Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa (What’s Eating Gilbert Grape, USA 1993) #Filmfest 812 #Top250

Filmfest 812 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (90)

Der junge Mann geht, die Empathie bleibt

Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa ist ein amerikanischer Film des Regisseurs Lasse Hallström aus dem Jahr 1993, der auf einem Roman von Peter Hedges basiert. 

Rezension   

Was ist das Wichtigste an diesem Film von Lasse Hallström aus 1993?

„What’s Eating Gilbert Grape“ heißt das Werk im Original, und wir sehen, wie die Titelfigur, gespielt von Johnny Depp, nicht etwa darüber philosophiert, was es zum Essen gibt, obwohl derlei Dialog auch im Film vorkommt, sondern, was ihn auffrist, als Zwangs-Vorstand einer Familie, deren Oberhaupt sich bereits vor 17-18 Jahren im Keller erhängt hat. Damals war Gilbert wohl drei Jahre alt. Die Mutter ist vom Tod ihres Mannes so traumatisiert gewesen, dass sie fortan tatsächlich nur noch Nahrung in unmäßigen Mengen zu sich genommen hat. Weiter zum Film in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Film spielt in der fiktiven Kleinstadt Endora in Iowa, die ihren wenigen Einwohnern kaum Attraktivität und wenig Abwechslung bietet. Den alljährlichen Höhepunkt bildet eine Wohnwagen-Karawane, die in den Sommermonaten das Gebiet durchquert.

Gilbert Grape ist nach dem Suizid seines Vaters der Ersatzvater seiner Familie. Zu dieser gehören die psychisch labile Mutter Bonnie, die mit einem Gewicht von 250 kg zu körperlicher Arbeit nicht mehr fähig ist und seit dem Tod ihres Mannes das Haus nicht mehr verlassen hat, die ältere Schwester und Ersatzmutter Amy, die pubertierende Schwester Ellen und der geistig behinderte Bruder Arnie. Die Familie lebt in einem maroden Landhaus, dessen Fundament elementare Mängel aufweist. Zu Gilberts Aufgaben gehören die Instandhaltung des Hauses sowie die Beaufsichtigung von Arnie und dessen regelmäßiges Baderitual. Gilberts eigene Interessen spielen eine Nebenrolle. Er geht einer anspruchslosen Tätigkeit in einem Lebensmittelgeschäft nach und unterhält eine Affäre mit der einige Jahre älteren, verheirateten Betty Carver. Gilberts einzige Freunde sind der Bestattungsunternehmer Bobby McBurney und der Imbissbudenbesitzer Tucker van Dyke.

Arnie erfordert Gilberts stete Aufmerksamkeit. Der behinderte Jugendliche steigt am liebsten auf den Wasserturm und setzt sich auch in den Alltagssituationen andauernd Gefahren aus. Sein unbekümmerter Elan lässt ihn oftmals über die Stränge schlagen und beansprucht die Geduld aller Familienmitglieder in erheblichem Maß. Anlässlich seines von ihm herbeigesehnten 18. Geburtstages plant die Familie ein großes Fest für ihn.

Im Rahmen der alljährlichen Wohnwagen-Karawane ist die junge Becky mit ihrer Großmutter nach einer Autopanne in Endora gezwungen, ihre Reise für ein paar Tage zu unterbrechen. Gilbert verliebt sich in die unkomplizierte Frau, muss dann aber feststellen, dass eine Beziehung zu ihr nur möglich ist, wenn er seine eigenen Wünsche stärker in den Vordergrund rückt und sein bisheriges Leben infrage stellt. Beckys Wunsch, seine Mutter kennenzulernen, blockt er mehrmals ab. Als Arnie in einem unbeobachteten Moment erneut auf den Wasserturm steigt, nimmt ihn die Polizei in Gewahrsam. Nun sieht sich seine Mutter dazu veranlasst, nach Jahren erstmals wieder in die Öffentlichkeit zu gehen und auf der Polizeiwache die Freilassung ihres Sohnes einzufordern. Gilbert schämt sich für seine fettleibige Mutter, die gaffenden Passanten als Blickfang dient. Auch Bonnie ist unangenehm berührt vom Spott der Schaulustigen. (…)

Rezension   

Gilberts jüngerer Bruder Arnie, der um die Zeit dieses Selbstmordes herum geboren worden sein muss, bleibt in seiner Entwicklung zurück, nicht aber die 18jährige ältere und die jüngere, 16jährige Schwester, die, wenn das Zeitschema gerade stimmen soll, just vor dem Ableben des Mannes gezeugt wurde. Die Familie wird von Arnie einerseits und der Mutter, die nunmehr 250 Kilogramm wiegt, andererseits in Atem gehalten. Um diese Personen herum müssen die anderen Familienmitglieder sich gruppieren, weil beide auf ihre Weise hilflos sind. Eine im Grunde furchtbare, alptraumhafte Situation für Gilbert und seine beiden Schwestern. Doch dann, obwohl es im Verlauf zu zwei Todesfällen und einem Hausbrand kommt, ist auch ein typischer Wohlfühlfilm der 1990er daraus geworden. Das Wichtigste ist, dass Gilbert am Ende, ausgelöst durch zwei Ereignisse, seine Liebe zu Becky und den Tod seiner Mutter, der die Familienzwangslage beendet, am Ende mit Becky und deren Tante davonfährt. Vielleicht aber noch wichtige: Dass er Arnie mitnimmt in sein neues Leben.

Damit liefert der Film ein Statement zugunsten der Inklusion. Aus der Sicht eines jungen Mannes wie Gilbert, der endlich eine Chance auf ein eigenes Leben hat, ist es eine sehr verantwortungsvolle Entscheidung, sich weiterhin um den Bruder zu kümmern, der mit jeder Berechtigung in einem Heim untergebracht werden könnte. Da auch die Schwestern eigene Wege gehen, ist es aber Gilbert, der so viel von allem, was ihn bisher ausgemacht, mitnimmt, wie sonst niemand aus der Familie. Ob das eine kluge Entscheidung ist, kann man durchaus fragen, aber ist nun einmal ein altruistischer Mensch, dafür liebt Becky ihn ja auch und findet es okay, dass sie künftig eine neue Familie sein werden, ihre Tante, sie, die beiden Grapes.

Was ist das Beste an dem Film?

Seine Besetzung. Nicht nur, dass die Grapes sich in ihrer Anmutung sehr ähneln, verhaltensseitig und optisch, und dadurch authentisch wirken, die Besetzung wichtiger Rollen mit Johnny Depp und Juliette Lewis und Leonardo DiCaprio ist natürlich mehr als die halbe Miete. Von Juliette Lewis wusste ich seit meiner Befassung mit Filmen wie „Natural Born Killers“ oder „California“, die ebenfalls in den frühen 1990ern entstanden und sie zum Star machten, dass sie solche Außenseiterfiguren wie hier, die so unbehaust und intensiv wirken, auch aus ihrem eigenen Leben heraus spielte; dass das auch auf Johnny Depp zutrifft, den ich zwar aus „Arizona Dream“ schon in einer ähnlichen Rolle kannte, aber in diesem noch jungen Alter doch mehr als Captain Jack Sparrow aus den „Fluch der Karibik“-Filmen, habe ich mir im Nachgang zu „Gilbert Grape“ für die Rezension angelesen. Es kommt selten etwas von nichts, und natürlich steigert das Wissen um die Schicksale der Hauptdarsteller noch einmal das Gefühl, alles sei verdammt echt. Hinzu kommt natürlich Darlene Cates als Mutter Bonnie.

Auch wenn es nicht sehr PoC-gemäß ist, sie ist im Grunde die Sensation. Nie zuvor wurde eine so übergewichtige Person im Kino dar- und vorgestellt, und natürlich erreicht das Voyeuristische, das die Leute im Ort ihr entgegenbringen, auch den Zuschauer. Ich wusste, dass es Menschen gibt, die nur noch per Kran bewegt werden können, sogar welche, die noch mehr wiegen als Bonnie, aber auch das ist typisch für diese Aufbruchzeit der frühen 1990er, dass solche Figuren plötzlich in Filmen auftauchen. Natürlich habe ich mir auch das Leben der Darstellerin kurz angeschaut und die Parallelen zum Film gesehen. Es ist ganz unmöglich, zu diesen Charakteren keine Haltung einzunehmen.

Ausgerechnet Arnie, der geistig behinderte Junge, wird vom Darsteller mit der „intaktesten“ Biografie, nämlich Leo DiCaprio dargestellt, der nach vielen Versuchen für „The Revenant“ nun endlich einen Oscar bekommen hat. Eine Nominierung erhielt er erstmalig schon für seinen Arnie in „Gilbert Grape“. Und er liefert eindeutig die eindrucksvollste Leistung in diesem Film ab. Man kann Außenseitertypen noch einmal besonders gut spielen, besser als andere Außenseiter, einer zu sein, befördert sicher die Mimikry, das eigene Rollenbewusstsein, aber deswegen wird man noch kein Johnny Depp. Aber wie DiCaprio sich der Rolle des „besonderen“ Jungen annimmt, ist fantastisch, und ich werde, je mehr ich von ihm sehe, mehr und mehr ein Fan von ihm. Ich hatte ihn zunächst durch Tränenschmalz-Blockbustern wie „Titanic“ kennengelernt und ihm aufgrund dieser Art von Kino mit seinen gestanzten Figuren und Handlungsabläufen immer etwas distanziert gegenübergestanden. Sowohl Depp wie DiCaprio haben übrigens (auch) deutsche Wurzeln, ebenso wie Brad Pitt, und gehören einer Generation von Schauspielern an, die Hollywood in den beiden vergangenen Jahrzehnten geprägt haben.

Auch die Nebenrollen sind gut gespielt und sehr individuell, sodass ein rundes Bild entsteht, und eine Führung durchs amerikanische Provinzleben, der man sich gerne anvertraut, auch wenn man immer im Hinterkopf behalten muss, dass die wirklichen Rednecks meist nicht so ausgeprägt verschieden sind wie die Charaktere in diesem Film. Aber auch das Homogene und wirklich Eintönige kann man ja filmisch gut umsetzen und spannend machen.

Lasse Hallström scheint ein Familienfachmann zu sein, der Orte und Menschen in der amerikanischen Einöde als Skandinavier offenbar gut porträtieren kann. Zum Ort selbst allerdings ein paar Anmerkungen.

Wie ist das Setting?

Man kennt diese Kleinstädte aus vielen Filmen. Endora wird zu Beginn als besonders trostlos verkauft, das verliert sich aber im Verlauf immer mehr, als zu bestimmten Ereignissen, wie den Wasserturmbesteigungen Arnies, immer viele Menschen auftauchen und besonders aufgrund des Seafood-Foodland-Hypermarktes, der von einer 1.091 Einwohner-Stadt nicht existieren könnte. Entweder versorgt er ein ganzes Einzugsgebiet oder liegt bereits in einer größeren Nachbargemeinde, die dann aber auch für die Leute aus Endora alle Einrichtungen eines Mittelzentrums bereithalten dürfte, weshalb das Bild vom besonders abgeschnittenen Leben im Beinahe-Nichts ein wenig ins Wanken kommt. Auch die Town Hall, in welcher der Sheriff sein Büro hat, wirkt deutlich überproportioniert für ein 1000 Seelen-Dorf. Sie muss nicht in Endora liegen, aber das County als Ganzes macht doch einen recht besiedelten Eindruck. Es liegt übrigens in Texas, nicht in Iowa, das ist nur der Spielort.

Anfangs hilft es natürlich, dass man diesen Eindruck von Verlorenheit hat, und erklärt den Zusammenhalt der Familie, aber dann zeigt sich doch eine Art Vernetzung, in die Gilbert eingebunden ist. Sein Arbeitgeber, der mit seinem Kaufladen keine Chance gegen das Foodland hat, seine beiden Freunde, von denen einer über sein Business als Bestattungsunternehmer sinniert, der andere aber hilft ihm immer wieder, das marode Haus der Grapes, das keinen Außenanstrich besitzt, gerade so zu erhalten. Er bekommt dann einen Burgerstand und ist ein echter Buddy.

Das Haus steht in seiner baulich schwierigen Situation sinnbildlich für die Familie. Alles ächzt in den Fugen, aber irgendwie schaffen es das Haus und seine Bewohner, über die Runden zu kommen. Am Ende, als Gilbert das Haus anzündet, in dem sich noch seine tote Mutter befindet, damit sie nicht mit einem Kran herausgehoben werden muss und damit zum Schaustück wird, befreit er sich und die Verbliebenen und das alte Haus von den Mühen der bisherigen Existenz und wird mobil.

Finale

„Gilbert Grape“ ist nicht so exzentrisch wie „Arizona Dream“, der Vor-Vorfilm mit Johnny Depp. Den dazwischen liegenden „Benny & Joohn“, der ebenfalls von Außenseiterfiguren handelt, kenne ich noch nicht, aber auf jeden Fall das Anschauen wert. Und man kann darüber nachdenken, was am Ende bleibt. Ist es richtig, dass ein junger Mann, der von klein auf eine im Grunde übermenschliche Verantwortung tragen musste, sich freiwillig weiterhin der Betreuung eines anderen Menschen widmet, braucht er das vielleicht sogar, weil ihm ohne das Sich-sorgen-Müssen etwas fehlen würde? Und was ist es, was in einem Leben wirklich erfüllend und manchmal auch witzig sein kann, wobei Letzteres wohl mehr den Zuschauer so anmutet, als dass Beteiligte an einem täglichen Familiendrama es auf diese Weise empfinden.

Es ist eine andere Welt, für die meisten von uns, aber eine vorstellbare. Interessanterweise war es bei mir nach dem Film so, dass ich mich etwas aus der Welt gefühlt habe, und nicht so, dass die Figuren aus einer etwas anderen und nicht alltäglichen Welt sind.

84/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Lasse Hallström
Drehbuch Peter Hedges
Produktion David Matalon,
Bertil Ohlsson,
Meir Teper
Musik Björn Isfält,
Alan Parker,
Joseph S. DeBeasi
Kamera Sven Nykvist
Schnitt Andrew Mondshein
Besetzung

 

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