Der fünfte Film aus der Krimi-Reihe mit der wieder famosen Verena Altenberger ist ein düsteres Bilderrätsel aus einer Hochhaussiedlung, von Filippos Tsitos stilsicher und bildstark in Szene gesetzt. Der Regisseur setzt auf die Ausdruckskraft der Gesichter und die Atmosphäre der Schauplätze. Neben Altenberger als kluger, einfühlsamer Kommissarin, deren Privatleben weiterhin eine Leerstelle bleibt, beeindrucken Anna Grisebach & Zoë Valks in diesem Drama über menschliche Gefühllosigkeit und die traumatischen Folgen für Hinterbliebene.“ – Thomas Gehringer, Tittelbach-TV

Dafür gibt es fünf von sechs Sternen. Das ist leicht überdurchschnittlich, aber die Tittelbacher sind sowieso Eyckhoff-Fans, so mein bisheriger Eindruck. Von Beginn an war klar, dass sie ihr eine Chance geben würden und das ziehen sie konsequent durch. Was die Darstellerin angeht, sicherlich zu Recht, es muss auch nicht so laufen, dass man besondere Fälle mit besonderen Typen auf eine damals sehr innovative Weise vebindet, wie bei Tauber. Es gibt ohnehin derzeit eine Art Verharren, was die Weiterentwicklung der Krimiformate angeht: Visuell sind sie auf sehr hohem Niveau angekommen und immer wieder gibt es Drehbücher, die wirklich gelungen sind und Ermittlerteams, die wirklich gut sind. Vielleicht ein paar zu wenige Top-Bücher, aber schon seit den 2000ern ist eine deutliche Aufwärtstendenz zu verzeichnen. Es gibt in den beiden Reihen kaum noch wirklich schlechte Filme, dafür jedoch einige, über die man viel diskutieren kann, und das ist gut so. Insofern ist es nicht unlogisch, dass Tittelbach-TV bei den Tatorten regulär erst mit 3,5/6 beginnt und der Durchschnitt etwa bei4,5/6 liegt.

„Der 5. Fall für Verena Altenberger ist ein mit großem Feingefühl inszenierter Kriminalfilm, in dem viel über die Bildsprache erzählt wird. Manche Blicke und Gesten der Figuren sagen mehr, als Worte es gekonnt hätten. Verschiedene Erzählebenen werden geschickt ineinander verflochten, sodass man als Zuschauer beständig mitdenken muss und mitunter auch auf falsche Fährten geführt wird. Einzig die sehr empathische und einfühlsame Herangehensweise Eyckhoffs wirkt stellenweise etwas dick aufgetragen, und man fragt sich, wie weit eine Ermittlerin in der Realität mit einer solchen Taktik wohl kommen würde. Ihr Kollege Dennis Eden, eher ein Kommissar der „alten Schule“, erscheint hier als durchaus wohltuendes Korrektiv. Wäre schön, wenn dieses Duo eine Zukunft hätte.“ – Redaktion Tatort-Fans

Eine Wertung vergeben die Tatort-Fans nicht. Die Frage nach dem Realismus haben wir oben bereits gestellt, ohne diese Meinung zu dem Zeitpunkt schon gelesen zu haben. Klar, wir sind von dem Gepräge geprägt, das die Polizei in Berlin so im Allgemeinen hat, mit Kriminaler:innen hatten wir bisher nur einmal zu tun, dabei hat sich ein positiver Eindruck ergeben. Aber der Neue ist „alte Schule“? Also ein Korrektiv, da hatten wir also gedanklich insofern richtig unterwegs, dass wir darüber reflektiert hatten, warum man vom Erfolgsmuster des Vorgängers abweicht. Das ist natürlich nur eine Interpretationsmöglichkeit, meist spielt aber wirklich der Wunsch, das Publikum insgesamt mehr zu „covern“ bei solchen Veränderungen eine Rolle. Meist waren es dabei bisher Frauen, die hinzukamen, wie im Wien-Tatort oder zur Rettung des Halle-Polizeirufs in der Zeit mit Schmücke und Shneider. Ersteres hat funktioniert, Letzteres hätten wir anders gelöst, nämlich die weibliche Ermittlerin behalten. Stattdessen kommt die Magdeburg-Schiene so wenig zur Ruhe, dass der MDR nun ein sicheres zweites Team installiert hat. Wo? In Halle (an der Saale) natürlich.

„Zutritt für Menschen über 18 Jahre verboten. Skaten, Kiffen, Morden? Der »Polizeiruf« mit Verena Altenberger folgt einer Gruppe Halbwüchsiger. Der Krimi als Suchbewegung zum Zustand Jugend – schlingernd, schroff, wunderschön.“ – Christian Buß, Der Spiegel

Dafür vergibt der Doyen unter den Tatort-und-Polizeiruf-Rezensent:innen 8/10. Also, wenn Buß nicht einschläft, dann werde ich es auch nicht tun, wenn ich denn mal dazu komme, mir den Film anzuschauen. Zumindest werde ich es hinterher nicht zugeben. Ansonsten freue ich mich schon jetzt. Weil man einen Titel gewählt hat, in den ein Komma gehört und man tatsächlich eines angebracht hat.

TH

Handlung, Besetzung, Stab

Ein totes Mädchen, in Plastik gewickelt, vergraben. Keine verwertbaren Spuren. Keine konkreten Anhaltspunkte. Kriminaloberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff versucht, den Mord an der 16-jährigen Laura Schmidt aufzuklären.

Gemeinsam mit Dennis Eden, der mittlerweile auch zur Mordkommission gewechselt ist, sucht Bessie nach Hinweisen und stößt dabei auf einen früheren Fall: das Verschwinden der damals ebenfalls 16-jährigen Anne Ludwig. Gibt es zwischen diesen beiden Fällen einen Zusammenhang? Beide Mädchen sind nach dem abendlichen Eislaufen in einen weißen Transporter eingestiegen. Auf einmal taucht Caroline Ludwig im Kommissariat auf. Sie möchte wissen, ob das gefundene Mädchen ihre vermisste Tochter Anna ist. Bessie muss dies verneinen.

Als erste Ermittlungen ergeben, dass ausgerechnet Caroline Ludwig wohl als Letzte mit Laura gesprochen hatte, steht die sehr labil wirkende Frau unter dringendem Tatverdacht. Bessie glaubt an ihre Unschuld, aber die Beweise gegen Caroline Ludwig verdichten sich immer mehr.

Rolle Darsteller
Elisabeth Eyckhoff „Bessie“ Verena Altenberger
Dennis Eden Stephan Zinner
Gabriele Lutz Hanna Scheibe
Caroline Ludwig Anna Grisebach
Stefanie Reither Zoë Valks
Patrick Kundisch Aniol Kirberg
Sarah Langhammer Karolina Horster
Karo Katharina Stark
August Kundisch Gerhard Wittmann
Martin Ludwig Miguel Abrantes Ostrowski
Nadine Ludwig Teresa Sperling
Gerichtsmedizinerin Marina Lötschert
Musik: Josepha van der Schoot
Kamera: Ralph Netzer
Buch: Sebastian Brauneis
  Roderick Warich
Regie: Filippos Tsitos


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