Winterende – Polizeiruf 110 Episode 259 #Crimetime 1112 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schwerin #Hinrichs #Groth #NDR #Winter #Ende

Crimetime 1112 – Titelfoto © NDR

Winterende ist ein deutscher Kriminalfilm aus dem Jahr 2004. Der Fernsehfilm erschien als 259. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110 und wurde im Auftrag des NDR unter der Regie von Andreas Kleinert produziert. Kriminalhauptkommissar Jens Hinrichs (Uwe Steimle) ermittelt in seinem 22. Fall. Für seinen Kollegen Tobias Törner (Henry Hübchen) ist es der 3. Fall in Schwerin.

Es ist so ein Füllhorn. Schon lange hatten wir nicht mehr so viele Polizeirufe zu rezensieren. Gestern sahen wir zum ersten Mal den Kommissar Keller aus Hessen im Fall Nr. 280 „Die Lettin und ihr Lover“ und heute erstmals Hinrichs zwischen Groth und Tellheim, nämlich mit Törner (Henry Hübchen) als Co-Ermittler. Woran es liegt? An „50 Jahre Polzeiruf“ natürlich (bezogen auf 2021, als der Entwurf für diesen Text entstand, das gilt für alle Zeitangaben). 50 Jahre Tatort hatten wir letztes Jahr und sind darauf eher dezent eingestiegen, aber einer der nächsten Filme, die wir hier besprechen müssen – doch, das ist Pflicht! – ist „Damals war’s“, die große ARD-Doku zur Reihe. Ich bin gespannt, ob ich den einen oder anderen Eindruck besonders aus der DDR-Zeit der Reihe und das soziokulturelle Bild, das sie vermitteln, ein wenig relativieren muss, oder ob sich das verfestigt, was wir aufgrund der Rezension fast aller DDR-Fälle herausgearbeitet haben. Aber die „neue Welle“, die gerade durchs Fernsehen spült, sie erweitert meinen Horizont auf jeden Fall, denn die Filme der letzten Tage sind wirklich besonders gewesen. Was ich damit meine, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Bestattungsunternehmer Preusler kommt in seiner eignen Sauna zu Tode. Jemand hatte das Thermostat auf 120 Grad Celsius gedreht und die Tür verkeilt. Letztendlich ist er dort an Kreislaufversagen gestorben. Die Ehefrau kann sich nicht vorstellen, wer ihrem Mann Böses wollte, er wäre eine „Seele von Mensch“ gewesen und es könne sich nur um eine Verwechslung handeln. Wenige Tage später wird Johanna Preusler telefonisch bedroht. Vor Angst bittet sie Kommissar Törner sie zu beschützen und zu sich ins Haus zu ziehen. Dort erfährt er, dass Preusler nicht ganz so makellos war, wie seine Frau es ihm geschildert hatte, denn als Hausangestellte beschäftigten sie ein polnisches Ehepaar und Preusler hatte Anjeschka Jawlenski als Geliebte. Dem Ehemann hatte er als „Abfindung“ dafür einen Kredit eingeräumt.

Hinrichs hat derweil private Sorgen mit seinem Vater. Der ist seit kurzem im Altenheim und fühlt sich dort überhaupt nicht wohl. Sein Sohn besucht ihn daher fast täglich und findet dabei heraus, dass Preuslers Angestellter Jawlenski in dem Altenheim auch als Hausmeister arbeitet. Dabei brachte er regelmäßig Informationen mit über im Sterben liegende Bewohner des Heims, sodass Preusler frühzeitig die Hinterbliebenen kontaktieren und sich die Aufträge sichern konnte.

Törner ist mittlerweile davon überzeugt, dass der Drohanruf bei Johanna Preusler von ihr nur erfunden war, damit sie nicht so allein ist. Ebenso scheidet für ihn eine Täterschaft der Jawlenskis aus, da er sie beide als überaus liebenswerte und ehrliche Menschen kennengelernt hatte. Dagegen erscheint ihm Preuslers Angestellter Janson mehr und mehr verdächtig. Da sein Chef vor Anjeschka ein Verhältnis mit der hübschen Grabrednerin Marianne Dammers hatte und Janson selber in diese Frau verliebt war, hatte er aus Liebe zu ihr eingewilligt, Preusler aus dem Weg zu räumen. Dammers war zutiefst gekränkt, dass Preußler sich eine jüngere Geliebte gesucht hatte und entwickelte Rachegefühle. Da das Bestattungsunternehmen früher zum Teil ihren Eltern gehörte, ehe sie sich mit Preusler zusammengetan hatten, würde Marianne Dammers nach seinem Tod das Bestattungsunternehmen erben. Das war vertraglich so vereinbart und trug mit zu der Entscheidung bei, Preusler aus dem Weg zu räumen.

Rezension

Dabei ist Buchführung doch gar nicht ihre Welt, sagt die Grabrednerin noch kurz vor ihrer Enttarnung, die aber nur möglich wird, weil Törner mit einem gefälschten Beweismittel arbeitet, um ihren Komplizen und Fan zu überführen. Ach ja. Wenn man katholisch doch immer vorankommen könnte. Wenn man das könnte, dann hätte man auch keine Probleme damit, festen Blicks das Jenseits zu erwarten, denn sofern man ein guter Mensch ist oder doch einer, bei dem am Ende das moralische Haben überwiegt, ist man safe und wenn man böse ist, weiß man auch, was kommen wird. Leider sind die Menschen in Nordostdeutschland früher alle mal konfessionell anders orientiert gewesen und jetzt zumeist atheistisch. Auch den Kommissaren Hinrichs und Törner merkt man ihre DDR-Prägung an, denn wem, der seinen Lohn im Jenseits empfangen wird, kann es so wichtig sein, was die in der Mühsahl der irdischen Welt Verbliebenen noch über die verblichene Person denken? Hinrichs ist es aber wichtig, deshalb fertigt er im Alter von damals 42 Jahren (Alter seines Darstellers Uwe Steimle) schon seine eigene Grabrede an.

Dabei gibt es doch so wundervolle Profis. Nun ja, die Frau Dammers hätte diese Rede gefühlvoll vortragen können, aber niemand kann eben besser über jemanden schreiben, als er selbst, falls er denn gut schreiben kann. Ansonsten sollte man es vielleicht doch Profis überlassen. In der alten, noch mehr kirchlich geprägten Welt sind das immer noch zumeist Priester. Es wirkt komisch, aber nicht klamaukig, dass Hinrichs sich solche Gedanken macht, wie der ganze Film einen eigenwilligen Ton hat, der immer ein wenig wie zwischen Himmel und Erde klingt. Wie schon im erwähnten „Die Lettin und ihr Lover“, der zwei Jahre später entstand, rückt der Kriminalfall in den Hintergrund und wird in „Winterende“ noch schnell durch einen polizeilichen Übergriff gelöst. Wichtiger sind die Figuren und ist die Stimmung und zwischen Leben und Tod ist man eher froh, dass dieser Polizeiruf langsam gefilmt ist, sich Zeit lässt für ebenjene Figuren und zum Aufbau ebenjener Stimmung.

Das ebenso humorvolle wie sensible Drehbuch von Beate Langmaack hat Routinier Andreas Kleinert (der gerade den Tatort „Wo ist Mike?“ aus Franken inszeniert hat) kongenial umgesetzt und so entstand ein ziemlich tiefgründiger Film, in dem nicht nur die Ermittlungen, sondern auch der Mord an einem Bestattungsuntenehmer eher Vehikel sind, um einen Film über Lebensphasen machen zu können. Allerdings wird nicht der ewige Zirkel gezeigt, und das hätte sich leicht einrichten lassen, denn die Figur Hinrichs ist verheiratet und hat Kinder, während diejenigen, die in diesem Film herausgestellt werden, alle nichts als Erinnerungen anderer hinterlassen werden, und in manchen Fällen natürlich materielle Werte. Das gilt für das Unternehmer-Ehepaar Preusler, für Frau Dammers, für das Hausangestellten-Paar bei den Preuslers und auch für Kommissar Törner. Ja, auch mir war klar, dass die Drohanrufe erfunden waren, damit die Wintereinsamen zusammen das Abendessen einnehmen und einen Austausch über das Leben an der Schwelle zum Herbst pflegen können, das sich im Winter sehr kalt anfühlt und dem noch ein Frühling folgen könnte, ein zweiter, ein dritter. Die bemerkenswerte Entleerung einiger ostdeutscher Landstriche zeichnet sich bereits ab. Aber warum müssen wir auch alles so dicht gedrängt sitzen? Auch das Gehen und Leerstellen hinterlassen, über denen allmählich das Gras und die Bäume wachsen, kann seine Würde haben und wirkt manchmal viel anziehender und auch sinnvoller als die Produktion von immer mehr Überbevölkerung auf einem Planeten der immer knapper werdenden Ressourcen.

Aber auch in einsamen Gegenden enden die Wintermonate und der Tod kann etwas Befreiendes haben, wie etwa für die Ehefrau des Getöteten, die seine Liebschaften ertragen hat, weil sie ihrer Liebe einen Sinn jenseits des Sexuellen zugemessen hat. So etwas gibt es ja wirklich, in langjährigen Ehen, dass die Verbeinbarung sich ändert und eigene Wege gehen nicht bedeutet, dass man gleich alles fallen lässt. Nur, was eifersüchtige Menschen wie Frau Dammers dazu sagen, das wird oft nicht einkalkuliert und kann ungeahnte Folgen zeitigen. Ich muss sagen, ich mochte diese Frau und ihre seltsame Mischung aus großer Einfühlsamkeit und Verletzlichkeit und durfte ein wenig darüber nachdenken, ob ein Talent als Speakerin daher rührt, dass jemand sich sehr gut in andere einfühlen kann oder eher narzisstische Grundlagen hat und daher auch eine Kränkung schnell zur Katastrophe führen kann. Es ist wohl beides möglich, auch als Mischung mit verschiedenen Anteilen, und mit etwas Glück bleibt alles auf der positiven, für die so begnadete, aber vielleicht auch geplagte Person selbst und für andere gewinnbringenden Seite. Im Fall von „Winterende“ ist es leider nicht so. Der Vorteil dieser Täterin: Das Motiv muss nicht mühsam erklärt werden, es ist aus allem, was man zuvor gesehen hat, verständlich; zumindest, seit man weiß, dass die Frau ein Verhältnis mit dem Getöteten hatte und dieser sich dann einem vermutlich weniger anspruchsvollen und Energieeinsatz abfordernden Dienstmädchen zuwandte. Da kann man schon mal sauer sein.

Wie gewieft und ratzfatz der „Gehilfe“ arbeiten musste, damit es nicht auffiel, wird beinahe ironisch thematisiert und man sollte es nicht zu ernst nehmen, diese Art von Krimi macht kein Hehl daraus, dass sie eine andere Agenda hat, als uns eine noch ausgefuchstere Variante eines Whodunits zu bieten als die Varianten, die wir schon kannten. Dass uns in letzter Zeit so viele Polizeirufe auf den Tisch kommen, die sich vom Ursprung der Reihe stark wegbewegt und doch konsequent eine Linie fortgesetzt haben, die aus der DDR-Tradition der Filme rührt, passt insofern, als ich durch die vielen rezensierten Tatorte und ca. 300 von 391 Polizeirufen gar keinen Bedarf mehr an weiteren Varianten habe und solche Schauspielerfilme wie „Die Lettin und ihr Lover“ oder „Winterende“ einfach reizend finde. Sicher, ganz absurd sollte der Plot nicht sein, das ist auch hier nicht der Fall, aber dass einiges eher nebensächlich behandelt wird und nicht ganz präzise sein muss, ist dann doch wieder okay. Ein großer Krimi, der auch ein großer Gefühlsfilm ist, findet sich doch eher selten. Noch ein paar hundert Rezensionen und meine Kenntnisse des Genres werden ausreichen, exakt diesen Krimi, auf den alle gewartet haben, endlich selbst zu schreiben.

Finale

Wichtig für das Gefühl von Einsicht und Identifikation ist freilich, dass wir mit Hinrichs und Törner ein Duo haben, das eines der besten hätte werden können, wenn Henry Hübchen nicht das Polizeiruf-Setting wieder verlassen hätte, in dem er schon während der DDR-Epoche so viele Episodenrolle bekleidete und nach der Wende weitere. Es hat mich beeindruckt, wie gut die beiden harmonieren, sich gegenseitig nichts nehmen, sondern Raum lassen und hier mit kleinen Gesten und viel hintergründigem Humor jeweils eigene Akzente setzen können. Steimle ist nicht so plattwitzig wie sonst manchmal bzw. wie es ihm manchmal in die Drehbücher geschrieben wurde, und Hübchen hat eine große Bandbreite, wie man z. B. in der Szene sieht, in welcher er den Helfer der Mörderin bzw. deren Werkzeug stellt oder auch überrumpelt. Ist dieser Mann wirklich ein Tatwerkzeug? Ich meine, nein. Die Planerin und der Ausführende stehen in Mittäterschaft zueinander. Da der Ausführende emotional von der hübschen Grabrednerin abhängig ist, ist er auch ihr ausführendes Organ, das sich kaum wehren mag gegen den fiesen Plan. Eine intellektuelle oder emotionale Asymmetrie zwischen tatbeteiligten Personen bedeutet aber nur in besonderen Fällen, dass es sich um eine Werkzeug-Alleintäter*in-Konstellation handelt. Ich sehe „Winterende“ trotz eines deutlich anderen Tenors auf einer Stufe mit dem gestern angeschauten „Die Lettin und ihr Lover„.

8/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

Regie Andreas Kleinert
Drehbuch Beate Langmaack
Produktion Heike Richter-Karst
Musik Andreas Hoge
Kamera Johann Feindt
Schnitt Gisela Zick
Besetzung

 

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