Der Dialog (The Conversation, USA 1974) #Filmfest 796 #Top250

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Wie es mit der Abhör-Paranoia angefangen hat

Der Dialog (Originaltitel: The Conversation) ist ein US-amerikanischer Thriller von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1974. Mit der Geschichte um den Abhörspezialisten Harry Caul, der sich durch seine Bespitzelungstätigkeit in einen Mord verstrickt, schuf Produzent, Autor und Regisseur Coppola einen Film, dessen Leitmotive die Paranoia und die Schuldgefühle der Hauptfigur bilden. Der Film schöpft in besonderem Maße die künstlerische Freiheit aus, die in der amerikanischen Filmindustrie Ende der 1960er Jahre unter dem Schlagwort „New Hollywood“ entstanden war.

Der Titel, der vom Amerikanischen („The Conversation“ = „Die Unterhaltung“) nicht ganz genau, aber treffend ins Deutsche übersetzt wurde, lässt zunächst eine Literaturverfilmung, gerne auch eines europäischen modernen Theaterstücks für zwei Personen, vermuten. In Wirklichkeit aber ist es ein Film über einen Mann und seine besondere Welt, der auf einem Originaldrehbuch des Regisseurs Francis Ford Coppola beruht. Mehr dazu lesen Sie in der – Rezension.

Handlung (1)

Die Eröffnungssequenz bietet einen Blick auf den Union Square in San Francisco aus der Vogelperspektive. Die Kamera fährt herab und zeigt einen Pantomimen. Unter den Passanten, die der Pantomime nachahmt, befindet sich ein Mann, dem die Imitation und die Aufmerksamkeit, die dadurch erregt wird, sichtlich unangenehm sind. Der Mann ist der Überwachungsexperte, Abhörspezialist und Hobbysaxophonist Harry Caul, der mit seinem Team, postiert auf dem Platz und in den umliegenden Hochhäusern, das junge Paar Ann und Mark überwacht und seine Unterhaltung auf Tonbänder aufnimmt.

Nach der Observation kehrt Harry in sein hochgesichertes Apartment zurück, wo ihn der Einbruch seiner Vermieterin in seine Privatsphäre erzürnt. In seinen Geschäftsräumen in einer alten Fabriketage schneidet Harry im Beisein seines Mitarbeiters Stan die Tonbänder der Observation zu einer einzigen Version zusammen. Dabei weist er Stan schroff zurecht, als dieser mehr über die Hintergründe des Auftrags wissen möchte. Die goldene Regel ihres Gewerbes sei die Nichteinmischung in die Angelegenheiten der Klienten, so Harry. Bei einem Anruf aus einer Telefonzelle erfährt er, dass sein Auftraggeber, der „Direktor“, nicht zu erreichen ist. 

Harry besucht seine Geliebte Amy in deren Wohnung, verlässt sie aber schnell wieder, als sie beginnt, ihm persönliche Fragen zu stellen. Am nächsten Tag sucht Harry die Firma des Direktors auf, um diesem die Bänder persönlich auszuhändigen, wird jedoch von dessen Assistenten Martin Stett empfangen. Als Harry sich weigert, Stett die Aufnahmen zu übergeben, gibt dieser ihm zu verstehen, dass die Bänder gefährlich seien und warnt ihn vor persönlicher Einmischung. Beim Verlassen der Firma trifft Harry sowohl auf Mark als auch auf Ann, die mit ihm im Aufzug fährt. In seine Werkstatt zurückgekehrt, hört Harry die Bänder wieder und wieder ab, um hinter ihr Geheimnis zu kommen (womit er nun selbst gegen die goldene Regel der Nichteinmischung verstößt). Er stößt schließlich auf eine von Störgeräuschen überlagerte Passage, aus der er nach Einsatz eines Entstörfilters den Satz “He’d kill us if he got the chance.” („Er würde uns umbringen, wenn er es könnte.“) herauszuhören glaubt. Harry, nun in Sorge, seine Arbeit könnte den jungen Leuten Schaden zufügen, geht in eine Kirche und beichtet seine Bedenken. (…) 

Rezension  

Die Bezüge zu anderen Filmen, zur Stimmung jener frühen 1970er in den USA, zu vorangegangenen politischen Ereignissen sind sehr vielfältig und „Der Dialog“ zeigt, wozu New Hollywood in der Lage war, wenn man seine besten Kräfte ans Werk ließ, um sehr persönliches, ungewöhnliches, neu definiertes Kino zu machen – das es heute leider nicht mehr gibt. In seiner Neurezension von 2001 hat Roger Ebert leider recht, wenn er schreibt, wie einfältig heutige Thriller gegenüber Filmen wie diesen sind.

Allerdings stellt auch unter den wichtigen Genrefilmen der frühen 1970er „Der Dialog“ eine Ausnahme dar. In mancher Hinsicht ist er ein Einzelstück, aber er lässt sich natürlich auch zuordnen. Zum Beispiel durch den Hauptdarsteller Gene Hackman, der gerade durch den Polizei- und Drogenthriller „The French Connection“ (1972) zum Star geworden war. Dieses Mal spielt er einen privaten Ermittler, der im Auftrag anderer Menschen überwacht. Demgemäß ist der Film an klassische Detektivgeschichten angelehnt. Das Besondere ist aber die technische Versiertheit der Überwachung mit Wanzen, Richtmikrofonen und Kameras, die in dieser Ausgefuchtsheit zuvor in keinem Film zu sehen war. Der Film spiegelt also auch die Politthriller, die noch kommen sollten und gleichzeitig die Watergate-Affäre, die just in dem Moment, als er herauskam, auf dem Höhepunkt angelangt war: Dem Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon im Jahr 1974, dem einzigen Vorkommnis dieser Art in der bisherigen US-Geschichte.

Dieses Ereignis war auch der Gipfel der Verunsicherung und gesellschaftlichen Veränderungen in den USA der 1960er und 1970er. Der Film spiegelt dies alles durch die klaustrophobische Atmosphäre, die er vermittelt, durch Ereignisse und Gespräche, die erst dann richtig gedeutet werden können, als das tödliche Ergebnis nicht mehr abzuwenden ist – eine starke Reflektion auf die politischen Morde in den USA seit dem Kennedy-Attentat von 1963 und natürlich auf den Vietnamkrieg, in dem sich Gut und Böse auf eine Art verwischten, Politik und Aktion jedwede moralische Basis verloren, in einem Ausmaß, wie es die Amerikaner zuvor nie erlebt hatten. Insofern ist „Der Dialog“ auch ein Blick in die amerikanische Psyche zu jener Zeit, verkörpert durch die Hauptfigur Harry Caul, der an seinem Beruf scheitert, in dem Moment, als er ein moralisches Gespür für die Konsequenzen seiner Tätigkeit entwickelt.

Wir kennen mittlerweile das Hauptwerk von Francis Ford Coppola aus dem 1970ern, auch den hochgerühmten „Der Pate“ (Teil 1 und Teil 2), aber die Folge unserer Ansicht, dass „Der Pate“ zwar ein gewaltiger Film ist, aber nicht zu unseren Lieblingen zählt, dass wir „Apokalypse Now“ für wichtiger und besser halten, lässt Raum dafür, dass Coppola vielleicht noch etwas anderes gemacht haben könnte, was den Paten aussticht. Ein Angebot an echte Filmfans, das diese nicht ausschlagen können. Und das ist „Der Dialog“. Die Intensität, Konzentriertheit, die konsequente Subjektivität der Perspektive, die atemberaubend dichte Atmosphäre, die mit verschiedenen Stilmitteln und durch die Zeichnung der Harry Caul-Figur erreicht wird, sind zwar auch kennzeichnend für viele gute Filme der 1970er, aber sie treiben vieles, wofür New Hollywood steht, auf die Spitze.

Das war Kino für Erwachsene, was Francis Ford Coppola hier inszeniert hat, ohne dass es zu verkopft wirkt. Der Film ist auch nicht etwa unlogisch, wie es jenseits von viel Raum, die der Interpretation gewidmet ist, die zugehörige Wikipedia-Seite quasi als Behauptung enthält, er verweigert uns lediglich zu einfache Erklärungen, die der Protagonist auch nicht hat. Wirklich gute Thriller schaffen es, diese subjektive Sichtweise durchzuhalten, auch wenn sie fürs Publikum anstrengender ist als zwischendurch Erklärungszenen geliefert zu bekommen, die einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten herstellen. Die Dichte eines Thrillers kommt ja gerade daher, dass wir jemanden sehen, in dem wir quasi selbst stecken und dessen Unsicherheit sich auf uns überträgt, seine Situation wird im Verlauf des Films unsere. Das war auch 1974 nicht ganz neu, gute Films noirs gingen bereits in den 1940ern ähnlich vor, und auch in der Stummfilmzeit wurde schon mit der subjektiven Perspektive operiert.

Deswegen ist auch die Zuschreibung zu den „Neo-Noirs“, die verschiedene Autoren vornehmen, dieses Mal überzeugend. Der Film ist sogar im Kern des Film noir angesiedelt. Zwar kommt der typische Noir-Antiheld, den Harry Caul repräsentiert, am Ende nicht um, aber er ist psychisch zerstört, nachdem die Technik, die ihn als Koryphäe, als As unterr den Spitzeln etabliert hat, gegen ihn selbst eingesetzt wird. Allerdings ist dies auch der Moment, in dem wir ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem hatten. Damit Caul nicht ausplaudert, was er mittlerweile weiß, wird er selbst überwacht und zerstört seine Wohnung komplett, um die Wanze(n) zu finden – was ihm offenbar nicht gelingt. Einerseits hätte er nur umziehen müssen, und in den USA ist oder war es einfacher, sich an einem anderen Ort neu zu etablieren, ohne Spuren zu hinterlassen als hierzulande. Andererseits: Bei der Gefährlichkeit seines Wissens hätte nicht nur ein einem typischen US-Thriller die Lösung näher gelegen, ihn zu eliminieren, als ihn für unbestimmte Zeit und mit viel Aufwand in Schach zu halten. Wenn man diesen Aspekt herausgreift, gibt es bezüglich der Auflösung oder des Endes einen Logikmangel. Dieser aber wäre in vielen Filmen zu beklagen, die davon lebenk, dass nicht einfach kurzer Prozess gemacht wird.

Aber das Ende musste ja so sein, dass der Mann, der die Welt abgehört hat, nun das Opfer seiner eigenen Methoden wird. Das deutet sich bereits in einer vorherigen Szene stark an, als nach einem Messebesuch einige seiner Kollegen mit ihm eine Party feiern und ein gewiefter Mitbewerber ihm einen Kugelschreiber schenkt, in dem ein Mikrofon verborgen ist und kurz darauf das intimste Gespräch belauscht, das Harry sich während des gesamten Films gönnt. Da ging also dieser Einzelgänger einmal etwas aus sich heraus und wird sofort auf dieselbe Art offengelegt und gedemütigt wie seine Abhöropfer gegenüber seinen Auftraggebern. Zudem klaut ihm die Person, mit welcher er das Gespräch führt, kurz darauf die Bänder, die er nicht mehr herausrücken will. Einmal konnte er sein Misstrauen und seine Gehemmtheit ablegen, und sofort wurde er böse reingelegt.

Seine Struktur ist die eines Misstrauischen und Einzelgängers, der am Ende aber zu naiv ist, um Situationen richtig einordnen zu können. Das ist nicht nur auf der erwähnten Ebene der kollektiven psychologischen Situation des damaligen Amerika relevant, sondern auch auf der des Individuums, das Caul darstellt: Gerade zurückgezogene Menschen, die kein Vertrauen zur Welt haben, haben nicht selten auch eine wenig empfindliche Antenne dafür, wann Situationen tatsächlich Gefahr beinhalten, weil sie zu wenig Übung haben und zu sehr von ihren Friktionen bestimmt sind, um zielsicher abschätzen zu können, wann man eine Gelegenheit beim Schopf packen sollte und wann man besser die Finger davon lässt. Hingegen sind Typen, die auf den ersten Blick naiv und zu vertrauenselig wirken, in den meisten Berufen viel erfolgreicher, weil ihr Wesen durchaus doppelbödig sein – oder weil sich Fehler für Menschen, die sehr handlungsbetont sind, immer wieder ausgleichen lassen. Einsame Perfektionisten wie Harry Caul, die gleichzeitig in ihrem Beruf mit solchermaßen brisanten Dingen wie den belauschten Gesprächen Dritter umgehen, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit des seelischen Scheiterns zu tragen.

Harry lebt und agiert in Settings, die alle zu uns sprechen. Beengte, unübersichtlich-klaustrophobische Situationen wie die im Abhör-Lieferwagen, bei seiner Freundin, im Nachbarzimmer des Hotels unter den Armaturen des Badezimmers wechseln mit ungewöhnlich weiten Panoramen wie dem Öffentlichen Platz, mit dem der Film beginnt oder Harrys Arbeitsräumen, die offenbar in einer Tiefgarage angesiedelt sind, in der man sich verlieren kann. Dann gibt es noch seine Wohnung, diesen Ausdruck einer Privatheit, die keine ist – unpersönlich, unharmonisch in der Ausstattung und auch hier schon früh ein Hinweis auf das, was kommt: Harry weist auf die ihm eigene, defensive Art seine Vermieterin darauf hin, dass er nicht wünscht, dass sie einen Schlüssel zu seiner Wohnung hat.

Vieles, was sich auf den ersten Blick nicht erklärt, muss man sich tatsächlich erschließen, weil auch der zweite Blick nicht weiterhilft: So ist es zum Beispiel denkbar, dass diejenigen, die seine Wohnung verwanzt haben, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, sich unter einem Vorwand an Harrys Vermieterin gewendet haben, um Zuritt zu erhalten, diese hat eben in dem Moment den Schlüssel noch nicht abgegeben. Auf einen solchen Vorgang gibt es bis zum Ende des Films aber keinen Hinweis.

Die Brüchigkeit der Privatsphäre, die der Film so überaus treffend zeigt, ist neben der Einsamkeit der Hauptfigur das am meisten überzeitliche Thema von Coppolas subtilem Meisterwerk: Alles, was heute schon beinahe selbstverständlich ist, wie etwa, dass Geheimnummern nicht geheim sind, dass alles, was man sagt – respektive via Internet äußert – belauscht werden kann, das kommt hier schon zum Ausdruck und zerstört einen Menschen, ironischerweise einen, der selbst andere belauscht. Als der Film herauskam, konnte man das, was hier geschieht, noch vor allem politisch deuten, aber auf der Messe der Observationstechniker sind bereits moderne Überwachungskameras zu sehen, die lebende Ziele per Bildschirmsteuerung verfolgen können.

Heute, wo Sicherheit durch unzählige dieser Einrichtungen vorgegaukelt wird, wo in Wirklichkeit jeder unserer Schritte im öffentlichen Raum nachvollziehbar ist, wo die Demokratie und die Freiheit der sogenannten Terrorgefahr zum Opfer fallen – womit nicht nur die Terroristen ihre Ziele immer besser erreichen, demokratische Gesellschaften zu Angstneurosen zu führen und dadurch für eine schleichend eintretende Diktatur reif zu machen, ist „Der Dialog“ aktueller denn je, weil er bereits alles zeigt, was Bespitzelung uns antun kann, seien wir Täter oder Opfer – oder, wie in diesem Film: Opfer, die sich als Täter herausstellen und ein Täter, der zum Opfer wird.

Fazit

Der Dialog“ gehört für uns zu den bisherigen Highlights des Jahres, zu den ganz besonderen Filmen überdies, die nur in der kurzen Phase von Mitte der 1960er bis Ende der 1970er möglich waren, als das US-Kino neue Wege ausprobierte, bevor es die Banalität des Massengeschmacks auf eine zuvor nie gekannte Weise zum alleinigen Maßstab seines Schaffens erhob. Wie sehr uns Filme wie „Der Dialog“ fehlen, weil sie die zielsichere Wirksamkeit des US-Kinos mit wirklich kritischen und relevanten Aussagen verbinden, merkt man erst, wenn man sie gesehen hat – und unsere schon vorhandene Ansicht, dass heutige Filme, Actionschlachten und Fantasyeskapaden, zuweilen gnadenlos überbewertet sind, verstärkt sich immer weiter. Allerdings, als wir begannen, unser Interesse fürs Kino zu entwickeln, waren wir gerade den Filmen aus den 1970ern nicht sehr zugeneigt, weil sie fordernd und schwierig sind. Das konnten wir damals noch nicht so ausdrücken bzw. analysieren, aber wir fangen eben auf einem jugendlich-naiven Niveau an, wenn man sich nicht viel später erst über die Theorie dem Medium zu widmen beginnt, und deswegen gefielen uns u. a. Musicals besonders gut. Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die 1970er als das zu erkennen, was sie sind: Die große Chance, die vertan wurde. Nein, wir nennen jetzt nicht noch einmal die üblichen Namen, die hauptverantwortlich für die seither voranschreitende Infantilisierung des US-Kinos verantwortlich sind. In Deutschland entstand ein ebenfalls sehr bekannt gewordener Filme, der Oscarpreisträber „Das Leben der anderen“ (2008), in dem um Bespitzelung von staatlicher Seite in der DDR geht.

90/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)

Regie Francis Ford Coppola
Drehbuch Francis Ford Coppola
Produktion Francis Ford Coppola
Musik David Shire
Kamera Bill Butler
Schnitt Walter Murch,
Richard Chew
Besetzung



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