„Deutschland bei SUV unterdurchschnittlich“ | Newsroom | Wirtschaft, Ökologie | Verkehrswende

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Liebe Leser:innen, nachdem wir vor sechs Tagen die Anteile von Radfahrer:innen in verschiedenen Ländern inklusive einem exklusiven Blick auf das Radfahren in Berlin an Sie weitergeleitet haben, heute nun etwas von der opposite Side: den Sport Utility Vehicles:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz  CC-BY-ND erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar

Sport Utility Vehicles, kurz SUV, erfreuen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit. Im vergangenen Jahr stieg ihr Anteil an den Neuzulassungen auf rund 25 Prozent. Laut Kraftfahrt-Bundesamt ist hierzulande mittlerweile jedes zehnte Auto ein SUV. Das deckt sich in etwa mit den Ergebnissen des Statista Global Consumer Surveys. Der zeigt indes auch, dass Deutschland bei SUV im europäischen Vergleich trotz steigender Popularität noch unterm Schnitt liegt. Über 15 Länder hinweg liegt der Anteil der Befragten, deren hauptsächlich genutztes Auto ein SUV ist bei 15 Prozent. Besonders populär ist die Fahrzeugklasse in der Schweiz, Belgien und Norwegen. Dagegen sind SUVs in Polen noch deutlich weniger verbreitet.

Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch an die Nachwendezeit erinnern, als unzählige fleißige Menschen aus Polen mit ihren klitzekleinen Polski-Fiat kolonnenweise nach Westdeutschland tuckerten und als Erntehelfer:innen etc. arbeiteten. Von dort bis zum Angeber-SUV ist es eben weiter als in Ländern, die immer schon an der Spitze der kapitalistischen Verwertungskette standen, wie beispielsweise der Schweiz, wo mehr Menschen mit dem SUV als mit dem Fahrrad unterwegs sind (siehe auch dazu wieder unseren Artikel von vor einigen Tagen).

Unser Eindruck aus Berlin darf wieder nicht fehlen: Unter den neueren Autos haben die SUV einen deutlich höheren Anteil als 19 Prozent, müssen sich allerdings das Recht auf maximale Bewunderung der Nerds und maximalen Missmut der Fortgeschrittenen in der Zivilgesellschaft mit Protz-Tuningkisten gewisser deutscher Premiummarken und mit Supersportwagen teilen, die sich kein normaler Mensch leisten kann und die von Menschen gefahren werden, die sich keine normale Gesellschaft leisten kann.

Aber was ist schon „normal“? Gerade haben wir gelesen, dass vielleicht nicht die ignoranten „Normalos“, inklusive der SUV-Fahrer:innen, sondern die sensiblen Depressiven die richtige Weltwahrnehmung haben. Jene also, die meist ganz defensiv mit betagten Fahrrädern unterwegs sind, sofern sie sich überhaupt trauen, an dieser Schlacht teilzunehmen, die man Berliner Straßenverkehr (bislang ohne Verkehrswende, trotz zweiter rot-grün-roter Stadtregierung) nennt. Aber da die sich selbst so definierenden „Normalos“ überwiegen: Keine Bange, es gibt keinen Grund, den Kulturpessimismus aufzugeben, denn, wie idiotisch es angesichts aller Zeichen auf dieser Welt auch immer sein mag, der SUV-Anteil wird weiter steigen. Das ergibt sich schlicht daraus, dass unter den neuesten Zulassungsjahrgängen der Anteil viel höher ist als im derzeitigen Gesamtbestand an Pkw.

Ein Hinweis zur Grafik: „Überwiegende Nutzung“, wie im Rahmen der Statista Global Consumer Survey abgefragt, ist nicht gleichbedeutend mit Anteil an den Zulassungen, das erwähnen die Macher der Statistik an einer Stelle auch selbst. Die Zulassungen betreffend, gibt es ebenfalls eine Statista-Grafik. Was uns nicht überrascht: Es ging gerade im Krisenjahr 2021, steil aufwärts mit den Stadtpanzern. Der „Stillstand“ bei den Zulassungsanteilen im Jahr 2020 war Krisenkonjunktur-Fördermaßnahmen zu verdanken, die SUVs ausnahmsweise nicht privilegierten. Dafür sprang der SUV-Anteil an den Zulassungen im abgelaufenen Jahr umso deutlicher an.

Für uns sind diese übertriebenen Vehikel sowieso Ausdruck einer mentalen Krise der Konsumgesellschaft, die lange vor der Corona-Krise begonnen hat. Wie hieß es angesichts der allerneuesten Krise kürzlich in einem T-Online-Leitartikel? „Wir können nicht gleichzeitig kein russisches Öl mehr importieren und weiter SUVs fahren“. Das klingt logisch, aber die Konsumgesellschaft denkt nicht logisch. Wir könnten Wetten darauf abschließen, dass auch dieses Jahr, im Zeichen des Sparens für die Freiheit, für die Versorgungssicherheit, für die Autarkie, die Energiewende, für die Ukraine, für das Gute in der Welt, der SUV-Anteil an den Neuzulassungen nicht sinken wird. Das neueste Feigenblatt des Neoliberalismus sind riesige und monströs übermotorisierte Elektro-SUVs, die klarmachen, dass die gegenwärtige Wirtschaftsweise sich nicht einfach durch Energieträgerwechsel zurück in vernünftige Schranken führen lässt.

TH

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