Crimetime 1141 – Titelfoto © BR, Hagen Keller
Hardcore ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der von der Hager Moss Film GmbH im Auftrag des Bayerischen Rundfunks produzierte Beitrag ist die 1030. Tatort-Episode und wurde am 8. Oktober 2017 im Programm Das Erste gesendet. Das Münchner Ermittlerduo Batic und Leitmayr ermittelt in seinem 77. Fall.
Das Münchener Team Batic und Leitmayr ist weiter auf Rekordkurs und rotiert derzeit so schnell, dass man versteht, der Bayerische Rundfunk hat nicht vor, den beiden diese Stellung nehmen zu lassen, zum Beispiel von den Kölnern Ballauf und Schenk, die relativ zu ihrer Dienstzeit-Dauer mehr Fälle aufweisen. Allein seit der Tausender-Wende gehören nicht weniger als vier Filme den Schlohweißen vom Geiselgasteig. Wir sind also bei 77 angelangt. Passenderweise nimmt „Hardcore“ unter diesen 77 Batic-Leiti-Tatorten den Rang 66 ein, Stand 10.10.2017. Vielleicht rutscht er bald auf 69, denn die Münchener werden nicht nachlassen, weiterhin die besonderen Dinge zu versuchen. (Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung im Jahr 2023: Gemeint ist dir Rangliste der Münchener auf der Plattform „Tatort-Fundus“, die es mittlerweile nicht mehr gibt). Weiter mit den Betrachtungen zum Film selbst geht es in der –> Rezension
Handlung (1)
Am Tag nach einem Bukkakedreh wird die 25-jährige nebenberufliche Pornodarstellerin Marie Wagner alias Luna Pink, Tochter des Oberstaatsanwalts Rudolf Kysela, in den Studioräumen erdrosselt aufgefunden. Am Set war neben dem Produzenten, dem Kameramann, einer zweiten Darstellerin und 25 Männern mit Anmeldebögen ein weiterer Mann in einer auffälligen mexikanischen Wrestlermaske aktiv, die nur an drei Verkaufsstellen in München erhältlich ist. Videoaufnahmen des unter dem Studio liegenden Kaufhauses zeigen einen Verdächtigen beim Bezahlen der Maske per Kreditkarte. Der so leicht Ermittelte gesteht, in der Nacht nach dem Dreh seinen Anmeldebogen entwendet zu haben, weil ihm die Sache peinlich war. Dabei hatte er neben Marie Wagner noch eine Person wahrgenommen.
Im Folgenden: Auflösung!
Diese war der Steuerberater Markus Harms, der den Kontakt von Luna Pink zu seiner Frau Stella unterbinden wollte, die ebenfalls als Pornodarstellerin gearbeitet und vermeintlich aufgehört hatte. Ihr gesteht er den Mord und Kalli Hammermann, dem Assistenten des Ermittlerduos, gelingt seine erste Festnahme.
Rezension
Mittlerweile stolpern Batic und Leitmayr dabei gerne mal durch die Welt von heute wie aus der Zeit gefallen, mit leuchtend weißen Haaren und innerlich weißer Weste. Sie sind eben die Guten und haben sich das bewahrt, trotz sehr anstrengender 26 Dienstjahre. Diesen Aspekt, dass sich die beiden über die Welt wundern, konnte man in ihren ersten Jahren natürlich nicht in die Darstellung der besonderen Dinge einbringen, denn damals zählten sie zu den modernsten und natürlich auch jüngsten Teams, die bis dahin an Leichenfundorten unter dem Tatortlabel aufgeschlagen haben. Doch eine Generation ist eine Generation. Es ist gleichwohl Unsinn, zu glauben, die Welt sei früher besser gewesen, nur, weil es mehr Kongruenz zwischen ihr und den beiden Helden aus der Bayernmetropole gab, die damals noch gar nicht so heldenhaft wirkten.
Sie war es nicht. Es ging alles heimlicher zu und die Hardcore-Praktiken waren vielleicht nicht so verbreitet wie heute, aber dass die Sexualmordraten sinken, hat wohl auch den Grund, dass man sich heute freier ausleben kann. Und wenn es nur im Internet ist. Und wenn es dazu führt, dass substanzungebundene Süchte breiten Raum einnehmen, wie die Mediensucht, die hier auch eine Rolle spielt und wie die Sexsucht. Wobei deren Grenzen ja so schwer zu definieren sind.
Das Milieu als solches kam mir irgendwie realistisch-unrealistisch vor. Also verdichtet, auf bestimmte Aspekte reduziert, wie das Low-Budget-Wesen des heutigen Pornofilms mit Low-Quality-Ansprüchen, wie die seltsamen Vögel, die in diesem Business trotzdem tätig sind. Das Milieu als solches ist aber auch sehr München. Da schwingt noch etwas die Schickeria mit und das Kauzige, Wurschtige, Derbe und Selbstverständliche, das gibt es in Deutschland nur dort. Dazu kann man die beiden Cops Batic und Leitmayr prima in Bezug setzen, weil sie nicht nur so normal sind, sondern auch nun so alt, dass die Welt ihnen entlaufen scheint, weil sie stehen bleiben mussten in ihrem 90er-Jahre-Moralkorsett. Andererseits ist dies wieder keine zwingende Deutungsweise, denn in keiner anderen Stadt, mit keinem anderen Team, kann man so viele Themen so gut spielen. Ich stelle mir vor, man hätte diesen Tatort etwa mit den Kölnern gemacht, die ja auch sehr starke Themenfänger sind. Wäre nicht gegangen, weil mindestens einer von ihnen, Max Ballauf, die ironische Distanz nicht hätte darstellen könnnen, die es erlaubt, in München immer alles auch ein wenig leicht zu nehmen.
Dabei ist es gar nicht leicht. Schon mit der Meinungsfindung nicht. Ich habe mir die Reaktionen beim Tatort-Fundus angeschaut. Da geht es sehr weit auseinander, Sex ist eben eine emotionale Sache und zwischen Heuchelei und Begeisterung ist alles möglich, wenn über etwas gesprochen wird, das früher tabuisiert war. Nicht die Befassung mit, aber das Sprechen über. Aber wie lange das her ist. Zu Recht wird auf die Pornofilmtradition seit den späten 1960ern verwiesen, die Deutschland vorzuweisen hat. Das Softcore von heute war damals starker Tobak. Schon die Tatsache, dass man sich heute diesen Film anschaut und nicht jeden Begriff nachschlagen muss, der darin verwendet wird, besagt, dass man sich mittlerweile etwas auskennt, auch wenn man nicht hauptberuflich in der Pornobranche tätig ist und auch nicht nebenberuflich. Trotzdem gab es zwei Wörter bzw. Abkürzungen, die ich googeln musste, ich behalte aber schamhaft für mich, welche das waren.
Der Zugang ist mir vielleicht auch deshalb recht leicht gefallen, weil mir klar ist, dass Sex nicht unbedingt etwas mit Liebe zu tun haben muss. Bestenfalls ja, oft aber ist es anders. Und die Großstadt, die Gelegenheiten zu allen möglichen und beinahe unmöglichen Vergnügungen bietet, mag manchem als Sumpf erscheinen, aber sie ist lediglich ein besserer Spiegel dessen, was in uns ist und was auf dem Dorf mangels Gelegenheiten nicht so realisiert werden kann. Das Internet hat derlei aber nun demokratisiert, es reicht bis in den letzten Winkel. Und dort sorgt es möglicherweise mehr für Unruhe als in Ballungsgebieten, weil das, was im Internet gezeigt wird, in Hinterwinkelhofen unerreichbarer erscheint und sensationeller, kontroverser ebenfalls, als etwa in Berlin oder eben in München.
Wie man mit Sex die allfällige innere Leere heilen kann und die geschredderten Sozialbeziehungen heutiger Ausprägung vergessen macht, das erklärt „Hardcore“ nicht, und das ist ja auch die wesentliche Botschaft. Es ist mehr eine Sucht, sich sexuell zu sehr auszutoben und dabei auch Erniedrigungen aller Art als normal zu empfinden, es ist etwas, das man trotzdem unheimlich vermissen kann.
Interessanterweise gab es viele, die das Handeln von Stella nicht nachvollziehen konnten. Man hätte es vielleicht etwas mehr in den Mittelpunkt rücken dürfen, aber Verständnisschwierigkeiten hatte ich nicht. Sie hatte mit Marie eine tolle, losgelöste Zeit, zumindest nach ihrer eigenen Ansicht. Es ging ihr wohl mehr um Marie und das total hemmungslos sein als darum, mit den Pornos ein Leben einzurichten. Und um sich quasi selbst von ihrer Sexsucht zu kurieren, geht sie eine Beziehung mit einem total konservativen Mann ein und schlüpft in die Rolle einer Mutter im Reihenhaus.
Dieses Kleinbürgeridyll wird ja nicht umsonst setmäßig so hervorgehoben. Der Moment, in dem Stella den Fernseher entstaubt, der ihre Sehnsüchte evoziert und sich dann das Video mit Marie anschaut, führt zu einem Rückfall, wenn man denn ihr früheres Leben und ihr jetziges moralisch auf verschiedene Stufen stellen will und es führt zum Durchbruch der Sehnsucht. Daran ist nichts Seltsames oder Paradoxes, denn ihr jetziges Leben scheint mit der Mutterrolle nicht gerade ausgefüllt. Beruflich hat sie sich ja offenbar nichts gesucht, was zusätzliche Inspiration geben könnte, sondern überlässt das Geld beschaffen ihrem Mann. Hätte sie beispielsweise einen Mittelweg gewählt, eine Großstadtwohnung mit einem Freund, der etwas weniger als Retter, sondern mehr als Begleiter unterwegs ist und mit ihm mehr im Thema bleiben können, wäre vielleicht alles anders gelaufen.
Dass dann aber dieser brave Ehemann zum Mörder wird und zudem noch Marie umbringt, die ja nur ein Teil dieses Business ist und ohne die Stella nicht weniger gefährdet ist, soll wohl zeigen, wie wenig dieser Steuerfachmann vom Leben versteht. Das macht es nicht besser, Mordmotiv und Darstellung dieses Typs sind die schwächsten Elemente im Film.
Die anderen Figuren sind hingegen sehr gut gespielt, weil in ihrer Anlage glaubwürdig. Der Staatsanwalt wirkte auf mich sehr hintergründig und ich habe mich gefragt, was wohl bei seiner Tochter deren Weg in die Pornoindustrie ausgelöst hat. Dass sie nur behütet war und ausbrechen wollte, war sicher nicht der einzige Grund,und die Figur der Mutter, die eigentlich ganz und gar ungreifbar wirkt, spielt dabei sicher eine Rolle.
Die Pronoproduzenten sind, jeder für sich, recht witzig dargestellt, und ich glaube auch, dass sie der Realität gut abgeschaut wurden, das gilt auch für die Nebenrollen im Sexkarussell und natürlich für die Ermittler, die hier ihren Humor wieder gut ausspielen können. Und der junge Kalli, den müssen sie bitte unbedingt behalten, wenn die ältere Generation in Rente gehen sollte, der ist für mich der beste Assistent aller Teams; nach meiner Ansicht fähig, später eine Hauptrolle zu übernehmen, wie es z. B. Ballauf von Düsseldorf nach Köln getan hat oder Lenz in München als Nachfolger von Veigl. Dann wird man ihm eine Frau zur Seite stellen, weil reine Männerteams heute nicht mehr gehen, nicht mal in München, aber sie sind ja da jetzt immerhin zu viert und es gibt auch noch den komischen Sidekick in einem eh humorvollen Team, der nun, da Kalli immer besser in Fahrt kommt, die einfachsten Aufgaben übernehmen muss.
So richtig nervenzerfetzend war „Hardcore“ nicht, und die Frage, ob man ihm um 20:15 zeigen durfte, kann ich nur mit „ja“ beantworten. Es gab nicht viel sichtbare Gewalt, eigentlich gar keine, und der Sex? Batic sagt es einmal zu Leiti oder umgekehrt, als sie auf der Fahrt sind: Was die Kinder sich heute schon alles im Internet anschauen können, verdirbt sie eh fürs Leben und für Erwachsene von heute sollte dieser Film eher harmlos sein. Weil sie halt schon als Kinder – genau. Das trifft ja auf alle bis etwa Mitte 30, die mit dem Internet groß geworden sind, schon zu.
Als jemand, auf den das nicht zutrifft, kann ich nur konstatieren: Rigide Moral und nicht ausgelebte Sehnsüchte haben früher weitaus mehr Sprengstoff beinhaltet als der vorgebliche Sittenverfall auf sexuellem Gebiet, der ja durch AIDS zumindest auf realkörperlicherEbene seit Mitte der 1980er sehr ausgebremst wurde. Zudem gibt es einen konservativen Rückdrall, der heute mit PoC begründet wird. Da Frauen nicht als Sexobjekte herhalten sollen und Männer natürlich auch nicht, sieht man kaum noch Nacktheit im Film, anders als in den 1970ern bis 1990ern. In „Hardcore“ gibt es nur eine Frau, die ganzkörperlich ohne Hüllen gezeigt wird, aber auf eine Weise, dass es egal ist, ob sie gut gebaut ist oder nicht, und die dabei ziemlich angeekekelt vom Sexbusiness spricht, sodass keinerlei Erotisierung beim Zuschauer aufkommt.
Finale
Die Münchener sind milieusicher wie kein anderes Team und man merkt einfach, dass man in Bayern aus einem gewissen Selbstverständnis und aus dem Vollen schöpfen kann. Mia san mir, heißt auch, ein Film darf mal bei der Kritik oder beim Publikum durchfallen, ohne dass das große Zetern beginnt.
Bei mir ist „Hardcore“ nicht durchgefallen, auch wenn er nicht zu meinen Lieblingsfällen mit Batic und Leitmayr zählt. Allein die Tatsache, dass man über das, was man sieht, nachdenken kann, ohne allzu manipulativ hineingezogen zu werden, rechne ich dem Stil des BR mit seiner Hauptstadtschiene sehr hoch an.
Edel, auch bei Themen, die einen gehörigen Schmuddelfaktor haben, sind diese Film auch immer gemacht. Sicher liegt es daran, dass die Bilder heute so sorgsam ausgeleuchtet, die Schnitte so bedacht gewählt sind, die Perspektiven immer passen, dass die Polizei in München ein recht schickes Büro hat und immer den neuesten 5er fahren darf, ohne dass ein Staubkorn ihn verunstalten würde, die ganze Hochglanzoptik eben. Die Filme verlieren sich aber darin nicht, sondern die Figuren werden kenntlich. Nur die Handlungen, die sind einfach zu dürftig, das gilt aber nicht nur für München. Die Auflösung mit dem Mann, der sich selbst stellt, wurde wieder mal total gequetscht, dafür gibt es nach ebenjener Auflösung, zum Abschluss, die herrliche Sequenz mit den Gegenschnitten der Einsamen und der Gemeinsamen.
7,5/10
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2017)
Kursiv und tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Philip Koch |
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| Drehbuch | |
| Produktion | |
| Musik | Richard Ruzicka |
| Kamera | Jonas Schmager |
| Schnitt | |
| Premiere | 8. Okt. 2017 auf Das Erste, ORF 2, SRF 1 |
| Besetzung | |
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