Bienzle und die blinde Wut – Tatort 427 #Crimetime 1129 #Stuttgart #Bienzle #SWR #Wut #blind

Crimetime 1129 – Titelfoto ©  SWR 

Bienzle und die blinde Wut ist eine Folge der Krimireihe Tatort. Die Erstausstrahlung des vom Südwestrundfunk unter der Regie von Hartmut Griesmayr produzierten Beitrags fand am 14. November 1999 im Ersten Deutschen Fernsehen statt. Es handelt sich um die 427. Episode der Filmreihe sowie die zehnte mit dem Stuttgarter Kommissar Ernst Bienzle.

In Stuttgart kam es schon einmal zuvor zu einem Tatort namens „Blinde Wut“ (Nr. 132 mit Kommissar Lutz), aber dank der Voranstellung des Namens seines Nachfolgers ist die Verwechslungsgefahr gering. Trotzdem gibt es zu denken, dass innerhalb doch recht kurzer Zeit zwei Mal die Wut in Stuttgart umgeht und zu gewaltsam erzeugten Todesfällen führt. Wer weiß, warum gerade dort die Wutbürger entstanden sind. An dem braven Bienzle und seinen Ermittlungen sollte es nicht gelegen haben. Mehr zum Film selbst steht in der -> Rezension.

Handlung

Albert Horrenried ist der reichste Mann in Heimerbach auf der Schwäbischen Alb. Nicht nur, weil er ein guter Geschäftsmann ist und sein Sägewerk floriert, sondern auch, weil er rücksichtslos seine Ziele verfolgt und keinen Respekt vor den Gefühlen anderer kennt.

Seinen Angestellten wird kein Fehler nachgesehen und wenn jemand sich beim Krankfeiern erwischen lässt, wie der Arbeiter Peter Schäfer, wird er fristlos gefeuert. Seinen viel weicheren Bruder Martin hat er einst um das gemeinsame väterliche Erbe betrogen. Als Martin seinen Stolz überwindet, um bei Albert finanzielle Unterstützung für seinen Sohn Uli zu erbitten, stößt der ihn zurück.

Alberts Freundin Claudia Kranzmeier hat sich mit Alberts rabiater Art arrangiert, denn bei ihm fand sie wirtschaftliche Sicherheit und gesellschaftlichen Rückhalt. Sie hofft auf Heirat, kann aber der Versuchung nicht widerstehen, mit Alberts attraktivem Neffen Uli ein Verhältnis anzufangen. Albert ist kein Mann, der verzeiht, und als er Claudias Seitensprung entdeckt, demütigt er sie und dreht ihr den Geldhahn zu.Auch Bienzle lernt Albert von seiner aufbrausenden Seite kennen.

Es gelingt ihm gerade noch, zu verhindern, dass Albert im Zorn auf den Bruder schießt, und der Kommissar versucht, Albert zu beruhigen. Was Bienzle wiederum ein wenig von seinem eigenen Kummer und von seiner Scham ablenkt. Immerhin ist er nur auf der Schwäbischen Alb, weil er Ex-Freundin Hannelore nachspioniert, die mit einem Unbekannten hierher gereist ist. Bienzle ist nicht stolz auf sich, kann aber dem Drang, Bescheid wissen zu wollen, nicht widerstehen.

Als Albert Horrenried am Morgen tot im Sägewerk aufgefunden wird, hat Bienzle einen Grund in Heimerbach zu bleiben. Er übernimmt die Ermittlungen und versucht gleichzeitig, Hannelore zu versöhnen. In dem Geflecht aus Aggressionen und Interessen rund um Albert Horrenried muss jeder verdächtigt werden. Die Indizien sprechen am stärksten gegen Martin Horrenried. Der beteuert zwar Bienzle gegenüber seine Unschuld, aber der vom Schicksal gebeutelte Mann scheint andererseits innerlich bereit zu sein, die Schuld zu akzeptieren. Als entlastende Beweise gefunden werden, richtet Bienzle sein Augenmerk auf Claudia Kranzmeier, denn er spürt, dass sie ihm etwas verheimlicht. 

Anni und Tom über „Bienzle und die blinde Wut“

Anni: Von 25 Bienzle-Tatorten rangiert „Blinde Wut“ gemäß Bewertungen auf „Tatort-Fundus“ an zehnter Stelle und insgesamt steht er auf Rang 500 unter gegenwärtig 1024 Filmen der Reihe. Sieht eigentlich ganz okay aus, die meisten Bienzles sind für die Fans und Experten der Reihe nicht die Highlights.

Tom: „Bienzle und die blinde Wut“ war auch vom Ablauf der zehnte Tatort mit dem letzten schwäbischen Urgestein unter den Ermittlern im Südwesten. Mich wundert die relativ gute Bewertung etwas, ich finde „Narrenspiel“ oder „Tod im Weinberg“ besser. Die Figuren in „Blinde Wust“ sind furchtbar holzschnittartig angelegt. Nichts gegen Holzschnitte, aber etwas differenzierter ist mir einfach lieber.

Anni: So antikapitalistisch kannst du gar nicht werden, dass du so eine Darstellung eines Unternehmers akzeptierst wie hier von diesem Albert Horrenried? Ich sag dir aber, genau so sind sie. Und zum Holzsägebusiness passt das Holzschnittartige doch – besser als zu irgendwelchen Hightech-Clustern, in denen mehr die internen Rangeleien und sich kreuzende Karrierewege eine Rolle spielen.

Tom: Gut, wir sind im Jahr 1999. Alles macht sich am Charakter von Horrenried fest, nicht an Ausbeutungsmethoden, nirgends wird gesagt, dass er seine Leute schlecht bezahlt, immerhin, und das ist ja sehr bezeichnend, konnte sich der Arbeiter, den er anfangs feuert,als Alleinverdiener ein Haus bauen und die Raten von seinem Gehalt bezahlen und eine Familie ernähren. Er hat sich hoch verschuldet und das geht ja nur, wenn die Bank ein anständiges Einkommen sieht. Ich glaube nicht, dass dieser Subtext so gewollt war, aber gerade das ist ärgerlich.

Anni: Den Subtext wird auch nicht jeder so herauslesen, die meisten Zuseher werden sich eher darauf konzentrieren, dass der Mann einfach ein Arsch ist. Man glaubt immer, sowas gibt es gar nicht mehr, aber ich kann mir gut vorstellen, da draußen auf dem Land, wo so ein Typ der einzige relevante Arbeitgeber ist und mit den anderen fast machen kann, was er will, sind die Verhältnisse manchmal noch so furchtbar hierarchisch und die Kommunikation eben noch aus de vorigen Jahrhundert. Wie auch der Film, einer der letzten Tatorte vor dem Wechsel ins Jahr 2000. Ich weiß, das neue Millennium begann erst 2001, weil ja nicht vom Jahr Null, sondern vom Jahr Eins an gezählt wird.

Tom: Die Charaktere sind alle furchtbar unsympathisch dargestellt. Und die Bienzle-Tatorte aus diesen Jahren um 2000 herum müssen bei einer Wiederholungsreihe immer chronologisch gezeigt werden, damit der Verlauf von Bienzles ewiger Beziehungsfehde mit seiner Hannelore einigermaßen nachvollziehbar ist. Das ist der Nachteil, wenn man das Privatleben eines Ermittlers so stark einbaut, dass sich da sogar eine fortgesetzte Handlung oder ein Verlauf über mehrere Filme hinweg ergibt.

Anni: Sonst wird doch immer bemängelt, dass die Ermittler auf eine so klischeehafte Art keine Beziehung haben können, weil Dienst, einsamer Wolf, die neue Liebe stirbt am Ende des Films oder ist die Täterin. Hier hat man wenigstens mal versucht, eine Entwicklung nachzuzeichnen oder aufzuzeichnen. Und du bist sauer auf Hannelore, weil sie Bienzle am langen Haken hungern lässt.

Tom: Wenn wir schon dabei sind – wieso eigentlich? Sie weiß doch, dass er bei der Polizei ist und es mal Änderungen in der Privatplanung geben muss, wenn er einen Fall zu lösen hat. Das ist halt in dem Job so.

Anni: Zu kurz gesprungen, zu kurz, mein Lieber. Er kreist immer um sich selbst und würdigt ihre Arbeit nicht, das kommt doch klar raus. Sein Dienst für die Aufklärung von Verbrechen ist halt wichtiger als ihre Malerei. Obwohl sie erfolgreich damit ist. Obwohl ja auch der Erfolg nach eurer antikapitalistischen Lesart wiederum gar keine Rolle spielen dürfte, denn alle Arbeit ist gleich zu bewerten, egal, ob sie nützlich ist oder auf welchem Niveau sie ausgeführt wird.

Tom: Foul! Nicht die Begriffe vermengen, ja? Das Recht auf Arbeit ist eine ganz eigene Geschichte, die man getrennt von der Verteilung des Reichtums sehen muss. Aber gut, kommen wir zu Hannelore zurück. Er betrügt sie nicht, er diskriminiert sie nicht, sie ist aus sich selbst heraus ständig unzufrieden und lässt es an ihm aus. Das geht jetzt schon über so viele Filme, dass ich’s nicht mehr sehen kann. Für mich ist das mit ein Grund, waurm die Bienzle-Tatorte nicht sehr hoch bewertet werden, nicht nur deren konservative Machart, die ja gut zu ihm als Typ passt und zum Ländle und die gekontert wird dadurch, dass er selbst einer der sympathischsten und sozialsten Ermittler seiner Zeit war. Und der klassische Aufbau als Whodunit gehört eben bei Felix Huby und seiner Figur Bienzle dazu. Das war eine von mehreren Spielarten in der Reihe und die hatte ihre Berechtigung.

Anni: Niemand hat die Absicht, eine Bienzle-Berechtigung zu bestreiten. Und ich bin ja auch gar nicht der Ansicht, dass seine Filme so schlecht sind, du bist genervt von den Figuren, weil eben alle Männer in dem Film irgendwie schwach oder gemein sind. Manchmal beides in einem. Und die arme Frau Kranzmeier, was ist mit der? Die ist doch gut hinterlegt, obwohl alles nur angedeutet wird. Vielleicht kann man sich in der Großstadt nicht vorstellen, dass jemand seinen Ruf retten und finanzielle Sicherheit suchen will, als Frau, aber da draußen, wo nur Arbeit im Sägewerk ist?

Tom: Gemäß Gender Mainstreaming okkupieren auch dort Frauen sicher schon die gesamte Verwaltung, da findet sich immer ein Job. Schon gut, ich nehm’s zurück. Aber sie ist ja eben auch viel zu plan gezeichnet, was natürlich gut zu ihrer Darstellerin Simone Thomalla passt, die damals aber noch etwas natürlicher aussah als später in ihrer Rolle als Sachsen-Kommmissarin.

Anni: Wow! Als du noch allein rezensiert hast, hast du sie immer gegen die niedrigen Bewertungen und das Geläster der Männer über sie beim Tatort-Fundus in Schutz genommen. Aber klar, jetzt hab ich ja diese Rolle, die Frauen zu verteidigen. Ich finde ihre Figur ganz normal, aber dir ist sie wohl nicht normal genug. Sie ist halt keine Miss Einstein, aber die übrigen Beteiligten sind ja auch ziemlich beschränkt. Ich bin schon froh, dass diese Dörflichkeit nicht so ausgespielt wird wie in den Niedersachsen-Lindholm-Tatorten, wo eine Übermenschin immer lauter Deppen gegenübergestellt wird. Das hast du doch immer so scharf kritisiert. Bei Bienzle wirkt alles, sagen wir mal, symmetrisch und er selbst ist bodenständiger. Nicht dümmer, wohlgemerkt.

Tom: Vielleicht sind mir die Charaktere wirklich zu durchschnittlich und ich bleibe dabei, dass sie nicht sehr ausgefeilt, sondern ziemlich skizzenhaft rüberkommen. Da sind Hannelores Landschaftsbilder weitaus elaborierter. Und diese Verfremdung: Aus Frühlingsgrün mach weiße Nebelwand. Wow. Man sieht stellenweise auch, dass der Tatort nicht chronologisch gefilmt wurde, die Vegetation ist anfangs im Jahreszyklus teilweise weiter entwickelt als zum Beispiel in der Szene, in der sich Bienzle und seine Zicke in den grünen Hügeln treffen.

Anni: Wenn nochmal so ein Wort wie Zicke fällt, darfst du die nächste Rezension allein schreiben, das haben wir alles nicht verdient, nur, weil wir uns Beachtung und Respekt verschaffen wollen. Sei froh, dass nicht alle es auf die konsequent feministische Tour machen und du die gesamte Rezension sprachlich gendern musst.

Tom: Da ist doch jetzt gar nichts zum sprachlich gendern drin. Und in nichtfiktionalen Texten mach ich das sowieso mittlerweile. Heilandsack! Was wollt ihr eigentlich noch?

Anni: Alles. Einfach alles. Und ihr seid so blöd, es uns freiwillig zu geben. Ach, komm, sei nicht so verbiestert. Du hast ja schon die in der Tat ziemlich finstere Stimmung in „Bienzle und die blinde Wut“ angenommen. Humor gibt es in dem Film kaum, das ist leider wahr. Und gerade diese Dörfler funktionieren doch am besten, wenn sie skurril dargestellt werden. Das wird in den Bienzle-Tatorten aber nie getan, man verliert in ihnen nicht die Ernsthaftigkeit aus den Augen und wenn wir von Spielarten sprechen: Angesichts der heutigen Überzogenheit und der manchmal mehr als geschmacklosen Gags in fast allen Tatorten ist diese konservative Normalität doch auch berechtigt, wie die Schiene als solche. Und das sag ich als Berliner Großstadtpflanze, während gewisse Menschen, die in der Provinz aufgewachsen sind, offenbar die realistischen Anklänge in den Bienzle-Filmen aus naheliegenden Gründen nicht so gerne sehen.

Tom: Es geht doch nichts über spekulative Ansätze bezüglich der mentalen Verfassung des Rezensionspartners. Ich finde nicht nur die Figuren, sondern auch die Handlung banal. Ein typischer Konstruktionsplot. Anfänglich gibt es nur zwei Verdächtige, die es natürlich nicht sein können, weil zu verdächtig. Und da die Frau Kranzmeier viel zu wenig böse ist, kann die es auch nicht gewesen sein, da kommt also nur noch der geldgeile Neffe infrage. Das hat man relativ schnell raus. Ich finde den Film nicht nur konservativ, sondern auch sehr konventionell gestrickt.

Anni: Die Plots – also die Whodunits – sind doch alle so aufgebaut. Manchmal kommt das nicht so deutlich raus wie hier, aber meistens schon. Klar, man kann, wie in den Schwedenkrimis, die Zeitstruktur auflösen, um es verwirrender und spannender zu machen, und natürlich ist diese strikt chronologische Erzählweise – naja, auch für Männer gedacht, die in Orten wie diesem Heimerbach wohnen und nur Holz sägen, den lieben langen Tag. Und Nachts vermutlich auch. Manche Jobs wirst du nicht so einfach los, da kannst du nicht immer abschalten. Ja, also diese Männer gucken auch Tatort, und zwar fast alle. Die sind Kernzielgruppe.

Tom: Was ist eigentlich los mit dir, heute?

Anni: Ich bin okay, du auch? Und ich hab auch keine spezielle Disposition, falls du darauf anspielst. Aber du erkennst Hannelores Kampf um einen gleichberechtigten Platz neben Bienzle nicht an. Und das ist gerade das Tückische, dass er so sympathisch ist, dass er sich vorher vorspricht, was er Hannelore zum Geburtstag sagen will, es dann verwirft, so ratlos wirkt, leidet wie ein Hund wegen dieses Verlegers – dieses Linkische, das verdeckt nämlich, dass er auch ein Egozentriker ist, der immer nur an sich denkt, wenn es darum geht, Hannelore wieder einzunorden. Um seine Befindlichkeit, seine Gemütlichkeit in einer Beziehung. Und warum sollen Frauen auch immer unkompliziert sein? Weil Frau Kranzmeier so, sagen wir, etwas linear dargestellt ist? Komischerweise stört mich das weniger als dich, ich weiß ja, wie unterschiedlich Menschen sind.

Tom: Ich hab von sowas noch nie gehört, unterschiedliche oder gar verschiedene Menschen, Quatsch. Also, ich gebe 6/10. Mir hat einfach an diesem Film was Besonderes gefehlt. Etwas Einprägsames. Aber wir können ja ein Momo … Memo …

Anni: Süß.

Tom: Ein Memo für in einem Jahr machen, welche Tatorte sich am besten gehalten haben, in unserer Erinnerung.

Anni: Da wird es dann wohl auch wieder zu Diskrepanzen zwischen uns kommen. So sind wir eben, der eine so, die andere auch so, nur ein bisschen anders. Deswegen gebe ich auch 7/10. Du siehst: nur ein bisschen anders. Freundlicher. Entgegenkommender. Empathischer. Jetzt schaust du genau wie Bienzle, wenn er unter H. leidet. Steht dir aber gut.

6,5/10

© 2022, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ernst Bienzle Dietz-Werner Steck Hannelore Schmiedinger Rita Russek Günter Gächter Rüdiger Wandel Claudia Kranzmeier Simone Thomalla Albert Horrenried Paul Faßnacht Martin Horrenried Thomas Goritzki Uli Horrenried Bernd Gnann

Regie: Hartmut Griesmayr Buch: Felix Huby Kamera: Hans-Jörg Allgeier Musik: Joe Mubare

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