Serpico (USA 1973) #Filmfest 784

Filmest 784 Cinema

Dies sind nicht die Guten

Serpico ist ein US-amerikanischer Polizeifilm über Leben und Karriere des New Yorker Polizisten Frank Serpico, verkörpert von Al Pacino. Der Film, der Anfang der 1970er Jahre als einer der ersten Filme die Korruption in der US-amerikanischen Polizei anprangerte, entstand 1973 unter der Regie von Sidney Lumet. Das Drehbuch ist eine Adaption der gleichnamigen Bestseller-Biografie von Peter Maas.

Der Film von Sidney Lumet („Die zwölf Geschworenen“) hält sich eng an die Tatsachen, wenn er vom Leben des New Yorker Polizisten Frank Serpico erzählt und der echte Serpico befand in einem Interview, Al Pacino habe ihn besser dargestellt als er selbst. Pacino erhielt für seine Rolle die zweite Oscar-Nominierung innerhalb von zwei Jahren (die erste für seine Rolle als Michael Corleone in „Der Pate“). Das AFI nennt seine Darstellung auf Platz 40 der größten Helden der amerikanischen Filmgeschichte und den Film auf Platz 84 der inspirierendsten Filme aller Zeiten.

Handlung (1)

Francisco Vincent „Frank“ Serpico geht im Jahr 1959 voller Elan zum New York City Police Department; seit Kindertagen träumt er davon, Polizist zu werden. Als sein Traum sich dann jedoch erfüllt, muss er schnell feststellen, wie es in der Polizei wirklich aussieht: Kollegen misshandeln Verdächtige und streichen im großen Stil Schmiergelder ein. Wer sich weigert mitzumachen, wird schnell zum Außenseiter und von den eigenen Kollegen unter Druck gesetzt.

Serpico versucht, die Missstände zu melden, aber seine Vorgesetzten behindern ihn und lassen ihn mehrfach versetzen. Zehn Jahre lang wandert er von Revier zu Revier, leidet dabei unter dem ständigen Misstrauen der anderen Beamten. Auch privat kommt er nur schwer mit anderen Leuten und seinen wechselnden Freundinnen zurecht, immer wieder leiden seine Mitmenschen unter seinem überschäumenden Temperament.

Schließlich wenden er und einige wenige Vertraute sich an das Büro des Bürgermeisters, aber selbst hier treffen sie auf taube Ohren – bis sie einem Reporter der New York Times ihre Geschichte erzählen und die Zeitung eine Titelgeschichte druckt. In der Folge wird ein Sonderausschuss gebildet und umfangreiche Ermittlungen beginnen. Serpico wird erneut versetzt und wenig später bei einem Einsatz angeschossen.

Die Verwundung überlebt er nur knapp, Hörschäden und Lähmungen bleiben zurück, aber Frank erhält dafür endlich die langersehnte Beförderung zum Detective – die er verbittert ablehnt. Er sagt vor dem Ausschuss aus und bringt zum Ausdruck, dass er hofft, in Zukunft ein Klima zu schaffen, in dem Polizisten es wagen können, Korruption in den eigenen Reihen zu melden.

Im Jahr 1973 scheidet er aus dem Polizeidienst aus.

Rezension  

In der Zeit zwischen den Sündenfällen der 1960er Jahre und der scheinbaren Rekonstitution der amerikanischen Selbstsicherheit in den 1980ern lag der Höhepunkt des New Hollywood. Wir hatten lange Zeit keine besondere Schwäche für die Filme der 1970er entwickelt, weil sie ästhetisch nicht selten einfach und ein bisschen dreckig waren, weil sie weniger Identifikation und weniger Träume erlauben als die Werke aus der Ära des klassischen Hollywood,-Kinos. Diese endete Mitte der 1960er und wich, mit dem Intermezzo von New Hollywood, zu dem auch „Serpico“ zählt, dem heutigen „Blockbuster-Kino“. 

In Wirklichkeit sind die Filme aus dem Jahrzehnt von Watergate und des deutschen Herbstes vor allem unbequem. Experimentierfreudig, für damalige Verhältnisse neuartig in ihrer Offenheit, Brutalität und dem schonungslosen Umgang mit Institutionen. Gerade in ihnen zeigt sich die Größe eines Landes, das noch in der Lage war, sich mit sich selbst ernsthaft auseinanderzusetzen. Ein Echo dieser Fähigkeit findet sich in heutigen deutschen Krimis hin und wieder, wie wir anhand unserer Arbeit für die TatortAnthologie des Wahlberliners feststellen können (seit der Neuetablierung des Wahlberliners im Jahr 2018 in „Crimetime“ integriert). Aber selbst in unseren Tagen wird selten so direkt und unter Nennung von echten Namen ein Missstand angeprangert wie jener bei der New Yorker Polizei, den „Serpico“ thematisiert.

Wir wissen nicht, inwieweit neben der besseren öffentlichen Sicherheit, die „Zero Tolerance“-Politik späterer New Yorker Bürgermeister, namentlich von Rudolph Giuliano, die in der Lage war, das blühende Verbrechen einzudämmen. Wie weit  hat diese Politik auch die ethische Aufrüstung eines Apparates eingeschlossen, der generell anfällig für Korruption ist? Doch allein die Aufdeckung all der Gewalt und der Bestechlichkeit sollte etwas bewegt haben.

Damit bliebt Sidney Lumet seinem Lieblingssujet treu, das er im unsterblichen Erstlingswerk „Die zwölf Geschworenen“ etablierte: Dem Ringen um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit in einer Welt, die von inneren oder äußeren Repressionen beherrscht wird – siehe dazu auch unsere Rezension von „The Offence“ (1972) mit Sean Connery, der sich ebenfalls „inside Cop“ bewegt.

Es gehört ein besonderer, unbeugsamer, häufig zorniger Charakter dazu, sich so gegen alle Einflüsse der Umgebung zu stellen, wie Frank Serpico es im Film tut. Dies erfordert einen Schauspieler, der eine solche Figur glaubwürdig machen kann. Verblüffend ist schon, wie unterschiedlich Al Pacino zwei italienischstämmige Amerikaner etwa zur selben Zeit spielt. In der Paten-Trilogie den Mafioso mit unterkühlter Eleganz und Klarheit, den Polizisten als einen Hippie und im Grunde als Freak. Die Art, wie er sich selbst immer wieder in Gefahr bringt, weil er sich nicht ins System der Machenschaften eingliedern will, ist eher egozentrisch als heldenhaft, und so wird er auch dargestellt. Er theoretisiert nicht hochfliegend über Moral, sondern ist ein simpler Mann mit simplen Grundsätzen, die sich in einer geradezu physischen Abneigung gegenüber den diversen Versuchen äußern, ihn mit ins Boot der Bestochenen zu nehmen.

Die Kollegen sind keine Schwerverbrecher, aber das soziale Klima macht sich seine Menschen. Da Vorgesetzte, welche die Macht haben, ihre Truppe sauber zu halten oder dem illegalen Treiben zuzusehen und selbst davon in mehrfacher Hinsicht zu profitieren, sich für den einfacheren, letzteren Weg entscheiden, kann der einzelne ehrliche Polizist nur dann ehrlich bleiben, wenn er dafür massive Nachteile, mindestens in Form von Mobbing, in Kauf nimmt.

Der Preis, den Serpico zahlt, ist hoch. Von den Kollegen schief angesehen, selbst allen und meist zu Recht misstrauend, kaltgestellt, in gefährliche Situationen geschickt, angeschossen, wobei man das Verhalten seiner Mannschaft nicht eindeutig beurteilen kann, und privat ein Zeitgenosse, dessen Martyrium die Frauen wegtreibt, obwohl er viele gute und liebenswerte Eigenschaften hat.

So brutal, wie es anfangs scheint, als Serpico bereits angeschossen wird, ist der Film allerdings nicht, denn er beschäftigt sich weitgehend mit dem Innenleben der Polizei und zeigt nur ab und zu Einsätze, bei denen es auch nicht immer mörderisch zugeht. Das unterscheidet ihn von den harten Cop-Thrillern jener Zeit wie „French Connection“ und besonders von „Dirty Harry“. Spannend ist er dennoch oder gerade deswegen, weil er die menschliche Interaktion in den Vordergrund stellt.

Man hat ständig das Gefühl, nun ist Serpico fällig, man wundert sich beinahe, dass er so weit kommt, dass er vor einem Untersuchungsausschuss sitzen und seine Aussage machen kann. Einem Ausschuss, in dem viele Männer sitzen, die ihn noch vor kurzer Zeit haben aufs Abstellgleis schieben wollen.

Die Charaktere im Film sind, wie exemplarisch seinerzeit in „Die zwölf Geschworenen“ vorgeführt, Produkte ihrer Herkunft, ihrer Berufe, ihrer Lebenswelt. In „Serpico“ sind sie solche der Polizeiwelt, die sie nicht immer zorniger gegenüber dem Verbrechen macht, sondern sie resignieren lässt und eine Form von Arrangement hervorruft, in dem die Unterwelt sich recht sicher fühlen kann, denn alles ist nur eine Frage des Preises.

Zudem ist dieses System sehr schwer aufzubrechen, weil alle darin verstrickt sind. Die Polizisten haben die Gangster in der Hand, die Gangster aber auch die Cops, denn was würde geschehen, wenn ein Unterweltler in einem Prozess glaubhaft machen könnte, dass er jahrelang Schmiergelder an die örtliche Polizeidienststelle gezahlt hat, um seinem Business ungestört nachgehen zu können und nur eingebuchtet wurde, weil er die jüngste Preiserhöhungsrunde nicht mehr mitmachen wollte oder konnte?

Nicht unwichtig für die Atmosphäre des Films ist die Musik des linken Komponisten Mikis Theodorakis, die sich in dramatischen Szenen zwar verdüstert, doch das Grundthema erzählt von dem Traum des jungen italienischstämmigen Polizisten, den er mit seiner Arbeit als Cop verwirklicht, von der Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der das Gute greifbar ist, die Ordnung hergestellt werden kann und der man im Licht stehen kann, eins mit sich und der Familie und jedem sonnigen Tag.

Finale

Viele Menschen sind gierig, daran führt nichts vorbei. Viele haben nicht den Einfluss, nicht die Möglichkeiten, ihrer Gier ungehemmt zu frönen, das hält sie im Zaum. Jedoch sind deshalb Machtapparate generell gefährdet und gefährlich zugleich. Überall, wo sich Macht ansammelt, tendiert sie dazu, sich zu vergrößern, tendieren ihre Träger dazu, mehr Macht über andere Menschen haben zu wollen. Die Polizei steht dafür sinnbildlich, weil sie sehr plastisch und einfach im Film darzustellen ist, weil der normale Bürger und Kinozuschauer sich etwas sehr Konkretes darunter vorstellt, aber nichts anderes gilt für das Geflecht aus Lobbys und Politik, das so erstaunliche Ergebnisse herausbringt wie das TTiP, das gerade verhandelt wird und das niemals im Sinn der Menschen und Wähler sein kann (der Entwurf stammt, siehe unten, aus dem Jahr 2015 – der „neue“ Wahlberliner hat eine eigene Beitragsserie unter dem Namen „Demokratie in Gefahr“, die sich hauptsächlich mit dem undemokratischen Einfluss mächtiger Lobbys auf die Politik befasst; Stoff für unzählige gute Polit-Krimis, aber zu selten dafür verwendet).

Viele dieser Vorgänge sind aber so vermeintlich abstrakt, so weit weg von unserer Lebenswelt – glauben wir – dass sie eher in Dokumentationen aufbereitet werden als in Spielfilmen. Wer sich diese Dokumentationen aber genau anschaut, wird dieselben Muster erkennen wie im Polizeifilm „Serpico“.

89/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015) 

 
Regie Sidney Lumet
Drehbuch Waldo Salt
Norman Wexler
Produktion Martin Bregman
Musik Mikis Theodorakis
Kamera Arthur J. Ornitz
Schnitt Dede Allen
Richard Marks
Besetzung

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