Sinn und Sinnlichkeit (Sense and Sensibility, USA / GB 1995) #Filmfest 932 #Top250

Filmfest 932 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (114)

Sinn und Sinnlichkeit ist ein Spielfilm des taiwanischen Regisseurs Ang Lee aus dem Jahr 1995. Die Romanvorlage, der englische Literaturklassiker „Sense and Sensibility“ („Verstand und Gefühl“) von Jane Austen, war zuvor bereits für zwei Fernsehversionen verfilmt worden, ehe sie für das Kino adaptiert wurde. Angelehnt an die Handlung des Romans spielt die Geschichte in der Zeit um 1800.

Die delikate Optik, die Opulenz ohne bombastische Übertreibungen, die Ang Lee seinen Filmen verleiht, haben wir zuletzt in „Gefahr und Begierde“ bewundert, und sie ist auch in „Sinn und Sinnlichkeit“ ein wichtiges Element. Die Kompositionen und Kostüme, die Art und Weise, besonders Frauen in Situationen richtiggehend zu malen, ist ästhetisch auf hohem Niveau. Besonders, wenn die in Gedanken verlorene Elenor Dashwell mit ihre penibel hergerichteten Haartracht von hinten gefilmt wird, hat man das Gefühl, einem fein gesponnenen Netz menschlicher Einzigartigkeit gefangen zu sein. Die künstlerische Einheit des Films ist ohnehin außergewöhnlich gelungen. So viel ausnahmsweise vorweg, mehr lesen Sie in der -> Rezension.

Handlung (1)

Als ihr Vater stirbt, sind die Tage der Schwestern Elinor und Marianne Dashwood auf ihrem herrschaftlichen Anwesen Norland Park in der südenglischen Grafschaft Sussex gezählt. Neuer Hausherr wird ihr Halbbruder aus der ersten Ehe ihres Vaters. Dessen hochmütige Frau Fanny will das Anwesen mit niemandem teilen. Elinor und Marianne ziehen bald mit ihrer Mutter und der jüngsten Schwester Margaret in eine andere Grafschaft, wo ihnen Sir John Middleton, ein wohlmeinender Cousin der Mutter, ein Cottage auf seinem Landsitz Barton Park zur Verfügung stellt. Ihre finanziellen Mittel sind nun sehr beschränkt. Elinor hat sich mit dem Umzug auch schweren Herzens von Edward Ferrars, dem ältesten Bruder ihrer Schwägerin, verabschiedet: Die eben aufkeimende Zuneigung zwischen den beiden steht unter keinem guten Stern, da Edwards Mutter für den reichen Erben einer vornehmen Familie nur eine ebenso reiche Schwiegertochter akzeptieren würde – wie die argwöhnische Fanny Elinor nur zu gern wissen lässt.

Im Herrenhaus von Barton Park sind die Damen Dashwood immer herzlich willkommen; auch Mrs. Jennings, die Schwiegermutter Sir Johns, ist dort oft Gast. Nachdem sie ihre eigenen Töchter unter die Haube gebracht hat, möchte sie dies am liebsten auch mit den anderen jungen Frauen ihrer Umgebung tun. Colonel Christopher Brandon, ein weltgewandter, aber durch Schicksalsschläge etwas melancholisch gewordener Mittdreißiger, scheint genau die richtige Partie für Elinor zu sein. Der Colonel indessen verliebt sich sofort in die siebzehnjährige Marianne. Das Bestreben, seine Gefühle wegen des großen Altersunterschiedes zu verbergen, ist nicht immer erfolgreich. Elinor bemerkt sein Unglück bald. Die impulsive Marianne aber begegnet dem Colonel nur mit der wenig schmeichelhaften Rücksichtnahme auf einen harmlosen älteren Herrn; sie selbst flirtet heftig mit dem jungen John Willoughby und verliebt sich so sehr, dass sie sich heimlich mit ihm verlobt glaubt. Umso härter trifft es sie, als Willoughby sich plötzlich ohne jede Erklärung zurückzieht. (…)

Rezension 

Der Roman von Jane Austen, den Ang Lee hier verfilmt hat, erstmalig fürs Kino erstaunlicherweise, ist ein Frühwerk der berühmtesten Autorin ihrer Zeit, des frühen 19. Jahrhunderts. Er ist nicht so bekannt wie „Stolz und Vorurteil“, wenn wir bei den Werken mit zwei Substantiven und einem Bindewort bleiben, der auch in der klassischen Hollywood-Ära schon für den Film adaptiert wurde (1940). Der deutsche Titel beinhaltet ein kleines Problem, weil „Sensibility“ mit „Sinnlichkeit“ übersetzt wurde (auch das Buch betreffend) – gemeint ist aber Sensibilität, die Fähigkeit zu tiefen Gefühlen, nicht die erotische Ausstrahlung einer Person. Sinnlichkeit wäre hingegen mit „Sensuality“ zu übersetzen.

Darum geht es auch im Film, um Beziehungen, die gesellschaftlich Sinn ergeben und solche, die durch Gefühle entstehen und die Unvereinbarkeit von beidem. Jane Austens Romane sind voll von Dialogen über den Sinn gesellschaftlicher Relationen, wobei dies im Film von Ang Lee vor allem auf die pekuniären Auswirkungen von Mésalliancen hin verdichtet wird. Letztlich ist dies ja auch der treibende Faktor und Adel und Geld waren im ständischen Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts besonders eng miteinander. Man fand in diesem schon damals merkantil orientierten Land wohl auch nichts dabei, ganz offen über solche Zusammenhänge zu sprechen. In britischen Büchern jener Zeit geht es immer um Geld, auch bei Charles Dickens ist das beispielsweise so.  Dass dabei die Liebe und die Romantik zu kurz kommen, versteht sich von selbst, denn Heiraten werden immer nach Vermögensmehrungsgesichtspunkten bewertet. Beim Hochadel geht es natürlich auch um politische Verbindungen, die durch Eheschließungen gestärkt oder begründet werden sollen.

In der Verfilmung wirken alle Charaktere auf eine geradezu unheimliche Weise vom Geld anderer abhängig. Entweder sie erben, dann ist alles gut, oder sie werden enterbt, dann ist ihr Schicksal beinahe besiegelt, oder sie kriegen erst gar nichts und müssen dann um jedes Quäntchen Glück so kämpfen wie die Dashwood-Schwestern Elenor und Marianne. Ihre Gefühle können sich nur erfüllen, wenn die Männer sich entsprechend verhalten. Ganz unmöglich für Frauen jener Zeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Nach unserer Ansicht hat Ang Lee das großartig rübergebracht und einen der wenigen Filme seit den 1990ern geschaffen, in denen eine Zeit mit all ihren sozialen Bedingungen und in ihren Figuren so glaubwürdig wird, wenn sie schon so lang zurückliegt. Wir vertreten zwar weiterhin die These, dass das „klassische Hollywood“ solche Filme besser konnte, weil die Authentizität, der Zugang zu traditionellen Gesellschaften, schon in den Persönlichkeiten der Filmschaffenden mehr veranlagt war als heute, weil die Sprache, auch die Synchronisation, wenn sie „original“ ist, so ein Gefühl großem Kino mit großen Charakteren vermittelt, aber objektiv ist „Sinn und Sinnlichkeit“ auch den meisten klassischen Produktionen überlegen.

Allein die Schauspielkunst macht das deutlich. Toll, wie Emma Thompson die verfunftbetonte, aber sehr tiefgründige Elenor spielt und wie am Ende alles aus ihr herausbricht. Das ist die berührendste Szene eines Films, der nicht auf ständig angefasst sein beim Zuschauers zielt, sondern die gewisse äußere Kühle und Zurückhaltung, die damals üblich gewesen sein sollten, denn schließlich sind alle Personen in dem Film mehr oder weniger von Stand, durchaus gut zur Geltung bringt.

Als Gegenpole werden nur die urigen Middletons inszeniert, denen es ziemlich egal ist, wie sie bei anderen rüberkommen, die nichts mehr beweisen müssen, die den Dashwood-Frauen ein Cottage zur Verfügung stellen, sich in deren Leben einmischen und die demgemäß den meisten Spaß an ihrem eigenen Spätsommer des Lebens haben. Besonders Lady Middleton nimmt rege am Schicksal der Schwestern Elenor und Marianne teil und erlebt in ihnen noch einmal ein Stück Jugend mit all den Stürmen, die sie selbst schon längst glücklich überstanden hat.

Die damals noch unbekannte Kate Winslet hatte als romantische, für ihre Zeit stürmische Marianne mit „Sinn und Sinnlichkeit“ den Durchbruch, der ihr die Traum-Hauptrolle in „Titanic“ (1997) einbrachte und wenn sie vor Aufregung errötet, sieht das wirklich sehr echt aus. Ist es wohl auch. Ihre Ausstrahlung ist enorm und schön abgesetzt vom gänzlich anderen Wesen ihrer Schwester, gleichwohl merkt man ihnen die gemeinsame Sozialisierung an. Leider verschwindet die kleine Margaret (Emilie Francois) nach den ersten zwanzig Minuten des Films ziemlich aus dem Fokus, man hätte sie mehr einsetzen können, um kommentierend tätig zu sein, wie es anfangs auch der Fall ist.

Ein Hit waren für uns auch die männlichen Darsteller. Hugh Grant als verklemmt-aufrichtiger, im Dilemma gefangener besserer Bruder des mistigen John Dashwood, der alles erbt und dann mit seiner Schwester, der Mutter des Mädels-Trios, knausert und die vier Frauen sogar aus dem Haus wirft, also Grant ist klasse. Gerade, dass man ihn manchmal gerne schütteln würde, damit er mehr aus sich herausgeht, soll seine Darstellung bewirken, und ihm merkt man so sehr an, wie damals ein junger Mann aus den besseren Kreisen mit Ideen vollgestopft wurde, die einen furchtbar schwierigen Zugang zu den eigenen Emotionen bewirken. Mit ihrer Bejahung von Konventionen stehen sich seine Figur Edward Ferrars und Elenor Dashwood in der Tat sehr nah. Das perfekte tief berührte, aber nach außen stets um Fassung bemühte Paar. Manchmal wirkt Grant ein wenig chargierend, aber uns hat seine Art, einen Gentleman des frühen 19. Jahrhunderts zu geben, gut gefallen.

Vielleicht noch besser aber Alan Rickman als Colonel Brandon. Anfangs denkt man, der Mann sei eine negative Figur. Seine seltsam schräge, verquetschte Ausdrucksweie, gepaart mit einer entsprechnd ziwelichtigen Mimik, sorgt für Irritationen. Rickman kam es bei dieser Darstellung sicher zugute, dass er in vielen Filmen tatsächlich negative Figuren gibt und daher mit dem Überraschungsmoment spielen kann, dass er die ehrenhafteste männliche Figur in diesem Film darstellt.

Dass Marianne sich erst einmal mehr zum adretten Willoughby (Greg Wise) hingezogen fühlt, der sie aus dem Regen rettet und außerdem viel jünger ist und mehr ihrem eigenen Alter entspricht als Brandon, ist verständlich. Brandon wirkt sehr vergangenheitslastig; umso ironischer, dass Willoughby es letztlich ist, dessen Vergangenheits-Fehltritt von Brandon offengelegt wird. Die beiden sind Konkurrenten um Marianne und lange sieht es für Brandon nicht gut aus. Nur, als er, Willoughbys Beispiel folgend, endlich mit dem Vorlesen von Gedichten anfängt und Willoughby schon als Erzeuger uneherlicher Kinder enttarnt ist, können Brandon und Marianne noch zueinander finden.

Die Chemie zwischen diesen beiden ist allerdings schwierig zu erfühlen und heute würde man zu Marianne sagen: Immer langsam, da kommt noch was Besseres. Tat es in den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen aber möglicherweise nicht und Brandon hat mit seiner Ritterlichkeit doch einiges bei Marianne, dem verhinderten Burgfräulein, bewirkt. Nicht ganz ausgespielt ist die Tatsache, dass Brandon möglicherweise mit seiner Großzügigkeit gegenüber dem enterbten Edward, dem er eine Pfarrei und damit ein Auskommen sichert und damit die Möglichkeit, zu Eleanor zu finden, tatsächlich vor allem Werbung um Marianne betreibt. So indirekt waren wohl die Zeiten, und es macht großen Spaß, wie Ang Lee sie für uns lebendig werden lässt.

Und es ist das Schauspiel, nicht die Handlungsführung,  das uns dieses Mal fürs moderne Period-Picture voten lässt – wobei es ja keinen direkten Vergleich mit einer älteren Version gibt, sondern nur die Kreuzbetrachtungen mit anderen Austen- oder Bronte-Verfilmungen aus den ersten Höhepunkt-Jahren der Adaption alter englischer Bücher, die schon in den 1930ern begannen. Die Figuren in „Sinn und Sinnlichkeit“ sind höchst lebendig, auch in ihrer Art, das Innere nicht nach außen zu kehren, sehr individuell gespielt und einige davon kann man auch als differenziert ansehen.

Finale

Dass Emma Thompson, die auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat, dafür einen Oscar bekam, nicht aber als  Hauptdarstellerin, dass „Sinn und Sinnlichkeit“ in allen wichtigen Kategorien gegen „Braveheart“ verlor, ist sicher eine der Fehlentscheidungen in der Geschichte der AMPAS. Zu „Braveheart“ haben wir uns bereits geäußert. Offenbar ist Ang Lees Film zu detailliert, präzise und subtil gewesen für das poppige Weltfeeling, das die Clinton-Ära noch einmal und letztmalig mit sich brachte, aber wie auch immer man diese Fehlwertung erklären will, sie ist massentauglich. Noch heute liegt „Braveheart“ mit 8,4/10 bei den IMDb-Nutzern locker in der Top 250-Liste aller Zeiten auf Platz 78 (Stand 16.02.2016) und „Sinn und Sinnlichkeit“ kommt „nur“ auf 7,7/10. Und selbst dies ist im Grunde eine kleine Diskriminierung, der Tatsache geschuldet, dass wir nach wie vor der Ansicht sind, moderne Filme werden überbewertet.

Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung derRezension im Jahr 2023: Die IMDb-Topliste, auf die wir uns häufig beziehen und an der wir uns manchmal auch reiben, wurde im Jahr 1996 eröffnet. Sehr viele Filme,  die Mitte der 1990er entstanden und damals ganz neu waren, fanden Eingang in die Liste, sodass man, wenn man nicht nur die heute noch enthaltenden Filme, sondern alle betrachtet, die jemals Eingang in die Liste gefunden haben, eine deutliche Überproportionalität bei damals ganz neuen Filmen feststellt. Viele dieser Streifen sind heute nicht mehr in der Liste, es hat sich alles gerüttelt, könnte man sagen. Gleichwohl gilt weiterhin, dass Neuerscheinungen in der Liste oft fragwürdig überbewertet.  

Immerhin war der Film zwischenzeitlich in der Liste der Listen vertreten und was wir dabei nebenbei auch bemerkt haben: Dass es im Jahr 1995 auch zu einer Neuverfilmung von „Stolz und Vorurteil“ kam. Es lag irgendwie in der Zeit. Allerdings schreibt sich auch hier die Geschichte fort, Austens Bücher werden immer wieder und wieder neu fürs Kino oder fürs Fernsehen adaptiert. 

85/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2016)

Regie Ang Lee
Drehbuch Emma Thompson
Jane Austen (Roman)
Produktion Lindsay Doran
für Columbia Pictures
Musik Patrick Doyle
Kamera Michael Coulter
Schnitt Tim Squyres
Besetzung

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