Zum Verbrecher verurteilt (They Made Me a Criminal, USA 1939) #Filmfest 797

Filmfest 797 Cinema

Noch klingelt der Postmann nicht

They Made Me a Criminal ist ein amerikanischer Krimi aus dem Jahr 1939 unter der Regie von Busby Berkeley mit John Garfield , Claude Rains und The Dead End Kids . Es ist ein Remake des Films The Life of Jimmy Dolan (1933).

In der deutschen Wikipedia gibt es zu diesem Film keinen Eintrag. In dem geradezu einmaligen Umfeld herausragender Produktionen des Jahres 1939 stach er vielleicht nicht heraus, aber er war erfolgreich und ebnete dem ehemaligen Boxer John Garfield die Hollywood-Karriere. Es gibt durchaus Typisches und Überraschendes in diesem Werk, mehr darüber in der – Rezension.

Handlung (1)

Johnnie Bradfield ist ein Boxweltmeister, der fälschlicherweise des Mordes beschuldigt wird. Er verschwindet und wird für tot gehalten. Die einzigen Zeugen, die ihn hätten entlasten können, waren sein Manager und seine Freundin, die beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Detective Monty Phelan glaubt, dass Johnnie noch am Leben ist und hat die Suche nach ihm nicht aufgegeben. Johnnie versteckt sich derweil auf Oma Raffertys Farm in Arizona. Dort trifft er auf einige jugendliche Straftäter, Tommy, Angel, Spit, Dippy, TB und Milty, die unter der Vormundschaft von Tommys Schwester Peggy stehen.

Johnnie, der den falschen Namen Jack Dorney benutzt, nimmt Tommy unter seine Fittiche und ermutigt ihn, sich selbstständig zu machen, indem er eine Zapfsäule für die Farm kauft. Er hilft den Kindern, Geld zu sammeln, indem er für einen Kampf gegen einen aufstrebenden Boxer in den Boxring zurückkehrt. Johnnie sieht Phelan beim Kampf ankommen und beschließt, nicht zu kämpfen, was die Kinder und Peggy enttäuscht. Seine Entschlossenheit, den Kindern zu helfen, überwältigt ihn jedoch und er beschließt zu kämpfen. Er versucht zu verbergen, wer er wirklich ist, indem er nicht seine charakteristische Haltung im Ring einnimmt, aber da er kein guter Rechtshänder ist, steht er kurz vor dem Verlieren. Aus diesem Grund enthüllt Johnnie, wer er wirklich ist, obwohl er in der fünften Runde immer noch besiegt ist. Er ergibt sich Phelan, der vermutlich verhaftet wird, aber der Detective erlaubt ihm, in Arizona zu bleiben, anstatt nach New York zurückzukehren.

Rezension

In „They Made Me a Criminal“ fließt vieles zusammen, was in den Jahren zuvor entwickelt wurde. Da ist zum einen der raue Ton der Warner-Gangsterfilme, der noch einmal über die Leinwand tobt. Leider ist die recht neue deutsche Synchronisierung insofern scheußlich, als die Lippenbewegungen eben nicht wirklich synchronisiert sind, vollkommen asynchron zum Text, sodass sich unweigerlich die Frage stellt, ob das einer größeren inhaltlichen Genauigkeit geschuldet ist, oder ob es da auch erhebliche Abweichungen gibt. Die Dialoge sind aber gut, sind knackig, witzig und erinnern an die frühen 1930er, als der sozialkristische Film, in dem Verbrecher im Mittelpunkt standen, eines der Genres war, mit denen die Warner Brothers große Erfolge erzielten.

Ein anderes war aber das Musical. Obwohl MGM auf dem Gebiet später als führend galt, mischten damals auch die RKO, Paramount und Warner auf dem Gebiet mit. Und die besondere Persönlichkeit auf diesem Gebiet war bei Warner nicht der jeweilige Regisseur, nicht einmal die Stars, sondern der Choreograph Busby Berkeley. Hingegen war „They Made Me a Criminal“ der einzige Film, den Berkeley jemals gedreht hat, in dem nicht mindestens eine Musiknummer vorkommt. Diese Konzentration aufs Wesentliche ist sehr bemerkenswert und trägt sicher zur Atmosphäre dieses Dramas bei. Nun ja, eine Kleinigkeit gibt es doch:

Als Dippy die Duschsteuerung für Jack betätigt, der gerade duscht, bringt er ihm das Lied „ By a Waterfall “ zum Ständchen , das ein Hit aus dem früheren Film des Regisseurs „ Fußlichtparade “ war .

Eine weitere Linie kann man aus den Filmen der Jahre 1937, 1938 wie „Boys Town“ herleiten, in denen gute Menschen sich junger Delinquenten annehmen und sie „runderneuern“, wie die Sozialisierung sich in der Sprache dieses Werks nennt, die sie dabei erfahren. Von Resozialisierung kann man bei ihrer meist scheußlichen Herkunft nicht sprechen. Diesen Effekt sehen wir auch in „Zum Verbrecher verurteilt“, mit dem Unterschied, dass der gute Priester, der eine solche Sozialstation für Jugendliche gegründet hat, aus dem Jenseits zuschauen darf, wie ein bis dato charakterlich eher mäßiger Boxer, der durch seine Naivität und Angeberei in arge Schwierigkeiten kommt, und die Jungs sich gegenseitig „runderneuern“. Die Charaktere wirken sehr lebendig und auch lebensecht, vor allem gibt John Garfield dabei eine bleibende Performance ab, die ihn zu einem der begehrtesten Jungstars der 1940er machte. Der erste Film, in dem ich ihn gesehen hatte, war „Im Netz der Leidenschaften“ (1946) an der Seite der glamourösen Lana Turner. Ein echter Film noir, während es hier gut ausgeht, weil ein selbst von seinen Dämonen getriebener Polizist, verkörpert durch den Charakterdarsteller Claude Rains, am Ende der eisernen Durchsetzung des Gesetzes abschwört und Johnny bei seinen neuen Freunden und seiner neuen Liebe lässt.

Der Film ist ganz dem New Deal verpflichtet, wie auch Produktionen à la „Boys Town“, hat aber weniger Pathos und einige wirklich originelle Ideen. Der Kern von allem ist die Wassertankszene. Darauf muss man erst einmal kommen, und ich könnte mir vorstellen, dass Busby Berkelys Fähigkeiten, große Dekors, interessante Bewegungen und Settings zu verwirklichen und dabei teilweise sogar sozialkritische Handlungen nicht zu vergessen, zu dieser gefährlichen und erstaunlich realistisch gefilmten Sequenz beigetragen haben. Jeder, der ein wenig Zugang zum Thema Wasser und Schwimmen hat, muss dabei mitfiebern, denn die Szene ist ohne jeden logischen Bruch konzipiert. Einzig, dass die Planscher so spät merken, dass der Wasserpegel sinkt, kann man vielleicht kritisieren, muss man aber nicht. Es sind alles einfache Typen mit einfacher Kognition und wunderbar einfachen Wünschen nach Nähe und Geborgenheit, die wir hier sehen. Die Veredelungstendenz, die andere Studios Ende der 1930er schon pflegten, hat man sich in „They Made Me a Criminal“ komplett gespart.

Vor allem zu Beginn wird ein richtiges Horrorszenario gezeigt: Nur Menschen um Johnny, denen man nicht trauen kann, die ihn ausnutzen, framen, sich an seinen Ruhm hängen und erst, als er diesem Sumpf der Großstadt gezwungenermaßen entflieht, wird es besser für ihn und mit ihm. Mittendrin wird er als einziger, der auf dem Dach eines Güterzuges reist, auch noch von einem Angestellten der Bahn vom Wagen geknüppelt. Die Zeit der großen Wanderarbeiter-Trecks war damals schon vorbei, in denen entwurzelte Männer zu Hunderten auf solchen Zügen saßen, auf der Suche nach irgendetwas, das man einen Job nennen konnte.

Auch auf der Farm in Arizona geht es zunächst etwas ruppig zu und eine der wenigen Schwächen des Films könnte sein, dass die Stimmung dort etwas schneller zum Guten hindreht, als man es den dort anwesenden Charakteren zutrauen sollte. Aber irgendwann muss in einem 90-Minuten-Film das eigentliche Anliegen herzhaft angegangen werden, nämlich im Sinne der neuen Moralität in den Vereinigten Staaten unter Präsident Roosevelt aus allem etwas Besseres zu machen.

Finale

Der Slang der Jungen im Film wurde wohl doch in der Synchronisierung etwas abgemildert, wodurch nicht mehr ganz so klar zutage kommt, dass zwischen den brutalen Typen im Boxgeschäft von New York und diesen Jungs in der Einstellung zum Leben kein großer Unterschied besteht. Aber aus den jungen Menschen kann man noch etwas machen, und das ist sehr wohl ein großer Unterschied.

Dieser Film enthält auch die erste „Unverschämtheit“ der Serien Dead End Kids / East Side Kids / Bowery Boys , in der Jordan Regenerate, ya dope sagt, während Hall das Wort degenerieren benutzte . Malapropismen wurden zu einem festen Bestandteil dieser Filme, die Gorcey während der gesamten Serie regelmäßig verwendete. Ein Malapropismus (auch als Malaprop , Acyrologia oder Dogberryismus bezeichnet ) ist die irrtümliche Verwendung eines falschen Wortes anstelle eines Wortes mit einem ähnlichen Klang, was zu einer unsinnigen, manchmal humorvollen Äußerung führt . Ein Beispiel ist die Aussage, die dem Baseballspieler Yogi Berra zugeschrieben wird, „ Texas has a lot of electric votes“, anstatt „ electoral votes “.

Auf Deutsch, es handelt sich um Versprecher, die Sinnentstellungen hervorrufen. Diese waren eben nicht leicht ins Deutsche zu übersetzen, weil sprachklangliche Ähnlichkeiten bei Wörtern mit ähnlicher Bedeutung eben oft anders gelagert ist. Ein Problem, das in vielen Komödien vorkommt, die auf Sprachwitz basieren. So gesehen, siehe oben, sind die Dialoge doch recht anständig geworden und man hat auf den Inhalt mehr Wert gelegt als auf den Lippenbewegungen entsprechende Wörter. Sehr irritierend fand ich diese manchmal deutlichen Abweichungen nur in einer einzigen Szene, in der es auch noch wirkt, als habe sich eine Zeitschere zwischen Bild und Text geöffnet.

Die IMDb-Nutzer:innen geben dem Film aktuell durchschnittlich 6,8/10 Punkten. Ich finde, das wir ihm nicht ganz gerecht. Für mich ist er ein kleiner Klassiker, der sich zwar deutlich aus der Kiste der bestehenden Werkzeuge bedient, aber dabei doch einen individuellen und originellen Touch hat – und nicht zuletzt das gute Spiel der Jungen, von Garfield und Claude Rains.

76/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia in englischer Sprache

Regie Busby Berkeley
Drehbuch
Vorlage Sucker
1933 Theaterstück
von Bertram Millhauser
Beulah Marie Dix
Produziert von
Die Hauptrollen
Kinematographie James Wong Howe
Herausgegeben von Jack Killifer
Musik von Max Steiner
Vertrieben von Warner Bros.
Erscheinungsdatum
  • 28. Januar 1939
[1]
Laufzeit
92 Min.
Land USA
Sprache Englisch

 

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