Zum Tod von Harry Belafonte

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Harry Belafonte ist am heutigen 25.04.2023 verstorben. Der Sänger, Schauspieler und Bürgerrechtler wurde 96 Jahre alt.

Hier ein kurzer Abriss über sein Leben und Wirken anlässlich seines Todes: Harry Belafonte: Dem „Calypso-King“ waren Menschen wichtiger als Krone und Zepter | WEB.DE

Normalerweise schreiben wir im neuen Wahlberliner keine Nachrufe mehr. Schon gar nicht auf Menschen, die politisch tätig waren. In diesem Fall ist das anders. Unsere letzte Begegnung mit Harry Belafonte liegt erst einige Wochen zurück. Ich weiß nicht mehr, auf welchem Sender sie lief, aber ich habe mir mit Freunden eine Dokumentation über Belafonte angeschaut, für die er, wenn ich es richtig im Kopf habe, auch selbst interviewt wurde. Jedenfalls kam er darin auch zu Wort. Möglicherweise wurde die Dokumentation anlässlich seines 96. Geburtstags am 1. März 2023 gezeigt.

Ich habe gerade das Gefühl, eine Ära ist nun endgültig zu Ende. Der letzte der Großen, die uns mit den hoffnungsvollen frühen 1960ern verbindern, weilt nicht mehr unter uns. Beim Marsch auf Washington 1963 war Belafonte dabei, als Martin Luther King, mit dem Belafonte eng verbunden war, seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt. Ein Jahr später wurden in den USA die Afroamerikaner den Weißen rechtlich gleichgestellt. Fünf Jahre später war Martin Luther King tot. Erschossen. Der Niedergang von allem, was damals möglich schien, fing im Grunde schon früher an, mit der Ermordung von John F. Kennedy im November 1963.

Die anderen, wie Sidney Poitier und Harry Belafonte machten weiter. Belafonte, indem er sich unter anderem gegen den Vietnamkrieg wandte. Er vergaß nie, darauf hinzuweisen, dass rechtliche Gleichstellung noch lange keine Chancengleichheit bedeutet und heute sind die USA ungleich wie je und ökonomisch noch mehr als in den 1960ern.

Obwohl der Mann mit den amerikanisch-jamaikanischen Wurzeln bereits zuvor im Film gearbeitet hatte und ihm sein besonders gutes Aussehen sicher nicht dabei hinderlich war, als einer der ersten Farbigen neben Sidney Poitier von Hollywood für substanzielle Rollen in Frage zu kommen, wurde er weltberühmt mit dem Banana Boat Song. Das war 1956.

Mit diesem Lied, das eigentlich ein alter jamaikanischer Folksong ist, war der Calypso Rock geboren, eine wunderbar karibische Spielart der neuen Musik jener Tage. Dass dieses Lied sozialkritisch ist, hat hierzulande damals wohl kaum jemand verstanden, der sich für diese Musik begeisterte; die meisten Menschen konnten kein Englisch. Der Text ist nicht verklauselt, aber er wird angesichts des mitreißenden Rhythmus leicht in den Hintergrund gedrängt. Er klagt die Bedingungen der Bananen-Verladearbeiter auf Jamaika an, der Heimat von Belafontes Vater. Ich vergleiche das Schicksal des Liedes gerne mit dem von „Rum and Coca Cola“ von den Andrews Sisters, einem Swing-Titel, der etwa 12 Jahre zuvor erschien, ein Welthit wurde und kaum jemand hatte registriert, dass er den US-Imperialismus in der Karibik aufs Korn nahm; mit dem Unterschied zum Banana Boat Song, dass er von Weißen vorgetragen wurde.

Auf der Rückseite war „Island in the Sun“ oder umgekehrt. Wir hatten das Lied von Belafonte als 45er-Single, natürlich genau so, wie oben beschrieben: Ich war viel zu jung, um damals den Sinn zu verstehen und meinen Eltern hat einfach die scheinbare Ekstase des „Day-O“ gefallen, das Fremd-Vertraute der Musik gefallen und dass sie nicht als Rock’n Roll galt. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeinem Sänger dieser Musikrichtung, auch nicht Elvis Presley, bei uns ähnliche Wertschätzung zuteil wurde wie Harry Belafonte, von dem wir später auch einer der ersten gekauften Musikkassetten für Autofahrten hatten, mit seinen bekanntesten  Songs natürlich.

Ich mochte einige Jahre zuvor „Island in the Sun“ (und „Matilda“, das ebenfalls einen interessanten, ironischen Text hat) noch lieber, das eine Art karibischer Identitätssong ist und natürlich im gleichnamigen Film des Jahres 1957 mit James Mason und Harry Belafonte von Letzterem vorgetragen wurde. Belafonte hat das Lied selbst geschrieben.

Auch meine Freunde hatten Erinnerungen, wenn auch anders ausgerichtet. Sie waren in der amerikanischen Zone aufgewachsen, mit Standorten der US-Armee in der Nähe, die Afroamerikaner und ihre Musik, amerikanische Sender und das ganze Leben von „drüben“ waren dort in den Alltag integriert, anders als bei uns in der französischen Zone, wo wir davon kaum etwas mitbekamen. Für uns war Belafonte durch seine Rezeption im Elternhaus ein Botschafter, ohne dass damals seine politische Statur thematisiert wurde.

Für unsere Freunde war die Dokumentation über und mit Harry Belafonte auch ein Stück begeistert erlebte Erinnerung und Bewunderung, während wir traditionell die soziale Botschaft besonders stark in den Vordergrund stellen, die sich mit diesem Künstler so stark verbindet, dass wir unsere seit 2018 geltende Regel für ihn durchbrechen. Die Regel, keine Nachrufe mehr zu schreiben.

Ich habe gerade gesehen, dass Arte sein Programm geändert hat und die Belafonte-Doku, die ich eben erwähnt habe, am Abend des 28.04. ausstrahlen wird. Wer noch einmal eine große, hoffnungsvolle Zeit und einen großen Mann in dieser Zeit würdigen möchte, der kann das hier tun:

Hommage an Harry Belafonte: ARTE ändert Abendprogramm am Freitag, 28. April 2023 | Presseportal

„Harry Belafonte – zwischen Calypso und Gerechtigkeit“ Dokumentation von Simone Unger MDR/ARTE, Hoferichter & Jacobs GmbH, Deutschland 2022 Ab sofort online auf arte.tv Am Freitag, 28. April 2023 um 21.45 Uhr auf ARTE

Der Banana Boat Song, mit eingespieltem Text:

Harry Belafonte Banana Boat Song Day O + lyrics – YouTube

Und hier die A-Seite zum Banana Boat Song oder die B-Seite. Im energiesparenden 240p-Format, dafür aber garantiert das Original.

Harry Belafonte – Island In The Sun – YouTube

TH


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