Briefing 179 | Kultur | Musik, Tonträger, Vinyl, CDs, Streaming, Download | Wirtschaft | Musikmarkt
Gestern war der Welttag des Buches, dazu hatten wir eine Statistik zu den öffentlichen Bibliotheken in Deutschland gezeigt: Welttag des Buches: Deutschlandweit 9,8 Büchereien je 100.000 Einwohner:innen, Tendenz rückläufig (Statista + Kommentar) | Briefing 178 | Gesellschaft, Kultur, Literatur – DER WAHLBERLINER. Nebenbei hatten wir uns ein wenig darüber mokiert, dass mittlerweile fast jeder Tag der Tag von irgendetwas ist – und dadurch die wirklich wichtigen Daten Gefahr laufen, marginalisiert zu werden, das war der Hintergrund unserer Anmerkung.
Wir machen aber auch heute wieder mit, denn es ist Tag der Tonträger. Immerhin haben wir zu Hause sowohl Bücher als auch Tonträger, aus der Luft gegriffen sind diese Statistiken also interessenmäßig gesehen nicht. Wir schaffen uns sogar wieder, nach einer Pause, hin und wieder ein Buch an, und es wird nur gekauft, was auch Chancen hat, gelesen zu werden. Aber wann haben wir den letzten physischen Tonträger erworben? Obwohl wir doch jeden Tag Musik hören und uns Musik genauso viel bedeutet wie Literatur? So sieht es in Deutschland insgesamt aus:
Infografik: Vinyl kann Tonträger-Umsatzrückgang nicht auffangen | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
2022 wurden laut Daten des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) in Deutschland rund 124 Millionen Euro mit Vinylalben umgesetzt. Damit ist dieses Tonträgersegment das einzige neben Singles, das seit rund zehn Jahren konstantes Wachstum aufweist. Den ausbleibenden Umsatz mit physischen Abspielmedien kann der Vinyl-Boom allerdings nicht ausgleichen, wie unsere Grafik zeigt.
Im Vergleich zu 2021 gingen die Einnahmen durch CD-Verkäufe erneut etwa 17 Prozent auf 267 Millionen Euro zurück. Damit machen CDs zwar immer noch den größten Anteil am Umsatz mit physischen Tonträgern aus, könnten allerdings in den nächsten Jahren von Vinyl abgelöst werden, sofern der Boom anhält. 2012 wurden beispielsweise noch rund eine Milliarde Euro mit CDs umgesetzt, im Vinyl-Bereich waren es lediglich 19 Millionen.
Wurde der Vinyl-Hype zunächst von Initiativen wie dem am 23. April stattfindenden Record Store Day und kleineren Labels getragen, setzen mittlerweile selbst Majorlabels wie Sony, Universal und Warner vermehrt auf Vinyl-Produktion. Seit einiger Zeit investieren auch Künstler:innen selbst auf verschiedene Arten und Weisen in Platten. The-White-Stripes-Gründer und Labelchef Jack White besitzt schon lange ein eigenes Presswerk, im März 2023 hat die Metal-Band Metallica Mehrheitsanteile an Furnace Records erworben. Das Presswerk hatte allein 2022 900.000 Metallica-Vinyl angefertigt.
Die Erfolgsgeschichte des Vinyl kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass physische Tonträger immer irrelevanter werden. So wurden 2022 in Deutschland rund 73 Prozent oder 1,5 Milliarden Euro mit Streaming über Plattformen wie Spotify oder Apple Music umgesetzt. Insgesamt sind die Einnahmen durch physischen und digitalen Musikverkauf 2022 auf 2,07 Milliarden Euro angestiegen, was einem Plus von sechs Prozent entspricht.
Wir verwenden zwar die kostenfreie Version von Spotify und haben aufgrund eines Amazon Prime-Abos Zugang zu einem kleinen Teil der Amazon-Musikbibliothek, aber das Meiste haben wir in den letzten Jahren von Youtube heruntergeladen. Wir speicheren mittlerweile sogar unsere CDs schrittweise auf einer großen Festplatte und lagern sie ein. Ein paar alte Vinylplatten haben wir auch noch, aber kein Abspielgerät mehr dafür.
Tja, so schaut’s aus. Klingt sehr unspektakulär. Ist es auch. Ein paar Songs haben wir auch zum Herunterladen gekauft, das hätten wir beinahe vergessen zu erwähnen.
Wir haben aber nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Vielmehr ist es so, dass die Jagd nach dem Download for Free richtig Spaß macht. Da unser Musikinteresse sich in den letzten Jahren immer mehr in Richtung historischer Aufnahmen verlagert hat, funktioniert das auch ganz gut, denn viele davon sind gemeinfrei oder der Youtube-Download ist an Werbung und damit an eine Tantiemenzahlung für die Rechte-Inhaber gekoppelt. Wie mittlerweile bei der Mehrzahl der Filme, die man sich dort anschauen kann. Manchmal nervt es ein bisschen, weil es bei Filmen und längeren Stücken schon mal zu Werbeunterbrechungen kommen kann, aber beim Privatfernsehen ist es auch nicht anders. Es gibt ja auch hier die werbefreie Premiumversion, für die Ungeduldigen oder Puristen.
Wir sind vermutlich nicht bei der Mehrheit, was unseren Musikkonsum angeht, diese hört wirklich Spotify & Co. Und kehrt damit im Prinzip zum Radio zurück oder, spezieller, sogar zum Gebührenrundfunk, falls sie die Premiumversionen der Streaming-Anbieter nutzt. Dafür kann man aber hören, was man möchte, das ist der Unterschied. Was man eben nicht hat, ist der Besitz. Die Lieblingsmusik. Die man ja wiederum zum Download kaufen kann.
Die Möglichkeiten sind so vielfältig geworden, der Markt ist so zerfasert, wie es eben der digitalen Wirklichkeit entspricht. Ob da noch einmal grundsätzliche neue Möglichkeiten entstehen werden? Wir sehen im Moment nichts mehr, was Sinn ergibt und technisch noch nicht möglich ist. Es geht nur noch um die Verbesserung des Angebots und der Audioqualität, bei der gegenwärtig 4K in etwa der Maßstab ist. Die Datenträger werden immer größer, die Datenmengen für hochauflösende oder Hi-Fi-Digitalaufnahmen wachsen mit. Aber grundsätzlich innovativ ist das alles nicht mehr.
Wir glauben nicht, dass der physische Tonträger wieder mehrheitsfähig wird. Die Entwicklung in die digitale Richtung ist auch viel schneller verlaufen als beim Buch, weil für die normalen Konsument:innen die Art, wie Musik archiviert ist, keine Glaubensfrage sein dürfte. Wer, wie wir, relativ früh mit CDs angefangen hat, der hat heute keine Probleme mit dem übrigen Digitalangebot. Nur die Vinyl-Fans, die es ja immer gab, sind wieder schwer en Vogue. Relativ gesehen zu dem, was vor ein paar Jahren lief. Nicht im Vergleich mit der Zeit, als Vinyl das Ein und Alles war und der Markt insofern übersichtlich.
Wissen Sie noch, wie sich das zu ändern begann? Nein, nicht mit dem Internet. Auch nicht mit der CD. Sondern mit den Musikkassetten, die Mitschnitter erlaubten. Also etwa seit Anfang der 1970er Jahre, Start war schon 1963. Tonbänder gibt es noch länger, aber sie waren doch eher etwas für Profis.
TH
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