So altert Europa (Statista) + Kommentar: na und? | Newsroom | Bevölkerungsentwicklung

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Liebe Leser:innen,

es ist wieder Infozeit. Ehrlich: Zu welcher Altersgruppe, die in der folgenden Grafik ausgewiesen ist, zählen Sie? Zu welcher möchten Sie einmal zählen? Und wie wollen Sie dann leben, wenn Sie ganz oben angelangt sind? Gegenwärtig werden die meisten von Ihnen, wie wir, zur riesigen Gruppe 15 bis 64 zählen, die aber bis 2100 etwa zehn Prozent Anteile an der Gesamtbevölkerung verlieren wird:

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/deed.de erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Europa steht vor gravierenden demografischen Veränderungen. Im Zeitraum von 2021 bis 2100 wird der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter voraussichtlich zurückgehen, während ältere Menschen voraussichtlich einen steigenden Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen werden. Die Statista-Grafik illustriert diese bevorstehende Entwicklung auf Basis der Prognose des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat). Der Anteil der über 80-Jährigen an der EU-Bevölkerung wird demzufolge zwischen 2021 und 2100 von 6,0 % auf 14,6 % um das Zweieinhalbfache steigen. Die über 65-Jährigen werden Ende des Jahrhunderts 31,3 % der EU-Bevölkerung ausmachen. Derzeit liegt ihr Anteil nur bei 20,8 %. Die Bevölkerungsgruppe im Alter von 15 bis 65 Jahren schrumpft dagegen im selben Zeitraum um etwa 10 Prozentpunkte.

Der Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren nimmt dabei in allen EU-Mitgliedstaaten zu. Der Anstieg innerhalb des letzten Jahrzehnts reicht von 5,2 Prozentpunkten (pp) in Finnland, 5,1 pp in Polen, 4,7 pp in Liechtenstein und 4,6 pp in Tschechien – bis zu 1,3 pp in Deutschland und 0,7 pp in Luxemburg.

Der Anstieg des relativen Anteils älterer Menschen lässt sich durch eine längere Lebensdauer erklären – ein Muster, das sich seit mehreren Jahrzehnten zeigt, da die Lebenserwartung zumindest bis 2019 gestiegen ist. Diese Entwicklung wird oft als „Altern an der Spitze“ der Bevölkerungspyramide bezeichnet.

Die über viele Jahre konstant niedrige Fertilität hat jedoch zur Alterung der Bevölkerung beigetragen, wobei weniger Geburten zu einem Rückgang des Anteils junger Menschen an der Gesamtbevölkerung führten. Dieser Prozess wird als „Alterung am unteren Ende der Bevölkerungspyramide“ bezeichnet und lässt sich an der sich verengenden Basis der EU-Bevölkerungspyramide zwischen 2006 und 2021 beobachten.

Diese Entwicklung gibt es auch in Deutschland, wie diese Statista-Grafik zeigt. Demnach fiel 1950 noch rund jeder elfte Bundesbürger in die Altersgruppe 65+. Im Jahr 2019 trifft das bereits auf jeden fünften zu. Der demografische Wandel ist in Deutschland also in vollem Gang, die Belastungen für das Rentensystem steigen.

Sie kennen sicherlich diese seit vielen Jahren andauernden Warnungen vor einer Überlastung des Rentensystems. Sie sind auch im obigen Erklärungstext von Civey enthalten. Also fangen wir an dieser Stelle damit an, die Dinge einmal vom Kopf auf die Füße zu stellen:

  • Dass das Rentensystem in Deutschland problematisch ist, liegt nicht an der steigenden Lebenserwartung oder gar zu hohen Renten, im Gegenteil, sie sind im EU-Vergleich lächerlich niedrig. Es liegt sehr wohl an der sinkenden Fertilität, aber nur deshalb, weil das Rentensystem, anders als in anderen Ländern, nicht steuerfinanziert ist, sondern auf einer Generationenumlage basiert: Man zahlt die Beiträge für später selbst, mit allen Risiken, die damit einhergehen, zum Beispiel, dass man mehr einzahlt, als man rauskriegen wird, wie das in meiner Generation ganz eindeutig der Fall sein wird. Das hat auch damit zu tun, dass viele bei uns gar nicht einzahlen müssen, auch das ist ein  Unterschied zu anderen Ländern, die sich keine neoliberale Exklusivgruppe erlauben, die weder zur allgemeinen Gesundheitsversorgung noch zum Rententopf etwas beitragen muss. Das geschieht anderswo automatisch, eben dadurch, dass die Rente sich aus Steuern speist. Allerdings muss auch in Deutschland trotz des niedrigen Rentenniveaus mittlerweile ein Steuerzuschuss erfolgen, damit die Löcher in der Rentenkasse nicht immer größer werden. Wären die Renten hierzulande angemessen, müsste ein größerer Anteil an den Steuern dafür verwendet werden. Es würde sich herausstellen, dass zum Beispiel die berühmt-berüchtigte „Schwarze Null“ in weiten Anteilen auf der Generierung eines Investitionsstaus und auf dem Rücken der Rentner:innen erzielt wurde. Der Zwang, Steuereinnahmen zu erzielen, ist hierzulande für die Politik durch diese Handhabe viel zu gering. Man schreibt sich  Dinge gut, die in Wirklichkeit an der Substanz der Menschen und der Infrastruktur zehren. Nur deswegen kann man auch so nachlässig mit der Besteuerung der Reichen umgehen und damit die steigende Ungleichheit fördern. Diese Ungleichheit wird sich noch stärker zeigen, wenn mehr Mensche in Rente sind.
  • Prinzipiell ist es vollkommen okay, dass der Anteil der Älteren in Europa steigen wird, denn es zeugt von einer guten Konstitution der Bevölkerung. Allerdings: Gut, dass man bei Statista erwähnt hat, dass die Tendenz zur längeren Lebenserwartung erst einmal bis 2019 festgestellt wurde. Wie das in den Corona-Jahren, angesichts weiterer steigender Gefahren für die Gesundheit der Menschen und der massiven Verschlechterung der materiellen Situation vieler in den letzten drei Jahren aussehen wird, werden wir noch sehen. Die USA geben aber schon einen Anhalt: Einst hatte die dortige Bevölkerung mit die höchste Lebenserwartung weltweit. Davon ist dieses für die Reichen so reiche Land mittlerweile weit entfernt. In Europa steht auch Deutschland nicht besonders gut da. 
  • Aus einem weiteren Grund ist es nicht so schrecklich, dass der Anteil der Erwerbsbevölkerung, der sich grundsätzlich in der großen Gruppe 15 bis 64 Jahre spiegelt, abnehmen wird. Diejenigen, die behaupten, der technische Fortschritt schaffe eher Arbeitsplätze, als welche zu vernichten, reden Unsinn, wie jüngst Saskia Esken beim Besuch eines Betriebs, der sich mit automatisiertem Fahren befasst. Dort hat sie sinngemäß gesagt, ist doch toll, dass die KI bei Personalmangel Busfahrer ersetzen kann. Die KI wird logischerweise alle Busfahrer:innen ersetzen, wenn es technisch möglich ist, alles andere wäre eine ganz ungewöhnliche Entwicklung, ein freiwilliges Zurückbleiben hinter dem Stand der Technik, wie man es bisher nur aus der Gentechnik kennt. Dort hat es aber gute ethische Gründe, nicht alles zu machen, was gehen könnte. Diese Gründe gibt es bei stressigen und mäßig bezahlten Jobs wie Busfahrer:in nicht, und günstiger wird es ganz sicher für die Verkehrsbetriebe auch sein, trotz der erwähnten mäßigen Bezahlung der Arbeitskräfte.
  • Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland entwickelt sich schon seit lange Zeit nicht in dem Maße wie das BIP, sondern bleibt dahinter weit zurück, in schwachen Konjunkturphasen sinkt sie . Das wird durch viel mehr Teilzeitarbeit aufgefangen. Fachkräftemangel gibt es hingegen vor allem dort, wo Arbeitnehmer:innen nicht anständig bezahlt und schlecht behandelt werden, siehe u. a. Abwesenheit von Tarifbindung in quasi allen Handwerksbetrieben, kaum Betriebsratsaktivitäten, mieser Umgang miteinander und auch oft mit Kunden. Seitenblick auf die Handwerkslobby bezüglich des nach deren Ansicht zu hohen Bürgereinkommens ab 2023. Es werden trotz der Abnahme der Zahl der Erwerbsfähigen in Europa bis 2100 keine Probleme bei der Aufrechterhaltung der Volkswirtschaften entstehen. Gerade im Dienstleistungsbereich liegt noch ein riesiges Potenzial für die KI, menschliche Arbeit einzusparen und damit auch Bullshit-Jobs auszusondern, schwere Arbeit unter deklassierenden Bedingungen zu reduzieren und Menschen dadurch ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Zahl der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden lag bereits Anfang der 2000er Jahre bei etwa 60 Milliarden pro Jahr und erreicht 2019 einen neuen Höchststand. Dieser liegt mit 62 Milliarden allerdings kaum höher, zwischenzeitlich gab es z. B. den Einbruch während der FInanzkrise und einen Rückgang bei schwacher Konjunktur in den ersten Jahren der 2000er. Der Höchststand unterscheidet sich also kaum von dem, was vor zwanzig Jahren gearbeitet wurde; dies trotz der Tatsache, dass immer mehr Arbeit prekär und ein Ausdruck zunehmender Unauskömmlichkeit des Einkommens bei normaler Ein-Job-Verortung ist. Zudem wird sie in Teilen nur deshalb noch von Menschen erledigt wird, weil diese so billig zu haben sind. Die immer neuen Rekorde bei der Zahl der Erwerbstätigen sagen nichts aus darüber, welche Art von Arbeit diese leisten, wohl aber darüber, dass die Zahl der Arbeitsstunden pro Jahr permanent sinkt. Das muss so sein, wenn die Zahl der Erwerbstätigen stärker steigt als die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden. Vor allem 2020 gab es aus den bekannten Pandemie-Gründen wieder einen Rückgang der jährlich geleisteten Arbeitsstunden. Ähnlich wird es jetzt aufgrund der Kriegsrezession aussehen, die kaum ausbleiben wird.
  • Europa trägt mit der in der Grafik gezeigten Entwicklung der Tatsache Rechnung, dass der Globus nicht unendlich belastbar ist. Das kann man so nicht für alle Weltregionen behaupten. Gerade, weil man das nicht für alle Weltregionen behaupten kann, muss genau hingeschaut werden, wie Zuwanderung das, was wir oben sehen, noch verändern wird. Nach früheren Prognosen müsste die deutsche Bevölkerung längst unter 80 Millionen liegen, das tut sie aber wegen immer neuer Situationen nicht, die Zuwanderung fördern. Gerade erst steigt sie wieder durch Geflüchtete aus der Ukraine, die zu Hunderttausenden ins Land kommen. Dass Europa ein Fluchtpunkt für Menschen aus aller Welt bleiben wird, wenn es seinen Wohlstand in etwa halten kann, darf man als Faktor nicht unterschätzen und es wird die Alterung bremsen. Angesichts ökologischer und ökonomischer Herausforderungen der Zukunft ist es eine positive Nachricht, dass Europas Bevölkerung nicht immer weiter wächst, denn das wäre die Konsequenz einer „intakten“ Alterspyramide. Wir sind aufgefordert, umzudenken: Nicht die Pyramide ist die geometrische Figur der Zukunft, sondern der Pilz, allenfalls die Glocke. Möglichst, ohne dass diese Formen durch Kriege, Hunger und Krankheit erzeugt wird, versteht sich. Nicht die Zahl der geborenen Kinder ist allein entscheidend für den Zustand einer Gesellschaft. Wichter ist, wie sie aufwachsen und sich entwickeln dürfen, welche Perspektiven sie haben und wie ihre Umwelt aussieht. Überall dort gibt es viel mehr akuten Handlungsbedarf als etwa bei einer wie auch immer gearteten Förderung der Fertilität. Dies für den Fall geschrieben, falls jemand aus der Grafik den Schluss zieht, es gebe hierzulande viel zu wenig Kinder. Die Qualität des Lebens muss wieder mehr Bedeutung bekommen. Vielleicht steigt dann die Quantität auch wieder.

TH

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