Faustrecht der Prärie / Tombstone / Mein Liebling Clementine (My Darling Clementine, USA 1946) #Filmfest 823 #DGR

Filmfest 823 Cinema – Die große Rezension

 Faustrecht der Prärie (Originaltitel My Darling Clementine, deutsche Alternativtitel Tombstone und Mein Liebling Clementine) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von John Ford aus dem Jahr 1946. Der Western basiert auf der 1931 veröffentlichten Biografie Wyatt Earp, Frontier Marshal von Stuart N. LakeHenry Fonda spielt darin den Marshal, der gegen die Clanton-Familie antritt, um den Tod seines Bruders zu rächen. 

Der Kampf am O.K. Corral ist wohl die Handlung, die am häufigsten im Western verewigt worden ist; jenes Eregnis, an dem sich die Earp-Brüder, unterstützt von Doc Holliday, auf der einen und die Clanton-Familie auf der anderen Seite gegenüberstanden. Einer dieser Filme trägt auch den Titel „Gunfight at the O.K. Corral“ und ist für uns bisher der prägendste dieser Adaptionen einer wahren Geschichte gewesen. Ändert sich dies nun mit dem Werk von John Ford, das mit dem unauffälligen Titel „My Darling Clementine“ daherkommt? Darüber und über weitere Aspekte des Films schreiben wir in der – Rezension.

Handlung[1]

Arizona im Jahr 1882: Die Brüder Wyatt, Virgil, Morgan und James Earp treiben eine Rinderherde durch das Land. In der Nähe der Stadt Tombstone rasten sie. Die drei älteren Brüder reiten in die Stadt und lassen den jüngsten Bruder James bei der Herde zurück. Tombstone wird von Gesetzlosigkeit und Chaos beherrscht. Als Wyatt einen betrunkenen und randalierenden Indianer bändigt, wird ihm das Amt des Marshals angetragen.

Wyatt lehnt zunächst ab, doch als die Brüder feststellen müssen, dass James ermordet und die Herde gestohlen wurde, nimmt er das Amt an, um die Mörder seines Bruders zu finden. Nach anfänglichem Misstrauen fasst der TBC-kranke Arzt und Spieler Doc Holliday, der mächtigste Mann von Tombstone, Vertrauen zu dem neuen Marshal. Auch Wyatt ist von dem innerlich zerrissenen Trinker Holliday beeindruckt, als dieser bei einer Theateraufführung vor dem johlenden Publikum Tombstones die Worte des Hamlet-Monologs, die dem betrunkenen Schauspieler entfallen sind, in bewegender Weise zu Ende spricht. Wyatt Earp, frisch rasiert und vornehm gekleidet, findet sich schnell in seinem neuen Amt zurecht und demonstriert der Stadt seine Autorität.

Aus dem Osten der Vereinigten Staaten reist die Krankenschwester Clementine Carter an, um ihren ehemaligen Verlobten Holliday zurückzuholen. Holliday, inzwischen mit der Bardame Chihuahua liiert, weist sie zurück und fordert sie auf, wieder abzureisen. Am Sonntagmorgen läuten in Tombstone erstmals die Kirchenglocken der noch unvollendeten Kirche. Die rechtschaffenen Bürger Tombstones feiern das Ereignis mit einer Tanzveranstaltung auf dem Kirchenboden, zu der Wyatt Clementine ausführt.

Auf der Suche nach den Mördern geraten zunächst die Clantons, der despotische Old Man Clanton und seine vier Söhne, ins Visier der Earps, doch Wyatt findet eine Medaille, die im Besitz von James war, bei Chihuahua. Als Wyatt Doc Holliday als mutmaßlichen Mörder seines Bruders festnehmen will, gesteht Chihuahua, dass sie die Medaille von Billy Clanton bekommen hat. Während dieses Geständnisses schießt Billy Clanton auf Chihuahua. Der flüchtige Billy wird von Virgil Earp verfolgt, doch Old Man Clanton erschießt den Verfolger. Doc Holliday versucht mit einer Notoperation die schwerverletzte Chihuahua zu retten, doch sie stirbt an den Folgen ihrer Verletzung.

Wyatt und Morgan Earp werden von den Clantons, die sich nun endgültig als Mörder des Bruders entpuppt haben, herausgefordert, sich im Morgengrauen am O. K. Corral zu einem Duell einzufinden. Doc Holliday, vom Tod Chihuahuas schwer gezeichnet, gesellt sich zu den Earps, um sich den Clantons zum Showdown zu stellen. Alle Clantons sterben bei der Schießerei und auch Doc Holliday, von einem Hustenanfall geschüttelt, findet den Tod durch gegnerische Kugeln. Clementine beschließt, als Schullehrerin und Krankenschwester in Tombstone zu bleiben. Wyatt, der mit Morgan abreist, um ihren Vater zu besuchen, verabschiedet sich mit einem Kuss von ihr und verspricht ihr, zurückzukommen.

Rezension

Es ist ein Wangenkuss! Das konnte sich vielleicht schon damals nur ein Regisseur wie John Ford erlauben oder er wurde gerade durch die Mischung aus visuellem Pathos und erhabener Schlichtheit der Charaktere, die diesen Film auszeichnet, so berühmt.

Nachdem Fords Ringo 1939 die Renaissance des modernen Westerns eingeleitet hatte, war Faustrecht der Prärie ein weiterer Schritt des Regisseurs in seiner Entwicklung hin zu ernsthaften, „erwachsenen“ Themen im Western, die mit Der Schwarze Falke (1956) ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Der Film, dessen Hauptthema die Gründung einer zivilisierten Gesellschaft im Grenzgebiet des Wilden Westens ist, gilt als Klassiker des Genres.

Des modernen klassischen Westerns, muss es aus heutiger Sicht heißen, denn in den 1960ern änderte sich der Ton noch einmal grundlegend und mündete in die heutigen Neo-Western.

Eines müssen Sie unbedingt, bevor Sie sich Filme wie diesen anschauen. Die Handlung, die Sie gezeigt bekommen, kritisch anschauen. Nicht nur, dass im Film von John Ford die Abläufe anders dargestellt werden, als sie in Wirklichkeit waren, John Ford war damals führend an der Mythologisierung des Westens beteiligt, die es unmöglich machte, Gut und Böse nicht eindeutig voneinander zu trennen. Also sind die Earps, wie bis heute im kollektiven Gedächtnis wohl verankert, die Guten und die Clantons die Bösen. Lesen Sie bitte die Wikipedia zu den damaligen Ereignissen, dann wird Ihnen klar, wie Hollywood sich die Geschichte so gebastelt hat, dass sie ins Bild passt, das man aufrecht erhalten wollte. John Ford hat später selbst an der Entmythologisierung mitgewirkt und man sagt, er sei aus dem Zweiten Weltkrieg, wo er als Filmberichterstatter arbeitete und Dokumentarfeatures machte, skeptischer  zurückgekehrt, als er zuvor war, aber „My Darling Clementine“ merkt man das noch nicht an. Der Film ist am Ende sehr optimistisch, auch wegen der Titelfigur, die es in der Realität ebenfalls nicht gegeben haben dürfte, denn die Earps waren verheiratet, als sie nach der Stadt zogen, die tatsächlich und sehr passend „Grabstein“ heißt. Dass sie trotzdem eine Boomtown wurde, aufgrund von Silberfunden in dieser zuvor wüsten Gegend der Wüste von Arizona, liegt daran, dass Bodenschätze und Geld immer ziehen. In den Western, die dort spielen, wirkt die Stadt viel kleiner, als sie zu dem Zeitpunkt wirklich war. Es hat natürlich auch Budgetgründe, im Wesentlichen nur einen Straßenzug nachzubauen, dient aber auch der Übersichtlichkeit und der besseren Scheidung von Gut und Böse anhand weniger Personen, die offenbar in der Stadt Schwergewichte des öffentlichen Lebens darstellen.

Im Film von Ford gibt es neben den historischen Verfälschungen auch mindestens eine grobe Ungenauheit: Einige Bürger wollen den Earps helfen, diese lehnen die Hilfe ab, doch ohne weitere Kommentierung sind sie dann doch dabei, als es zum O.K. Corral geht, schießen aber wiederum offensichtlich nicht mit. Es liegt in diesem Fall auch nicht an Kürzungen der deutschen Fassung, die von der Länge her dem entspricht, was die Wikipedia für die Originalfassung angibt.

Western, die nicht auf historischen Gegebenheiten haben den unbestreitbaren Vorzug, dass nach Herzenslust mythologisiert werden darf, ohne dass man das Gefühl hat, die Amerikaner betreiben generell gerne Geschichtsverfälschung zugunsten der Ideale einer Nation, die mittlerweile keine Ideale mehr hat. Freilich war das 1946, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht die allgemeine Erkenntnis und wenn die Kirche mit einem Tanzfest eingeweiht wird, noch im Rohbau, nur der Turm mit der Glocke ist schon zu erkennen und die beiden amerikanischen Flaggen im Vordergrund stramm im Wind wehen, dahinter der sehr typisch ford’sche stark konturierte Himmel, dann ist das schon auch ergreifend und im höchsten Sinne des Wortes pittoresk, um die Synthese von Ost und West in einer idealisierten, neuen amerikanischen Gesellschaft darzustellen.

Wie überhaupt die Visualität weit über dem Durchschnitt liegt. Ebenfalls sehr beeindruckend die Szene, in de Doch Holliday um das Leben von Chihuahua kämpft, nur eine Ölfunzel, die jemand hochhält dient als OP-Lampe. Die Umstehenden, die helfen, sieht man nur als Schatten im Schein dieser Lampe und was man hört, ist die unbekümmerte, aufdringliche Musik und der übrige Lärm aus den benachbarten Saloons. Das ist durchaus schon ein Ansatz von realistischem Kommentar, aber Ford platziert ihn so, dass er sich nicht in den Vordergrund drängt. Und es ist toll gefilmt, keine Frage. Von der Logik her hätte es keinen Unterschied ergeben, ob man das übrige Licht in der Kneipe hätte brennen lassen, aber so wirkt die Szene beinahe biblisch. Leider auch im moralischen Sinne, denn Chihuahau, das hätten wir da schon merken müssen, kann nicht überleben, ebenso wie Doc Holliday. Vieles an diesem Film wird deshalb auch kritisch hinterfragt, nicht nur wegen der Geschichtsfälschungen, die wir hier noch einmal in konzentrierter Form wiedergeben wollen:

Ford behauptete, er hätte Wyatt Earp kurz vor dessen Tod in den 1920er-Jahren selbst kennengelernt.[26] Trotz Fords selbsterklärtem Anspruch, Earps Geschichte authentisch wiedergeben zu wollen, weist der Film eine Reihe historischer Ungenauigkeiten und Fehlinterpretationen auf. Die Geschehnisse am O. K. Corral fanden bereits 1881 und nicht erst 1882 statt.[8] Doc Holliday, der Zahnarzt und kein Chirurg war, kam nicht am O. K. Corral um, sondern starb 6 Jahre später an TBC in einem Sanatorium. Auch der alte Clanton war kein Todesopfer der Schießerei, sondern bereits vorher tot. Wyatt Earp war nicht Marshal von Tombstone, sondern sein Bruder Virgil. In Wirklichkeit war Virgil der ältere Bruder von Wyatt und nicht Morgan.

Zudem fand die Verfolgung von Billy Clanton durch Virgil Earp (im Film dramaturgischer Anlass zum Shoot Out am O. K. Corral) nie statt: Billy Clanton kam erst bei der Schießerei am O. K. Corral um, sein Verfolger Virgil fiel nicht einem Rückenschuss durch Billys Vater zum Opfer, sondern einer Lungenentzündung im Jahr 1905. Es war hingegen Morgan, der 1882, also erst nach dem Kampf am O. K. Corral, bei einem Racheakt vermutlicher Clanton-Sympathisanten sein Leben ließ. Der vermeintlich jüngste Earp-Bruder James „Cooksey“ Earp war nicht Jahrgang 1864, sondern 1841. Damit war er nicht der jüngste Earp-Bruder, sondern im Gegenteil der älteste. Auch starb er nicht 18-jährig durch Clanton-Hand, sondern mit 84 Jahren im Jahr 1926.[36]

Wyatt Earp war nicht der Muster-Gesetzeshüter, zu dem er sich selbst hochstilisierte, sondern ein Spieler und Geschäftsmann im Rotlichtmilieu. Der historische Streit mit den Clantons entbrannte beim Kampf um Marktanteile bei Glücksspiel, Prostitution und Rinderdiebstahl in Tombstone.[40] Faustrecht der Prärie ist also keine historisch genaue, sondern eine „poetische, bewusst mythische Nacherzählung der Legende von Wyatt Earp.“[41] French urteilt über den Wahrheitsgehalt des Films: „Faustrecht der Prärie sah nach den maßgeblichen Kriterien von 1946 recht realistisch aus, obwohl er in jeder Weise eine totale Fehlinterpretation der Geschehnisse war, die zum Schusswechsel am O. K. Corral führten, doch […] keine [der nachfolgenden Verfilmungen der Earp-Legende] erreicht die Qualität an Wahrheit wie bei Ford, obschon es bei ihm nur ein erdichteter Mythos war“.[42]

Wir haben bereits ein paar Worte zur Mythologisierung des Westens durch diesen Film geschrieben und nun beim Sichten der Wikipedia entdeckt, dass Kritiker ihn sogar für die Apotheose dieser Mythologisierung halten. Auch, dass Ford hier noch optimistisch zu Werke geht, gleichzeitig aber auch prognostisch und seine wohl ernüchternden Kriegserfahrungen dabei eine Projektion einbringt, ergänzt das, was wir oben beschrieben haben. Die verbal etwas plump wirkende Schlussszene allerdings wurde von der 20th Century Fox einem anderen Regisseur zum Nachdreh übergeben, John Ford wollte eher offenlassen, wie es mit Clementine und Wyatt Earp weitergeht. Überhaupt mischte sich die Produktionsfirma, eines der A-Studios von Hollywood, das in den 1950ern für seine technisch hochwertigen und progressiven Filme sowie dafür berühmt werden sollte, dass es, wie MGM, die immer schon so verfahren waren, keine B-Pictures herstellte, stark ein und unterzog auch den Score einer dramatisierenden Nachbehandlung. Nicht zuletzt deswegen verweigerte sich Ford einem für damalige Verhältnisse herausragenden Langfristvertrag mit dem Studio und ging die Kooperation mit John Wayne ein und machte sich als Produzent unabhängig. Von da ab wurden die Filme auch düsterer, wenn man von dem für einen Western ungewöhnlich süßen „Spuren im Sand“ absieht, der eher eine Weihnachtsgeschichte im Westernsetting ist.

Schon, bevor er als Dokumentarfilmer in den Zweiten Weltkrieg zog, hatte Ford nicht weniger als drei Oscars als bester Regisseur gewonnen, das blieb lange unerreicht und bewahrte ihn trotzdem nicht vor Eingriffen des Studios in „My Darling Clementine“, was wiederum die Macht der Studiobosse jener Jahre erläutert. Dass an dem Film noch herumgedoktert wurde, als wäre Doc Holliday selbst zugange, ist auch kein Spezifikum der 20th Century Fox gewesen.

Über die Hintergründe des Films ist, wie bei allem, was Ford gemacht hat, sehr viel geschrieben worden, das werden wir gerade deswegen, weil die Wikipedia es zusammenfasst und wir damit wieder ein Werk vor uns haben, dessen Bearbeitung in der Online-Enzyklopädie den Grund herausstellt, warum wir uns unsererseits recht großzügig in der Wikipedia bedienen, nicht komplett bzw. in allen Details wiedergeben. Mir hat der Film Spaß gemacht, weil er auch ein Schwellenfilm ist. Noch nicht in der direkten Weise psychologisierend wie spätere Western und vor allem mit einer deutschen Synchronisierung versehen, die ich als Glücksfall erachte. Die Dialoge werden vom Ton her in ihrer Knappheit akzentuiert und es wurde auf den sehnsuchtsvollen, edlen Zungenschlag verzichtet, der häufig die Nachkriegssynchronisierungen kennzeichnet, durch die US-Filme edler wirken, als wenn man sie im Original anschaut. Im Gegenteil, vor allem die humoristischen Momente kommen durch die raue Sprache mit verkürzten Sätzen gut zur Geltung. Eine Mischung aus Schlichtheit und Pathos, die man selten findet und ganz sicher ein Höhepunkt in John Fords Schaffen bis zu diesem Zeitpunkt. So wird es jedenfalls heute gesehen, die zeitgenössischen Kritiken waren verhalten-positiv, betonten aber auch echte oder vermeintliche Nachteile wie die mangelnde Action und das Abschweifen im Mittelteil.

In der Tat wirkt der Teil mit den Frauen um Doc Holliday, von denen dann eine recht leichtfüßig zu Wyatt Earp wechselt, ein wenig verspielt, aber wenn man ihn in den Mythos einordnet, ergibt er Sinn. Demnach stellt Wyatt Earp, zumal ihn der auf integere Charaktere spezialisierte Henry Fonda darstellt, den Mann, der die Zivilisation bringt, von Dodge City kommend, wo er das schon geschafft hat, sich gleichzeitig vom Rächer zum Sheriff aus Leidenschaft wandelt. Doc Holliday steht für einen mit Problemen beladenen Menschen, der letztlich untergeht, obwohl er ohne Eitelkeiten den heroischen Kampf an der Seite von Earp führt, seinem neuen Freund. Man kann es natürlich auch so interpretieren, dass er schon so sehr an Tuberkulose leidet, dass er weiß, er wird in Kürze ohnehin das Zeitliche segnen. Das wäre die schlichte Deutung, nicht die mythische, die auch das Schicksal von Chihuahua einschließt.

Den dramaturgischen Gegensatz zwischen Doc Holliday und Chihuahua auf der einen Seite und Wyatt Earp und Clementine auf der anderen Seite betont Ford, indem er dem ersten Paar die Nachtszenen und dem zweiten die Tagszenen zuweist. Die Nacht, inszeniert als kontraststarker Kampf zwischen Dunkelheit und Licht mit expressiven Schattenwürfen, ist die zu Ende gehende wilde und gesetzlose Zeit, für die Doc und Chihuahua stehen. Mit Earp und Clementine wird, so Jeier „die zivilisierte Phase in der Geschichte von Tombstone eingeleitet“.[19] Für diese stehen die Tagszenen mit ihrem offenen, unverbauten Blick und dem „optimistischen“ Wetter.[39]

Chihuahua ist, wie Kitses anmerkt, „ein unglückliches Beispiel für die ethnische Vorverurteilung, die sich durch weite Strecken von Fords Werk zieht“.[61] Anders als die Hure Dallas in Stagecoach, die sich als wahre Trägerin des Anstands entpuppt, wird Chihuahua in Faustrecht der Prärie durch die moralische Instanz Wyatt Earp von Beginn an vorverurteilt. Coyne merkt an, Earps Sinn für Moral enthalte „Elemente einer Vorstellung von Rassenreinheit, die der Film gutzuheißen scheint, indem er sich eines Tadels enthält“. Wyatt Earp sei „auf seine ruhige Art“ ebenso ein Rassist wie Hatfield in Stagecoach und Ethan Edwards in Der schwarze Falke.[62]

Damit es wenigstens eine kleine Handlung von Earp zugunsten von Chihuahua gibt, abgesehen davon, dass er bei der Operation zugegen ist und Doc Holliday zuvor auffordert, seine Eigenschaft als Arzt zu reanimieren, rügt er diesen auch, als der die Geliebte aus der Stadt verjagen will. Bezeichnenderweise ist Letztere eine der nachgedrehten Szenen, die nicht von John Ford selbst stammen.

Spätere Kritiker sahen in ihrem Tod den Rassismus von John Ford gespiegelt, wie sich aus den obigen Zitaten erschließen lässt. Die dunkle Schönheit, Halbmexikanerin und mit indianischen Anteilen zumal, musste sterben, sie ist gefährlich und sogar untreu. Ihr Tod macht den Weg frei für die Ostküsten-Amerikanerin Clementine, die den Weg in den Westen findet und in ihrer Person das Beste aus beiden Welten verbindet. Diese wiederum wendet sich alsbald instinktiv dem mental und physisch gesunden Wyatt Earp zu, und das in einer der schönsten Spaziergangs- und Tanzsequenzen, die je gefilmt wurden, wie Kritiker zu recht feststellen. Der Moment, in dem die beiden nebeneinander stehen und sie beginnt, mitzuklatschen, als der Traditional gespielt wird, zu dem einige schon tanzen, auf ihn blickt und so eine Mischung aus Scheu und unbedinger Lust, es zu versuchen, verkörpert, ist große Klasse und der berührendste in diesem Film, eingebettet in das oben schon dargestellte gemäldehafte  Szenario. Da müssen die anderen Tänzer:innen weichen, als die beiden es wagen, denn hier präsentiert Ford den Höhepunkt der Vereinigung es Besten vom Besten.

Finale

Filme wie diese haben das Amerikabild vieler Menschen meiner Generation geprägt und sind heute natürlich auch Sehnsuchtsfilme, die Pioniergeist, Aufrichtigkeit, den Mut, etwas Bleibendes und Schönes aufzubauen, in eine Zeit hineintragen, in der es nun wirklich ganz anders aussieht. Man muss das genießen können, man darf auch wehmütig zurückblicken, wohl wissend um die vielen Verfälschungen und sonstigen Fallstricke in Filmen wie diesem. Es ist richtig, sich davon mitreißen, vielleicht sogar inspirieren zu lassen um für das Richtige einzutreten, aber es ist wichtig, zu wissen, dass Ford im Wissen um die Realität ein Traumbild schuf. Weil er so ein herausragender Regisseur ist, gelingt das so gut, dass seine Filme damals wiederum die Wirklichkeit beeinflussten und das Bild der Amerikaner von sich selbst als auserwählte Nation stärkte, das in den Vorkriegsfilmen gar nicht so präsent war wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir schließen eine Zusammenfassung der Zusammenfassung an:

  • Die Fox / 20th Century Fox hatte die Filmrechte an dem 1931 erschienen Roman, der die Grundlage auch für „My Darling Clementine“ bildete und die Earps ziemlich verherrlichte, schon 1934 erworben und ihn 1934 und 1939 verfilmt. John Ford behauptete, er kenne die 1939er Version nicht, bildet sie aber in „My Darling Clementine“ teilweise exakt nach.
  • Die Rolle von Doc Holliday sollte ursprünglich von Tyrone Power, dem damals größten Kassenmagneten des Studios, übernommen werden. Bei Victor Mature hatte man zunächst Bedenken, dass dieser kräftige, robust wirkende Mann in der Rolle des Doc Holliday nicht funktionieren würde. In der Tat kann ich mir dafür auch andere Schauspieler vorstellen, Humphrey Bogart wäre beispielsweise sehr geeignet gewesen, während Henry Fonda perfekt geeignet für die Idealisierung von Wyatt Earp ist.
  • Der oben erwähnten Unstimmigkeit im Handlungsablauf kommen wir nun doch auf die Spur, wenn wir lesen, dass Fox-Chef Darryl F. Zanuck den Film zu lang und zu abschweifend fand, wie Ford ihn vorgelegt hatte und persönlich zehn Minuten herauskürzte. Dadurch geht wohl auch einiges an Differenzierung im Verhalten der Bürger von Tombstone verloren. Es ist aber wohl nicht so schlimm wie mit der deutschen Fassung von „Bis zum letzten Mann“ (1948), dem zweiten Teil der Kavallerie-Trilogie, schon unabhängig produziert, länger und vom deutschen Verleih geradezu verstümmelt, was u. a. zu harschen, geradezu amateurhaft wirkenden Schnitten führt. Diesen Film daher unbedingt im Original anschauen, denn es gibt m. E. bis heute keine rekonstruierte und ergänzte deutsche Fassung.
  • Schon 1947 wurde der Stil, den Henry Fonda als Wyatt Earp zeigt, als ein Rückgriff auf die Vergangenheit angesehen, in der die Welt idealistischer war, sprich, auf die Periode, mit der Die USA mit dem New Deal aus der Great Depression fanden und Henry Fonda und John Ford zu ihrer genialen Zusammenarbeit bei der Darstellung dieser Zeit zusammenfanden: „Früchte des Zorns“ (1940). Ebenso gut kann man aber auch die andere Variante vertreten, nämlich, dass John Ford ihn in „My Darling Clementine“ nicht nur als Deuter der Vergangenheit, sondern auch als Hoffnungsträger für die Zukunft installieren wollte.
  • Vielfach werden die „nachlässigen“ oder „ruhigen“ Momente des Films als seine besten bezeichnet, indem sie auf „utopische Weise das Leben an der Grenze der Zivilisation“ bebildern und dabei „wie verzaubert“ wirken. Dazu gehört unbedingt die erwähnte Tanzszene, die belegt, dass das Medium Film allen anderen überlegen ist, wenn es um die synästhetischen Aspekte, das umfassende Erleben einer wie auch immer gearteten, hier idealisierten Szenerie geht.
  • Die Behandlung von Konfliktsituaton zitieren wir lieber direkt aus der Wikipedia, um bei den filmtechnischen Einlassungen keine Verschiebung durch Verkürzung zu provozieren: Auch Konfliktsituationen werden zuvorderst visuell umgesetzt. Die Mise en Scènewird beispielsweise in den Saloon-Szenen in die Tiefe des Raums gestaffelt und mit großer Schärfentiefe umgesetzt, die dazu dient, „die Figuren in ihre Umgebung einzupflanzen“, so Kitses.[29] Die Weite der Wildnis und die dort herrschenden Konflikte werden so in die langgezogenen, niedrigen und auch im Raumhintergrund stark beleuchteten Räume des Saloons getragen.[35] Den sich dort anbahnenden Konflikt zwischen Wyatt und Doc betont Ford durch das Mittel eines Achsensprungs zwischen den Closeups der beiden Darsteller.[35]
  • Weiterhin verfälscht Ford die wahre Geschichte nicht nur inhaltlich, sondern dampft sie auch auf wenige Tage ein, stellt also (beinahe) die Einheit von Ort und Zeit her, die zum Beispiel als wichtiges Kriterium für klassische Kurzgeschichten gilt. Dort wird sie allerdings noch einmal strenger aufgefasst.
  • Bisher galt für mich als sicher, dass in Fred Zinnemanns „High Noon“ sechs Jahre später die erste gesungene Titelmelodie eines Westerns zu hören war („Do not forsake my, oh my Darling“). Aber hier hören wir „My Darling Clementine“ ebenfalls schon im Vorspann und erfahren so etwas über das Ende des Films. Allerdings gehört „Do not forsake me“ zum smashigen Score von Dimitri Tiomkin, während „My Darling“ ein Traditional ist und auch so gespielt wird.
  • Eine der „Lässigkeiten“ Fords, mag man denken, ist die Implementierung der Theatertruppe mit ihrem Hauptakteur, der aus „Hamlet“ zitiert, sodass sogar der Saloon ruhig wird, aber er wird Opfer eines alkoholbedingten Blackouts und der notabene gebildete Doc Holliday vollendet die Szene: Im Zusammenhang mit [der] tragischen Figurendisposition sieht Kitses den Bezug auch den Monolog aus Hamlet, den Holliday an Stelle des betrunkenen Schauspielers zu Ende spricht. Doc Holliday sei wie Hamlet „eine entzweite Seele, die ihre Vergangenheit leugnet, […] verflucht und selbstzerstörerisch“.[53] Sein Gegenpart sei Clementine, die wie Ophelia all das repräsentiert, was er verleugnet. Dass Holliday sich schließlich für die Sache der Gemeinschaft opfert, macht ihn in Baxters Augen zum „wahren Fordschen Helden“, zum Märtyrer, dem der „recht direkte Ehrgeiz“ Earps abgehe.[54]
  • Man merke dem Film an, dass einige Beteiligte, darunter prominent Ford selbst, gerade aus dem Krieg heimgekehrt waren, denn der Darstellung von Fonda als Wyatt Earp hafte etwas militärisch-kommandeurhaftes an. In der Tat, die erwähnte Knappheit der Dialoge, die Earp spricht, hat so etwas, sie widerspricht auch Fondas früheren Darstellungen, in denen er viel modulierter spricht als zu jener Zeit bei Hollywoodschauspielern üblich, etwa in „Trommeln am Mohawk“ oder in „Früchte des Zorns“, obwohl er dort einen Mann einfacher Abstammung verkörpert und mit demselben Regisseur arbeitet. Aber Fonda konnte diese Unterschiede und zählt bis heute zu den besten Darstellern unter den Hollywoodstars.

Wir schließen diese Darstellung mit einem etwas zwiespältigen Gefühl und merken nun auch, warum wir ein paar Tage nach dem Anschauen gewartet haben, bis wir sie fertigen. Der Distanz wegen. Denn auf der emotionalen Ebene funktioniert dieser Film herausragend, das haben Kinostücke wie dieses bei uns immer schon getan. Wäre das nicht der Fall, würden wir wohl über das Medium nicht schreiben, denn wir tun das nicht, um uns einer wenig erfreulichen Herausforderung zu stellen, sondern, weil es uns überwiegend Spaß macht. Rein filmkünstlerisch und unter Betrachtung des emotionalen Gehalts, der selbstverständlich auch für mich durch eine Projektion verstärkt wurde, die der Film erlaubt würde er zu den besten zählen, die wir bisher rezensiert haben, aber man darf die Augen auch nicht vor Unwahrheiten und Manipulationen verschließen, die darin enthalten sind. Dennoch:

81/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie John Ford
Drehbuch Samuel G. Engel,
Winston Miller,
Sam Hellman (Screen Story)
Produktion Samuel G. Engel
Musik Cyril J. Mockridge
Kamera Joseph MacDonald
Schnitt Dorothy Spencer
Besetzung

 

 

 

 

[1] Faustrecht der Prärie – Wikipedia

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